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	<title>josefbarth &#187; Wien</title>
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		<title>&#8220;Mit einem Fuß im Kriminal&#8221;</title>
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		<pubDate>Sun, 17 Feb 2008 07:00:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator>jb</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Affäre. Fahrlässige Tötung oder Systemfehler: Die Justiz stellt zwei Ärzte des Otto-Wagner-Spitals wegen eines Todesfalls vor Gericht. Dabei sind diese möglicherweise mehr Opfer als Täter. (für profil)
   Auf einmal stand er da und fragte nach dem Chefredakteur. Er hätte eine Anzeige zu machen und müsse unbedingt vorgelassen werden. Schließlich kenne er den Sohn [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><b>Affäre. Fahrlässige Tötung oder Systemfehler: Die Justiz stellt zwei Ärzte des Otto-Wagner-Spitals wegen eines Todesfalls vor Gericht. Dabei sind diese möglicherweise mehr Opfer als Täter.</b> <i>(für profil)</i></p>
<p>   Auf einmal stand er da und fragte nach dem Chefredakteur. Er hätte eine Anzeige zu machen und müsse unbedingt vorgelassen werden. Schließlich kenne er den Sohn eines ehemaligen Bundeskanzlers und sei imstande, innerhalb von 30 Minuten jemandem das Hüftgelenk zu operieren. Er zuckte. Immer wieder. Ruderte rastlos mit den Armen, wirkte manisch, aufgewühlt und ruhelos. Dann beschimpfte er den Portier in dessen Loge als &#8220;Schwuchtel&#8221;, zündete sich trotz Verbots eine Zigarette an und warf seine Schuhe nach den Autos am Wiener Gürtel, bevor er selbst auf die Straße stürmte und versuchte, wahllos Autos anzuhalten. Das Hupkonzert beeindruckte ihn nicht.</p>
<p>   Nun ist der Mann tot.</p>
<p>   Dienstag vergangener Woche war der 61-Jährige in der Redaktion der &#8220;Wiener Zeitung&#8221; vorstellig geworden: geistig verwirrt, teilweise tobend. Polizei und Rettung verfrachteten ihn ins Otto-Wagner-Spital (OWS), wo man den Tobenden in einem der mittlerweile berüchtigten Netzbetten fixierte &#8211; und wo er wenige Stunden darauf verstarb. Es ist die tragische Ironie dieses Falles, dass es just die &#8220;Wiener Zeitung&#8221; gewesen war, die mit ihrer Kritik an diesen Netzbetten die Affäre um die Wiener Psychiatrie ins Rollen gebracht hatte.</p>
<p>   Seither werfen immer neue Details ein schiefes Licht auf die Pavillons der Baumgartner Höhe bzw. deren Verwaltung.</p>
<p>   Nachdem profil vor wenigen Wochen interne Dokumente der Psychiatrie veröffentlichte, in denen Ärzte und Pfleger die katastrophalen Bedingungen im Otto-Wagner-Spital anprangerten, wurden Mitarbeiter eingeschüchtert, Kündigungsdrohungen ausgesprochen und selbst die Schließung der gesamten Einrichtung angedeutet. Die Rathausopposition beruft nun eine Untersuchungskommission ein, mit der die Causa genau unter die Lupe genommen werden soll. Im Visier steht die zuständige SPÖ-Stadträtin Sonja Wehsely, die bislang meist den &#8211; ihr unterstellten &#8211; Krankenanstaltenverbund (KAV) als Spitalsverwalter vorschickte.</p>
<p>   profil liegen nun die Fakten eines weiteren tragischen Todesfalls im Netzbett vor, der selbst die Justiz zu umfangreichen Erhebungen gegen zwei Ärzte des Otto-Wagner-Spitals veranlasst hat. Diese werden sich demnächst vor Gericht verantworten müssen.</p>
<p>   Unter der Aktenzahl 14 U 590/07 hat die Staatsanwaltschaft Wien die Umstände des plötzlichen Todes eines Patienten ermittelt. Über Jahre hinweg hatte der Wiener wiederkehrende psychotische Schübe und war durch dutzende Besuche auf der Baumgartner Höhe bereits bestens bekannt. Ebenso dürfte bekannt gewesen sein, dass er in diesem Zustand zu Aggression und Gewalttätigkeit neigte und mit der üblichen Dosis Sedativa kaum ruhigzustellen war. Zwei Tage war der leicht verwahrloste Patient schon in Behandlung, als er in der Nacht neuerlich im Netzbett fixiert und sediert werden musste.</p>
<p>   Kurz darauf war er tot.</p>
<p>   Maulkorberlass. Nach über zweijähriger Ermittlungsarbeit und gerichtsmedizinischen und -psychiatrischen Gutachten stellte die Justiz nun Strafanträge gegen die betroffenen beiden Mediziner wegen fahrlässiger Tötung. Die betroffenen Ärzte wollten gegenüber profil nicht Stellung nehmen. Ihnen sei es von der Spitalsführung aus nicht erlaubt, mit den Medien zu sprechen &#8211; nicht einmal zu ihrem eigenen Fall. Es gilt die Unschuldsvermutung.</p>
<p>   Doch der Fall wirft die Frage auf, ob nicht die Rahmenbedingungen in der Psychiatrie derlei Fälle provozieren &#8211; und letztendlich die Ärzte als Letzte in der Kette den schwarzen Peter erben.</p>
<p>   Die zuständigen Ärzte kontrollierten damals jede Stunde den Zustand des Mannes &#8211; so oft das einem Arzt während einer Nachtschicht scheinbar möglich ist. Ein Facharzt und zwei Zweitärzte sind in diesen Stunden für etwa 120 (meist volle) Betten verantwortlich. Allein der Fußweg zwischen den Pavillons kann sich von und zu einem Patienten schon auf eine gute Viertelstunde summieren.</p>
<p>   Nach profil vorliegenden internen Papieren haben Ärzte am OWS das Risiko einer &#8220;Übernahmefahrlässigkeit&#8221; und sogar eines &#8220;Organisations(mit)verschuldens&#8221; schon thematisiert (siehe Faksimile). Das Personal vor Ort ist gezwungen, permanent gegen Vorschriften zu verstoßen, die gemacht wurden, ohne auf tatsächliche Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen &#8211; oder diese zu ändern. Und die Gratwanderung entlang dieser Kluft zwischen Theorie und Praxis bringt die Helfer immer wieder gefährlich nahe an den Rand der Kriminalität.</p>
