“Verständnis fürs Tortenwerfen”
Interview. Österreichs neue ÖH-Vorsitzende Barbara Wittinger über den Trend zu Knock-out-Prüfungen, sexuelle Belästigung am Uni-Klo und ihr Mitleid mit arbeitslosen Lateinern. (für profil)
profil: Viele Politiker haben ihre Karriere als Funktionäre der Österreichischen Hochschülerschaft begonnen. Glauben Sie, dass die ÖH für Sie ein Sprungbrett ist?
Wittinger: Total verneinen kann ich das nicht. Es gibt viele Leute, die diesen Weg gegangen sind. Auch für mich wird es nach meiner ÖH-Tätigkeit noch wichtig sein, mich politisch zu engagieren. Welchen Job ich in einer Partei machen will, weiß ich jetzt noch nicht.
profil: Die ÖH hat die Neustrukturierung der Uni Wien vehement bekämpft. Was ist so schlimm am Organisationsplan?
Wittinger: Was uns am meisten stört, ist, dass die Mitbestimmung der Studierenden gestrichen wurde. Organe, die es früher gab, wurden abgeschafft oder so weit zurückgestutzt, dass sie nichts mehr zu sagen haben. Oder sie sind mit einer absoluten Mehrheit von Professoren besetzt.
profil: Auch an den Entwicklungsplänen der Unis gab es Kritik von der ÖH.
Wittinger: Es wird nur noch drauf geschaut: Was bringt uns was? Wegen des knappen Budgets tendiert man in die Richtung: Was ist wirtschaftlich wichtig? Da sehen wir die Gefahr, dass einzelne Studienrichtungen aussterben.
profil: Aber braucht man Numismatik noch?
Wittinger: Die Frage zielt auf den falschen Punkt ab. Studien müssen nicht wirtschaftlich verwertbar sein. Es geht um Allgemeinbildung und die Weiterentwicklung des Wissens. Und da kann man nicht sagen, dass man eine Studienrichtung nicht mehr braucht.
profil: Haben Sie mit jemandem, der Latein und Byzantinistik studiert hat und jetzt keinen Job findet, Mitleid?
Wittinger: Schwer zu sagen. Ich glaube, dass Studierende vor dem Studium ausreichend informiert sein müssen, welche Chancen, aber auch Risiken ein bestimmtes Studium birgt. Das versuchen wir mit unserer Maturantenberatung. Für eine flächendeckende Beratung fehlen uns aber die Mittel.
profil: Warum geht nur knapp ein Viertel der Studenten zu ÖH-Wahlen?
Wittinger: Zunächst ist zu sagen, dass die Wahlbeteiligung bei Studierendenwahlen bei uns weltweit am höchsten ist. Wir können auch nur Vermutungen darüber anstellen, warum sie prozentuell gesehen trotzdem niedrig ist. Wahrscheinlich, weil sie so häufig stattfinden, alle zwei Jahre. Laut einer Studie, die wir machen ließen, ist das Interesse der Studenten an der ÖH sehr groß. Warum sie dann nicht zur Wahl gehen, kann ich auch nicht sagen.
profil: Vielleicht, weil das System kaum jemand überblickt. Wie viele Funktionäre hat die ÖH?
Wittinger: Die ÖH hat über 2000 Mitarbeiter, beginnend bei den Studienrichtungsvertretern bis zur ÖH-Vorsitzenden, die vor allem unentgeltlich tätig sind. Wie viele Leute genau, kann ich auch nicht sagen.
profil: Durch die ständigen Wechsel im Vorsitz weiß man nie, wer gerade für die ÖH spricht. Damit nimmt sie sich viel von ihrer öffentlichen Schlagkraft.
Wittinger: Es ist wichtiger, die ÖH als Team zu sehen. Den Auftritt nach außen an einer Person festzumachen, halte ich nicht für wichtig. Wichtiger ist, dass die Lösung für uns passt und es uns selbst damit gut geht.
profil: Was, glauben Sie, erwarten sich die Studenten von der ÖH?
