“Typisch Uni”
Uni-Reportage. Nach drei Jahren Studiengebühren herrscht in der Universitäts-Hauptstadt Wien Resignation. Wer hier studiert, lernt mit dem Frust zu leben. Wer hier lehrt, sich auszubeuten. (für profil)
Es kam, wie es kommen musste. Weil es eigentlich immer so kommt. “Error” – viel mehr hatte der Computer Barbara Dolschak nicht zu sagen. Die 26-jährige Volksschullehrerin hatte sich den frühen Vormittag am Montag vergangener Woche freigehalten, um sich für vier Vorlesungen in ihrem nebenberuflichen Spanisch-Studium an der Uni Wien anzumelden. Via Internet, wie zu Semesterbeginn üblich.
Innerhalb von wenigen Minuten, nämlich dann, wenn die Anmeldeseiten freigeschalten werden und sich die Studenten für ihre Lehrveranstaltungen eintragen, entscheidet sich, ob, was und wie viel ein Student im kommenden Semester studieren darf. Wie zu Semesterbeginn dabei aber auch üblich, waren die Datenleitungen zur Uni Wien wieder völlig verstopft. Es folgte, was immer folgt: eine kurze Phase der Panik. Dolschak ging zum Notfallplan über. “Ich hab alle meine Freunde angerufen, dass die versuchen sollen, mich anzumelden.” Es klappte zum Teil. In drei Vorlesungen konnte sie Plätze ergattern, eine blieb ihr versagt. “Man soll ja nicht unzufrieden sein”, sagt sich die 26-Jährige. “Aber wenn nicht einmal die Anmeldung klappt, weiß ich nicht genau, wofür ich 378 Euro Studiengebühren zahle.”
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In der EDV-Administration weiß man das auch nicht, oder nicht genau. “Ich verstehe die Studenten schon”, sagt ein Techniker. “Die haben Angst, dass sie nicht in die Vorlesung kommen, wenn sie sich nicht um Punkt 8 Uhr anmelden, wenn die Anmeldung freigeschalten wird. Aber die sitzen dann ab 7.58 Uhr vorm PC, klicken x-mal auf die Buttons und prügeln damit unsere Server nieder. Die Hardware, die das aushält, ist noch nicht erfunden.” Klar, dass es dann auch zu Gesamtabstürzen kommen kann. Endgültig gelöst wäre das Problem nur, wenn die Institute mehr Lehrveranstaltungen einplanten. Dann wäre der Andrang nicht so groß.
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Planen kann Ibrahim Elmadfa aber schon lange nicht mehr. Die wenigen Lehrveranstaltungen, die er als Vorstand des Instituts für Ernährungswissenschaften ins Vorlesungsverzeichnis stellt, muss er unter “Maßgabe der vorhandenen Räume” anbieten. Heißt: kein Raum, keine Übungen. “Wir haben zwei Laborräume mit Platz für jeweils zehn Personen, in die aber 250 Studenten drängen”, sagt der Wissenschafter. “Ich würde ja gern mehr Lehrveranstaltungen anbieten, aber die Raum- und Personalkapazitäten reichen nicht aus. Sie sind ungerecht verteilt an der Uni.” Rektor Georg Winckler habe ihm versprochen, sich um mehr Platz zu bemühen, aber “da spießt es sich”. Und Elmadfa selbst ist der einzige Professor, den es am Institut für 2600 Studenten gibt – unterstützt nur durch sechs Assistenten. Auch dafür hat der Rektor nun Abhilfe versprochen: Immerhin soll jetzt ein weiterer Professor verpflichtet werden.
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Die Medizin-Uni hat das Platzproblem auf ihre eigene Art gelöst. Damit die Massen von Studenten nicht in den zweiten Abschnitt drängen, müssen sie die heftig umstrittene “Summative Integrierte Prüfung” (SIP) ablegen. Eine Knock-out-Prüfung, wie die Österreichische Hochschülerschaft kritisiert. Vergangenes Jahr fiel ihr auch Barbara F. (Name von der Redaktion geändert) zum Opfer. Beim zweiten Antritt war sie unter den Top 20 von 250 Studenten und trotzdem negativ. Das Mädchen lebte nur noch für die Uni, soziale Kontakte reduzierte sie auf null. Sie schaffte es – und muss nun dennoch ein Jahr warten! “Das ist eine Sauerei.” Sie darf keine Lehrveranstaltung besuchen, muss aber für das ganze Jahr Studiengebühren zahlen, damit sie auf der Warteliste bleibt. Das kostet sie Studien- und die Familienbeihilfe, auf die sie eigentlich Anspruch hätte. Würde ihr das Rektorat zumindest bestätigen, dass die 21-Jährige wegen “erschwerter Studienbedingungen” nicht weitermachen kann, würde sie Familienbeihilfe bekommen. Doch die Medizin-Uni weigert sich.
