Wild wegen Kurdistan
Türkei/EU. Ein Linzer Lehrer der österreichischen Schule in Istanbul verliert seinen Job, weil er den Begriff Kurdistan verwendete. Er soll damit die nationale Sicherheit, Recht und Ordnung gefährdet haben. (für profil)
Eigentlich sollte es ein Ort der Begegnung sein. “Um einen Beitrag zu leisten, dass Menschen zweier Völker einander näher kommen”, wie es im Selbstporträt der Schule heißt. Zu 99 Prozent wird das von einem katholischen Orden betriebene St.-Georgs-Kolleg von Türken besucht, ein Prozent der 730 Schüler sind Österreicher. “Wir wollen eigentlich verbindend wirken und nicht polarisierend”, wie es Direktor Franz Kangler ausdrückt.
Doch zuletzt wurde die österreichische Schule in Istanbul zum Ort der Auseinandersetzung. Erst zwischen 16-jährigen Schülern und einem Lehrer, nun zwischen dem Lehrer und den Behörden.
Fünf Jahre lang unterrichtete der Biologe Gerhard Pils, nebenbei Universitätsdozent mit Faible für die türkische Flora, am St.-Georgs-Kolleg. Als Fachkraft war er anerkannt. Dennoch reichte ein Wort, um den Job zu verlieren: Kurdistan.
Pils erklärte in der 2E-Klasse die menschlichen Abwehrkräfte, als ihm ein verhängnisvoller Satz über die Lippen kam: “Das Immunsystem meines kleinen Sohnes sollte jedenfalls gegen Allergien wenig anfällig sein, weil er sogar schon bis Kurdistan gekommen ist und dort alle Sachen ganz normal gegessen hat.” Die Reaktion der Schüler war heftig. “Zwei Schüler sprangen auf und schrien: Wir werden alle töten, die ein Kurdistan wollen”, sagt Pils. Auch andere Schüler waren entsetzt über die Wortwahl des Lehrers. Pils entschuldigte sich und versicherte, mit dem Begriff Kurdistan nichts Politisches implizieren zu wollen. “Ich hatte die Osttürkei gemeint und versprochen den Begriff nicht mehr zu verwenden”, so Pils.
Minderheitenproblem. Zu spät. Der 50-Jährige wurde von der Schulleitung kurzfristig suspendiert, ein Vater eines aufgebrachten Schülers verständigte die türkischen Behörden. Monate später flatterte Pils Post ins Haus: Seine Arbeitsgenehmigung in der Türkei sei aufgehoben. Nach Artikel 14 der türkischen Arbeitsbestimmungen könne man einem Ausländer die Arbeitserlaubnis entziehen, wenn “die Tätigkeit des Ausländers angesichts nationaler Sicherheit, öffentlichem Recht und Ordnung, öffentlichem Wohl, allgemeiner Sitte und Gesundheit eine Bedrohung darstellt.” Genauer ausgeführt wurde das nicht.
“Natürlich weiß ich, dass man über einen Staat Kurdistan wegen der Minderheitenproblematik in der Türkei nicht diskutieren soll”, rechtfertigt sich der Lehrer. “Ich meinte es als in der Botanik gängige geografische Bezeichnung. Ich hab mit Politik nichts am Hut und mich entschuldigt – auch vor der türkischen Inspektionskommission.” Dennoch, es war zu spät.
Die Schule ließ Pils’ Vertrag auslaufen und verlängerte auch jenen seiner Frau nicht mehr, die am St.-Georgs-Kolleg Deutsch unterrichtet. Der Direktor, Franz Kangler, gibt unumwunden zu: “Ich will aus dem ganzen Fall Pils heraus. Wir wollen verbinden, nicht polarisieren.” Da könne man es nicht brauchen, dass die Schule mit dieser Affäre in Verbindung gebracht werde.
Im Stich gelassen. Ein Bauernopfer aus Staatsräson? Er habe sich wirklich bemüht, versichert Kangler, die Behörden umzustimmen. Es gebe aber dort Strömungen, denen so etwas willkommener Anlass sei, um zu zeigen, dass man Einmischungen von Ausländern in innere Angelegenheiten nicht schätze. Gespräche mit dem türkischen Botschafter in Österreich, Mithat Balkan, seien ergebnislos verlaufen, so der Direktor. Auch gegenüber profil wollte die türkische Botschaft nicht zur Causa Pils Stellung nehmen.
Und der fühlt sich im Stich gelassen. “Ich habe lang stillgehalten und nicht geklagt, um die Schule nicht mit hineinzuziehen und weil mir das Außenministerium versicherte, man löse das auf diplomatischem Wege. Doch passiert ist nichts”, so der Oberösterreicher (siehe Faksimile). Der Grün-Abgeordnete Dieter Brosz, an den sich Pils wandte, sieht das auch so: “Es ist beschämend, dass die österreichischen Ministerien nicht in der Lage sind, die Sache mit einem EU-Beitrittswerber gütlich aus der Welt zu schaffen. Vor allem da Österreich viel Geld in internationale Schulen steckt.”
Für die nun unvermeidliche Rückkehr nach Österreich muss sich die Lehrerfamilie nach einer neuen Bleibe umsehen. Pils hat seine Wohnung noch bis zum Sommer 2007, dem anfangs in Aussicht gestellten Ablauf seines Dienstverhältnisses in Istanbul, vermietet – an eine türkische Familie.
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“Feind der Türkei”
Die Verwendung des Begriffs Kurdistan scheint nicht nur für Lehrer in der Türkei problematisch zu sein: Im Jahrbuch seiner Salzburger Schule berichtete der Lehrer Gustav A. über seine Reiseerlebnisse in der Türkei. Unter ein dazugehöriges Foto, das ihn mit drei Kindern zeigt, schrieb der Salzburger bezugnehmend auf den Roman von Karl May: “Im Wilden Kurdistan’. Kontaktfreundlich, zutraulich, gastfreundlich. So erlebte ich die Kurden.” Seither wird der Lehrer mit E-Mails eines fanatischen Ex-Schülers und dessen “Wachgesellschaft der türkischen Nation” bombardiert. In den Schreiben, die seine Wohnanschrift enthalten und in Kopie an dutzende türkische Organisationen in der Türkei und Österreich ergingen, wurde er als Terrorist und “Feind der Türkei” diffamiert. “Mitten in der Nacht erhielt ich anonyme Anrufe und wurde bedroht”, so A. “Dabei habe ich damit nichts Böses im Sinn gehabt.” Er meldete die Vorfälle der Gendarmerie – diese ermittelt nun.
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Tags: Außenamt, Europa, Recht, Türkei
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