Zu ebener Erde und erster Stock

Vierfachmord. Die Tragödie von Mauerbach hat eine Vorgeschichte: das Porträt einer Familie, die in der Hoffnung auf später jahrelang auf den Abgrund zusteuerte. (für profil)

An jenem Morgen liegen keine Zeitungen vor den Haustüren. Keine “Kronen Zeitung”, kein “Kurier” wird den Abonnenten in Mauerbach am vergangenen Dienstag geliefert. Der Zusteller, der sich noch in den vergangenen Wochen Nacht für Nacht in der kleinen Gemeinde im westlichen Wienerwald durch den Schnee von Tür zu Tür gekämpft hatte, kommt diesmal nicht.

Stattdessen kommen die Zeitungsmacher selbst – und deren Kollegen von den elektronischen Medien – mit Kameras, Blitzlicht und Mikrofonen. Dutzende Reporter finden sich Dienstagmorgen vergangener Woche vor dem Haus Berggasse 46 im verschlafenen Wiener Vorort Mauerbach ein. Am Tag danach ist der Zeitungszusteller selbst auf den Titelblättern. Und die Öffentlichkeit auf der Suche nach Erklärungen für ein Verbrechen, dessen Deutung wegen seiner Dimensionen und Grausamkeit kaum möglich ist.

Montag vergangener Woche tötet Hubert R. seine drei Töchter Michaela, Desiree und Mariella sowie sein Pflegekind Melanie. Keines der Kinder wehrte sich. Die Kriminalisten fanden weder Schlaf- oder Betäubungsmittel in ihrem Blut noch Kratzspuren oder Hautabschürfungen. Was immer der 50-Jährige ihnen erzählt haben muss, sie fügten sich widerstandslos in ihr Schicksal. Seine Frau versucht er erst mit einer Holzlatte, dann mit einer Madonnenstatue zu erschlagen, bevor er davonrast und sich an einer Straßensperre der Polizei mit einem Herzstich das Leben nimmt (siehe Kasten Chronologie). Sylvia R. liegt seither verletzt im Krankenhaus und wird wie ihre Tochter psychologisch betreut. Um die Großmutter, die von der Tat nichts mitbekam, kümmert sich ihr Großneffe.

Streit und Entfremdung. Vor dem Haus in der Berggasse 46 liegen nun Blumen. Auf die daneben flackernden Kerzen haben Mitschüler den letzten Gruß an eine Klassenkameradin geschrieben: “Melanie, wir vermissen dich.” Vor dem Haus liegt Gerümpel, ausrangierte Kühlschränke stehen herum, ein Autowrack ragt aus dem Schnee. Das Häuschen wirkt schmuddelig und recht heruntergekommen, aber keineswegs auffällig.

Und doch ist dieses Haus der Dreh- und Angelpunkt einer tragischen Familiengeschichte, die durch Unglück und Streit, Entfremdung und Hass direkt in die Verzweiflung führte. Je weiter man sich vom Haus entfernt, desto mehr hört man unten im Ort Geschichten über eine kauzige Alte, die ihre Kinder und Enkelkinder unter allen Umständen loswerden wollte. Je näher man dem Haus kommt, desto eher erzählen einem Nachbarn und Bekannte von einer hilflosen Großmutter im Erdgeschoß, die unter der Ignoranz und Nachlässigkeit einer nicht besonders feinen Verwandtschaft litt.

Ende der achtziger Jahre war die Großfamilie nach Mauerbach gezogen. An der Adresse Berggasse 46 hatte sich bis dahin lediglich ein großer Schrebergarten befunden, ein Plätzchen zum Durchatmen im Grünen am Rande der Großstadt. Das kleine Holzhäuschen diente bloß als kurzfristiger Zufluchtsort bei schlechtem Wetter.

Doch aus dem Schrebergarten sollte mehr werden. Ein Plan wird gezeichnet, die Holzhütte abgerissen, ein neues Haus gebaut: Das Erdgeschoß soll der Alterssitz für Großmutter Hilde V. werden, wo sie sich auch um ihren querschnittgelähmten Sohn Karl kümmern kann. Der erste Stock wird zur Wohnung für ihre Tochter Sylvia samt Mann Hubert und Enkelkind Petra. Die Großmutter, eine pensionierte Krankenschwester, verkauft eigens ihre Eigentumswohnung in Wien, um den Hausbau mitzufinanzieren. Der Rest des Geldes wird über Kredite aufgebracht.

Sensibles Pflegekind. Das Verhältnis von Sylvia R. zu ihrer Mutter scheint zu diesem Zeitpunkt noch intakt, mit ihrem Schwiegersohn verstand sich die alte Dame schon zu dieser Zeit nicht besonders gut.