<p>   Wird jemand eingeliefert, muss man ihn aufnehmen, auch wenn nur noch, wie schon vorgekommen, im Wintergarten Platz ist &#8211; sagt das Gesetz. Tobt er und könnte sich oder andere verletzen, muss man ihn fixieren oder sedieren &#8211; sagt die Logik. Ist er fixiert oder sediert, muss man ihn permanent überwachen &#8211; sagt die Dienstvorschrift. Das ist aber bei einem nächtlichen Arzt-Patienten-Verhältnis von bis zu 3:120 schlicht unmöglich.</p>
<p>   Intensivbetten zur permanenten Kontrolle der Lebensfunktionen fehlen. Bei einem akuten Notfall, so ein internes Mail der KAV-Führung, möge man sich durch die anderen Krankenhäuser Wiens telefonieren, um irgendwo ein Bett zu finden. Einen Organisationsplan gibt es nicht. Erst vor wenigen Monaten, so klagt eine Pflegerin in einem Mail an die Führung, sei ein Patient um ein Haar verstorben, weil kein Intensivmediziner erreichbar war. Nur Glück bewahrte Patienten und Pfleger vor dem Schlimmsten.</p>
<p>   &#8220;Wir wissen, dass wir oft mit einem Bein im Kriminal stehen. Und das es gefährlich sein kann&#8221;, sagt ein Mitarbeiter gegen Zusicherung von Anonymität gegenüber profil. &#8220;Wir lassen uns aber fahrlässigerweise darauf ein, weil die Alternative hieße, die Behandlungen ganz zu unterlassen &#8211; was für den Patienten noch gefährlicher sein könnte.&#8221;</p>
<p>   Sollte sich im konkreten Fall herausstellen, dass dem Spitalsbetreiber bewusst war, in welch aussichtslosen Kampf er seine Mitarbeiter täglich schickte, könnte ein derartiges &#8220;Organisationsversagen&#8221; nicht nur politische Probleme für Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, sondern auch juristische Konsequenzen für die Spitalsbetreiber nach sich ziehen.</p>
<p>   Dementsprechend ist der Krankenanstaltenverbund bemüht, jeden weiteren Fall herunterzuspielen. Im Fall jenes 61-Jährigen, der bei der &#8220;Wiener Zeitung&#8221; randalierte, ließ der KAV wissen: Der Tod sei aufgrund einer akuten Herzschwäche &#8220;unvorhersehbar und unvermeidlich&#8221; gewesen.</p>
<p>   Allein: Hundertprozentige Sicherheit kann nur eine chemische Analyse bringen, sagen führende Experten. Und diese nimmt üblicherweise einige Zeit in Anspruch. Im Fall des 61-Jährigen diagnostizierte der KAV bereits tags darauf die &#8220;unvermeidliche&#8221; Todesursache. Obduktionen werden in Wien seit dem Politstreit um das Gerichtsmedizinische Institut nur noch in den Spitälern durchgeführt. So auch diese. Der Patient wurde im OWS selbst obduziert. Und das untersteht bekanntlich dem KAV &#8211; und damit der Stadt Wien.</p>
<blockquote><p><b>Ringen um Sicherheit</b></p>
<p>   <i>Nach einem profil-Bericht über die Zustände am OWS wurde jetzt private Security abgestellt. Ärzte und Pfleger atmen vorerst auf.</i></p>
<p>   Die Uniformen imitieren das Blau der Polizei, der Schriftzug am Rücken macht aber deutlich, dass hier Private am Werk sind: &#8220;Security&#8221; steht da in fetten weißen Lettern zu lesen. Und die Bewaffnung der Zweierteams, die sogar mittels eigenem Wagen zwischen den Pavillons pendeln, unterscheidet sich klar von jener eines Polizisten. Keinen Schlagstock, keinen Pfefferspray, keinen Elektroschocker &#8211; oder gar noch Gefährlicheres &#8211; setzen die privaten Sicherheitsleute ein. Ihr Job ist mit Körperkraft zu erledigen. Und musste bisher dennoch von Ärzten und Pflegern gemacht werden.</p>
<p>   Randalierende Patienten brauchen nun nicht mehr von schmächtigen Schwestern niedergerungen werden, sondern können in den Armen der Sicherheitsleute sediert werden, bis sich ihr psychotischer Ausnahmezustand gelegt hat. Und erst seit die Sicherheitsleute Buch über ihr Eingreifen führen, ist verbrieft, wie oft sich derartige Fälle in der Psychiatrie zutragen. Ein- bis zweimal pro Schicht etwa müssen die Securities Ärzten oder Pflegern beistehen.</p>
<p>   Die Sicherheitsleute wurden erst nach einer profil-Geschichte über die dramatischen Zustände am Wiener Otto-Wagner-Spital eingestellt. Ärzte und Pfleger waren bis dahin unzählige Male von Patienten attackiert und teils schwer verletzt worden. Die Zahl der Übergriffe war in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Vor allem seit sich Drogenkranke immer öfter ganze Cocktails verschiedener Substanzen verabreichen, ist das Aggressionspotenzial generell gestiegen.</p>
<p>   &#8220;Jedem Mitarbeiter hier ist klar, dass die Arbeit auf der Psychiatrie kein Honiglecken ist&#8221;, sagt Personalvertreter Werner Binder. &#8220;Aber wir arbeiten hier, um zu heilen, nicht um zu raufen. Das wurde jetzt wieder ein wenig leichter.&#8221;</p>
</blockquote>
<blockquote><p>
<b>Die Chronologie der Psychiatrie-Affäre</b></p>
<p>   15./16. Dezember: Die &#8220;Wiener Zeitung&#8221; berichtet, Patienten lägen in so genannten Netzbetten teils Stunden in ihren eigenen Exkrementen. Wenig später prangert die Familie eines Patienten in der &#8220;Presse&#8221; ähnliche Zustände an.</p>
<p>   19./20. Dezember: Dokumente belegen, dass schon Sonja Wehselys Vorgängerin als Gesundheitsstadträtin, Renate Brauner, von Zwischenfällen informiert war. Erstmals räumt der KAV &#8220;Probleme bei der Verfügbarkeit von Ärzten zur Stoßzeit&#8221; ein.</p>
<p>   14. Jänner: profil veröffentlicht interne Unterlagen aus dem OWS: Ärzte und Pfleger wurden von Patienten angegriffen, fehlendes Personal und mangelnde Ausstattung führen zu Risiken für fixierte Patienten. Der KAV erhöht daraufhin die Zahl der Ärzte (plus zwölf), Pfleger (plus 18) und engagiert einen 24-Stunden-Security-Service.</p>
<p>   30. Jänner: Der &#8220;Kurier&#8221; berichtet über eine Patientin, die nach ihrer Fixierung so schlecht beaufsichtigt wurde, dass sie sich selbst in Brand stecken konnte.</p>
<p>   7. Februar: Die Rathaus-Opposition will eine Untersuchungskommission einrichten.</p>
<p>   12. Februar: Ein geistig verwirrter Ex-Arzt wird bei der &#8220;Wiener Zeitung&#8221; vorstellig. Er wird eingewiesen und in einem Netzbett fixiert. Wenige Stunden später ist er tot.
