Wettbewerbshandicap
Geschützte Werkstätten. Kleinkrieg in der Souvenirbranche: Sechs Unternehmer kämpfen gegen einen Behindertenbetrieb – der importiert seine Ware teilweise aus Fernost. (für profil)
Der Kommerzialrat bringt die Sache auf den Punkt. “Wir haben nichts gegen Behinderte”, sagt er, “auch nichts gegen integrative Betriebe.” Nur: “Wir haben etwas dagegen, von ihnen umgebracht zu werden und unseren Untergang mit unseren Steuern auch noch selbst zu finanzieren.” Friedrich Orth kennt die Branche seit Jahrzehnten. Das Hauptgeschäft seines Betriebs in Wien-Mariahilf sind Orden und Abzeichen für die Wiener Hofburg, das Bundeskanzleramt und ausgewählte Ministerien.
Seit die Geschützten Werkstätten Salzburg den Medaillen- und Souvenirmarkt für sich entdeckt haben, herrscht in der Branche schlechte Stimmung. Sechs Unternehmen aus Salzburg, Tirol, Oberösterreich, der Steiermark und Wien, die eigentlich in direkter Konkurrenz zueinander stehen, haben sich nun zusammengetan, um gegen den gemeinsamen ungeliebten Mitbewerber vorzugehen. Ein regelrechter Kleinkrieg hat sich entwickelt.
Die Geschützten Werkstätten, so die Kritik der Unternehmer, hätten mit Dumpingpreisen und aggressivem Außendienst ein Gutteil des Marktes übernommen.
Konkret geht es dabei um das gute Geschäft mit Sportvereinen und Skischulen, die die Anstecker als Erinnerungen an ihre Mitglieder und Schüler vergeben, sowie mit Feuerwehren, Bundesheer oder Polizei, bei denen Abzeichen und Anstecker lange Tradition haben. Die Dimensionen sind beachtlich: “Von 180 Skischulen, die wir einst als Kunden hatten, sind uns nur zwei geblieben”, ärgert sich Christian Waldherr vom Grazer Unternehmen Schwertner. Auch der Tiroler Geschäftsmann Bernward Pichl klagt: “In den letzten sechs bis acht Jahren haben wir neunzig Prozent unserer Skischul-Kunden verloren.”
Die Geschützten Werkstätten, so die Unternehmergruppe, hätten ihnen ihre Kunden mit zwei Hauptargumenten abgeworben: Erstens könnten sich die Abnehmer damit brüsten, ihre Produkte aus der Fertigung eines Behindertenbetriebs zu beziehen, und so gemeinsam mit der Ware ihr soziales Engagement in die Auslage stellen. Zweitens würden die Vertreter der Geschützten Werkstätten die Kunden mit massivem Preisdumping überzeugen. “Die Verkäufer, die selbst nicht behindert sind, treten hier ganz aggressiv auf dem Markt auf”, sagt Guntram Fessler, Geschäftsführer des Wiener Souvenirunternehmens Smile.
Importware. Was die Unternehmer besonders wurmt: Die Ware der Geschützten Werkstätten kommt zum Teil nicht aus der Eigenproduktion behinderter Mitarbeiter, sondern wird in China billig eingekauft. “Das ist eine klare Täuschung des Kunden”, sagt Fessler.
Zwar nehmen die Salzburger Werkstätten für sich in Anspruch, als ganz normale Unternehmer konkurrenzfähig sein zu wollen, gleichzeitig aber werden immer noch Zuschüsse der öffentlichen Hand in Anspruch genommen. Das Betriebsgebäude in Bruck an der Großglocknerstraße (Kostenpunkt: rund drei Millionen Euro) finanzierten Bund und Land, Bilanzverluste gleicht immer noch das Ministerium aus. Denn die Werkstätten, die unter anderem auch im Offsetdruck und der Autogurt-Zulieferindustrie tätig sind, können nur zu rund achtzig Prozent kostendeckend arbeiten.
