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Hof der Engel

Reportage. Der Tod eines alten Boxers, fatale Streitigkeiten, junge Drogentote und Selbstmorde: Ein Gemeindebau in Wien-Brigittenau wird zum Symbol der Verzweiflung. Streifzug durch ein Soziotop. (für profil)

Wenn die Tragik zur Normalität wird, erreicht der Durst nach dem Außergewöhnlichen neue Dimensionen. “Und, was gibt’s sonst Neues?” – Die junge Mutter stellt ihr Einkaufssackerl vor dem Fenster der Hausmeisterin ab und blickt fragend zu ihr auf. Ein Mensch starb, durch die Gewalt eines anderen. Zehn Tage lag er tot in seiner Wohnung. Aber das weiß sie bereits.

“Und, was gibt’s sonst Neues?” Die Dosis Klatsch der jüngsten Tage will gesteigert werden. Der gewaltsame Tod eines alten Boxers ist bereits erzählt, auch dass seine eigentlich obdachlose Freundin zehn Tage mit der Leiche wohnen blieb. Die berauschende Wirkung des Spannungsgeladenen hat nachgelassen. Das Echo des Getuschels im Innenhof dieses festungsartigen Gemeindebaus ist verhallt.

Es ist der fünfte, vielleicht sechste, vielleicht sogar siebte seltsame Todesfall der jüngsten Zeit – je nachdem, wen man fragt, je nachdem, wie man zählt. Die Hausmeisterin kennt sie alle, diese Fälle. Alle hier kennen sie alle. Doch mehr als ein Achselzucken ruft das nicht mehr hervor.

Ein schlicht und adrett weiß getünchter Gemeindebau in Wien-Brigittenau verkommt zum Symbol für Gewalt und Verzweiflung unterprivilegierter Schichten. Die eben erst renovierten Mauern des Friedrich-Engels-Hofes, ein nach dem Schriftsteller und Arbeiterführer benannter Sozialbau der Zwischenkriegszeit, bringen ein Sozialdrama nach dem andern hervor.

Vergangene Woche war es der alte Boxer auf Stiege 12, der nach einem gewaltigen Streit mit seiner Freundin tot im Vorraum liegen blieb (siehe Kasten Seite 38). Abgegangen war er niemandem, obwohl der Mann mit dem Krückstock nun nicht mehr laut im Innenhof umherpoltert, wenn er vom Wirt gegenüber kommt.

Vor zwei Monaten war es der Langzeitarbeitslose von Stiege 2, der seinen 19-jährigen Nachbarn erstach, weil ihm dessen Musik zu laut war. Immer wieder hatte sich der allein erziehende Vater eines dreijährigen Buben bei der Hausverwaltung über alles Mögliche beschwert. Seit Langem galt er bei den Nachbarn als Querulant. “Wenn die nix unternehmen, muss ich halt selber was machen”, soll er vor der Tat noch gesagt haben.

Tragische Geschichten. “Da herinnen spielen sich G’schichten ab”, sagt die Hausmeisterin, “da ist der ,Kaisermühlen-Blues’ ein Dreck dagegen.” Das Geschichtenerzählen liegt ihr im Blut wie das Hausmeistern – eine Familientradition. Ihre Eltern waren Hausmeister, ihr Bruder, ihre Tante, eine Nichte und zwei Schwägerinnen. Und die würden auch alle Geschichten ihrer Mieter kennen. “Wie ich die von meinen Selbstmördern”, sagt sie. Drei Tage nach der Messerstecherei schrieb der Mieter auf Stiege 8 einen sehr persönlichen Abschiedsbrief, platzierte ihn auffällig für die Nachwelt und zog sich als finale Handlung seines Lebens ein Plastiksackerl über den Kopf.

Ein anderer, “der von der Vierzehner-Stiegn”, wie man hier sagt, stürzte sich vom Balkon. Das Motiv: Schulden. Die hatte auch der Herr aus dem hinteren Teil des Hofes. Als der Gerichtsvollzieher samt Delogierungstrupp an seiner Wohnungstür klingelte, richtete der Mann eine Waffe gegen seinen Kopf und drückte ab. “Die kriag’n mi da nie raus”, soll er immer wieder gesagt haben, erzählt der Wirt gegenüber: “Eher bring i mi um.” Auch ihn nahm keiner ernst.

“Vielen da fehlt’s am Geld”, sagt Frau Maria. “Oder sie geben’s falsch aus.” Die 83-jährige Dame öffnet Fremden nur ungern ihre Wohnungstür.

