Wie ich fast Arzt wurde

Reportage. Erstmals entscheidet in Österreich ein Test über die Zulassung zum Medizinstudium. 3685 Maturanten wollen unbedingt Arzt werden und ließen sich prüfen. Josef Barth auch. (für profil)

Sie sind alle da. Die gleichen Typen, wie man sie aus den eigenen Uni-Tagen kannte und zu denen man selbst freilich nie gehörte: der Streber mit Bundfaltenhose und Brille, die beide schon uncool waren, als sie sein älterer Bruder in den neunziger Jahren trug; die Eifrige, der man den Wunsch nach dem weißen Kittel von den Augen ablesen könnte, würde ihr Rot-Kreuz-Poloshirt nicht ohnehin auf ihr ehrenamtliches Engagement hinweisen. Deutsche und Österreicher unterscheiden sich da kaum voneinander.

Auch die Pragmatiker sind präsent. Jene, die sich das “alles mal ansehen” und nach einem Scheitern beim Test sagen werden, dass sie “ohnehin nie Medizin studieren” wollten. Ebenso wie die höhere Tochter mit gold-ledernem Louis-Vuitton-Handtäschchen und den dazupassenden Nobelsandaletten, die braun gebrannt erst von der Maturareise retour kam und sich gelangweilt die Sonnenbrille ins Haar steckt.

“Also Psychosen find ich ja supercool”, sagt sie und entpuppt sich als Tochter eines Neurologen-Ehepaars. “Ich find das so spannend, wie jemand die Krise kriegen kann, obwohl das, was er sich vorstellt, gar nicht existiert.” Wenn sie nach diesem Nachmittag zu jenen zwei Dritteln gehört, für die es im Herbst leider doch keinen Studienplatz gibt, wird sie wissen, wie das so ist.

Immerhin, auch sie wartet um 7.30 Uhr vor der Halle A am Wiener Messegelände. Obwohl es nicht die beste Uhrzeit ist, um junge Menschen auf die Jahre als Studenten vorzubereiten, spucken die Sonderzüge der Straßenbahnen immer neue Delinquenten aus. 2261 sind es schließlich, die in Wien, nachdem sie Sicherheitschecks ähnlich jenen auf einem Flughafen passiert haben, in die klimatisierte Halle drängen. Nur die besten 740 werden Medizin studieren dürfen.

Für die meisten geht es um ihre persönliche Zukunft. Um ihre Chance, Arzt werden zu dürfen.

Die Auflagen sind streng. Erlaubt sind nur “weiche Bleistifte, Härte 2 oder HB, optional ein dünner Filzschreiber, Radiergummi, Spitzer”. Elektronische Geräte dürfen nicht einmal in stillgelegter Variante in den Hosentaschen sein. Mehr als 2000 Twens ohne Handy auf einem Fleck: Für wenige Stunden wird die Messehalle zum Unikum in der westlichen Welt.

Alles ist durchdacht und geplant. Schon vor Wochen trudelte die Platzanweisung per E-Mail ein: EMS-Nummer 10607355, Eingang 1, Sektor 1, Gruppe C, Platz 155. Nun wird kontrolliert und registriert, jeglicher Individualismus ausgeschaltet. Gespannte Stille im Saal. Aus dem Funkgerät des Oberaufsehers tönt die Vollzugsmeldung: “Sektor 1 – Zählung abgeschlossen!” Aufmüpfigere Studenten, wie jene der Politikwissenschaft, hätten den Organisatoren vermutlich schon autoritär-faschistoides Handeln unterstellt.

“Für den Test braucht man nicht zu lernen”, sagt Vizerektor Rudolf Mallinger am Eingang. “Wenn man in seiner Mittelschulzeit gut aufgepasst hat, ist das aber nicht negativ.” Zu dumm, dass die schon eine Weile her ist.

Für die naturwissenschaftlichen Schlussrechnungen des Kapitels “Quantitative und formale Probleme” reicht es glücklicherweise noch: Eine Maispflanze bindet durch Fotosynthese 2,5 Prozent der aufgenommenen Energie. Durch die Atmung gehen 40 Prozent davon verloren. Von der verbleibenden Energie entfallen 5 Prozent auf die Körner. Welcher Anteil der aufgenommenen Sonnenenergie steckt also in den Körnern? A: 0,05%, B: 0,075%, C: 0,5%, D: 0,75% oder E: 1,0%?

Die Fragen zum “medizinischen Grundverständnis” gleichen den Aufgaben im Info-Heft, mit dem man seit der Anmeldung zum Test im Frühjahr trainieren konnte: Im Körper ist die Stickstoffbilanz normalerweise ausgeglichen. Der aufgenommene Stickstoff ist in den Eiweißen der Nahrung enthalten. Bei Hunger werden körpereigene Eiweiße abgebaut. Wie sieht die Stickstoffbilanz eines Menschen im Hungerzustand aus? Okay, derlei glaubt man ja noch mit dem von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer gern zitierten Hausverstand lösen zu können.

Die Antwortmöglichkeiten Positiv, Negativ oder Ausgeglichen sind jedoch in fünf Varianten mit unterschiedlichen Begründungen verpackt. Der Stift kreuzt also nur zitternd an. Bei anderen Fragen würde man ohnehin lieber eine zweite Meinung einholen – vorzugsweise jene eines Internisten.

Dagegen fühlt sich der gelernte Student durch das “Planungs-und Organisations”-Kapitel von der Uni-Leitung verhöhnt. Hier werden die Fähigkeiten geprüft, die für eine effiziente Selbstorganisation im Studium wichtig sind. Als könnte man an Wiener Unis ohne solche Skills überhaupt inskribieren.