Heißes Eisen. Entsprechende Interventionen der Unternehmergruppe bei staatlichen Stellen fruchteten bislang nicht. Die Bundeswettbewerbsbehörde erklärte sich für unzuständig, den Politikern ist das Thema zu heiß. Einen Behindertenbetrieb anzugreifen bringt keine Wählerstimmen. In einem Brief äußerte der ÖVP-Abgeordnete und Wirtschaftskammergeneralsekretär Reinhold Mitterlehner zwar Verständnis für die Situation der aufmüpfigen Geschäftsleute: “Zweifelsohne wird es immer wieder vorkommen, dass einzelne – gut geführte – Werkstätten am freien Markt zu einer spürbaren Konkurrenz’ werden können.” An einer “generellen Diskussion über die Notwendigkeit geschützter Werkstätten” wollte aber auch er sich nicht beteiligen. Mitterlehner in seinem Schreiben: “Es ist relativ klar ausrechenbar, dass in einer politisch – und damit auch öffentlich geführten – Diskussion die wesentlichen Sympathien aufseiten der geschützten Werkstätten liegen werden.” Er rät daher dringend davon ab, “das Thema in der Öffentlichkeit zu besetzen”.
Die Geschützten Werkstätten selbst sehen kein Problem in ihrer Unternehmenspolitik. “Wir importieren im Souvenirbereich lediglich 21 Prozent der Waren”, sagt Werkstätten-Geschäftsführer Herbert Silberberger. Den Vorwurf des Preisdumpings weist er von sich. “Wir sind oft teurer als die anderen, wir betreuen unsere Kunden nur besser.” Die Werkstätten hätten einen erstarrten Produzentenmarkt aufgebrochen und in einen flexiblen Kundenmarkt umgekrempelt. Dass man aber “eine gewisse Preispolitik macht, wenn man in einen Markt hineinwill”, bestreitet auch er nicht. Immerhin hätte sein Unternehmen – an dem die Lebenshilfe Salzburg und der Zivilinvalidenverband beteiligt sind – durch entsprechendes Auftreten in den vergangenen Jahren einen Kundenstock von rund 3600 Abnehmern aufgebaut, darunter viele Skischulen. “In der Schweiz haben wir uns zum Platzhirsch gemausert”, sagt der Geschäftsführer. Nun dränge sein Unternehmen auch auf den deutschen Markt. Rund sechs Millionen Euro setzen die Werkstätten dabei jährlich um: 2,6 Millionen durch Siebdrucke, 3,3 Millionen im Souvenirbereich. Silberberger: “Das ist ein gutes Geschäft. Außerdem steht nirgendwo geschrieben, dass die Geschützten Werkstätten nicht auch Handelswaren haben dürfen.”
Behindertenbeschäftigung
Hilfe zur Selbsthilfe
Das System der geschützten Werkstätten ist umstritten. An sich beschäftigen diese integrativen Betriebe Menschen mit Behinderung, um sie auf die privatwirtschaftliche Arbeitswelt vorzubereiten. Dabei sollen diese Unternehmen keinen Gewinn erzielen, sondern bestenfalls ausgeglichen bilanzieren. Die öffentliche Hand schießt einen gewissen Prozentsatz zu den Lohnkosten zu. Mehraufwand, der aufgrund der Behinderung ihrer Mitarbeiter anfällt, wird ebenso abgegolten. Die Quote der Arbeitskräfte, die tatsächlich in die Privatwirtschaft vermittelt werden können, ist jedoch aus zwei Gründen gering: Verliert eine behinderte Kraft ihren Posten auf dem so genannten herkömmlichen Arbeitsmarkt wieder, gibt es kaum mehr ein Zurück ins soziale Beihilfennetz. Und: Verliert ein integrativer Betrieb seine besten Mitarbeiter, können Aufträge, die mehrere andere beschäftigen, oft nicht mehr angenommen werden.
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