</p>
</blockquote>
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		<title>Schocktherapie</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Jan 2008 07:00:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>jb</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Affäre. Messerattacken auf Ärzte, Gewalt gegen Schwestern, mangelnde Ausstattung &#8211; teils traut sich nicht einmal die Polizei ins Otto-Wagner-Spital: Vertrauliche Unterlagen zeigen dramatische Zustände an der Wiener Psychiatrie. (für profil)
   Es ist ein Tag wie jeder andere in den historischen Pavillons der Baumgartner Höhe. Ein paar verstreute Stück Weihnachtsdekoration erinnern noch an die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><b>Affäre. Messerattacken auf Ärzte, Gewalt gegen Schwestern, mangelnde Ausstattung &#8211; teils traut sich nicht einmal die Polizei ins Otto-Wagner-Spital: Vertrauliche Unterlagen zeigen dramatische Zustände an der Wiener Psychiatrie.</b> <i>(für profil)</i></p>
<p>   Es ist ein Tag wie jeder andere in den historischen Pavillons der Baumgartner Höhe. Ein paar verstreute Stück Weihnachtsdekoration erinnern noch an die jüngsten Feiertage. Im muffigen Speisesaal starren verdatterte Menschen in Bademänteln mit leeren Augen in den Fernseher und lauschen gebannt den Problemen der Gäste in der Barbara-Karlich-Show. Im Raucherzimmer nebenan vertreiben sich andere die langen Stunden des Tages damit, Rauchringe in die ohnehin verqualmte Luft zu paffen.</p>
<p>   Plötzlich Unruhe im Zimmer am Ende des Ganges. Ein Patient weigert sich, die Bettruhe einzuhalten. Er stößt seine Pflegerin zu Boden und tritt mehrfach brutal auf die Frau ein.</p>
<p>   Business as usual auf der psychiatrischen Station des Wiener Otto-Wagner-Spitals. Denn dieser Vorfall steht keineswegs für sich allein.</p>
<p>   Die Geschichten über Übergriffe auf Ärzte und Pfleger sind hier, im Spital im 14. Wiener Gemeindebezirk, ein offenes Geheimnis. Eine Ärztin konnte nach der Verletzung durch einen Patienten ihren rechten Arm monatelang nur eingeschränkt bewegen. Zwei Pflegern stach ein Tobender mit einem Messer fast die Augen aus (siehe Kasten unten). “Früher hatten wir noch einen solchen Vorfall pro Woche”, sagt ein Mitarbeiter unter Zusicherung von Anonymität, “jetzt sind es manchmal zwei bis drei pro Dienst.” Dem Personal am Otto-Wagner-Spital (OWS) ist es per Dienstanweisung nicht erlaubt, mit der Presse zu kommunizieren. Jeder Kontakt ist genehmigungspflichtig (siehe ebenfalls Kasten).</p>
<p>   Doch profil liegen nun interne Papiere aus dem Krankenhaus vor, die für sich selbst sprechen. In zahlreichen E-Mails, Berichten und Sitzungsprotokollen weisen die Betroffenen ihre Vorgesetzten auf die dramatische Personalsituation und die Gefahr für Leib und Leben hin.</p>
<p>   Ein Protokoll vom 27. November 2007 zeigt die Ängste der Mitarbeiter. Bei “gewalttätigen und potenziell gefährlichen Patienten”, schreiben zwei Ärzte, hätten “Mitarbeiter im Haus derzeit im Rahmen ihres Dienstes keine Absicherung und würden dadurch ihre Gesundheit und auch ihr Leben in Gefahr bringen”.</p>
<p>   Abgesehen davon habe man die Psychiatrie ausgehungert: Regelmäßig komme es zu Dienstzeitüberschreitungen, bei denen sich die Ärzte selbst anzeigen müssten. Dienstposten würden systematisch um drei Monate verzögert nachbesetzt, um Geld zu sparen &#8211; wie ein profil ebenfalls vorliegendes Kurzprotokoll der ärztlichen Direktorin zeigt.</p>
<p>   Warnung der Ärzte. Schlussfolgerung der Ärzte in einem Hilferuf an ihre Vorgesetzten: “Wir möchten Sie darüber informieren, dass eine adäquate, State of the Art’-Versorgung psychiatrischer/internistischer Notfallpatienten infolge mangelnder personeller und/oder apparativer Ausstattung unseres Hauses nicht möglich ist.”</p>
<p>   Benötigen Patienten außerdem aufgrund akuter Notfälle intensivmedizinische Betreuung, müssen sich die Ärzte laut Dienstanweisung “selbstständig um ein Bett in anderen Spitälern bemühen. Das Problem: Werden Patienten auf normalen Intensivstationen hysterisch, schiebt man sie gern auf die Psychiatrie ab. Wird ein Psychiatriepatient ein Fall für die Intensivmedizin, will ihn woanders oft keiner haben.</p>
<p>   Selbst die ehemalige SPÖ-Gesundheitsstadträtin Elisabeth Pittermann nimmt sich in der Debatte kein Blatt vor den Mund: Sie habe schon in ihrer Amtszeit vorgeschlagen, die dortige Psychiatrie aufzulösen und auf andere Krankenhäuser aufzuteilen. Das Areal sei zu weitläufig, die Bauten aus der Jahrhundertwende zu alt. Auch die Anstalt im niederösterreichischen Gugging sei aufgelöst worden. Pittermann: “Diesen Mikrokosmos dort habe ich nie für gut gehalten.”</p>
<p>   Eine Folge der Unterbesetzung, wie sie ein Arbeitskreis von Experten des OWS schon vor einiger Zeit protokollierte: “Der Arbeitskreis kommt weitgehend übereinstimmend zur Ansicht, dass vermehrte Personalressourcen (1:1-Betreuung) helfen können, Medikamente einzusparen.” Mit anderen Worten könnte man sagen: Es scheint, als würden derzeit im Zweifel mehr Beruhigungsmittel verabreicht, als bei besserer Betreuung eigentlich nötig wären.</p>
<p>   Der Wiener Krankenanstaltenverbund (KAV) weist die Vorwürfe zurück. Und für das Büro von SPÖ-Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely war die Causa schon fast erledigt: Zwölf neue Ärzte, so wurde sie nicht müde, die angebliche Lösung des Problems zu betonen, seien ja ohnehin schon zugesagt. 92 statt 80 Ärzte: Das Problem sei gelöst. Was man weniger gern dazusagt: Bei rund 30 der bisherigen 80 Ärzte handelt es sich um Ärzte in Ausbildung, die also kaum echte Unterstützung sein können. Ebenso wie die neuen zwölf. In anderen Worten: Etwa 40 von 92 Ärzten am OWS genießen mehr oder minder noch Anfängerstatus.</p>
<p>   Die nun aufgetauchten Unterlagen stellen die bisherigen Rechtfertigungen des Wiener Gesundheitswesens jedenfalls infrage. Die Psychiatrie wurde in den vergangenen Jahren mit Aufgaben überhäuft, ohne dass die Ausstattung Schritt hielt: Kinder und Jugendliche (der jüngste zehn Jahre alt) müssen nun mitbetreut werden, obwohl die Ärzte keine Spezialausbildung dazu haben; das Nordburgenland schickt seine Patienten, weil “Gugging überraschend schloss”, wie es in einem internen Schreiben heißt. Und selbst das Bundesheer schickte kürzlich einen Grundwehrdiener zur psychischen Tauglichkeitsprüfung für den Grenzeinsatz.</p>