Doch Hubert R. ist damals ohnehin nicht so oft zu Hause. Mehr als 20 Jahre stand er in den Diensten der Wiener Verkehrsbetriebe beziehungsweise der Wiener Linien. Zuletzt steuerte er Züge der U-Bahn-Linie U6. Seine Frau Sylvia ist als Kanzleikraft des Bundesheeres karenziert und betreut die Kinder.

Als Michaela, die zweite Tochter des Paares, rund vier Jahre alt ist, entschließt sich die Familie zusätzlich ein etwa gleich altes Kind in Pflege zu nehmen. Die kleine Melanie wurde ihren leiblichen Eltern vom Jugendamt entzogen. Alkoholprobleme sollen dabei eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben. In Mauerbach findet sie, in damals durchaus geordneten Verhältnissen, ein neues Zuhause.

“Melanie war fast eine tänzelnde kleine Ballerina”, sagt ein Nachbar. “Ein sehr sensibles, filigranes Wesen.” Durch ihre empathische Art war sie diejenige in der Familie, die sich bis zuletzt am besten mit der Großmutter verstand.

Mit der Geburt der Nachzüglerzwillinge Mariella und Desiree wird das Dachgeschoß langsam zu klein für die Familie. Noch dazu bekommen auch die beiden schwarzen Schäferhunde, die in Garten und Haus herumtollen, Nachwuchs. Auch die Räumlichkeiten im Erdgeschoß als eigenen Wohnraum nutzen zu können wäre für die Familie ideal. Doch die rüstige Großmutter macht keine Anstalten, ihr Refugium zu räumen. Schließlich ist es ja ihr Haus. Dass die Hoffnung, das Haus irgendwann zu erben, der Grund war, dass die Familie jahrelang in der beengten und völlig ungeeigneten Wohnsituation verblieb, anstatt sich eine andere Unterkunft zu suchen, ist nicht völlig auszuschließen.

Die Atmosphäre unter dem gemeinsamen Dach lädt sich langsam auf. Hubert R. klagt immer öfter über Schmerzen in der Brust. Der Arzt diagnostiziert eine Fibrose, ein chronisches Lungenleiden. Nach längerem Krankenstand wird der U-Bahn-Fahrer vor etwa zwei Jahren in Invaliditätspension geschickt und kümmert sich von da an hauptsächlich um die Kinder. Mehrmals pro Monat fährt er mit Melanie nach Tulln zur Beratungsstelle für Pflegeeltern und nach Wien, wo die Kleine ab und zu ihre leiblichen Eltern trifft.

Mit der Jugendwohlfahrt ist die Familie in ständigem Kontakt. “Wir wussten um die schwierige Situation Bescheid”, sagen die involvierten Behörden nun unisono. “Doch die prekären Wohnverhältnisse sollten ja bald gelöst werden. Und Melanie hat sich aufgehoben gefühlt.” Trotz Kassandrarufen von Nachbarn sah man keinen Grund, der Familie das Mädchen nach sieben Jahren wegzunehmen.

Vor allem hätte die Behörde zudem argumentieren müssen, warum die Verhältnisse miserabel genug für einen Entzug des Pflegekindes seien, aber gut genug für die leiblichen Kinder des Paares.

Hubert R. zieht sich immer mehr zurück. In der Nacht stellt er Zeitungen zu, nachmittags beaufsichtigt er die Kinder. Seine Hobbys: sein Computer, der Fernseher, das Rauchen. Das Haus verwahrlost zunehmend. Wo die Kinder Spielsachen oder Kleidung fallen lassen, bleiben diese liegen – darum kümmert sich der Vater kaum mehr. Während die alte Dame im Erdgeschoß Wert auf eine gepflegte Wohnung legt, verkommt der Rest des Grundstücks zusehends.

Auch im Ort sieht man Hubert R. selten. “Er war nie einer, der große Reden geschwungen hat”, sagt der Tierarzt der Gemeinde, den R. ab und zu aufsuchte, wenn die Hunde sich verletzten. “Wenn seine Frau gelegentlich dabei war und länger plauderte, war es ihm schon zu viel, und er sagte: Komm, geh’n wir.’”

Verschiedene Welten. Im Gegensatz zu ihrem Mann findet Sylvia R. sozialen Anschluss im Ort. Seit zwei Jahren arbeitet sie 16 Stunden pro Woche als Nachmittagsbetreuerin im örtlichen Volksschülerhort. In der Pfarre kümmert sie sich um die Jungschar und bereitet Kinder als Tischmutter auf die Erstkommunion vor. Auch bei Schulausflügen ihrer Kinder ist sie oft als Begleitperson dabei. Sie und ihr Mann scheinen immer mehr in verschiedenen Welten zu leben.

