Todesstille

Affäre. Ein Jahr lang wucherten Metastasen in ihm. Damals hätte man operieren können. Die Ärzte von Herrn Cong wussten um die Krebszellen – er selbst erfuhr nichts. Nun wird er sterben. (für profil)

Der 10. Oktober 2006 war kein guter Tag. Die von Herrn Cong so geschätzte britische Snooker-Legende Paul Hunter starb. Mit seinem unfassbaren Talent, schon lang verloren geglaubte Partien umzudrehen, war Hunter zum Liebling der Billard-Aficionados geworden. An jenem 10. Oktober schaffte er trotz dritter Chemotherapie kein Comeback mehr.

Und der 10. Oktober war auch jener Tag, an dem Herr Cong erfuhr, dass er am gleichen seltenen Dickdarmkrebs sterben wird, wie der von ihm geschätzte Spieler.

An diesem Tag war seine Diagnose allerdings bereits ein Jahr und 111 Tage alt. Fünfzehn Monate, in denen sich Herr Cong völlig gesund glaubte und die Metastasen unbehindert in ihm wuchern konnten – weil es in seinem Spital niemand für nötig befand, ihm mitzuteilen, dass er Krebs habe.

Für eine Operation ist es nun zu spät. Sein Körper ist voll mit Metastasen, jede kleinste Bewegung könnte zu einem Knochenbruch führen, der nicht mehr heilen würde. Die ihm gegebene Zeit hat er bereits überschritten. Dass er sich noch einigermaßen bewegen kann, führt der Austro-Chinese auf eine spezielle chinesische Zusatzbehandlung zurück. Das Unvermeidliche lässt sich aber auch damit nicht abwenden.

Lange hat Herr Cong auf eine gütliche Einigung und zumindest einen Unterhalt für seine Frau und seinen 17-jährigen Sohn gehofft. Doch das betroffene Wiener Hanusch-Spital will keine Schuld eingestehen. Sein Eigentümer, just die per Gesetz als patientenfreundlich definierte Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), schiebt die Sache auf die Versicherung – und diese, die Wiener Städtische, hat nun bereits einen Anwalt eingeschaltet.

Rückblende: Am 22. Juni 2005 wird Herr Cong nach einer Hämorrhoidenoperation aus dem Wiener Hanusch-Krankenhaus entlassen. “Wegen der Schwere des Hämorrhoidalleidens verblieb Herr Yan Cong länger als üblich in stationärer Behandlung”, vermerkt das Krankenhaus in einem Schreiben.

Einen Tag zuvor, am 21. Juni, wird nachgewiesenermaßen der histologische Befund fertig gestellt. Die Diagnose des Labors: “Hochdifferenzierter neuroendokriner Tumor”, ein “hochdifferenziertes Karzinom kann nicht ausgeschlossen werden”. Allein: Der Laborbefund findet nicht sofort den Weg in den hauseigenen elektronischen Krankenakt. Herr Cong verlässt das Krankenhaus im Glauben, ein gesunder Mann zu sein.

Falsche Postadresse. “Ein Jahr später hatte ich dann starke Rückenschmerzen”, sagt Herr Cong. Die Wirbelsäule tut weh, rund um die Leber schmerzt alles. Er geht abermals ins Hanusch-Spital. Der Facharzt für innere Medizin checkt ihn durch. Sechs Wochen lang sucht er die Ursache für Herrn Congs Beschwerden. Bis er schlussendlich auf einen alten Befund des eigenen Hauses stößt …

“Was mich und meine Familie am meisten schockierte, waren seine Worte, dass die Krebszellen in meinem Körper bereits vor 15 Monaten von Chirurgie- und Pathologieabteilung des Krankenhauses entdeckt worden waren”, sagt Cong gebrochen. “So haben 15 Monate Verzögerung in meiner Behandlung dazu geführt, dass ich mich mit einem Schlag von einem gesunden Menschen in einen Patienten im Spätkrebsstadium verwandelte. Dadurch, dass meinem Fall nicht gründlich nachgegangen wurde, ist mein frühzeitiger Tod nun unvermeidbar. Keine Operation oder effektive Behandlungsmethode kann angewendet werden.”

In einer Stellungnahme verweist das Hanusch-Krankenhaus darauf, dass man Herrn Cong sehr wohl gleich verständigt habe. Am 9. August 2005, also sieben wertvolle Wochen nach dem Tumor-Karzinombefund und seiner Entlassung, schreibt ihm das Krankenhaus einen Dreizeiler: Es wäre in seinem “eigenen Interesse von großer Wichtigkeit”, die Ambulanz “zur Befundbesprechung noch einmal aufzusuchen”. Der Befund würde möglicherweise eine Nachbehandlung erfordern. Auch den Entlassungsbericht steckt man in ein Kuvert. Die Briefe hat Herr Cong jedoch nie erhalten. Was nicht verwundert: Denn die Schreiben sind nicht an die Dreihausgasse 22 adressiert, wo Herr Cong mit seiner Frau und dem 17-jährigen Sohn lebt, sondern an das Haus ums Eck: die Sechshauserstraße 88.

