Vor 25 Jahren taufte er Burkina Faso das „Land der Aufrechten“: Thomas Sankara war Fallschirmjäger, Gitarrist, Revolutionär, Präsident. Er wurde gestürzt, erschossen und verscharrt. Nun rittern die Putschisten von einst um eine Neuverteilung der Macht – teils sogar von Wien aus. (für profil, aus Ouagadougou)
Die Straße der Freiheit ist eine holprige. Auf der Avenue de la Liberté von Ouagadougou rumpeln die Wagen über tiefe Schlaglöcher in der rotbraunen Schottererde. Geteert wurde hier nie. Nur dort, wo die Verkehrsader in Burkina Fasos Herzen von der Avenue de l’Armée gekreuzt wird, wirkt sie plötzlich aufgeräumt und problemlos befahrbar. Die Straßennamen seiner Hauptstadt erzählen viel über die Geschichte Burkinas.
Nirgendwo wehen Flaggen, nirgendwo steigen Paraden: nicht einmal am parallel verlaufenden Boulevard der Revolution. Dabei hätte Burkina Faso dieser Tage Grund zu feiern. Vor genau 25 Jahren, am 5. August 1984, taufte Revolutionsführer Thomas Sankara das damalige Obervolta nach einem Staatsstreich auf den Namen Burkina Faso, das „Land der Aufrechten“.
„Thomas Sankara hatte das Zeug, eine Hoffnung für ganz Afrika zu werden“, sagt der UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler, der ihn noch persönlich kannte. Ein Mann, ein Held: Seine Ausstrahlung habe die Menschen in den Staaten um Burkina begeistert, und er sei „gefährlich für die neokolonialen Machthaber in den Präsidentenpalästen“ gewesen.
Doch ein Vierteljahrhundert später soll nichts an eine Ikone der afrikanischen Selbstbestimmung erinnern. Denn jene, die sie stürzten, sind bis heute an der Macht.
Man muss den Straßen Ouagadougous schon sehr lange folgen, um das Grab Thomas Sankaras zu finden. Das vielleicht größte politische Talent Afrikas wurde auf einem verlassenen Friedhof verscharrt, der übersät mit Plastikfetzen mehr einer Müllhalde als einer Gedenkstätte gleicht.
Doch Sankaras Geschichte mit all seinen Ingredienzien taugt zur Ikonenbildung: Als Fallschirmjägeroffizier diente er in Marokko und Madagaskar, als Gitarrist einer Rockband hatte er ein Faible für schnittige Motorräder. Mit eiserner Selbstdisziplin taugte er als Vorbild, sein provokanter Humor und sein freches Lächeln machten ihn zum Liebling des Volkes. Und seinen Tod betrachten viele Anhänger als den eines Märtyrers.
Als Sankara 1983 an die Macht kommt, bekämpft er die in Afrika allgegenwärtige Korruption und lebt selbst stets spartanisch. Legendär ist sein Verkauf der Mercedes-Dienstwagenflotte der damaligen Ministerriege. Die hohen Politiker sollten, wie er, nur noch im kleinen Renault 5 oder öffentlich zweiter Klasse reisen. Privilegierte Beamte kontrollierte er frühmorgens auch persönlich, ob sie ihren Dienst versahen.
Gemeinsam mit Ghanas Präsident Jerry Rawlings, zu dem er gute Kontakte pflegt, ist Präsident Sankara der progressivste afrikanische Staatschef seiner Zeit. Seine realpolitische Agenda war für die achtziger Jahre nachgerade bahnbrechend. Er verbietet die Beschneidung der Frauen, setzt sich für deren Gleichberechtigung ein und verurteilt die gängige Praxis von Polygamie und auch Bigotterie. „Wenn ein Mädchen schwanger ist, fliegt es von der Schule. Niemand fragt danach, ob der Junge, der sie geschwängert hat, in der gleichen Klasse sitzt.“ Sankara initiiert Impfprogramme für 2,5 Millionen Bürger, erkennt in der Ausbreitung der Wüsten lange vor anderen die Umweltproblematik im Sahel und startet Aufforstungsprogramme.
Stärke durch Autarkie. Vor allem aber soll sich Burkina Faso vom wirtschaftlichen Gängelband des ehemaligen Mutterlands Frankreich lösen, von den Hilfslieferungen, von den Transferzahlungen. „Manche fragen: Wo ist der Imperialismus?“, hört man ihn in alten Reden donnern. „Seht auf eure Teller! Die Hirse, der Mais …“ All das müsse man selbst erwirtschaften. In nur vier Jahren seiner Amtszeit verdoppelt Burkina Faso mit Bewässerungs- und Düngeprogrammen die landwirtschaftliche Produktion.