<p>   Kritik an Fesseln. Ins Rollen gebracht hatte die Affäre vor wenigen Wochen eine mutige Pflegerin. Der “Wiener Zeitung” berichtete sie, wie Patienten angeblich stundenlang in eigenen Spezial-, so genannten Netzbetten, angebunden würden. Einige sollen stundenlang in ihren eigenen Exkrementen gelegen sein. Diese Beschränkungen, die nur von Ärzten verordnet werden können, würden am Otto-Wagner-Spital auch von Schwestern und Pflegern vorgenommen, so die Berichte. Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely wies das zurück, keiner der Vorwürfe gegen das Otto-Wagner-Spital könnte bestätigt werden. Die Staatsanwaltschaft Wien prüft die Vorfälle dennoch. 1600-mal wurden Patienten im abgelaufenen Jahr in Netzbetten gesteckt oder mit Gurten ans Bett geschnallt. Eine enorme Zahl, nicht zuletzt zurückzuführen auf die schwache Personalsituation. “Wenn jemand tobt und um sich schlägt, ist er eine Gefahr für sich, uns und die anderen Patienten”, sagt eine Mitarbeiterin im Spital. Weder die landläufig bekannten Zwangsjacken noch Gummizellen gibt es noch in der Psychiatrie. Auch jener Patient, der wegen verordneter Bettruhe die Pflegerin niederschlug und tobte, musste im Netzbett ruhiggestellt werden.</p>
<p>   Und die Aggressivität der Patienten steige zusehends. “Früher waren die Leute entweder alkoholisiert oder am Trip eines verbotenen Rauschmittels. Heute haben viele einen ganzen Cocktail an Medikamenten und Drogen intus”, so der Insider. Meist sei Kokain dabei: “Die sind so überdreht, die kriegt man dann kaum mehr in den Griff.” Auch immer mehr nicht ganz ungefährliche Waffen hätten die Delinquenten bei ihrer Einlieferung dabei: Gaspistolen, Messer, Geflügelscheren &#8211; alles schon da gewesen. Bisher wurde es immer noch rechtzeitig gefunden. Bisher.</p>
<p>   In einem Protokoll schreiben Ärztevertreter: “Wir haben offensichtlich keine Deckung durch das Rechtssystem.” Die Ärzte seien damit “weder personell noch von der apparativen Ausstattung in der Lage, mit solchen potenziell gefährlichen Patienten umzugehen”. Es sei bedauerlich, dass am OWS das “Verletzungs- und Aggressionsrisiko als berufsimmanent einfach in Kauf genommen wird und Mitarbeitern sogar von Anzeigen von Körperverletzungen oder Drohungen abgeraten wird!” Und die Ärzte fordern eine klare Dienstanweisung, wie man Patienten künftig korrekt “niederringen” solle &#8211; oder die sofortige Installierung eines Security-Services, damit man sich wieder auf die Hauptaufgabe &#8211; das Heilen &#8211; besinnen könne.</p>
<p>   Das Problem ist beim Spitalsverantwortlichen, dem KAV, lange bekannt: Bereits am 7. März vergangenen Jahres fasst die Personalabteilung des KAV die Probleme in einem internen Sitzungsprotokoll unter dem Betreff “Körperliche Gewalt und tätliche Übergriffe von Patienten gegenüber Mitarbeitern im OWS” zusammen. Darin orten die Verantwortlichen eine “wahrnehmbare Steigerung der Gewaltbereitschaft” sowie Risiken für die “Sicherheit für Mitarbeiter des OWS”.</p>
<p>   Bisher einzige Reaktion seitens der Spitalsführung: ein drei Jahre zurückliegendes Deeskalationstraining und ein Selbstverteidigungskurs im Turnsaal für alle Interessierten …</p>
<p>   Die Wiener Grünen haben das Gesundheitsthema für sich entdeckt und machen seither Druck auf die Stadträtin Wehsely. “Die Strukturen in der Psychiatrie in Wien haben sich seit den Reformen der achtziger Jahre leider nicht mehr weiterentwickelt”, kritisiert die Grüne Sigrid Pilz. “Psychische Erkrankungen sind immer noch ein Tabuthema in der Gesellschaft. Man will die Leute einfach weghaben. Denen, die sich dann um sie kümmern, gibt man aber nicht die notwendigen Ressourcen dazu.” Wehsely selbst lässt über ihren Sprecher nur auf den ihr unterstellten Krankenanstaltenverbund verweisen. Was Pilz besonders ärgert: “Die Frau Stadträtin ist ausschließlich damit beschäftigt, die problematische Situation wegzuleugnen. Die Menschen hätten aber weit mehr davon, wenn man endlich einräumt, dass es hier ein Strukturproblem gibt &#8211; und die Energie darin investiert, dieses zu lösen.” Doch der Untergebene, KAV-Chef Wilhelm Marhold, sorgt im profil-Gespräch für eine Überraschung. Obwohl das Stadtratsbüro und der Krankenanstaltenverbund seit Wochen predigen, es gebe keine Probleme, verspricht Marhold nun nach den profil-Recherchen die Einrichtung von Security-Services: “Wir werden punktuell Security-Dienste einsetzen und erheben derzeit gerade, in welchen Ambulanzen und Aufnahmestationen das am wichtigsten ist. Die Psychiatrie am Otto-Wagner-Spital gehört aber mit Sicherheit dazu!” Und nicht nur das: Auch die Anzahl der Pflegekräfte, die in der medialen Diskussion wochenlang als “völlig ausreichend” qualifiziert wurde, soll nun erhöht werden. 18 zusätzliche Dienstposten werden den sechs Regionalpsychiatrien genehmigt. “Wir wollen die Kräfte dort verstärken, wo sie in der akutpsychiatrischen Versorgung gebraucht werden.”</p>
<p>   Ob das Ärzten und Personalvertretern reicht, ist offen. Denn der nächste Ansturm auf die Psychiatrie ist programmiert. Für die Fußball-Europameisterschaft erwarten Experten hunderte so genannter Fans, die sich psychisch nicht im Griff haben: “Und was die alles im Blut haben werden, wollen wir uns gar nicht ausmalen.”</p>
<p>***</p>
<p>Geistig abnorm und kaum bewacht</p>
<p>Justiz. Der eine schnitt seiner Mutter den Kopf ab, der andere wollte im Callcenter Bomben legen: Die Rechtsbrecher auf der forensischen Psychiatrie werden vom Justizministerium nur mehr zu den Amtsstunden bewacht: werktags 8 bis 16 Uhr.</p>
<p>   Einzig die “Kronen Zeitung” meldete den Vorfall vom 23. Oktober. Und selbst sie nur als Randnotiz: “Ein Streit zwischen zwei Patienten der Psychiatrischen Anstalt auf der Baumgartner Höhe endete in einer blutigen Messerstecherei: drei Spitalsangestellte &#8211; eine Ärztin und zwei Pfleger -, die den Streit schlichten wollten, wurden schwer verletzt.”</p>