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Auch Brigitte Zumtobel kämpft mit der Uni-Organisation. Seit knapp eineinhalb Jahren wartet die Studentin der Vergleichenden Literaturwissenschaften auf drei Zeugnisse – sprich: auf den amtlichen Zettel, der ihr bestätigt, brav gelernt und drei Prüfungen bestanden zu haben. “Da hat sich seit Einführung der Studiengebühren nichts geändert. Das ist einfach typisch Uni”, sagt sie. An der Stipendienstelle machte man ihr wegen der fehlenden Leistungsnachweise bereits Schwierigkeiten, auch die Halbwaisenrente ist sie im Begriff zu verlieren. “Auf Dauer ist das kein Zustand”, ärgert sich die 25-jährige Studentin. “Das ist nicht nur eine Unannehmlichkeit. Wenn die Verantwortlichen auf der Uni so lange brauchen, um die Zeugnisse auszustellen, steht einfach meine ganze Existenz auf dem Spiel.”
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“Wir können nicht mehr als arbeiten”, sagt Klaus Lojka. “Einige Kollegen haben bis zu eintausend Prüfungs- und Übungsarbeiten im Semester zu korrigieren. Da ist es zwangsläufig so, dass Zeugnisse sehr spät kommen”, sagt der Assistenzprofessor an der Publizistik. Die Eckdaten des Instituts, dem sogar Ministerin Elisabeth Gehrer attestiert, überlaufen zu sein: 5300 Studenten, 3400 davon noch in der alten Studienordnung, die bis 2009 fertig werden müssen. Lojka: “Vorsichtig gerechnet sind das zumindest 500 bis 600 Diplomarbeiten, die wir pro Jahr betreuen sollen – das ist ein Irrsinn.” Dabei produziert die Publizistik, höchst effizient mit minimalem Personal, rund 300 Akademiker jährlich. Die Probleme pflanzen sich fort: Das neue Bakkalaureatsstudium war für 900 Studenten konzipiert und ist – nach nur einem Jahr – mit rund 1500 schon wieder übervoll. Lojka in Richtung Rektor Georg Winckler: “Ich frage mich nur, wo es mehr kracht: am Vermögen der Uni oder am Unvermögen der Uni-Leitung.” Ohnehin beuten sich viele Assistenten selbst aus: Je mehr Studenten sie betreuen, umso weniger können sie forschen. Und wer keine Ergebnisse zu publizieren hat, kriegt Probleme bei Beförderungen oder der Verlängerung seines Vertrags. Lojka: “Das ist ein leistungsfeindliches System.”
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Das sieht auch Alex Fleischmann so. Der Student der Internationalen Betriebswirtschaft an der Uni Wien studierte ein ganzes Jahr in Helsinki und belegte fremdsprachige Vorlesungen auf Englisch, Schwedisch und Französisch. Zurück in Wien, gibt es aber nichts als Schwierigkeiten mit der Anrechnung. Er habe, laut heimischen Vorschriften, zu wenige Vorlesungen auf Englisch im Inland abgelegt. Seine Alternativen: Entweder er verfasst seine Diplomarbeit nun auf Englisch, oder er wiederholt eine – schon in deutscher Sprache abgelegte – Prüfung noch einmal in englischer Sprache. “Das ist reine Schikane. Man wird bestraft, dass man ins Ausland geht und nicht in Wien bleibt.”
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Wien ist einfach anders. An der Chemischen Fakultät der TU Wien wurde mit einer brillanten österreichischen Forscherin verhandelt, die lange Zeit in den USA unterrichtet hatte. Das Problem: Der Chemie fehlt ein ganzes Haus. Ein alter Trakt wurde wegen Baufälligkeit abgerissen, für den neuen gibt es kein Geld. “In dem Haus, in dem wir jetzt untergebracht sind, schrammen wir ständig an den Sicherheitsauflagen entlang – an der Grenze der Legalität”, sagt Johannes Fröhlich, Dekan der Technischen Chemie. Als die vermeintliche neue Kollegin die Zustände sah, machte sie kehrt. Back to the USA. “Es ist leicht zu sagen, wir sollen die heimischen Forscher aus dem Ausland zurückholen. Aber uns in der ersten Reihe nur die Daumen zu drücken und dabei zusehen, wie im Circus maximus die Gladiatoren mit untauglichen Mitteln ihre missliche Situation zu bewältigen versuchen, ist zu wenig.”