Dazu kooperiert Sankara am Höhepunkt des Kalten Kriegs auch mit Russland, Kuba oder Libyen und stößt so die westliche Welt vor den Kopf. Bei einem Treffen mit Frankreichs Premier François Mitterrand darauf angesprochen, lächelt er nur schelmisch: „Wir suchen für unsere Entwicklung Partner. Wenn uns ein näher gelegenes Land die weite Reise nach Moskau oder Kuba ersparen will, gern. Ich habe noch nie Hilfe abgelehnt, die mir angeboten wurde. Was mir fehlt, ist eine Concorde, für die andere offenbar Geld haben.“
Im Gegensatz zu Kubas Che Guevara, dem ewigen Revolutionär, trug Sankara die Uniform des staatlichen Militärs. Vielleicht eignete sich „Le Capitaine“ mit dem roten Offiziersbarett im Gegensatz zu „El Comandante“ deshalb nicht so sehr zur Ikone der jungen Linken.
Doch auch der Militär fiel dem Militär zum Opfer. Am 13. Oktober 1987 wird Thomas Sankara während einer Sitzung von der Leibgarde seines engsten Mitstreiters, Blaise Compaoré, erschossen. Er habe sich zu sehr von seinen eigenen Idealen entfernt, wird es später heißen. In seinem Totenschein steht, er starb eines „natürlichen Todes“. Compaoré macht sich tags darauf zum Präsidenten und nimmt wieder freundschaftliche Beziehungen zu Frankreich auf.
„Ein Revolutionär, der jung stirbt, hat eben nicht die Chance, sich sonderlich unbeliebt zu machen“, sagt der Wiener Afrikanistik-Professor Walter Schicho. Viele der großen Revolutionäre Afrikas wären mit tollen Ideen angetreten, schließlich aber von der Macht korrumpiert worden. „Vielleicht ist er einfach rechtzeitig gestorben.“
Nun, 25 Jahre später, könnte es langsam an Sankaras Nachfolger sein abzutreten. Präsident Blaise Compaoré wird Politikmüdigkeit nachgesagt. Ähnlich wie Kubas Fidel Castro wolle er seinen Bruder als Nachfolger installieren. Kommendes Jahr endet seine vierte Amtszeit. Zwei Amtszeiten waren ursprünglich verfassungsrechtlich vorgesehen. Potenzielle Konkurrenten bringen sich langsam in Stellung, einer davon unter Umständen sogar von Wien aus. Compaorés einst engster Verbündeter, Ex-Agrarminister Salif Diallo, regte in einem Interview kürzlich an, Burkina Faso nicht in ein patriarchal-monarchistisches System abgleiten zu lassen, und löste damit eine große politische Debatte aus. Diallo selbst gilt ebenfalls als präsidiabel, wurde aber 2008 nach innerpolitischen Konflikten ins Ausland geschickt: just nach Wien, wo er seit einem Jahr als Botschafter Burkina Fasos amtiert.
Sollte Compaoré selbst im Amt bleiben wollen, bezweifeln die Burinkabe, dass jemand das Zeug hätte, ihm ernsthaft die Stirn zu bieten. Das, so sagt man, hätte nur einer gehabt. Und der ruht mit seinen engsten Vertrauten seit langer Zeit auf dem Friedhof in einem Randbezirk der Hauptstadt.
Die Straßennamen erzählen viel über Burkinas Geschichte. Der Boulevard der Revolution heißt mittlerweile nur noch Boulevard der Unabhängigkeit – zumindest bis zum Palast des Präsidenten. Dann macht er einen scharfen Knick. Von dort an heißt er plötzlich wieder Boulevard Charles de Gaulle, nach dem Staatschef der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich.
Die Straße der Freiheit ist eine holprige in Ouagadougou. Sie ist noch immer nicht gänzlich geteert.
Mitarbeit: Amelia Umuhire
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Burkina Faso: Arm, aber stabil
Fast doppelt so viele Einwohner wie Österreich, ein wenig größer als Großbritannien: Burkina Faso zählt zu den ärmsten, mittlerweile aber auch stabilsten Staaten in der Sahel-Region Westafrikas. 1960 wird die damalige französische Kolonie Obervolta unabhängig, 1983 putscht sich Hauptmann Thomas Sankara, 33, gemeinsam mit seinem Offizierskollegen Blaise Compaoré gegen eine Frankreich wohlgesonnene Regierung an die Macht. 1987 putscht Compaoré, seine Leute töten Sankara, er wird Präsident und bleibt es bis heute.