Dabei war die Idee des sozialen Wohnbaus gerade vom Gedanken beseelt, finanziell Minderbemittelten günstigen Lebensraum zu schaffen, den sie sich leisten können (siehe auch Infokasten). “Kasernen des Proletariats, weniger angelegt zum Bewohnen als zum Verteidigen”, schalten anonyme Schmähschriften den Karl-Marx-Hof bei dessen Erbauung um 1930, dem der gleich alte Friedrich-Engels-Hof in seiner festungsartigen Bauweise nicht unähnlich ist. 432 Wohnungen zählt allein der nun in die Schlagzeilen geratene Ausläufer des Engelshofs, die meisten zwischen 35 und 60 Quadratmeter groß, die Miete nicht übertrieben hoch. Oft schießt die Stadt ihren Mietern noch etwas zu. “Bis in die Zeit der Donauregulierung, 1869 bis 1884, befanden sich hier wilde Donauauen, Wasser und Wald”, feiert die Gedenktafel den Sieg des Menschen über die Natur, den Triumph des Roten Wien über das grüne.

Alte Zeiten. Doch die in Wählerstimmen gemessene Dankbarkeit der Arbeiterschaft an die Sozialdemokratie lässt nach. 1996 sank die Bürgermeisterpartei hier erstmals unter die 40-Prozent-Marke, die FPÖ eroberte hingegen damals ein Drittel der Stimmen. Den Umständen entsprechend liegen die Blauen seit Heinz-Christian Straches jüngstem Ausländerwahlkampf hier wieder ganz erklecklich.

“Man weiß halt nimmer, wen man wählen soll. Die tun alle nix für einen. Früher war’s angenehm, da zu wohnen”, sagt Herr Heinz, der seine kleine Dixie an der Leine führt. Seit 1951 lebt der ehemalige Siemens-Starkstrommonteur mit kurzer Unterbrechung in dem Bau an der Leystraße. “Aber seit sie uns die ganzen Kopftücher da reinsetzen – also i waß net.” Sobald es warm wird, sei es im Hof immer “viel zu laut, weil sich die da immer z’sammsetzen”. Dass die Außenmauern des festungsartigen Baus mit ihren Wohnungen just den Innenhof als Zentrum des sozialen Lebens umrahmen sollen, ist ihm “herzlich wurscht”. Ihn stört’s. Punkt. Unter einem Helmut Zilk sei eben alles anders gewesen.

Schwierige Typen. Auch bei der Hausmeisterin hat der Altbürgermeister einen großen Stein im Brett. Seit er damals ihrem Vater eine Wohnung verschaffte, als der eine brauchte. Die Geschichte erzählt sie gern und mit Bewunderung für den ehemaligen Stadtchef in der Stimme. Aber seit ein paar Jahren, sagt sie, hätte man eben lauter “solchene” in den Gemeindebau gesetzt. Sie meint damit keine Ausländer, “sondern eben solchene”.

“Solchene” wie die besachwalterte Frau von gegenüber, die zuletzt die kleinen Scheiben in den Kastenfenstern grundlos eingeschlagen hat und die man nicht aus dem Haus kriegt.

“Solchene” wie die beiden Frühpensionisten, die vom dritten Stock zwischen den Geländern bis ins Kellergeschoß runterpinkelten, weil sie wieder einmal völlig betrunken waren.

“Solchene” wie den Mittvierziger, von dem man erzählt, er habe sich einst eine 20-Jährige mit nach Hause genommen, die am nächsten Morgen “kalt war”. Oder, wie die Polizei es nennt, “die ihrem Suchtmittelkonsum zum Opfer fiel”.

Die Arbeit der Beamten, so sollte man meinen, habe hier Konjunktur. Doch die Statistiken des nahe gelegenen Kommissariats weisen seit Jänner nur 54 Einsätze aus: Diebstähle und Autoeinbrüche, Lärmerregung und Sachbeschädigung sowie acht Körperverletzungsanzeigen. Mehr war angeblich nicht. “Für so einen großen Block ist das nicht so tragisch”, sagt ein Beamter. “Aber es gibt leider die Tendenz, dass die Leute drumherum sich nicht mehr bei uns rühren, wenn sie was bemerken.”

Die Drogengeschichten, die die drei paffenden Halbwüchsigen im Hof öfter beobachtet haben wollen, dürften eben niemanden gestört haben.

Den Kerl aus dem dritten Stock hinten im Eck des Baus, der fast jeden Abend seine Frau schlägt, hat auch noch selten jemand angezeigt. “Bestenfalls wenn’s mich stört, dass seine Frau so laut schreit”, sagt ein Jungehemann, der ein paar Türen weiter wohnt.