<p>   Nach profil-Recherchen kann von einem Streit zwischen Patienten jedoch keine Rede gewesen sein. Vielmehr handelte es sich um einen Mord- oder zumindest Geiselnahmeversuch. Ein Insasse der forensischen Psychiatrie, der Abteilung für geistig abnorme Rechtsbrecher, hatte die Ärztin gezielt mit einem Messer in der Hand attackiert. Die beiden Pfleger, die zu Hilfe eilten, hätten das fast selbst mit dem Leben &#8211; oder zumindest ihrem Augenlicht bezahlt.</p>
<p>   Die “Krone” schreibt: “So schnell konnte er gar nicht schauen, ging er mit Horror-Schmerzen zu Boden: Der Psychiatriepatient hatte ihm ein Buttermesser ins Auge gerammt.”</p>
<p>   Konsequenzen aus dem Vorfall: mehr oder minder keine.</p>
<p>   In der forensischen Abteilung sitzen die schwereren Jungs. Jener Wiener, der seiner Mutter den Kopf abschnitt und ihn in die Auslage ihres Geschäfts legte, war hier. Oder der, der in mehrere Callcenter Bomben legen wollte.</p>
<p>   Die Staatsanwaltschaft Wien bestätigt die Sache zwar inhaltlich, stellte das Verfahren aber ein. Juristische Begründung: Straftaten, die während des Maßnahmenvollzugs gesetzt werden, würden nicht weiter verfolgt, da es ohnehin keine schwerere Beschränkung als den Verbleib in der Psychiatrie-Einrichtung gebe. Während jeder noch so kleine Schlag gegen einen Justizwache- oder Polizeibeamten im Dienst als schwere Körperverletzung bestraft wird, ist der Mordversuch an Pflegern und Ärzten in der forensischen Psychiatrie straffrei. Selbst wenn jemand gestorben wäre, wäre dem Täter nichts weiter geschehen. Und das, obwohl viele der Insassen dort nicht per se gestört sind, sondern lediglich zum Zeitpunkt ihrer einstigen Tat für nicht zurechnungsfähig erklärt wurden.</p>
<p>   Damit werden Ärzte und Pfleger für eine stolze Gefahrenzulage von maximal 100 Euro monatlich zum Freiwild der Insassen. Denn während diesen &#8211; juristisch gesehen &#8211; von der Justiz absolute Narrenfreiheit gewährt wird, hat man ihre Bewacher eingespart. Das Ministerium bewilligt nur einen einzigen Justizwachebeamten für die angeblich nicht allzu gefährlichen Insassen &#8211; und auch dieser waltet nur werktags zwischen 8 und 16 Uhr seines Amtes. Ansonsten steht nur ein Mitarbeiter des privaten Bewachungsunternehmens pro forma herum.</p>
<p>   Auch von ihren Arbeitgebern dürfen sich die Spitalsangestellten kaum Unterstützung erwarten. Verwaltung und Politik versuchen Fälle wie diesen scheinbar zu vertuschen. Eine Woche nach der Fehlinformation über einen angeblichen “Streit unter Patienten” an die “Krone” erging ein nachdrücklicher Maulkorberlass an alle Mitarbeiter. Darin heißt es zum “Umgang mit Medienanfragen”: “Grundsätzlich ist auch schon die Bestätigung von Informationen gegenüber Medien verboten.” Gezeichnet: die komplette kollegiale Führung des Otto-Wagner-Spitals.</p>
<p>   Und obwohl die Verantwortliche für Sofortmaßnahmen im Krankenanstaltenverbund, Susanne Drapalik, öffentlich erklärte, dass alles in bester Ordnung sei (siehe auch oben), beweist ein internes Papier, dass die KAV-Führung sehr wohl um die immer größer werdenden Probleme weiß. In einem Brief an die Kollegiale Führung des Hauses protokolliert Primararzt Harald David Ergebnisse einer Sitzung wie folgt: “Frau Dr. Drapalik berichtete auch von einem Ansteigen der Zahl von Vorfällen und der möglichen Notwendigkeit einer eventuellen Diskussion zur Abwägung von denkbaren Maßnahmen in diesem Bereich.”</p>
<p>   “Mögliche Notwendigkeit”, “eventuelle Diskussion”, “Abwägung denkbarer Maßnahmen” &#8211; für den grünen Gemeinderat David Ellensohn ist die Verniedlichung ein Affront. “In diesem Bereich Kosteneinsparungen vorzunehmen ist gegenüber den Patienten und dem Personal unverantwortlich. Auch das Zurücklegen der Anzeigen ist untragbar.” Private Sicherheitsdienste hätten im justiziellen Bereich nichts verloren, so Ellensohn.</p>
<p>   Die Polizei dürfte sich jedoch zuletzt auch aus der Verantwortung genommen haben. Die ersten Beamten vor Ort weigerten sich, das Stockwerk zu betreten und sich dem Amokläufer mit dem Messer zu stellen. Erst eine halbe Stunde später traf die Alarmabteilung WEGA ein, die den Mann überwältigte.</p>
<p>   Das Sitzungsprotokoll des Primars zu dem Vorfall: “Die Polizei hat bis zu 12 Prioritätsreihungen in der Notfallbearbeitung, der Vorfall am Pavillon 23 war mit Stufe 4 gereiht worden.” Gewagte Einstufung eines Messerstichs ins Auge. Der Polizeivertreter regt laut Protokoll an, “es müsste aber am Notruf die Gefahr deutlicher beschrieben werden (Stichworte wie Waffe, Geiselnahme oder Ähnliches)”. Und wenn die Beamten dennoch Schwierigkeiten machen sollten, stellt er sogar eine Alternative in Aussicht: “Bei abweisendem oder unfreundlichem Verhalten von Sicherheitsbeamten gäbe es auch eine Beschwerdemöglichkeit in der Polizeidirektion.”</p>
<p>   Die beiden Pfleger, die nunmehr Narben im Gesicht tragen, wird das sicher beruhigen.</p>
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		<pubDate>Mon, 26 Nov 2007 07:00:59 +0000</pubDate>
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		<description><![CDATA[   Affäre. Ein Jahr lang wucherten Metastasen in ihm. Damals hätte man operieren können. Die Ärzte von Herrn Cong wussten um die Krebszellen &#8211; er selbst erfuhr nichts. Nun wird er sterben. (für profil)
   Der 10. Oktober 2006 war kein guter Tag. Die von Herrn Cong so geschätzte britische Snooker-Legende Paul [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>   Affäre. Ein Jahr lang wucherten Metastasen in ihm. Damals hätte man operieren können. Die Ärzte von Herrn Cong wussten um die Krebszellen &#8211; er selbst erfuhr nichts. Nun wird er sterben.</strong> <em>(für profil)</em></p>
<p>   Der 10. Oktober 2006 war kein guter Tag. Die von Herrn Cong so geschätzte britische Snooker-Legende Paul Hunter starb. Mit seinem unfassbaren Talent, schon lang  <span id="more-65"></span>verloren geglaubte Partien umzudrehen, war Hunter zum Liebling der Billard-Aficionados geworden. An jenem 10. Oktober schaffte er trotz dritter Chemotherapie kein Comeback mehr.</p>
<p>   Und der 10. Oktober war auch jener Tag, an dem Herr Cong erfuhr, dass er am gleichen seltenen Dickdarmkrebs sterben wird, wie der von ihm geschätzte Spieler.</p>