Seine „Korrektur der Revolution“ ist umstritten: Seine Politik lässt Oppositionsparteien und Gewerkschaften wieder zu, biedert sich aber wieder an Frankreich an. Compaoré gilt als solider Vermittler in Konflikten der Region, kämpft aber mit Problemen im eigenen Land. So lebt die Hälfte der Burkinabe unter der Armutsgrenze, rund drei bis vier Millionen arbeiten im reicheren Nachbarstaat Elfenbeinküste. Nach jüngsten Ausschreitungen gegenüber Zuwanderern dort drängen sie nun zurück nach Burkina, was das Land überfordert. Burkina Faso ist mit Uganda, Äthiopien, dem Senegal und den Kap Verden eines der afrikanischen Schwerpunktländer der österreichischen Entwicklungszusammenarbeit.
Geheimdienst. Wie Michael Schmitz, ZDF-Journalist in Wien, Buchautor und Stiefvater von Markus Rogan, als “Inoffizieller Mitarbeiter” in die Spitzelkartei der Stasi-Lieblingsabteilung des DDR-Oberspions Markus Wolf geriet. (für profil)
Sie war der ganze Stolz der Stasi: die Hauptverwaltung Aufklärung römisch zehn, HV/A/X. 66 durchtriebene Topleute, spezialisiert auf so genannte “aktive Maßnahmen”, das gezielte Lancieren von Falschinformationen. Eine Abteilung für Desinformation des politischen Gegners am Höhepunkt des Kalten Kriegs, eine Task-Force für die Einflussnahme auf den Feind. Die HV/A/X war es, die den damaligen BRD-Bundeskanzler Willy Brandt 1972 in der Steiner-Wienand-Affäre mit dem Kauf zweier Bundestagsstimmen vor der Abwahl bewahrte. Und sie war es auch, die Günter Guillaume als Kabinettsmitarbeiter im Kanzleramt einschleuste und somit für Brandts Sturz verantwortlich war. “Es war das Edelste vom Edelsten”, sagt der ZDF-Journalist und Stasi-Spezialist Christhard Läpple, “die Lieblingsabteilung des nun verstorbenen Markus Wolf, dem Ex-Chef des Auslandsgeheimdiensts der DDR.”
17 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer taucht nun in den Archiven der HV/A/X in kaum leserlichen Lettern ein Name auf, der so gar nicht zu den Machenschaften der Spionagebehörde passen will: Schmitz. Vorname: Michael. Geburtsdatum: 1.8.54. Berufliche Tätigkeit: Journalist.
Der Karteikarte zufolge soll der nunmehrige Wien-Korrespondent des ZDF, Buchautor und Rogan-Stiefvater als “Inoffizieller Mitarbeiter” des damaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR tätig gewesen sein. Sie ist Teil der Sammelakte “Cousin”, in der die HV/A insgesamt 86 Personen auflistet: Redakteure, Verleger, Juristen. Mit Schmitz, so der Befund der HV/A, gäbe es eine gemeinsame “ideologische Basis”.
“Im ersten Moment war das für uns natürlich ein Hammer”, sagt ZDF-Mann Läpple. Zwei Jahre lang arbeitete er die Stasi-Vergangenheit des eigenen Hauses auf. Am Donnerstag wird die Dokumentation “Die Feindzentrale”, wie Stasi-Chef Erich Mielke das ZDF aufgrund seiner kritischen Beiträge gern nannte, ausgestrahlt. Läpple durchforstete 350.000 Aktenseiten, befragte hunderte Zeitzeugen. Und er stieß auf über 200 Inoffizielle Mitarbeiter, die Infos über das ZDF in die DDR lieferten – keine zehn davon waren indes Mitarbeiter des ZDF.
“Kennzeichen D”. Der Held des Westfernsehens im Osten ein Stasi-Spion? Immerhin gelten Schmitz’ Berichte aus der DDR als nachgerade legendär. Von 1985 bis 1990 war er mit der Sendung “Kennzeichen D” das Gesicht des ZDF in Ostdeutschland. Oft genug macht ihm die Stasi Schwierigkeiten, legt in einer anderen Abteilung einen eigenen Überwachungsakt an, der sich wenig freundlich liest. Schmitz hätte “nur kritische Beiträge” gesendet und “provokative Aufnahmen von Sicherungskräften gemacht”, vermerkten die DDR-Behörden verschnupft. Ihm werden Drehgenehmigungen verweigert – unter anderem zum Thema “Schönheitssalon für Männer”, da ihm “aufgrund seiner tendenziösen Berichterstattung in der Vergangenheit nicht die erforderliche Sachlichkeit zugebilligt werden kann”. Im Oktober 1988 wird Schmitz von den Behörden offiziell verwarnt und steht kurz vor seinem Rauswurf aus der DDR.
