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“Ich trete aus der SPÖ aus”

Interview. ÖH-Vorsitzende Barbara Blaha über ihren Abschied von den Sozialdemokraten, einen “arroganten und selbstgefälligen” Alfred Gusenbauer und die “Zerstörung einer politisch engagierten jungen Generation”. (für profil)

profil: Sie haben bei der Angelobung gegen die Beibehaltung der Studiengebühren demonstriert. Wird Alfred Gusenbauer nach Elisabeth Gehrer zum neuen Feindbild von Studenten und Jungroten?

Blaha: Dass sich die Studierenden von ihm verraten fühlen, ist verständlich. Wer ein so zentrales Versprechen bricht oder es in den Verhandlungen nicht halten kann, sollte den Mut und die Ehrlichkeit haben, sich zumindest zu entschuldigen – und sich nicht über Leute beschweren, die einen an seine Versprechen erinnern.

profil: Eine Entschuldigung erwartet sich Gusenbauer eher von den Studenten für ihre Proteste mit “kommunistischen Slogans”.

Blaha: Sich arrogant und selbstgefällig ins Fernsehen zu setzen und junge Menschen zu diffamieren, die den ganzen Wahlkampf über für ihn gelaufen sind, zeugt weder von politischer noch persönlicher Größe. Das ist eines Bundeskanzlers nicht würdig.

profil: Haben Sie wirklich gedacht, dass er die Gebühren abschafft?

Blaha: Ich sehe ein, dass es keine parlamentarische Mehrheit dafür gibt. So realistisch bin ich. Aber bei einem so starken Versprechen hätte ich zumindest einen Kompromiss erwartet: zum Beispiel freies Studium für die Mindeststudiendauer. Dass sein Wort aber gar nichts wert ist, hat sogar mich überrascht.

profil: Wie kann man als Studentenvertreterin und Sozialdemokratin dieser Linie folgen?

Blaha: Den Gusenbauer-Kurs kann ich nicht mittragen. Ich trete also mit heutigem Tage aus der SPÖ aus – ebenso wie die VSStÖ-Vorsitzende Sylvia Kuba. Wenn sich die SPÖ vom freien Unizugang verabschiedet, muss ich mich von ihr verabschieden. Ich bin in erster Linie den Studenten verpflichtet, und vor denen kann ich Gusenbauers Kurs nicht vertreten.

profil: Damit reihen Sie sich in die Legion der jungen Politikverdrossenen ein.

Blaha: Dutzende rote Studenten haben die Partei bereits verlassen. Eine ganze Generation von politisch engagierten jungen Leuten ist in diesen Tagen enttäuscht und zerstört. Das nehmen Gusenbauer und seine SPÖ bewusst in Kauf – meine SPÖ ist das nicht mehr.

profil: Nun sind zwei Tage im Monat ja nicht die Welt: Sind die Studenten so egoistisch, dass sie den Sozialarbeitsvorschlag ablehnen?

Blaha: Gerade wer sich Studiengebühren erarbeiten muss, muss viel dazuverdienen. Einen Sozialdienst für sechs Euro die Stunde muss man sich leisten können. Dass ein Sozialdemokrat den Ärmeren Sozialdienst predigt und den Reicheren die Möglichkeit gibt, sich davon freizukaufen, ist, höflich gesagt, eine Frechheit.

profil: Was erwarten Sie vom neuen ÖVP-Wissenschaftsminister Johannes Hahn?

Blaha: Wir hatten noch nicht das Vergnügen. Aber schlimmer als unter Gehrer kann’s ja wohl nicht werden, oder?

Interview: Josef Barth

Posted: Januar 15th, 2007
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“Der Alfred ist ein armer Hund”

Interview. Der steirische SP-Landeshauptmann Franz Voves über seinen Bundesparteichef, die Kommunikationsfehler der Spitzengewerkschafter und einen Fußballweltmeister Brasilien. (für profil)

profil: Es scheint, als habe die SPÖ die Wahl bereits aufgegeben.

Voves: Das ist sicher nicht der Fall.

profil: Warum beschäftigt sie sich dann mehr mit sich selbst als mit dem politischen Gegner?

Voves: Natürlich sind wir in einer schwierigen Situation durch den Bawag-Skandal und die ÖGB-Krise. Es gibt noch immer eine Chance, die Menschen davon zu überzeugen, dass es bei der Wahl nicht darum geht, wer einzelne kriminellere Elemente in welchem Finanzanlagenbereich welcher Bank hat – sei es bei der Bawag oder der Hypo Alpe-Adria -, sondern darum, ob die Politik der sozialen Kälte fortgesetzt wird, wie sie die Schüssel-ÖVP betreibt, oder ob es wieder eine Politik der sozialen Gerechtigkeit gibt, wofür die SPÖ steht.

profil: Dennoch hat man den Eindruck, dass die SPÖ ihren Parteichef Alfred Gusenbauer allein lässt.