<p>   An diesem Tag war seine Diagnose allerdings bereits ein Jahr und 111 Tage alt. Fünfzehn Monate, in denen sich Herr Cong völlig gesund glaubte und die Metastasen unbehindert in ihm wuchern konnten &#8211; weil es in seinem Spital niemand für nötig befand, ihm mitzuteilen, dass er Krebs habe.</p>
<p>   Für eine Operation ist es nun zu spät. Sein Körper ist voll mit Metastasen, jede kleinste Bewegung könnte zu einem Knochenbruch führen, der nicht mehr heilen würde. Die ihm gegebene Zeit hat er bereits überschritten. Dass er sich noch einigermaßen bewegen kann, führt der Austro-Chinese auf eine spezielle chinesische Zusatzbehandlung zurück. Das Unvermeidliche lässt sich aber auch damit nicht abwenden.</p>
<p>   Lange hat Herr Cong auf eine gütliche Einigung und zumindest einen Unterhalt für seine Frau und seinen 17-jährigen Sohn gehofft. Doch das betroffene Wiener Hanusch-Spital will keine Schuld eingestehen. Sein Eigentümer, just die per Gesetz als patientenfreundlich definierte Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), schiebt die Sache auf die Versicherung &#8211; und diese, die Wiener Städtische, hat nun bereits einen Anwalt eingeschaltet.</p>
<p>   Rückblende: Am 22. Juni 2005 wird Herr Cong nach einer Hämorrhoidenoperation aus dem Wiener Hanusch-Krankenhaus entlassen. &#8220;Wegen der Schwere des Hämorrhoidalleidens verblieb Herr Yan Cong länger als üblich in stationärer Behandlung&#8221;, vermerkt das Krankenhaus in einem Schreiben.</p>
<p>   Einen Tag zuvor, am 21. Juni, wird nachgewiesenermaßen der histologische Befund fertig gestellt. Die Diagnose des Labors: &#8220;Hochdifferenzierter neuroendokriner Tumor&#8221;, ein &#8220;hochdifferenziertes Karzinom kann nicht ausgeschlossen werden&#8221;. Allein: Der Laborbefund findet nicht sofort den Weg in den hauseigenen elektronischen Krankenakt. Herr Cong verlässt das Krankenhaus im Glauben, ein gesunder Mann zu sein.</p>
<p>   Falsche Postadresse. &#8220;Ein Jahr später hatte ich dann starke Rückenschmerzen&#8221;, sagt Herr Cong. Die Wirbelsäule tut weh, rund um die Leber schmerzt alles. Er geht abermals ins Hanusch-Spital. Der Facharzt für innere Medizin checkt ihn durch. Sechs Wochen lang sucht er die Ursache für Herrn Congs Beschwerden. Bis er schlussendlich auf einen alten Befund des eigenen Hauses stößt …</p>
<p>   &#8220;Was mich und meine Familie am meisten schockierte, waren seine Worte, dass die Krebszellen in meinem Körper bereits vor 15 Monaten von Chirurgie- und Pathologieabteilung des Krankenhauses entdeckt worden waren&#8221;, sagt Cong gebrochen. &#8220;So haben 15 Monate Verzögerung in meiner Behandlung dazu geführt, dass ich mich mit einem Schlag von einem gesunden Menschen in einen Patienten im Spätkrebsstadium verwandelte. Dadurch, dass meinem Fall nicht gründlich nachgegangen wurde, ist mein frühzeitiger Tod nun unvermeidbar. Keine Operation oder effektive Behandlungsmethode kann angewendet werden.&#8221;</p>
<p>   In einer Stellungnahme verweist das Hanusch-Krankenhaus darauf, dass man Herrn Cong sehr wohl gleich verständigt habe. Am 9. August 2005, also sieben wertvolle Wochen nach dem Tumor-Karzinombefund und seiner Entlassung, schreibt ihm das Krankenhaus einen Dreizeiler: Es wäre in seinem &#8220;eigenen Interesse von großer Wichtigkeit&#8221;, die Ambulanz &#8220;zur Befundbesprechung noch einmal aufzusuchen&#8221;. Der Befund würde möglicherweise eine Nachbehandlung erfordern. Auch den Entlassungsbericht steckt man in ein Kuvert. Die Briefe hat Herr Cong jedoch nie erhalten. Was nicht verwundert: Denn die Schreiben sind nicht an die Dreihausgasse 22 adressiert, wo Herr Cong mit seiner Frau und dem 17-jährigen Sohn lebt, sondern an das Haus ums Eck: die Sechshauserstraße 88.</p>
<p>   Ob er die lebenswichtige Nachricht &#8211; oder &#8220;todwichtige Information&#8221; wie sie Herr Cong in seinem gebrochenen Deutsch nennt &#8211; je erhält, überlässt das Wiener Hanusch-Krankenhaus dem Briefträger. Oder besser gesagt, weil gerade Sommerferien sind: dem Ferialpraktikanten bei der Post.</p>
<p>   Chinesisches Spitalsniveau. Kein Einschreiben, kein Anruf, kein Kontakt &#8211; niemand im Wiener Hanusch-Krankenhaus bemühte sich damals festzustellen, ob der Krebspatient von seiner Erkrankung wirklich erfahren hat. Als der 52-Jährige zu einer Folgeuntersuchung nicht erscheint, nimmt man an, er hätte sich ein anderes Krankenhaus zur Behandlung gesucht.</p>
<p>   In seiner ursprünglichen Heimat China war Herr Cong selbst Facharzt gewesen, Spezialgebiet Röntgen. Tausende Patienten hatte er selbst behandelt, war sogar in der Krankenhausverwaltung tätig gewesen, bevor er nach Österreich emigrierte und sich hier als Kaufmann mit dem Import handbestickter chinesischer Tischwäsche selbstständig machte. Auch seine Frau ist Ärztin, ebenfalls im Röntgenbereich.</p>
<p>   &#8220;Früher war ich stolz, österreichischer Staatsbürger geworden zu sein, da Österreich China in so vielem voraus ist&#8221;, sagt Herr Cong. &#8220;Nun muss ich feststellen, dass China in der Krankenhausverwaltung schon vor 40 Jahren auf dem Niveau des heutigen Österreich war.&#8221;</p>
<p>   Tragisches Kuriosum des Falles: Während das Spital von jedem Patienten bei noch so harmlosen Bänderzerrungen oder Hautausschlägen die Unterzeichnung eines Reverses verlangen muss, um sich schadlos zu halten, sollte er gegen den ärztlichen Rat das Spital verlassen, braucht es nach den Buchstaben des Gesetzes nicht unbedingt eine Bestätigung, ob jemandem seine lebensgefährliche Diagnose auch mitgeteilt wurde. Derlei Details erachtet der Wiener Landtag im Krankenanstaltengesetz scheinbar als nicht regelungsbedürftig (siehe Kasten).</p>
<p>   &#8220;Wenn so etwas passiert wie in diesem Fall, tut das dem Krankenhaus natürlich sehr leid&#8221;, sagt der ärztliche Leiter des Hanusch-Spitals, Klaus Klaushofer. &#8220;In 32 Jahren meiner Tätigkeit ist mir noch kein einziger Fall bekannt, in dem uns ein Patient sozusagen verloren ging.&#8221; Die Patienten müssten aber auch so weit sein, &#8220;hartnäckig zu bleiben und so lange nachzufragen, bis sie alles wissen&#8221;. Man dürfe sich eben &#8220;nicht immer drauf verlassen, dass es die Götter in Weiß schon richten werden&#8221;.</p>