Und Menschen, die nicht ständig Kontakt zu ihrer Familie halten, so sie eine haben, findet man dann eben auch erst nach Tagen oder Wochen. Wie hier einst den Vater des Sängers Tony Wegas, der tagelang tot in seiner Wohnung lag. Oder wie zuletzt eben auch den toten Boxer.

“Und, was gibt’s sonst Neues?”, fragt die junge Mutter und nimmt ihr Einkaufssackerl vor dem Fenster der Hausmeisterin wieder auf. “Eh nix.” Was soll es hier auch schon Neues geben.

Wohnbeton

220.000 Wohnungen, 14.000 Stiegen, 2200 Bauten: Gebaut ab 1919 in allen Stilrichtungen – von dem festungsartigen Stil des Karl-Marx-oder Friedrich-Engels-Hofes bis zu den Wohnsilos des Rennbahnwegs oder der Großfeldsiedlung -, bilden die Gemeindebauten eine der Kernerrungenschaften des Roten Wien ab den zwanziger Jahren.

Noch um die Jahrhundertwende davor hatten 95 Prozent der Wiener in teils prekären Behausungen ohne Wasser-und Sanitäranschluss gelebt. Nach 1945 wiederum fehlten in der Bundeshauptstadt allein durch die Kriegsschäden etwa 117.000 Wohnungen – so entstand mit schwedischer Hilfe damals auch die Per-Albin-Hansson-Siedlung in Wien-Favoriten.

Mittlerweile lebt ein Viertel der Wiener im Gemeindebau. Der günstige Wohnraum für Einkommensschwache konzentriert freilich auch viele soziale Probleme in den Wohnbetonmonumenten. Rund 10.000 Räumungsklagen bringen 500 bis 1000 Delogierungen jährlich. Wobei im Gutteil der übrigen Fälle die Stadt selbst ihre eigenen Mieter mit Wohnbeihilfen und Heizkostenzuschüssen subventioniert. Schuldnerberater und Delogierungsprävention suchen das Schlimmste zu verhindern – Erfolgsgarantien gibt es freilich keine.

Posted: Juni 2nd, 2006
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Armutszeugnis

Wien. Die Volksanwaltschaft kritisiert den rechtswidrigen Umgang mit Hilfebe- dürftigen im Wiener Sozialwesen. (für profil)

Üblicherweise ist es das Lieblingsthema der Sozialdemokratie: Mit Verve geißelt die SPÖ unsoziale Maßnahmen der schwarz-blau-orangen Bundesregierung von Pensionsreform bis Ambulanzgebühr. Just Volksanwalt Peter Kostelka, ehemaliger SP-Klub-obmann, ist es nun, der in einem neuen Bericht (siehe Faksimile) den teils rechtswidrigen Umgang mit Ansprüchen von Hilfesuchenden im Sozialressort des roten Wien kritisiert.

Der Kritikpunkt: Bei Anträgen, beispielsweise auf Sozialhilfe, würden oft keine Bescheide ausgestellt, sondern den Betroffenen die behördliche Ablehnung nur in formlosen Schreiben mitgeteilt. Im Gegensatz zu Bescheiden kann man aber Letztere nicht beeinspruchen, da sie juristisch irrelevant sind. Und da Juristen unter den Sozialhilfeempfängern dünn gesät sind, nehmen viele diese Briefe zur Kenntnis und kämpfen nicht weiter um Finanzunterstützung. Die Sache hat System: Für den Magistrat heißt das weniger Arbeit mit renitenten Bürgern und eine Entlastung des strapazierten Sozialbudgets. “Das ist völlig rechtswidrig, wird aber leider flächendeckend praktiziert”, so Kostelka. “Und es trifft sehr verletzliche Menschen, die kein Geld für Anwälte haben und so um ihren Rechtsanspruch umfallen.”

Prüfung. Auch beim “Fonds Soziales Wien” (FSW), dem Sozialressort vorgelagert und seit 2004 erste Anlaufstelle des Bürgers, kritisieren die Wiener Grünen eine ähnliche Praxis und wollen nun eine Kontrollamtsprüfung. “Wenn der Fonds Anträge ablehnt und man sich an den Magistrat wegen eines Bescheids wendet, heißt es oft: Das macht alles der Fonds’”, ärgert sich Gemeinderätin Sigrid Pilz. “So werden die Schwächsten im Kreis geschickt, bis sie entnervt aufgeben. Und die Stadt spart so Stück für Stück bei den Sozialausgaben.”