Doch wie gelangt der Name eines kritischen Westjournalisten in der damaligen DDR in die Mitarbeiterkartei der Staatssicherheit?
Eines Tages stellt sich Hans Eichhorn bei Schmitz vor, vorgeblich Vertreter des DDR-Journalistenverbandes. Man plaudert höflich, tauscht Freundlichkeiten aus. “Ich war ja nicht in die DDR gegangen, um sie abzuschaffen. Und daraus machte ich nie ein Hehl”, sagt Schmitz. “Ich wollte sie lediglich an ihren eigenen Maßstäben messen.” Rühmte Erich Honecker den sozialen Wohnbau, zeigte Schmitz Bilder von der katastrophalen Wohnsituation, lobte der Staatsvorsitzende die Industrie, filmte Schmitz die unterentwickelten Produktionsbetriebe. “Dieser Zugang dürfte viele Stasi-Leute verwundert haben”, erinnert sich Schmitz. “Die taten sich mit klaren Feindbildern immer leichter.” Eichhorn wird als “kluger Kopf” beschrieben. Er war es auch, der Schmitz als vorläufigen Informanten führte. Laut Läpple war er als “Offizier im besonderen Einsatz” einer jener besonders gut getarnten Stasi-Leute, die sich nach außen hin immer ein wenig systemkritisch gaben, um Westleute besser beobachten zu können.
“Über mich selbst habe ich immer sehr offen gesprochen”, sagt Schmitz. “Aber ich habe nie etwas weitergegeben, was jemanden gefährden konnte.” Am Höhepunkt des Kalten Krieges, Mitte der achtziger Jahre, musste man in der DDR gewärtig sein, überall von der Staatssicherheit abgehört oder überwacht zu werden. Die Wohnung, die Schmitz als West-Korrespondent zugeteilt erhalten hatte, war vollständig verwanzt, seine Telefongespräche wurden mitgeschnitten. Selbst der heutige Links-Politiker und frühere SED-Funktionär Gregor Gysi fertigte über ein Mittagessen mit Schmitz einen dreiseitigen Bericht an: Man habe über die imperialistischen Kräfte im Westen und die Wichtigkeit des Engagements für den Frieden gesprochen, soll Gysi den Genossen eher lustlos reportiert haben. “Ich hatte das Gefühl, da schreibt einer im DDR-Jargon etwas nieder, wovon er glaubt, dass der Apparat es so lesen will”, sagt Schmitz. Vertrauen konnte man kaum jemandem. So lieh sich Schmitz von einer Bekannten einst einen Trabi, um unauffälliger einen Freund im Spreewald zu besuchen. Sein roter Alfa Romeo mit West-Korrespondenten-Kennzeichen war ihm für diesen vertraulichen Besuch zu auffällig. Beide, der Freund und die Bekannte, entpuppten sich nach Öffnung der DDR-Archive als Stasi-Leute.
“Die Firma”. Eichhorn hingegen verriet sich laut Schmitz irgendwann selbst. In einer ihrer Unterhaltungen deponierte er ein allzu unbotmäßiges Anliegen: Als Westjournalist wüsste Schmitz doch vorab, wo unangemeldete Demonstrationen stattfänden, um darüber zu berichten. Wüssten auch die Behörden Bescheid, könnten sich diese doch besser drauf einstellen und so vielleicht unnötige Gewalteskalation vermeiden, argumentierte Eichhorn. “Da war mir klar, dass der was mit ,der Firma’ zu tun hat”, sagt Schmitz. Bei einer dieser Zusammenrottungen, der Demonstration einer evangelischen Gemeinde, die gegen Zensur ihrer Kirchenzeitung protestierte, war Schmitz einst selbst von einem Stasi-Mitarbeiter verprügelt worden. “Man darf die DDR nicht verharmlosen: Das war nicht die nette sozialistische Puppenstube, sondern eine Diktatur mit der ihr eigenen Brutalität”, sagt Schmitz. Die Bilder gingen über den Sender, und Schmitz kommentiert unverblümt: “Als ich ihn ersuche, sich auszuweisen, schlägt er mich und tritt mir in die Geschlechtsteile. Diese Staatsorgane sind in der DDR omnipräsent – vor allem, wenn es jemandem einfällt, für Meinungsfreiheit zu demonstrieren.”
Der Kontakt mit Eichhorn brach ab, die Karteikarte blieb. Die darauf vermerkten Gesprächsthemen sind mager: “Kennzeichen D” und der “40. Jahrestag” der DDR. Noch dazu wohnte Schmitz nie an der angeführten Adresse.
