Zukunftsmusik, oder: Die von morgen

US-Wahlen. Die scharfen Töne auf dem Parteitag der Republikaner zeigen, wie tief die amerikanische Gesellschaft gespalten ist. Zieht sich der Kulturkampf in die nächste Generation fort? Vier Nachwuchshoffnungen im Porträt. (für profil; aus Denver und Minneapolis)

Als Sarah Palin das Rednerpult verließ, ging ihr letzter Satz im frenetischen Jubel einer überkochenden Halle unter. Ihr “God bless America” war nur noch via Großbildleinwand hoch über den Köpfen der Delegierten von ihren Lippen abzulesen. Die scharfen Statements, mit denen die umstrittene Vize-Präsidentschaftskandidatin das Wählerspektrum vom äußerst rechten Rand in Richtung Zentrum aufrollen soll, wurden bejubelt, als gälte es bereits einen neuen republikanischen US-Präsidenten anzugeloben.

Es waren dieselben Delegierten, die zuvor im Convention-Center der Zwillingsstädte St. Paul und Minneapolis dem zu John McCain übergelaufenen Demokraten Joe Lieberman applaudiert hatten, als er sagte, die Parteigrenzen müssten im Interesse des Landes überwunden werden. Wahr ist hingegen, dass sich die beiden großen Gesellschaftsströmungen der USA unter der Präsidentschaft George W. Bushs ideologisch weiter voneinander entfernt haben als je zuvor.

“Culture War” (Kulturkampf) nennt man dieses Phänomen des gespaltenen Amerika. Die Anhänger traditioneller, konservativer Werte stehen dabei den Vertretern liberaler (in Europa würde man sagen: linker) Anschauungen unversöhnlich gegenüber. Die Kluft entstand in den sechziger Jahren. Wird sie sich durch den aktuellen Wahlkampf in der nächsten Generation amerikanischer Politiker weiter vertiefen? Oder kann sie überwunden werden? profil traf vier Jungdelegierte auf den republikanischen und demokratischen Parteitagen in Minneapolis und Denver.

Republikaner

Stephen Hardy, 20, Washington

“Senator John McCain stimmte für eine teilweise Aufenthaltsamnestie für 18 bis 20 Millionen illegaler Einwanderer, er hat Richter unterstützt, die Abtreibung tolerieren, und er wurde von der Handfeuerwaffen-Lobby zuletzt mit der Note, Fünf minus’ bedacht. Dieser Mann repräsentiert nicht die wahren Werte von uns Republikanern.” Stephen Hardy trägt einen alten Wahlkampf-Button von Barry Goldwater, dem rechten Aushängeschild der Republikaner Mitte der sechziger Jahre. Der Langzeitsenator aus Arizona, der einst gegen Kennedy-Nachfolger Lyndon B. Johnson verlor, verkörpert für ihn den Inbegriff des Konservativismus. “Manchmal braucht es Helden aus der Vergangenheit als Ikonen für die Zukunft”, sagt Stephen.

Stephen

Seit sechs Jahren betreibt der 20-Jährige aus dem Westküsten-Bundesstaat Washington sein eigenes kleines Computerbusiness, das seit seinem Studienbeginn im vergangenen Jahr von drei Angestellten weitergeführt wird. Die schlechte Wirtschaftslage brachte ihn auch dazu, sich politisch zu engagieren. Seit seine Eltern ihre kleine Farm verkauften, weil sie sich angesichts der schlechten Wirtschaftslage nicht mehr rentierte, suchte er nach alternativen politischen Konzepten. John McCain unterstützt er bestenfalls als letzte Chance an der Wahlurne, um Obama zu verhindern.

Sein neuer Barry Goldwater heißt Ron Paul.

Der in den Vorwahlen chancenlose republikanische Kongressabgeordnete will nun als unabhängiger Kandidat den Staat und seine Befugnisse zurückdrängen und die verfassungsmäßig garantierten Freiheitsrechte exzessiv interpretiert wissen. Darunter: Recht auf freien Waffenbesitz, die Freigabe von Marihuana, die Auflösung der alles kontrollierenden Homeland-Security- und Steuer-Behörden, bei gleichzeitigem Schutz der Grenzen vor weiterer Einwanderung.

Die Rückbesinnung auf die eigenen Wurzeln beinhaltet freilich auch den Rückzug aus dem “Kolonialismus-Kurs” der USA. “Wir haben 700 Stützpunkte in 124 Ländern der Erde. Wozu? Wir haben weder das Recht, in anderen Ländern Polizei zu spielen, noch können wir es uns leisten.”