<p>   Große Worte eines ärztlichen Leiters, in dessen Krankenhaus selbst jener Arzt, der sich später sehr um Herrn Congs Krebsbehandlung bemühte, erst nach einiger Zeit auf den 15 Monate alten Befund des eigenen Hauses stieß.</p>
<p>   In der Sache will Hanusch-Chef Klaushofer den eigenen Haftpflichtversicherer ohnehin nicht präjudizieren, zu teuer könnte jedes Wort nun werden: &#8220;Aber was auch immer ich persönlich für eine Meinung zu dem Fall habe, muss ich sagen: Wann immer ein Patient zu Schaden kommt, muss man das dem Krankenhausträger und der Haftpflichtversicherung überlassen.&#8221; Der Leiter der Rechtsabteilung des Krankenhausträgers Wiener Gebietskrankenkasse schiebt die Verantwortung ebenfalls auf die Versicherung ab: &#8220;Es ist noch nicht geklärt, ob tatsächlich ein Verschulden des Hauses vorliegt.&#8221;</p>
<p>   Fast ein Jahr lang übte sich Herr Cong in Zurückhaltung, reichte keinerlei Klagen gegen das Krankenhaus ein, um eine gütliche Lösung nicht zu gefährden. Er will lediglich seine Familie versorgt wissen. Geduldig ließ er die Patientenanwaltschaft mit der Wiener Gebietskrankenkasse und der Wiener Städtischen Versicherung um eine gütliche Einigung verhandeln. Eine lange Zeit für einen Todgeweihten. Doch bisher verliefen alle Besprechungen ergebnislos. Nun schaltet die Wiener Städtische eine Anwaltskanzlei ein. Ob diese der Versicherung raten wird, es auf einen Prozess mit dem Todkranken ankommen zu lassen, entscheidet sie in einem Gutachten in den kommenden Wochen.</p>
<p>   Wenn Herr Cong dann noch lebt.</p>
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		<title>Hof der Engel</title>
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		<pubDate>Fri, 02 Jun 2006 07:00:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator>jb</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Gemeindebau]]></category>
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		<description><![CDATA[Reportage. Der Tod eines alten Boxers, fatale Streitigkeiten, junge Drogentote und Selbstmorde: Ein Gemeindebau in Wien-Brigittenau wird zum Symbol der Verzweiflung. Streifzug durch ein Soziotop. (für profil)
   Wenn die Tragik zur Normalität wird, erreicht der Durst nach dem Außergewöhnlichen neue Dimensionen. &#8220;Und, was gibt&#8217;s sonst Neues?&#8221; &#8211; Die junge Mutter stellt ihr Einkaufssackerl [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Reportage. Der Tod eines alten Boxers, fatale Streitigkeiten, junge Drogentote und Selbstmorde: Ein Gemeindebau in Wien-Brigittenau wird zum Symbol der Verzweiflung. Streifzug durch ein Soziotop.</strong> <em>(für profil)</em></p>
<p>   Wenn die Tragik zur Normalität wird, erreicht der Durst nach dem Außergewöhnlichen neue Dimensionen. &#8220;Und, was gibt&#8217;s sonst Neues?&#8221; &#8211; Die junge Mutter stellt ihr Einkaufssackerl vor dem Fenster der Hausmeisterin ab und blickt fragend zu ihr auf. Ein Mensch starb, durch die Gewalt eines anderen. Zehn Tage lag er tot in seiner Wohnung. Aber das weiß sie bereits.</p>
<p>   &#8220;Und, was gibt&#8217;s sonst Neues?&#8221; Die Dosis Klatsch der jüngsten Tage will gesteigert werden. Der gewaltsame Tod eines alten Boxers ist bereits erzählt, auch dass seine eigentlich obdachlose Freundin zehn Tage mit der Leiche wohnen blieb. Die berauschende Wirkung des Spannungsgeladenen hat nachgelassen. Das Echo des Getuschels im Innenhof dieses festungsartigen Gemeindebaus ist verhallt.</p>
<p>   Es ist der fünfte, vielleicht sechste, vielleicht sogar siebte seltsame Todesfall der jüngsten Zeit &#8211; je nachdem, wen man fragt, je nachdem, wie man zählt. Die Hausmeisterin kennt sie alle, diese Fälle. Alle hier kennen sie alle. Doch mehr als ein Achselzucken ruft das nicht mehr hervor.</p>
<p>   Ein schlicht und adrett weiß getünchter Gemeindebau in Wien-Brigittenau verkommt zum Symbol für Gewalt und Verzweiflung unterprivilegierter Schichten. Die eben erst renovierten Mauern des Friedrich-Engels-Hofes, ein nach dem Schriftsteller und Arbeiterführer benannter Sozialbau der Zwischenkriegszeit, bringen ein Sozialdrama nach dem andern hervor.</p>
<p>   Vergangene Woche war es der alte Boxer auf Stiege 12, der nach einem gewaltigen Streit mit seiner Freundin tot im Vorraum liegen blieb (siehe Kasten Seite 38). Abgegangen war er niemandem, obwohl der Mann mit dem Krückstock nun nicht mehr laut im Innenhof umherpoltert, wenn er vom Wirt gegenüber kommt.</p>
<p>   Vor zwei Monaten war es der Langzeitarbeitslose von Stiege 2, der seinen 19-jährigen Nachbarn erstach, weil ihm dessen Musik zu laut war. Immer wieder hatte sich der allein erziehende Vater eines dreijährigen Buben bei der Hausverwaltung über alles Mögliche beschwert. Seit Langem galt er bei den Nachbarn als Querulant. &#8220;Wenn die nix unternehmen, muss ich halt selber was machen&#8221;, soll er vor der Tat noch gesagt haben.</p>
<p>   Tragische Geschichten. &#8220;Da herinnen spielen sich G&#8217;schichten ab&#8221;, sagt die Hausmeisterin, &#8220;da ist der ,Kaisermühlen-Blues&#8217; ein Dreck dagegen.&#8221; Das Geschichtenerzählen liegt ihr im Blut wie das Hausmeistern &#8211; eine Familientradition. Ihre Eltern waren Hausmeister, ihr Bruder, ihre Tante, eine Nichte und zwei Schwägerinnen. Und die würden auch alle Geschichten ihrer Mieter kennen. &#8220;Wie ich die von meinen Selbstmördern&#8221;, sagt sie. Drei Tage nach der Messerstecherei schrieb der Mieter auf Stiege 8 einen sehr persönlichen Abschiedsbrief, platzierte ihn auffällig für die Nachwelt und zog sich als finale Handlung seines Lebens ein Plastiksackerl über den Kopf.</p>
<p>   Ein anderer, &#8220;der von der Vierzehner-Stiegn&#8221;, wie man hier sagt, stürzte sich vom Balkon. Das Motiv: Schulden. Die hatte auch der Herr aus dem hinteren Teil des Hofes. Als der Gerichtsvollzieher samt Delogierungstrupp an seiner Wohnungstür klingelte, richtete der Mann eine Waffe gegen seinen Kopf und drückte ab. &#8220;Die kriag&#8217;n mi da nie raus&#8221;, soll er immer wieder gesagt haben, erzählt der Wirt gegenüber: &#8220;Eher bring i mi um.&#8221; Auch ihn nahm keiner ernst.</p>