Finanziell stand es schon länger nicht zum Besten. In Mauerbach weiß man über die prekäre Lage der kinderreichen Familie Bescheid. Die Gemeinde lässt ihnen zu Weihnachten ab und an Kleidungsgutscheine für die Kinder zukommen, eine Dame im Ort, deren Sohn in den USA gut verdient und sich sozial engagieren will, stiftet zu den Feiertagen einen Umschlag mit einem kleinen Geldbetrag.

Zumindest für das Nötigste scheint gesorgt. Auch der querschnittgelähmte Bruder von Sylvia R. verschafft sich ein kleines Zusatzeinkommen. “Der Karli ist mit seinem elektrischen Rollstuhl immer durch den Ort getingelt und hat Honig verkauft”, sagt Bürgermeister Gottfried Jelinek. Ein Nachbar kooperiert mit einigen Imkern in der Steiermark und verschafft dem behinderten Sohn der alten Dame damit eine Aufgabe und ein Taschengeld.

Lage eskaliert. Als Karl vor einigen Jahren stirbt, fällt seine Mutter in ein tiefes emotionales Loch. Das Verhältnis zu ihrer Tochter Sylvia ist mehr als angespannt. Erdgeschoß und erster Stock kommunizieren kaum mehr miteinander. Nachbarn gehen mit der mittlerweile zusehends gebrechlich gewordenen Dame einkaufen, besorgen ihr einen neuen Kühlschrank, als ihrer den Geist aufgibt.

Die Lage eskaliert. Die Kredite, die Sylvia und Hubert für den Hausbau und Instandhaltung aufgenommen haben, sind bei der Sparkasse mit Haus und Grundstück besichert. Doch als Eigentümerin firmiert die Großmutter im Grundbuch. Irgendwann, als noch knapp 20.000 Euro abzubezahlen sind, soll das Paar die Rückzahlungen eingestellt haben. Energie und Gas wurden seit Längerem – wenn überhaupt – nur sporadisch beglichen. Mehrere tausend Euro Rückstand soll das Stromkonto aufweisen. Die Banken stellen die Kredite fällig, die Großmutter wird besachwaltert, das Haus zur Zwangsversteigerung ausgeschrieben.

Die Pfarre organisiert der Familie noch schnell eine Ersatzwohnung. Doch Chancen, das Haus und Grundstück nach einem Ableben der Großmutter zu erben, hat die Familie nun kaum mehr. Der Großneffe von Hilde V., bei dem sie nach der Bluttat nun auch Zuflucht fand, hatte vor wenigen Wochen alle Schulden beglichen – unter der Voraussetzung, dass Hubert und Sylvia R. ihrer Delogierung zustimmen. Was sie vor wenigen Wochen auch taten …

“Die Sylvia kommt mit jeder Lage zurecht”, sagt ihre Chefin Trude Pawluk heute. Sie hätte sich auch durch die neue Situation gekämpft. Ihr Mann hingegen dürfte aufgegeben haben.

Chronologie: Stunden des Schreckens

Gegen elf Uhr Vormittag tritt Sylvia R. Montag vergangener Woche ihren Dienst im örtlichen Kinderhort an, um 12.30 Uhr verlässt ihre älteste Tochter, Petra (21), das Haus. In den folgenden vier Stunden schneidet Hubert R. den siebenjährigen Zwillingen Desiree und Mariella die Kehlen durch, erdrosselt deren Schwester Michaela (10) und das Pflegekind Melanie (9). Als seine Frau gegen 16.30 Uhr heimkommt, schlägt er ihr eine Holzlatte über den Kopf. Sie überlebt. Daraufhin dürfte R. seiner Frau vorgegaukelt haben, die Fürsorge hätte die Kinder geholt, und macht ihr Vorwürfe. Das Paar streitet fünf Stunden lang. Gegen 21.30 Uhr versucht Hubert R. seine Frau mit einer eisernen Madonnenstatue zu erschlagen, sie flüchtet schwer verletzt. Hubert R. fährt mit dem Auto davon. Gegen 22 Uhr sperrt Petra R. den Beamten die Tür zum Haus auf und findet die Leichen ihrer Geschwister. Drei Stunden später will die Polizei den Wagen von Hubert R. nahe Mauerbach stoppen. Er durchbricht die erste Sperre, Schüsse der Beamten treffen ihn am Oberarm. R. rast in einen Polizeiwagen und stößt sich ein Messer ins Herz.

Posted: Januar 16th, 2006
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Comment from onljwiotquv - 1. Mai 2010 at 18:13

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