Wenn es um die Energiekosten geht, verbündet sich sein freigeistiges Unternehmertum plötzlich mit grünen Zukunftsvisionen der Demokraten. “Ob wir versuchen, uns das Öl aus dem Irak zu holen oder vor der eigenen Küste zu bohren, die Zukunft liegt in alternativer Energie, da hat Obama schon Recht. John McCain und die meisten Delegierten hier am Parteitag sind aber leider zu alt und zu festgefahren, um das zu erkennen.”

Demokratin

Stephanie Cosgrove, 19, Iowa

Ihre Mutter sagt, sie hätte schon immer politischer getickt als die anderen Kinder. Nach den Anschlägen des 11. September sei es ihr ein Bedürfnis gewesen, irgendetwas für ihr Land zu tun. Den Betroffenen zu helfen, Aktionen gegen den sinnlosen Irak-Krieg zu unterstützen. Also ersann die damals zwölfjährige Stephanie einen Spruch, druckte ihn auf T-Shirts und verkaufte tausende Stück davon mit einem Reingewinn von 15.000 Dollar: “Keep the faith. The world is a wonderful place.” Das Geld spendete sie dem Roten Kreuz. Zwei Jahre später stapfte Stephanie Cosgrove ins örtliche Wahlkampfbüro des damaligen Vorwahl-Präsidentschaftskandidaten John Edwards und heuerte als Wahlkampfhelferin an.

Stephanie

“So starten doch große Politikerkarrieren, oder?” Die mittlerweile 19 Jahre alte Tochter eines Gewerkschaftsführers (hier mit Kollegen Michael aus Michigan) hat zweifellos Courage und Gestaltungswillen. Sie bewarb sich um eine Delegiertenstimme, sprach vor hunderten anderen über die Probleme auf dem Gesundheitssektor und engagiert sich – auch weil Hillary Clinton zeigte, was möglich ist – massiv in der Frauenbewegung. “Wenn man im Alter von 35 Jahren Senatorin sein will, sollte man früh beginnen. Es gibt viel zu tun in diesem Land.”

Seit einer Europareise vergangenes Jahr ist ihr klar, was für junge Menschen in diesem Land verbessert werden muss: Bildung. “Ich kam mir manchmal wirklich ziemlich unterbelichtet vor. Das sind wirkliche Herausforderungen an die Zukunft, denen ein 72-jähriger John McCain wohl nicht gerecht werden kann.”

Für sie, die gerade erst die High School abgeschlossen hat, ist Bill Clinton eher der Ehemann von Hillary denn ein ehemaliger Präsident der Vereinigten Staaten. Als er abtrat, war sie elf Jahre alt. Doch als Redner hat Bill Clinton sie tief beeindruckt, als er davon sprach, dass Amerika die Welt immer schon durch seine Vorbildwirkung prägte – und weniger durch Ausübung seiner Macht. Seit ihrer Europareise versteht Stephanie auch, was er mit diesem Satz seiner Convention-Rede meinte: “Da hab ich erst begriffen, warum uns die Welt mit völlig anderen Augen sieht als wir uns selbst.”

Demokrat

Jared Hagemann, 18, North Carolina

Mit seinem Vater ließ er keine Debatte aus. Sein alter Herr, ein Navy-Offizier, war zwar nie ein glühender Kriegsbefürworter, aber ein strammer Republikaner und daher immer auf der Seite von George W. Bush. “Dennoch respektierte er meine Meinung schon als Kind und nahm sich die Zeit, mit mir stundenlang am Küchentisch zu streiten”, sagt Jared. “Dass der Krieg im Irak falsch war, wusste ich schon mit 13.” Heute ist Jared 18 und sieht die Dinge differenzierter.

Jared

Jared ist der jüngste Delegierte North Carolinas und mächtig stolz darauf, bei der Rede Barack Obamas im Invesco-Field-Stadion ganz vorne geklatscht zu haben. Die Intelligenz und das frühe soziale Engagement des Kandidaten faszinierten Jared schon zu Beginn der Kampagne. Und irgendwann hatte er im Internet so lang über Obama gelesen und recherchiert, bis er auf ein Formular für die Bewerbung als Delegierter stieß.

Dabei hatte er, wie seine Freunde, früher durchaus Sympathien für John McCain. “Vor vier Jahren war er noch ein anderer, ein Republikaner mit moderateren Ansichten.” Nicht umsonst hätte ihn der demokratische Präsidentschaftskandidat John Kerry 2004 gern zu seinem Vize-Präsidentschaftskandidaten gemacht, sagt Jared. “Aber seit den Präsidentschaftsvorwahlen ist er ein anderer, seit sie ihn immer und immer wieder als Kriegshelden feiern.” Seit damals hat Jared auch weniger Kontakt zu seinen Freunden.

