Universitärer Klassenkampf

Hochschulpolitik. Die staatlichen Universitäten kämpfen mit Platz- und Geldproblemen. Gleichzeitig werden private Elite-Unis genehmigt. Ein Schritt zur amerikanischen 2-Klassen-Ausbildung. (für profil)

Da muss selbst Karl Sandner laut lachen. In der sonst so ruhigen und gefassten Stimme des Studiendekans der Wiener Wirtschaftsuniversität paaren sich Ironie und Entsetzen, wenn er über den Hochschulbetrieb der nächsten Jahre spricht.

Die Probleme an den heimischen Unis sind ebenso bekannt wie gravierend. Wirtschaftsstudenten müssen aus Platzmangel in Kinosälen unterrichtet und in der Stadthalle geprüft werden, angehende Wiener Germanisten können Pflichtveranstaltungen nicht absolvieren, weil zu wenige davon angeboten werden, und im wesentlich kleineren Graz war man drauf und dran, für das laufende Wintersemester Seminarplatz-Tombolas zu veranstalten.

Mit der Einführung der Studienbeiträge, sagte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer einst, würden nur mehr jene studieren, die auch wirklich studieren wollten. Das derzeitige Problem ist aber ein anderes. Viele, die studieren wollen, können nicht. “Wenn du dir einen Fahrschein kaufst, und dann kannst du in die Bim nicht einsteigen, weil sie jedes Mal hoffnungslos überfüllt ist, da denkst du dir eben irgendwann: scheiß Verkehrsbetriebe”, meint ein Studentenvertreter.

Wer mit diesem Gleichnis gemeint ist – Ministerium oder Universitätsverwaltungen -, ist nicht ganz klar und dem Großteil der Studenten auch herzlich egal. Ministerium und Unis ist jedenfalls eines gemein: Sie schieben dem jeweils anderen die Schuld an der Misere zu.

Der Rektor der Uni Wien, Georg Winckler, kämpft immer wieder mit Finanzierungsfragen, Bildungsministerin Elisabeth Gehrer gibt ihm unter dem Stichwort “umschichten” immer wieder die gleichen guten Tipps.

Private Unis. Doch am Rande des Kampfes der öffentlichen Hochschulen entwickelt sich langsam ein zweites wissenschaftliches Ausbildungsgleis. So segnete der zuständige Akkreditierungsrat erst kürzlich die erste private Medizin-Uni Salzburgs ab. Dort sollen künftig 42 Studenten pro Jahrgang für insgesamt 40.000 Euro an Studiengebühren in fünf Jahren ihren Doktortitel erwerben können. Zwar versichert man seitens des dortigen Trägervereins, dass es auch Vollstipendien für begabte, aber finanziell schlechter gestellte Studenten geben werde. Doch die Richtung der hochschulpolitischen Entwicklung ist damit klar vorgezeichnet: ein 2-Klassen-System nach amerikanischem Vorbild, in dem die Privat-Unis Eliteabsolventen mit Jobgarantie hervorbringen und die staatlichen Hochschulen alle anderen Studenten zu administrieren haben werden. Die Frage “Wo haben Sie denn studiert?” werden die schubladisierten Jungakademiker von potenziellen Arbeitgebern in Zukunft daher wahrscheinlich häufiger hören.

Finanzierung. Dem Bund ist es gesetzlich untersagt, Geld für diverse Privat-Unis lockerzumachen, die Länder und Gemeinden dürfen das sehr wohl. So wird die private Medizin-Uni mit mehreren Millionen Euro zu einem Drittel aus den Salzburger Landes- und Gemeindetöpfen finanziert werden.

Obwohl die gesetzlichen Spielregeln für die Errichtung privater Universitäten noch aus der Zeit sozialdemokratischer Regierungsbeteiligung stammen, wollen sich die Roten mit einem 2-Klassen-System nicht abfinden. SP-Kandidat Josef Broukal steht “der Errichtung von Privat-Unis nicht entgegen”, will aber “dafür kämpfen, dass man auf einer staatlichen Universität nicht schlechter ausgebildet wird”. Die österreichischen Unis hätten derzeit ein sehr hohes Niveau, das müsse auch gehalten werden.

Ganz so rosig kann das Kurt Grünewald nicht sehen. Für den grünen Wissenschaftssprecher ist “extreme Vorsicht geboten”. Denn: “Es gibt keine Chancengleichheit zwischen privaten und staatlichen Hochschulen.” Während an privaten Hochschulen mit Sponsorgeldern aus der Wirtschaft in Kleinstgruppen Auftragsforschung betrieben werden kann, müssten sich die staatlichen Unis völlig unterfinanziert mit dem Massenbetrieb herumschlagen. “Die Schuld an der staatlichen Unimisere jetzt auch noch den Rektoren und Dekanen in die Schuhe zu schieben ist impertinent”, so Grünewald in Richtung Gehrer.

Die Bildungsministerin sieht die Privat-Unis weniger dramatisch. Das fördere den Wettbewerb unter den Universitäten. Und die Privaten müssten sich immerhin um ihre Finanzierung selber kümmern, während die staatlichen Universitäten ein Budget vom Wissenschaftsministerium bekämen.

“Die Rektoren müssen eben die Mittel dorthin umschichten, wo sie ihre Schwerpunkte setzen”, so Gehrer. Wenn es wie zum Beispiel auf der Publizistik sehr viele Studenten gäbe, so müsste die Uni Wien eben Gelder dorthin umschichten.