“Die Leute wurden gar nicht gefragt, ob sie registriert werden wollen”, sagt ein ehemaliger Oberstleutnant der Staatssicherheit in der ZDF-Doku. “Sie wurden auch nicht über ihre Decknamen informiert, so sie einen hatten.” Im Gegenteil: “Das konnte v
öllig parallel laufen: Die konnten artig herkommen, ohne zu ahnen, dass sie schon einen Stempel hatten.”
Schon einmal war Schmitz in Stasi-Zusammenhang gebracht worden. Sein Name fand sich in der legendären Mobilmachungsdatei der Staatssicherheit für den Ernstfall, der Rosenholz-Datei, die die CIA nach dem Mauerfall kassierte. Die Bundesanwaltschaft stellte die Ermittlungen aber bald ein. “Wir gehen davon aus, dass Herr Schmitz kein Mitarbeiter der Staatssicherheit war”, sagt ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. “Er wurde von der DDR vor allem als ,Feind des Systems’ eingestuft.”
Zur Person
Michael Schmitz, 52
Der ehemalige Korrespondent des Zweiten Deutschen Fernsehens in der Deutschen Demokratischen Republik und promovierte Psychologe studierte unter anderem in den Vereinigten Staaten. Zum ZDF stieß Schmitz 1983 als Reporter des Magazins “Kennzeichen D”, für das er ab 1985 unregelmäßig, ab 1988 dann ständig aus der DDR berichtete.
Seit den neunziger Jahren ist Michael Schmitz mit Österreich verbunden: Er leitet die ZDF-Redaktion in Wien und wurde auch als Stiefvater und Manager des Olympia-Silbermedaillengewinners Markus Rogan bekannt. Der Deutsche schrieb mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit seiner Frau, der Psychiaterin Margot Schmitz, die Ratgeber-Bestseller “Seelenfraß – Wie Sie den inneren Terror der Angst besiegen” und “Seelennahrung – Sich aufmachen zum Glück”.
Zeitgeschichte. Man nannte sie “Amihuren”, “Russenflitscherln” oder “Franzosenschicksen”: Liebesbeziehungen zwischen Österreicherinnen und Besatzungssoldaten waren geächtet. Seit fast 60 Jahren sucht eine Wienerin dennoch nach einem Russen, der ihr nach dem Krieg das Herz brach.(für ein profil-extra zum 50-Jahr-Jubiläum des österreichischen Staatsvertrags)
Den bislang letzten Brief erhielt sie im Juni vergangenen Jahres: “Sehr geehrte Frau Walla-Grom! Wir bedauern, den Aufenthaltsort von Iwan Papkow, Staatsbürger aus dem Territorium Sotschi, nicht ausfindig machen zu können. Nach Angaben im vorliegenden Fall ist er im heimatkundlichen Adressenbüro nicht registriert, und im Territorium Krasnodarsk steht er nicht auf der Liste.”
Papkow, Iwan Papkow aus Sotschi – für Ingeborg Walla-Grom wurde der Name zum Mythos. Fetzen von Erinnerung haften daran; Gefühle, durch die Jahre verklärt. Oft hat sie sich vorgestellt, nicht Walla-Grom zu heißen, nicht in Wien zu wohnen. Als Ingeborg Papkowa wäre sie gern alt geworden, als Ingeborg Papkowa aus Sotschi. Ein Haus auf der Krim zu haben, eine Familie mit ihrem Iwan vom Schwarzen Meer. Ein unerfüllter Traum.
Stattdessen hat sie sich Russland nach Wien geholt. Ihre Wohnung ist voll mit roten Fahnen und bronzenen Lenin-Büsten. Wenn er noch lebt, ist ihr Iwan heute 79 Jahre alt. Vielleicht ist er nach dem Krieg Soldat geblieben, vielleicht wurde er Verwaltungsbeamter oder Ingenieur. Sie wird es nie mehr erfahren. Nach sechzig Jahren vergeblicher Suche ist ihre Hoffnung nur noch gering.
Österreich, 1947: Ingeborg und Iwan hatten einander im zerbombten Nachkriegs-Wien kennen gelernt. Wie und wann, kann sie heute nicht mehr sagen: “Irgendwann stand er auf einmal in der Tür, war plötzlich da.” Auch seinen Rang weiß sie heute nicht mehr: “Kein Hoher, irgendwas Einfaches war er.” Aber schön. Und zuvorkommend. “Ein Fescher war das, mit schönen Zähnen. Der hat mir auf den ersten Blick gefallen.”