“Patriotismus kann ein Land nicht nur einen, sondern auch teilen”, hat der 18-Jährige gelernt. Wer einen Truppenabzug vor dem glorreichen Sieg fordert, gerät schnell in Verdacht, auch die Fahne, die Hymne, den Unabhängigkeitstag und das dazugehörige Barbecue am 4. Juli infrage zu stellen. “Dabei gibt es doch in einem Land, das die Redefreiheit in die Verfassung schreibt, keinen patriotischeren Akt, als die eigene Regierung zu kritisieren.” Heldentum bedeutet für ihn mehr als nur das Sterben im Krieg fürs eigene Land, wie es die Republikaner gerade in dutzenden Videos auf ihrem Parteitag feierten. “Der Krieg zwingt einen zum Heldentum. Im Alltag ist es viel leichter, sich zu drücken. Wer da für andere, Schwächere, Partei ergreift, dem gebührt der Titel allemal.”

In North Carolina, wo sich selbst der junge Jared noch an Zeiten erinnern kann, in denen man Schwarze gern zum Sündenbock in unsicheren Zeiten machte, sei solches Heldentum weit schwieriger zu leben. “Vielleicht ist es – wie McCain selbst sagt – aber auch eine Generationenfrage. Ob mit Obama ein Schwarzer oder Weißer auf der Bühne steht, sehe ich gar nicht”, sagt Jared. Doch er befürchtet, Obama könnte seiner Zeit und seinem Umfeld ein wenig voraus sein.

Republikanerin

Amy Rister, 20, Texas

Von den vermeintlich selbst geschriebenen Transparenten hat sie leider keines mehr ergattert. “Hockey Mum” stand in großen Lettern auf den Jubelbehelfen. Die Wahlkampfmitarbeiter verteilten sie während der Rede Sarah Palins an die Delegierten, um dem Fernsehzuseher den Eindruck sehr persönlicher und spontaner Solidaritätskundgebungen für die Vize-Präsidentschaftskandidatin John McCains vorzugaukeln. Selbst gemalt hätte Amy Rister so ein Transparent nie. Das wäre nicht ihr Stil. Man könnte auch sagen: Es geziemt sich nicht.

Amy

Amy ist konservativ und stolz darauf. “John McCain muss Präsident werden, um unserem Land endlich wieder die moralischen Werte zurückzugeben, die es braucht.” Ihre Altersgenossen würden sich einfach nur von den glänzenden Reden Obamas blenden lassen und zu wenig wissen, um zu sehen, wie falsch der Mann liegt.

Amy ist 20, auch wenn sie nicht so klingt. Homosexuellenpaare sollten nicht allzu viel Platz in der Gesellschaft haben, findet sie, und Abtreibungen schlicht verboten werden. Der Fall von Palins Tochter wirft für sie keine Fragen auf: “Wenn das Mädchen schon den folgenschweren Fehler begangen hat, vor der Ehe Sex zu haben, dann wird sie den Typen eben auch heiraten. Abtreibung kommt nicht infrage!” So einfach ist das. Ob der Hockeyspieler, der laut seiner Website eigentlich keine Kinder mag, auch wirklich der Richtige für die Tochter der Gouverneurin von Alaska ist, spielt nur eine untergeordnete Rolle. “Wenn man einen Fehler gemacht hat, dann muss man dazu stehen”, sagt sie und wirkt dabei weniger wie eine Studentin der Politikwissenschaft als vielmehr wie ein junges Mädchen mit der Sonntagsschleife im Haar, das rezitiert, was ihr am feiertäglichen Mittagstisch in Texas vorgebetet wurde. Und der Eindruck täuscht gar nicht so sehr. Dreimal im Monat fährt die Familie geschlossen im SUV vor der Kirche vor: die Eltern, beide so etwas Ähnliches wie Standesbeamte im Dienst des Staates Texas, mitsamt den beiden adretten Töchtern. Dann wird gebetet, gesungen und nach der Messe mit einigen anderen Familien zu Mittag gegessen. Allesamt Leute, die genau so ticken wie Amys Eltern. “Kirche ist mehr als nur ein Ort des Betens: Wir geben den Hungrigen zu essen. Und erzählen denen von Jesus, die noch nicht zu ihm gefunden haben.” So wie Cindy McCain das mit ihren Charity-Projekten auch tut.

Der kreuzbrave Glaube an Gott ist auch das Einzige, was sie mit immer mehr neuen Nachbarn um sie herum verbindet. “Ich würde ja gern in Texas bleiben, weil der Staat dem liberalen Trend widersteht. Doch leider wird Texas durch die mexikanischen Einwanderer immer mehr zum Latino-Staat.” Nur unter einem Präsidenten John McCain wären die Grenzen entsprechend sicher. Wenn Barack Obama Präsident wird, glaubt sie, wären die Aussichten eher düster: “Dann muss ich wohl langsam nach Norden ziehen.”

Posted: September 8th, 2008
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Comment from lkotptrkv - 2010/05/01 at 10:13

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