<p>   &#8220;Vielen da fehlt&#8217;s am Geld&#8221;, sagt Frau Maria. &#8220;Oder sie geben&#8217;s falsch aus.&#8221; Die 83-jährige Dame öffnet Fremden nur ungern ihre Wohnungstür.</p>
<p>   Dabei war die Idee des sozialen Wohnbaus gerade vom Gedanken beseelt, finanziell Minderbemittelten günstigen Lebensraum zu schaffen, den sie sich leisten können (siehe auch Infokasten). &#8220;Kasernen des Proletariats, weniger angelegt zum Bewohnen als zum Verteidigen&#8221;, schalten anonyme Schmähschriften den Karl-Marx-Hof bei dessen Erbauung um 1930, dem der gleich alte Friedrich-Engels-Hof in seiner festungsartigen Bauweise nicht unähnlich ist. 432 Wohnungen zählt allein der nun in die Schlagzeilen geratene Ausläufer des Engelshofs, die meisten zwischen 35 und 60 Quadratmeter groß, die Miete nicht übertrieben hoch. Oft schießt die Stadt ihren Mietern noch etwas zu. &#8220;Bis in die Zeit der Donauregulierung, 1869 bis 1884, befanden sich hier wilde Donauauen, Wasser und Wald&#8221;, feiert die Gedenktafel den Sieg des Menschen über die Natur, den Triumph des Roten Wien über das grüne.</p>
<p>   Alte Zeiten. Doch die in Wählerstimmen gemessene Dankbarkeit der Arbeiterschaft an die Sozialdemokratie lässt nach. 1996 sank die Bürgermeisterpartei hier erstmals unter die 40-Prozent-Marke, die FPÖ eroberte hingegen damals ein Drittel der Stimmen. Den Umständen entsprechend liegen die Blauen seit Heinz-Christian Straches jüngstem Ausländerwahlkampf hier wieder ganz erklecklich.</p>
<p>   &#8220;Man weiß halt nimmer, wen man wählen soll. Die tun alle nix für einen. Früher war&#8217;s angenehm, da zu wohnen&#8221;, sagt Herr Heinz, der seine kleine Dixie an der Leine führt. Seit 1951 lebt der ehemalige Siemens-Starkstrommonteur mit kurzer Unterbrechung in dem Bau an der Leystraße. &#8220;Aber seit sie uns die ganzen Kopftücher da reinsetzen &#8211; also i waß net.&#8221; Sobald es warm wird, sei es im Hof immer &#8220;viel zu laut, weil sich die da immer z&#8217;sammsetzen&#8221;. Dass die Außenmauern des festungsartigen Baus mit ihren Wohnungen just den Innenhof als Zentrum des sozialen Lebens umrahmen sollen, ist ihm &#8220;herzlich wurscht&#8221;. Ihn stört&#8217;s. Punkt. Unter einem Helmut Zilk sei eben alles anders gewesen.</p>
<p>   Schwierige Typen. Auch bei der Hausmeisterin hat der Altbürgermeister einen großen Stein im Brett. Seit er damals ihrem Vater eine Wohnung verschaffte, als der eine brauchte. Die Geschichte erzählt sie gern und mit Bewunderung für den ehemaligen Stadtchef in der Stimme. Aber seit ein paar Jahren, sagt sie, hätte man eben lauter &#8220;solchene&#8221; in den Gemeindebau gesetzt. Sie meint damit keine Ausländer, &#8220;sondern eben solchene&#8221;.</p>
<p>   &#8220;Solchene&#8221; wie die besachwalterte Frau von gegenüber, die zuletzt die kleinen Scheiben in den Kastenfenstern grundlos eingeschlagen hat und die man nicht aus dem Haus kriegt.</p>
<p>   &#8220;Solchene&#8221; wie die beiden Frühpensionisten, die vom dritten Stock zwischen den Geländern bis ins Kellergeschoß runterpinkelten, weil sie wieder einmal völlig betrunken waren.</p>
<p>   &#8220;Solchene&#8221; wie den Mittvierziger, von dem man erzählt, er habe sich einst eine 20-Jährige mit nach Hause genommen, die am nächsten Morgen &#8220;kalt war&#8221;. Oder, wie die Polizei es nennt, &#8220;die ihrem Suchtmittelkonsum zum Opfer fiel&#8221;.</p>
<p>   Die Arbeit der Beamten, so sollte man meinen, habe hier Konjunktur. Doch die Statistiken des nahe gelegenen Kommissariats weisen seit Jänner nur 54 Einsätze aus: Diebstähle und Autoeinbrüche, Lärmerregung und Sachbeschädigung sowie acht Körperverletzungsanzeigen. Mehr war angeblich nicht. &#8220;Für so einen großen Block ist das nicht so tragisch&#8221;, sagt ein Beamter. &#8220;Aber es gibt leider die Tendenz, dass die Leute drumherum sich nicht mehr bei uns rühren, wenn sie was bemerken.&#8221;</p>
<p>   Die Drogengeschichten, die die drei paffenden Halbwüchsigen im Hof öfter beobachtet haben wollen, dürften eben niemanden gestört haben.</p>
<p>   Den Kerl aus dem dritten Stock hinten im Eck des Baus, der fast jeden Abend seine Frau schlägt, hat auch noch selten jemand angezeigt. &#8220;Bestenfalls wenn&#8217;s mich stört, dass seine Frau so laut schreit&#8221;, sagt ein Jungehemann, der ein paar Türen weiter wohnt.</p>
<p>   Und Menschen, die nicht ständig Kontakt zu ihrer Familie halten, so sie eine haben, findet man dann eben auch erst nach Tagen oder Wochen. Wie hier einst den Vater des Sängers Tony Wegas, der tagelang tot in seiner Wohnung lag. Oder wie zuletzt eben auch den toten Boxer.</p>
<p>   &#8220;Und, was gibt&#8217;s sonst Neues?&#8221;, fragt die junge Mutter und nimmt ihr Einkaufssackerl vor dem Fenster der Hausmeisterin wieder auf. &#8220;Eh nix.&#8221; Was soll es hier auch schon Neues geben.</p>
<blockquote><p>
<strong>   Wohnbeton</strong></p>
<p>   220.000 Wohnungen, 14.000 Stiegen, 2200 Bauten: Gebaut ab 1919 in allen Stilrichtungen &#8211; von dem festungsartigen Stil des Karl-Marx-oder Friedrich-Engels-Hofes bis zu den Wohnsilos des Rennbahnwegs oder der Großfeldsiedlung -, bilden die Gemeindebauten eine der Kernerrungenschaften des Roten Wien ab den zwanziger Jahren.</p>
<p>   Noch um die Jahrhundertwende davor hatten 95 Prozent der Wiener in teils prekären Behausungen ohne Wasser-und Sanitäranschluss gelebt. Nach 1945 wiederum fehlten in der Bundeshauptstadt allein durch die Kriegsschäden etwa 117.000 Wohnungen &#8211; so entstand mit schwedischer Hilfe damals auch die Per-Albin-Hansson-Siedlung in Wien-Favoriten.</p>
<p>   Mittlerweile lebt ein Viertel der Wiener im Gemeindebau. Der günstige Wohnraum für Einkommensschwache konzentriert freilich auch viele soziale Probleme in den Wohnbetonmonumenten. Rund 10.000 Räumungsklagen bringen 500 bis 1000 Delogierungen jährlich. Wobei im Gutteil der übrigen Fälle die Stadt selbst ihre eigenen Mieter mit Wohnbeihilfen und Heizkostenzuschüssen subventioniert. Schuldnerberater und Delogierungsprävention suchen das Schlimmste zu verhindern &#8211; Erfolgsgarantien gibt es freilich keine.</p>
</blockquote>
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