Ob er die lebenswichtige Nachricht – oder “todwichtige Information” wie sie Herr Cong in seinem gebrochenen Deutsch nennt – je erhält, überlässt das Wiener Hanusch-Krankenhaus dem Briefträger. Oder besser gesagt, weil gerade Sommerferien sind: dem Ferialpraktikanten bei der Post.

Chinesisches Spitalsniveau. Kein Einschreiben, kein Anruf, kein Kontakt – niemand im Wiener Hanusch-Krankenhaus bemühte sich damals festzustellen, ob der Krebspatient von seiner Erkrankung wirklich erfahren hat. Als der 52-Jährige zu einer Folgeuntersuchung nicht erscheint, nimmt man an, er hätte sich ein anderes Krankenhaus zur Behandlung gesucht.

In seiner ursprünglichen Heimat China war Herr Cong selbst Facharzt gewesen, Spezialgebiet Röntgen. Tausende Patienten hatte er selbst behandelt, war sogar in der Krankenhausverwaltung tätig gewesen, bevor er nach Österreich emigrierte und sich hier als Kaufmann mit dem Import handbestickter chinesischer Tischwäsche selbstständig machte. Auch seine Frau ist Ärztin, ebenfalls im Röntgenbereich.

“Früher war ich stolz, österreichischer Staatsbürger geworden zu sein, da Österreich China in so vielem voraus ist”, sagt Herr Cong. “Nun muss ich feststellen, dass China in der Krankenhausverwaltung schon vor 40 Jahren auf dem Niveau des heutigen Österreich war.”

Tragisches Kuriosum des Falles: Während das Spital von jedem Patienten bei noch so harmlosen Bänderzerrungen oder Hautausschlägen die Unterzeichnung eines Reverses verlangen muss, um sich schadlos zu halten, sollte er gegen den ärztlichen Rat das Spital verlassen, braucht es nach den Buchstaben des Gesetzes nicht unbedingt eine Bestätigung, ob jemandem seine lebensgefährliche Diagnose auch mitgeteilt wurde. Derlei Details erachtet der Wiener Landtag im Krankenanstaltengesetz scheinbar als nicht regelungsbedürftig (siehe Kasten).

“Wenn so etwas passiert wie in diesem Fall, tut das dem Krankenhaus natürlich sehr leid”, sagt der ärztliche Leiter des Hanusch-Spitals, Klaus Klaushofer. “In 32 Jahren meiner Tätigkeit ist mir noch kein einziger Fall bekannt, in dem uns ein Patient sozusagen verloren ging.” Die Patienten müssten aber auch so weit sein, “hartnäckig zu bleiben und so lange nachzufragen, bis sie alles wissen”. Man dürfe sich eben “nicht immer drauf verlassen, dass es die Götter in Weiß schon richten werden”.

Große Worte eines ärztlichen Leiters, in dessen Krankenhaus selbst jener Arzt, der sich später sehr um Herrn Congs Krebsbehandlung bemühte, erst nach einiger Zeit auf den 15 Monate alten Befund des eigenen Hauses stieß.

In der Sache will Hanusch-Chef Klaushofer den eigenen Haftpflichtversicherer ohnehin nicht präjudizieren, zu teuer könnte jedes Wort nun werden: “Aber was auch immer ich persönlich für eine Meinung zu dem Fall habe, muss ich sagen: Wann immer ein Patient zu Schaden kommt, muss man das dem Krankenhausträger und der Haftpflichtversicherung überlassen.” Der Leiter der Rechtsabteilung des Krankenhausträgers Wiener Gebietskrankenkasse schiebt die Verantwortung ebenfalls auf die Versicherung ab: “Es ist noch nicht geklärt, ob tatsächlich ein Verschulden des Hauses vorliegt.”

Fast ein Jahr lang übte sich Herr Cong in Zurückhaltung, reichte keinerlei Klagen gegen das Krankenhaus ein, um eine gütliche Lösung nicht zu gefährden. Er will lediglich seine Familie versorgt wissen. Geduldig ließ er die Patientenanwaltschaft mit der Wiener Gebietskrankenkasse und der Wiener Städtischen Versicherung um eine gütliche Einigung verhandeln. Eine lange Zeit für einen Todgeweihten. Doch bisher verliefen alle Besprechungen ergebnislos. Nun schaltet die Wiener Städtische eine Anwaltskanzlei ein. Ob diese der Versicherung raten wird, es auf einen Prozess mit dem Todkranken ankommen zu lassen, entscheidet sie in einem Gutachten in den kommenden Wochen.

Wenn Herr Cong dann noch lebt.

Posted: November 26th, 2007
Categories: for profil
Tags: , , , ,
Comments: No Comments.

You need to login to post comments!