Mehr Geld. Für Grünewald eine Verkennung der Situation an den Unis. Diese seien massiv unterfinanziert. Einzige Lösung der Probleme seien große Investitionen in den Hochschulbetrieb. Die Grünen planen, so sie nach dem 24. November in der Regierung sitzen, das Budget der Unis um 20 Prozent zu erhöhen bei gleichzeitiger Abschaffung der Studiengebühren mit Herbst 2003. In letzterem Punkt pflichten auch die Sozialdemokraten bei; vorstellbar seien Beiträge der Studierenden laut Broukal erst, “wenn der Uni-Betrieb reibungslos laufe” und der einzige Unsicherheitsfaktor im System nicht die Seminarplatzfrage, sondern “die Laune des Studenten ist”.

Bei Bildungsministerin Gehrer stößt das auf Unverständnis und provoziert die Frage nach einer “Gelddruckmaschine von Rot-Grün”. Nach Ansicht der Ministerin sollen die Studienbeiträge aufrecht bleiben und mit Umsetzung der Uni-Reform ab 2004 zur Gänze den Universitäten zugute kommen.

Unterstützt wird sie dabei vom Noch-Koalitionspartner FPÖ. Wissenschaftssprecher Martin Graf will die Unis in weiterer Folge mit einem modifizierten System ködern und ihnen die Festsetzung der Studienbeiträge überlassen. “Die Unis sollen selbst bestimmen können, wie viel sie den Studierenden abverlangen”, so Graf. Bandbreite: 2000 bis 8000 Schilling pro Semester.

Argumente, mit denen die Regierungsparteien schon einige Rektoren im spannungsgeladenen Konflikt um die Vollrechtsfähigkeit der Unis auf ihre Seite gezogen haben. Zum Unmut vieler Professoren und Assistenten im Übrigen.

Selbstausbeutung. In schier endlosen Sitzungen diskutiert das Lehrpersonal immer wieder Varianten, wie mit zu wenig Personal der Uni-Betrieb doch noch einigermaßen zufrieden stellend aufrechterhalten werden kann. Die Ergebnisse sind seit Jahren recht ähnlich: Selbstausbeutung durch die Aufnahme der drei- bis fünffachen Anzahl von Studierenden in die Lehrveranstaltungen und damit die Vernachlässigung der Forschungstätigkeit, was wiederum die Aufstiegschancen beträchtlich einschränkt.

Obwohl Professoren und Assistenten ohnehin permanent mehr Studenten als vorgesehen in ihren Übungen zulassen, müssen sie dennoch Lernwillige abweisen. Für Seminare – wie beispielsweise auf der Publizistik -, die für rund 30 Teilnehmer konzipiert sind, melden sich regelmäßig bis zu 150 Studentinnen und Studenten an. Immerhin noch 140 geben sogar die als Auswahlkriterium gedachte Eingangsarbeit ab – wenn dann 70 als Hörer aufgenommen werden, ist das weit mehr als das vorgesehene Soll.

Seitens der Österreichischen Hochschülerschaft (ÖH) ließ man sich einen neuen Winkelzug einfallen, um die triste Situation zu dokumentieren. Eigens kreierte Ablehnungsbescheide können dem Professor zur Bestätigung der Ablehnung in einer Lehrveranstaltung vorgelegt werden. Die Bescheide sollen einerseits dazu dienen, um dem Ministerium gegenüber zu dokumentieren, wie unerträglich die Lage für die Studierenden ist, und andererseits, um dem Studierenden im folgenden Semester eher einen Seminarplatz zu verschaffen.

Doch der Ruf nach zusätzlichen finanziellen Mitteln dringt nach Ansicht der ÖH und vieler Professoren nicht laut genug aus den eigenen Sitzungssälen. Der Rektor der Wiener Uni, Georg Winckler, wird häufig wegen vermeintlicher Verhandlungsschwäche gegenüber dem Ministerium kritisiert. Die nunmehrige Autonomie der Unis wird von vielen für eine Farce gehalten, da auch die Globalbudgets, die den Unis zur Verfügung stehen, wieder von der Finanzierungswilligkeit des Ministeriums abhängig sind.

Auf dem Feld dieser Unzufriedenheit machen die Parteien für den Wahlkampf derzeit Politik. SPÖ-Wissenschaftssprecher Erwin Niederwieser rief die Universitäten dazu auf, die Implementierung der Uni-Reform auszusetzen, und kündigte für die nächsten Wochen eine Klage beim Verfassungsgerichtshof gegen das umstrittene Gesetz an. Auch die Grünen wollen mit der Uni-Autonomie zwar “nicht zurück zum Start”, den Hochschulen “aber viele leere Kilometer in die falsche Richtung ersparen”.

Einig sind sich die politischen Gegenpole nur auf dem Feld der Fachhochschulen. Durch ihre praxisbezogenere und weniger wissenschaftliche Ausbildung stehen sie nach Ansicht der Politiker nicht – wie die Privat-Unis – in direkter Konkurrenz mit den Universitäten. Bitterer Nachgeschmack für alle bisherigen FH-Absolventen: Sie werden im öffentlichen Dienst nicht als Akademiker eingestuft und verdienen daher ungleich weniger als ihre universitätsgeprüften Kollegen. Dass sich das zumindest in Kärnten ändern soll, hat Landeshauptmann Jörg Haider vorvergangene Woche versprochen. In Wien stimmt kurioserweise ein politischer Gegner mit ihm überein: SPÖ-Kandidat Josef Broukal.

Posted: November 4th, 2002
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