Ingeborg Walla-Grom war eine von tausenden Soldatenbräuten, ein österreichisches Mädchen, das eine Liaison mit einem Besatzungssoldaten einging.
Als die Alliierten 1945 in Österreich einmarschierten, waren in den Köpfen vieler Österreicher noch die stereotypen Feindbilder der Nazi-Propaganda verankert. Jene vom “verjudeten, vernegerten Amerika”, von den “schwarzen Menschenfressern” auf der einen Seite; und jene der Sowjetunion, dem “Hort des Bösen”, behaust vom “slawischen Untermenschen” und infiziert vom “jüdischen Bolschewismus”, auf der anderen. Und dann kamen da teils junge adrette Männer daher: gut genährt, stattlich – mit einem Lächeln im Gesicht -, und verteilten freigiebig Schokolade und Kaugummi.
Sie trafen auf eine Generation junger Frauen, die nichts anderes kannte als die Not des Krieges und den Schwermut des täglichen Überlebenskampfes. Rund 250.000 österreichische Männer waren im Krieg gefallen – ganz abgesehen von all den Opfern politischer und rassischer Verfolgung. Eine weitere halbe Million noch in Gefangenschaft. Die “Wiener Wochenpost” berichtete noch 1948 von einem krassen demografischen Missverhältnis: 100 österreichischen Frauen standen nur annähernd 70 Männer gegenüber. Selbst 1951 musste fast eine halbe Million Frauen im heiratsfähigen Alter damit rechnen, ohne Ehepartner zu bleiben. Dafür waren nun rund 180.000 Sowjets, 75.000 Briten, 70.000 Amerikaner und 40.000 Franzosen im Land.
Als die Rote Armee 1945 in Wien einmarschierte und ein kleiner Trupp den Luftschutzkeller im Haus von Walla-Groms Familie stürmte, rief ihnen die damals 16-jährige Ingeborg “Sdraswuitje Towarisch” (“Guten Tag, Genosse”) entgegen und redete in passablem Russisch auf die verdutzten Soldaten ein. Ihr Vater, der als Wehrmachtssoldat jahrelang an der Ostfront kämpfte, hatte ihr bei einem Heimaturlaub 1943 ein Russischwörterbuch mitgebracht. “Er hat damals zu mir gesagt: Mädchen, lern das! Du wirst es noch brauchen”, erzählt die heute 75-Jährige.
Zarte Romanze. Ingeborg und Iwan trafen einander oft, plauderten, spazierten durch die Straßen Wiens. “In der Volksoper haben wir uns den Evangelimann’ von Wilhelm Kienzl angesehen, die Staatsoper war zu der Zeit ja noch zerstört”, erinnert sich Walla-Grom. “Das Stück war leider fad, denn da ist nur eine schöne Arie drin.” Dennoch: Für sie, die damals 17-Jährige, war es die Romanze ihres Lebens. Aufgrund ihrer guten Russischkenntnisse hatte sie einen Job als Telefonistin und Büroangestellte bei der sowjetischen Verwaltung am Schwarzenbergplatz (damals Stalinplatz) bekommen. Ein schöner Aufstieg für ein Mädchen, das wegen des Kriegs mit 14 Jahren die Schule hatte abbrechen und dann Stahltraversen in einer zerbombten Metallwarenfabrik in Wien-Favoriten schleppen müssen.
Einem Russen war die Liebe zu einer Österreicherin sogar erlaubt. Auch die Franzosen sahen Liaisonen mit Einheimischen eher locker. Dagegen waren britischen und amerikanischen Soldaten derartige Beziehungen ursprünglich verboten. Bereits am 13. Mai 1945 verhängte man ein Fraternisierungsverbot für die Truppen. Doch da man mit der Ahndung der Verstöße dagegen nicht nachkam, hob es US-General Mark Clark schon elf Tage später wieder auf. Zur großen Freude der Soldaten: Ein Sturm auf Cafés und Tanzveranstaltungen war die Folge.
Um den GIs das Leben angenehmer zu machen, importierten die Amerikaner Unterhaltungsprogramme aus ihrer Heimat ins ärmliche Nachkriegsösterreich. Selbst Kopien amerikanischer Drugstores entstanden, wohin die Soldaten ihre Mädchen auf Eis und Soda einladen konnten. Laut einem Bericht des “Time”-Magazin sollen im Sommer 1946 allein in Wien täglich 60.000 Kugeln Eis verkauft worden sein.