Die gestellte Aufgabe: Sie haben für die Sommerfete der medizinischen Fakultät drei Getränkestände zu organisieren. Aufbau durch Hilfskräfte und Bestellung bei den Bierlieferanten inklusive. Am effizientesten ist derjenige Ablaufplan, der die kürzestmögliche Zeit in Anspruch nimmt und ohne unnötige Pausen auskommt. Ein Affront! Während es die Medizin-Uni bisher nicht schaffte, ihren Studenten durch bessere Organisation der Übungsplätze Leerlaufzeiten zu ersparen, war noch jedes Studentenfest ein Erfolg.

Der “Schlauchfigurentest” (Beispiel hier) stellt schon andere Hürden auf. 20 dieser obskur verschlungenen Figuren innerhalb von nur zwölf Minuten im Geiste in alle Richtungen rotieren zu lassen grenzt für einen Menschen, der ohne räumliches Vorstellungsvermögen zur Welt kam, an Psychoterror. Dafür drängt sich die Frage nach dem praktischen Nutzen dieser Übung im ärztlichen Tagesgeschäft auf.

Bei aller Kritik an Auswahlverfahren lässt sich zumindest eines sagen. Ohne naturwissenschaftliche Begabung besteht man diesen Test nur durch Zufall. Und für das Medizinstudium ist derartiges Talent vermutlich nicht nachteilig.

Heureka! Soziale Kompetenz wird doch geprüft! Zumindest im Ansatz. “Fakten lernen” heißt die Übung. Im Sinne einer menschlichen Behandlung des Patienten soll die kommende Ärztegeneration ebendiesen nicht mehr nur über seine Krankheit definieren: “Der Kreislaufkollaps” ist auch Lehrling, “der Herzinfarkt” heißt auch Herr Müller, und “die Lungenentzündung” hat drei Kinder. Das darf man sechs Minuten lang strebern, eine Stunde später wird es abgefragt. Ob die heute schon praktizierenden Ärzte diesen Testteil bestehen würden?

Textverständnis” – endlich! Das Kapitel, ein Heimspiel! Eine Aufgabe, bei der man punkten kann. Der einseitige Text enthält keine Zahlen. Blutgerinnung nach Verletzung – gut, da kann jeder mitreden. Auszug gefällig? Die sekundäre Hämostase (Blutstillung) kennt ein endogenes und ein exogenes System. Beim exogenen System werden Substanzen freigesetzt, die den Faktor VII aktivieren. Dieser aktiviert Faktor X, der wiederum die Aktivierung von Faktor II zu Thrombin bewirkt. So weit, so unklar. Beim endogenen System wird erst Faktor XII aktiviert. Dieser aktiviert Faktor XI, dann geht es über Faktor IX und Faktor VIII zu Faktor X, von wo ab die Reaktionsketten der beiden Systeme identisch sind.

Derart gebrieft lässt sich folgende Frage freilich leicht beantworten: Kann durch das Gift einer indischen Vipernart, das Faktor X aktiviert, auch im Blut von Blutern die Fibrinbildung angeregt werden? Oder kann die Thrombinbildung durch besagtes Gift auch in Abwesenheit von Faktor XII angeregt werden? – Ja? Nein? Beides richtig oder alles falsch?

Dass in einem anderen Text (Thema: Atmung) die Worte Inspiration und schweres Koma dicht beieinander stehen, ist an diesem Tag kein Zufall mehr.

Zehn Stunden dauert die Prozedur. Etwa die Hälfte der Zeit wird effektiv gearbeitet. Muster erkennen und wiedererkennen, wissenschaftliche Diagramme und Tabellen interpretieren – es wird gelesen und angekreuzt, gelesen und angekreuzt. Den Gutteil der Fragen beantwortet man schlussendlich nur noch instinktiv und tröstet sich damit, dass der Test laut Hersteller so konzipiert ist, dass im Durchschnitt etwa nur 50 Prozent der Aufgaben richtig beantwortet werden. Es ist praktisch unmöglich, dass Sie alle lösen.

Die Antworten im Schlussteil gibt man gern: Ob man eine eigene Praxis oder lieber in die Forschung will. Wie man sich auf den Test vorbereitete, in welche Schule man ging. Doch bei allem Verständnis, so viele Kriterien wie möglich für die Zulassung zum Studium in Betracht zu ziehen: Meine Schulnoten in Physik, Biologie und Mathematik gehen niemanden etwas an.

Quote, Test & Deutsche

Der Eignungstest für das Medizinstudium (EMS) wurde gemeinsam mit einer Quotenregelung eingeführt. Erarbeitet wird er vom Zentrum für Testentwicklung an der Université Fribourg in der Schweiz. Es gibt kein “Bestanden” oder “Nicht bestanden”. 75 Prozent der Studienplätze sind für Österreicher reserviert, 20 Prozent für EU-Bürger – was aufgrund des Wettbewerbsvorteils der gleichen Sprache großteils Deutsche sind -, und fünf Prozent gehören Drittstaatsangehörigen. Jene mit den besten Testergebnissen innerhalb ihrer Quote bekommen die Studienplätze. Damit bekommen Österreicher sogar noch Plätze, auch wenn viele Deutsche vielleicht besser abschneiden. Durch die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) vergangenen Sommer konnten Maturanten aus EU-Ländern plötzlich den freien Hochschulzugang in Österreich nutzen. Vor allem tausende Deutsche stürmten die Medizin-Unis, da Sprache und Ausbildung gleich sind. Vor dem EuGH-Urteil durfte hier nur studieren, wer ein österreichisches Maturazeugnis oder einen Studienplatz in seinem Heimatland hatte. Durch den in Deutschland herrschenden Numerus clausus reicht dort manchmal selbst ein Notenschnitt von 1,2 nicht aus, um Medizin zu studieren.

Posted: Juli 10th, 2006
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