Fonds-Chef Peter Hacker und SP-Sozialstadträtin Renate Brauner weisen das zurück. “Der Bescheid ist ein Instrument des 19. Jahrhunderts”, so Hacker. Der Fonds wickle die Dinge eben rascher und effizienter ab. Und Brauner verspricht, künftig “bekommt jeder einen Bescheid, der einen will”. Vorher müssen aber Hausaufgaben nachgeholt werden: Die Beamten des Sozialressorts würden nun im Ausstellen von Bescheiden geschult, lässt Brauner wissen.

Posted: Juli 4th, 2005
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Schwerstbehindert

Wien. Ein kleiner Unternehmer steht vor dem Aus. Die Gemeinde Wien schuldet ihm mehr als 700.000 Euro und zahlt nicht. Jetzt klagt er die Stadt. (für profil)

Das Büro: im Hinterhof einer Autowerkstatt. Das Interieur: Marke “Low Budget”. Verschwendungssucht kann man Andreas Mertz nicht vorwerfen. Der 37-Jährige betreibt ein Taxi- und Mietwagenunternehmen, beschäftigt 125 Mitarbeiter, davon 15 Menschen mit Behinderung.

Dem Unternehmen steht das Wasser bis zum Hals. Banken verweigern Kredite, Verbindlichkeiten bei Lieferanten müssen bar beglichen werden. “Wenn wir nicht bald unser Geld bekommen, muss ich 90 Mitarbeiter kündigen”, sagt Firmenchef Mertz.

Sein Hauptschuldner: die Stadt Wien. Für den täglichen Transport von Menschen mit Behinderung in den vergangenen viereinhalb Jahren schulde ihm der Magistrat mehr als 700.000 Euro. Die will der 37-Jährige nun einklagen. Die Stadt ist per Gesetz verpflichtet, Menschen mit Handicap, die in einer Behinderteneinrichtung tätig sind, zum Arbeitsplatz und retour zu chauffieren, und sie bedient sich dazu privater Unternehmen.

Nicht kostendeckend. Mitte 1999 kam dem Magistrat aber der größte Auftrag-nehmer abhanden. Man suchte Ersatz, und Mertz sprang ein – vorerst zu den Tarifen seines Vorgängers. Einige Monate später halfen weitere Unternehmen aus.

Während die Tarife – sie waren längst nicht mehr kostendeckend – für die anderen Unternehmen jedoch nach einem halben Jahr vereinbarungsgemäß um 86 Prozent angehoben wurden, ging Mertz bei der Erhöhung leer aus. Später speiste man ihn mit einer Zulage von 44 Prozent ab. “Das widerspricht dem Gleichheitsgrundsatz”, sagt seine Anwältin Sabine Diener. “Auch wenn die Stadt Wien privatwirtschaftlich tätig ist, muss sie in diesem Fall für gleiche Leistung gleich viel bezahlen.”

Kontrollamt und Volksanwaltschaft geben ihr und Mertz Recht. Zweimal beanstandeten die internen Rathaus-Revisoren bereits die Vertragsgestaltung, zuletzt fand Volksanwalt Peter Kostelka, der immerhin ehemals SP-Klubobmann im Nationalrat war, in einem Prüfbericht klare Worte für die widerrechtliche Vorgangsweise der rot regierten Stadt (siehe Faksimile).

Warum die Gemeinde nicht zahlt, kann oder will man im Büro von Sozialstadträtin Grete Laska nicht begründen. “Mir wurden 140.000 Euro angeboten, wenn ich die Sache vergesse. Das sind gerade einmal 20 Prozent” – und für Mertz ein Affront.

Mittlerweile wird auch Kritik von anderen Beförderungsunternehmern laut. Denn seit eineinhalb Jahren arbeiten sie de facto ohne Rechtsgrundlage. Der Beförderungsvertrag lief Ende 2002 aus, die Neuausschreibung – mit der die Fahrten aufgrund gestiegener Lohnkosten teurer würden – wurde vom Vergabekontrollsenat zweimal wegen Rechtswidrigkeit gekippt, und seither wurde nicht mehr ausgeschrieben.

Peter Hacker, Chef des neu gegründeten stadteigenen Fonds Soziales Wien, will diesen Zustand noch eine Zeit lang beibehalten. Hacker: “Das ist zwar ein unbefriedigender Schwebezustand. Aber wir organisieren den Bereich gerade neu und hoffen bis Ende 2004 oder Mitte 2005 eine Lösung zu haben.”

Posted: Juli 5th, 2004
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