Für ein Land, das zum Gutteil in Schutt und Asche lag, war das ein Luxus, den viele Österreicher fast als obszön empfanden. Die Soldatenbräute zogen den Hass der restlichen Bevölkerung auf sich. Mit Stigmata wie “Amihuren”, “Dollar-” oder Russenflitscherln”, “Schokoladies”, “Salzach-Geishas” oder “Franzosenschicksen” unterstellten die Österreicher dieser “gewissen Sorte Mädchen”, sich für ein Stück Schokolade, ein Paar Nylonstrümpfe oder eine Schachtel Zigaretten an die Besatzer zu verkaufen.
Motivsuche. Die Historikerinnen Ingrid Bauer und Regina Brunnhofer erforschten die Motive für die Beziehungen der Soldatenbräute. “Die Bandbreite erotischer Annäherungen war groß”, sagt Bauer. “Sie reichte von Flirts, Beziehungen für ab und zu, für einen Sommer oder die Dauer der Stationierung bis hin zu mehreren tausend Eheschließungen.” Und auch jede Form von professioneller und halbprofessioneller Prostitution habe es gegeben.
Man kann es auch Überlebensprostitution nennen. Denn während sich der Großteil der Menschen mit Schleichhandel und anderem Erfindungsreichtum gerade einmal über Wasser halten konnte, war ein Besatzungssoldat “in der Familie” der Garant für gute Versorgung mit Lebensmitteln und anderen Notwendigkeiten. Historikerin Bauer: “Ein Balanceakt zwischen erhoffter Unabhängigkeit und tatsächlicher Unterwerfung.”
Das schürte vor allem die Wut der heimgekehrten Wehrmachtssoldaten. Beim ersten Heimkehrerball waren die “Amihuren” Gesprächsthema Nummer eins. In den Leserbriefspalten der Zeitungen forderten schon 1946 viele “eine Tracht Prügel für diese weiblichen Früchtchen” oder “Zwangsarbeitsanstalt für Amibräute”.
Schließlich klammerten sich die vom Krieg gezeichneten Heimkehrer ja auch an die Vorstellung, für die Verteidigung von Frauen und Kindern gekämpft zu haben, um sich nicht die Frage nach der Sinnlosigkeit dieses Angriffskriegs stellen zu müssen. Die Stilisierung der “Soldatenbraut” zur “Hure” machte es ihnen möglich, sich den Soldaten der Alliierten nicht auch sexuell unterlegen zu fühlen. Vereinzelt kam es auch zu Übergriffen: Mädchen, die sich mit Besatzungssoldaten eingelassen hatten, wurden von der Bevölkerung vor allem im ländlichen Raum als Zeichen der Schande die Haare abgeschnitten.
Absurde Diagnosen. Der damalige Vorstand der Wiener Psychiatrischen Klinik, Hans Hoff, beschäftigte sich sogar in seinen Forschungsarbeiten mit dem Phänomen der Soldatenbraut. Sein Befund: Die Mädchen seien eindeutig krank. Die Ursache für diese “psychopathischen Persönlichkeiten” liege oft in der Familie. Außerdem fördere die Arbeit in Männerberufen den Drang zur Prostitution. Für die Behandlung dieser vermeintlich Kranken richtete der Psychiater sogar eine geschlossene Abteilung ein. Die Therapie: Arbeit in traditionellen Frauenberufen wie Krankenschwester oder Hausfrau.
Dabei waren die Mädchen “alles andere als Kokotten von Welt”, wie der Schriftsteller Max Frisch in seinem Tagebuch notierte. Eher “arme kleine Bummerl, die man sich als Näherinnen denken kann. Als Zimmermädchen, denen der Lohn nicht reicht, wie den meisten.”
Auch waren derartige Beziehungen nicht ungefährlich. Im jüngst erschienenen Buch “Die Rote Armee in Wien” erzählt Barbara Stelzl-Marx die Geschichte einer Wienerin, die sowjetische Soldaten mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt haben soll. Vom sowjetischen Militärgericht wurde sie dafür wegen “gegenrevolutionärer Sabotage” zu 25 Jahren Besserungsarbeitslager verurteilt. Erst 1997 wurde sie voll rehabilitiert.
Im Dezember 1945 verabschiedete der US-Kongress schließlich den “War Brides Act”, der es Soldaten erlaubte, ihre Bräute zu heiraten und – mit einem politischen, moralischen und gesundheitlichen Unbedenklichkeitszeugnis – in die USA mitzunehmen. Allein in den ersten 14 Tagen danach wurden in Österreich rund 300 solcher Anträge gestellt. Die “New York Times” berichtete 1946 von mehr als 6000 Europäerinnen, die in eigenen “Family Ships” in die USA gebracht wurden.