Wittinger: Einerseits eine kompetente Interessenvertretung, die Service und Beratung bietet. Zum anderen werden die Erwartungen an das gesellschaftspolitische Engagement höher, vor allem im frauenspezifischen Bereich.
profil: Sind freie Linux-Software und Transgender-Initiativen wirklich das, was Studierende wollen?
Wittinger: Es ist ja nicht so, dass wir den Servicebereich vernachlässigen. Es gibt mehr Infobroschüren, die Homepage wird ständig erweitert. Außerdem wurde erst kürzlich eine Studentin auf dem WC der Uni Wien von einem Mann belästigt. Man kann also nicht behaupten, dass unser frauenspezifischer Bereich nicht notwendig ist.
profil: Ist das nicht eher ein Fall für die Polizei?
Wittinger: Wenn wir den Anspruch erheben, darauf zu achten, dass es den Studierenden an der Uni gut geht, gehört das genauso dazu.
profil: Einerseits haben Sie gesagt, dass der Servicebereich nicht vernachlässigt werde, auf der anderen Seite sagen Sie, dass für eine flächendeckende Maturantenberatung nicht genug Geld da ist. Was stimmt denn jetzt?
Wittinger: Wir haben ein ausgewogenes Budget zwischen Service und Gesellschaftspolitik. Aber das Ministerium stiehlt sich aus der Verantwortung und überlässt uns quasi die Studienberatung allein. Wir erwarten da mehr Unterstützung vom Ministerium.
profil: Unterstützung heißt Geld.
Wittinger: Moment. Wir beraten Schülerinnen und Schüler, die vor der Matura stehen. Aber sie sollten schon im Alter von 14 Jahren besser informiert werden. Da braucht es mehr Beratungslehrer an den Schulen. Weil ja auch schon entscheidend ist, welchen Schulzweig die Schüler wählen.
profil: Also soll ein 14-Jähriger wissen, ob und was er studieren will?
Wittinger: Die Möglichkeiten sollen besser aufgezeigt werden. Bisher weiß ein 14-Jähriger nur, welche Wege es zur Matura gibt. Dann ist Schluss. Er sollte zumindest Einblicke in die Uni erhalten.
profil: Haben Sie mit 14 gewusst, was Sie studieren wollen?
Wittinger: Nein.
profil: Die neuen Multiple-Choice-Tests am Beginn des Medizinstudiums in Wien, die nur zehn bis 20 Prozent der Studenten bestehen, werden von der ÖH als Knockout-Prüfungen verurteilt. Was ist so schlecht daran, die Zahl der Studenten zu begrenzen?
Wittinger: Den Universitäten bleiben wenig Möglichkeiten. Doch so ein System ist unfair und verschleiert das Problem: nämlich dass zu wenig Geld da ist. Die Unis verwalten sich zwar selbst, haben aber zu wenig Budget vom Ministerium.
profil: Bei den Studienrichtungen Jus oder Veterinärmedizin gibt es seit Jahren schwierige Prüfungen als Einstiegshürden.
Wittinger: Aber es wird schlimmer. Der Trend geht zu bewussten Knock-out-Prüfungen. Man kann am Anfang ruhig schwierige Prüfungen machen, aber sich nicht eine Quote festlegen, wie viele man durchfallen lässt. Es sollen faire Prüfungen sein.
profil: An den meisten Unis gibt es zu wenige Lehrveranstaltungen für die Studenten. Was halten Sie von Zugangsbeschränkungen, um das System vor dem Kollaps zu retten?
Wittinger: Davon halte ich gar nichts. Egal, ob in finanzieller Form oder in Form von Knock-out-Prüfungen. Es sollen alle die Chance haben zu studieren.
profil: Was gibt es gegen Privatunis wie die medizinische in Salzburg einzuwenden? Wenn jemand 8000 Euro Studiengebühren pro Jahr zahlen will, warum nicht?