Heiratspläne. Auch Ingeborg und Iwan wollten heiraten. Iwan hatte seiner Mutter von der adretten Österreicherin geschrieben und sie um ihren Segen zur Hochzeit ersucht. “Und sie hat eingewilligt. Ich war so glücklich”, sagt Walla-Grom. Sie war bereit, nach Russland zu gehen.
Doch plötzlich kam Iwan nicht mehr.
“Er war wie vom Erdboden verschluckt. Ich hab ihn in Wien gesucht, im Hauptquartier nachgefragt”, doch ohne Erfolg. Erst Jahre später – Ingeborg hatte inzwischen geheiratet und war mit dem ersten von insgesamt fünf Kindern schwanger – lüftete ihr Vater das Geheimnis um Iwans Verschwinden. Der junge Soldat hatte beim Vater seiner Braut um deren Hand angehalten. “Ira bolnoj”, hatte ihm dieser daraufhin entgegnet – Ingeborg sei geschlechtskrank. Ob er das denn wisse …? “Der arme Iwan hat ja glauben müssen, ich war ihm untreu”, schluchzt die 75-Jährige noch heute. “Ich hatte ja vor ihm keinen Mann gehabt.”
Nur allzu gern hätte Ingeborg Walla-Grom das richtig gestellt. Jahrzehntelang schrieb sie Briefe nach Russland. Ihr mittlerweile verstorbener erster und nun auch ihr zweiter Ehemann unterstützten sie stets dabei. Sogar Wladimir Putin und dem russischen Fernsehen hat sie geschrieben, ohne Erfolg. Viermal war sie in Russland, zeigte in Iwans Heimat das alte gemeinsame Foto herum. “Aber natürlich bringt das nichts, das weiß ich schon”, sagt sie. Es ist eben ihre große Lebensaufgabe: “Iwan war eben meine erste Liebe.”
Ihrem Vater hat sie mittlerweile verziehen. Bis heute spielt sie jeden Montagnachmittag mit dem 97-Jährigen im Pensionistenheim Floridsdorf Schach.
“Leiblicher Vater: Amerikaner (Neger)”
Tausende Besatzungskinder blieben nach 1955 mit ihrer Mutter in Österreich zurück. Hunderte von ihnen verschwanden – jene mit dunkler Hautfarbe.
Das Jugendamt war oft nicht zimperlich: Es wäre wohl das Beste für das Kind, so ein Aktenvermerk von damals, es in ein amerikanisches Kinderheim in der amerikanischen Besatzungszone zu stecken, da es dort “dann zu anderen Negern kommt”. Immerhin sei es ja “vollständig klar, dass für das Kind in Europa keine Chance besteht”.
Hunderte Frauen in Österreich hatten Kinder von afroamerikanischen Besatzungssoldaten zur Welt gebracht. “Leiblicher Vater: Amerikaner (Neger)”, stand in den Akten der Kinder. In ihrem Dorf, bei den Nachbarn galten sie meist nicht viel. Den tausenden anderen sah man es zumindest nicht gleich an.
Die Behörden sahen es als das Beste an, die Kinder in den USA oder Skandinavien zur Adoption freizugeben. Selbst eine eigene Stewardess war bei der belgischen Fluglinie Sabena – die einzige, die Minderjährige damals ohne Begleitung transportierte – für Österreichs ungeliebte Exporte abgestellt. Die Mütter konnten oft nur wenig Widerstand leisten, waren sie doch selbst – meist ledig – als “Negerhuren” verschrien.
Helmut Köglberger konnte damals in Österreich bleiben. Der Fußball-Nationalspieler und zweifache Torschützenkönig (1969 und 1975) im Dienste des LASK und der Wiener Austria wuchs bei seiner Großmutter auf. “Man hat mich nie so spüren lassen, dass ich anders sei”, so der 59-jährige Unternehmer heute. “Vielleicht hab ich’s aber auch nur nicht mitbekommen.” Gut, am Fußballplatz sei vielleicht das eine oder andere raue Wort wegen seiner Hautfarbe gefallen, “aber da herrschen eben auch rauere Sitten”. Und als er dann die gefeierte “schwarze Perle” des österreichischen Fußballs war, protzte im Ort ohnehin jeder damit, “den Helmut” schon als Kind gekannt zu haben.
Seine Mutter hat nie viel über seinen Vater gesprochen. “Irgendwie schmerzt es schon, nicht zu wissen, wer mein Vater ist. Als 15-Jähriger denkt man sich: Eh wurscht. Aber je älter man wird, umso mehr tut es weh”, so Köglberger heute. Wenigstens einen Namen hätte er gern gewusst. Oder zumindest ein Foto gesehen. “Nur um zu wissen, ob ich ihm ähnlich schau.”