Wittinger: Das ist gefährlich. Durch Privatunis wird eine Elitenbildung gefördert. Es ist sicher eine super Ausbildung, aber unfair, wenn nur ein kleiner Teil die Chance dazu hat.
profil: Aber warum soll man es dem kleineren Teil verwehren, die tolle Ausbildung zu absolvieren?
Wittinger: Gegenfrage, wieso soll dieser kleine Teil immer aus jenen Menschen bestehen, die viel Geld haben? Wieso soll Bildung käuflich sein? Das ist das, was wir ablehnen. Man muss schauen, dass genug Geld da ist, um diese Qualität an öffentlichen Unis anzubieten.
profil: Laut Ministerin Gehrer soll das unter anderem mit den Studiengebühren erreicht werden, gegen welche die ÖH auftritt. Glauben Sie wirklich, dass die wieder abgeschafft werden?
Wittinger: Unter einer schwarz-blauen Regierung auf keinen Fall. Im Gegenteil: Ich befürchte eine Erhöhung der Studiengebühren. Zum Beispiel, dass sie bis zum Bakkalaureat gleich bleiben, aber für Magister- oder Doktortitel dann mehr kassiert wird.
profil: Interessiert die Menschen außerhalb der Uni die Diskussion um die Studiengebühren überhaupt noch?
Wittinger: Nein, das kann kein Mensch mehr hören. Vor allem weil ein einseitiges Bild des Studierenden vermittelt wird, der herumhängt und Geld zugeschoben bekommt. Da verstehe ich die Leute schon. Aber so ist es nicht. Wer die Mindestzahl an Prüfungen nicht macht, muss Familienbeihilfe und Stipendium zurückzahlen. Wenn wir auf der faulen Haut liegen, kriegen wir also kein Geld und kosten auch niemandem was.
profil: Was verdient eine ÖH-Vorsitzende im Monat?
Wittinger: Rund 400 Euro.
profil: Und kann man da nebenbei noch studieren?
Wittinger: Kaum. Das ist ein Full-Time-Job.
profil: Per Internet konnten die Studenten abstimmen, wofür ihr Studienbeitrag verwendet werden soll. Die ÖH hat die Abstimmung boykottiert, nur knapp sechs Prozent der Studenten haben mitgemacht. Ist das sinnvoll?
Wittinger: Wir wollen aufdecken, was die Zweckwidmung bedeutet. Wenn sich die Studierenden beispielsweise mehrheitlich dafür ausgesprochen hätten, dass ihr Geld in den Bereich Infrastruktur gesteckt wird, hätte der Rektor dem Infrastrukturbudget einfach das Mascherl “aus Studiengebühren finanziert” verpasst. Aber mehr Geld wäre trotzdem nicht investiert worden, weil das Gesamtbudget ja gleich bleibt. Und geändert hätte sich wieder nichts.
profil: Aber die ÖH hat eine Chance verpasst, kontruktive Vorschläge für die Mittelverwendung zu machen.
Wittinger: Wir haben den Vorschlag gemacht, das als Lehrmittelbeitrag an die Studierenden rückzuvergüten.
profil: Das heißt aber wieder nur Abschaffung der Studiengebühren.
Wittinger: Ja, genau.
profil: Sie sagen aber selbst, dass an den Studiengebühren ohnehin nicht zu rütteln ist. Konstruktiv ist das dann wieder nicht.
Wittinger: Absolute Professorenmehrheiten sind auch nicht konstruktiv. Hätte man uns einbeziehen wollen, hätte man nicht solche Strukturen geschaffen. Wir akzeptieren die Studiengebühren nach wie vor nicht. Und in dem System mitspielen hieße, sie zu akzeptieren.
profil: Also verbrannte Erde zwischen ÖH und Rektorat?
Wittinger: Das kann man so sagen.
profil: Bei den Protesten gegen die Sparmaßnahmen Mitte der neunziger Jahre marschierten Studenten, Assistenten und Professoren gemeinsam. Was wurde aus der Solidarität?
Wittinger: Ich glaube, es gibt sie noch, sehr vereinzelt. Aber sicher nicht in dieser Gesamtheit. Die Professoren haben keinen Anlass mehr, den anderen zuzuhören. Und der Mittelbau hat seine eigenen Probleme.
profil: Wird es jemals wieder so eine große Protest- und Streikwelle geben wie damals?
Wittinger: Keine Ahnung. Ich war damals noch nicht an der Uni und weiß nicht, wie das entstanden ist. Ich glaube, es müsste ziemlich crashen, damit so was wieder entsteht.
profil: Wenn man den Schilderungen der ÖH glaubt, hat man aber den Eindruck, dass es gerade ziemlich crasht.
Wittinger: Das schon. Aber anscheinend braucht es mehr Gemeinsamkeiten, um wieder gemeinsam vorzugehen. Derzeit kämpft jeder für sich allein.
profil: Als der neue Organisationsplan der Uni in Diskussion stand, hat die ÖH die Studienberatung eingestellt und nur noch über die Tücken der neuen Uni-Struktur informiert. Ist das die richtige Unterstützung für die Studenten?
Wittinger: Das war nur bei einzelnen Studienrichtungsvertretungen so. Wobei alle wichtigen Studieninfos in Form von Broschüren aufgelegt waren.
profil: Ist Tortenwerfen auf Rektoren das adäquate Mittel, um die Neuorganisation der Uni zu kritisieren?
Wittinger: Ich glaube, man sollte Verständnis fürs Tortenwerfen haben und das eigentliche Problem darüber nicht vergessen. Ich würde das Ganze nicht überbewerten. Natürlich liegt es im Auge des Betrachters, ob man das gut findet.
profil: Finden Sie es gut?
Wittinger: Strategisch find ich es nicht unbedingt toll. Insgesamt betrachtet verstehe ich aber Studierende, die zu solchen Mittlen greifen, um Aufmerksamkeit für ihre Probleme zu schaffen.
profil: Und die Besetzung des Rektorats durch Studenten, war das im Nachhinein gesehen richtig?
Wittinger: Ich glaube, es war wichtig, Aufmerksamkeit zu bekommen. Durch böse Briefe bekommt man die nicht mehr. Und wenn Gespräche nicht mehr fruchten, muss man zu anderer Symbolik greifen.
profil: Haben Sie mit Elisabeth Gehrer schon einmal persönlich Kontakt gehabt?
Wittinger: Nein.
profil: Wird es unter der Vorsitzenden Barbara Wittinger im kommenden Jahr noch Streiks oder Protestdemos geben?
Wittinger: Das weiß ich nicht. Bundesweit wird das schwierig. Wenn es so was gibt, dann bei einzelnen Uni-Vertretungen, koordiniert von uns. Ob die unabhängig von uns etwas planen, weiß ich nicht.
Barbara Wittinger 25,
ÖH-Vorsitzende
Mit 1. Juli übernahm die Aktivistin der Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS) für ein Jahr den Vorsitz in der rot-grünen Koalition der ÖH-Bundesvertretung. Die gebürtige Oberösterreicherin folgt damit als oberste Studentenvertreterin Patrice Fuchs vom Verband Sozialistischer StudentInnen (VSStÖ) nach. Nach der Matura an einem katholischen Privatgymnasium 1998 inskribierte Wittinger Biologie und engagierte sich in der Studienrichtungsvertretung. 2001 wurde sie Frauenreferentin der ÖH an der Uni Wien, 2002 wechselte sie das Studium (seither Pädagogik) und ins bildungspolitische Referat der ÖH-Bundesvertretung. Im vergangenen Jahr fungierte die 25-Jährige als zweite Vorsitzenden-Stell-vertreterin hinter Ralph Schallmeiner (ebenfalls GRAS).