Voves: Ich habe klar ausgesprochen, dass ich zur steirischen Fraktion der Sozialdemokratischen Gewerkschafter stehe und dass man uns nicht auseinander dividieren kann. Das wäre nur zu schön für die ÖVP, wenn ihr das gelänge. Bei mir in der Steiermark geht kein Löschblatt zwischen unsere beiden Organisationen. Was wäre die SPÖ ohne ihr Herzstück, die sozialdemokratische Gewerkschaftsbewegung?

profil: Auseinander dividiert hat die Organisationen aber nicht die ÖVP, sondern der SPÖ-Parteichef.

Voves: Ich kann die Thematisierung dieser Frage durch unseren Parteichef zu diesem Zeitpunkt nicht nachvollziehen, weil er die Sensibilität für die tausenden toll arbeitenden Betriebsräte in ganz Österreich falsch eingeschätzt hat. So etwas mitten in einer Wahlbewegung zu machen, in der es um so viel geht, war absolut unnötig. Gabi Burgstaller sieht das ja ähnlich.

profil: Es kam Ihnen also nicht ungelegen, dass Sie beim Beschluss des Parteipräsidiums nicht anwesend waren.

Voves: Der Bundespräsident kam in die Steiermark, daher konnte ich nicht. Zum Beschluss stehe ich freilich. Aber vielleicht sollte man ohnehin besser nicht bei jeder Sitzung des Parteipräsidiums dabei sein.

profil: Sie selbst haben Gusenbauer kritisiert, ebenso wie Gabi Burgstaller und Michael Häupl. Ist Gusenbauer noch der Boss der SPÖ?

Voves: Ich stehe voll und ganz hinter Alfred Gusenbauer. Jeder kann einmal einen Fehler machen. Wenn man an der Spitze steht, sollte man ihn halt möglichst nicht zu einer solchen Zeit begehen.

profil: Also war es ein Fehler von Gusenbauer?

Voves: Das war ein Fehler, ja. Ich betrachte das so. Ich habe ihm auch klar gemacht, welche Reaktionen das allein in der Steiermark an der Basis der Gewerkschaft hervorruft.

profil: Wie lange hätte Gusenbauer Ihrer Meinung nach noch zuwarten sollen?

Voves: Diese Diskussion kann man führen, wenn sich der ÖGB konsolidiert und neu organisiert hat – aber nicht jetzt, wo die Gewerkschafter ihre Wunden lecken, die noch lange nicht vernarbt sind.

profil: Viel Zeit bleibt nicht. Im Herbst wird gewählt.

Voves: Ja, aber es kann nicht die SPÖ sagen, wie sie sich den überparteilichen ÖGB vorstellt. Und da hilft es auch nichts, wenn Gusenbauer meint, er habe nur als einfaches ÖGB-Mitglied gesprochen. Er wird in dieser Frage immer als der Bundesparteivorsitzende der SPÖ wahrgenommen. Einfaches ÖGB-Mitglied bin ich auch …

profil: Die Rolle des einfachen Mitglieds hat mit Jörg Haider ohnehin schon ein anderer für sich gepachtet.

Voves: Stimmt. Und das ist auch nicht gut ausgegangen.

profil: Vergleichen Sie jetzt die Abspaltung des BZÖ von der FPÖ mit der Krise zwischen SPÖ und ÖGB?

Voves: Bei uns gibt es keine Spaltung, sondern eine ordentliche Irritation.

profil: Das hieß es in der FPÖ zuerst auch.

Voves: Diese Irritationen versuche ich nun in der Steiermark zu beheben. In dieser schwierigen Zeit müssen Partei und Gewerkschaftsfraktion zusammenstehen.

profil: Würden Sie derzeit mit dem SPÖ-Chef tauschen?

Voves: Überhaupt nicht. Der Alfred ist ein armer Hund bis zum Geht-nicht-mehr. Denn man hat ihn von Anfang an äußerst mies behandelt, auch medial. Kein anderer hat so hart gearbeitet für die Partei. Menschlich bin ich der Erste, der versteht, dass er in der Klubsitzung sehr emotional wurde und sagt: “Ich hab gute Arbeit geleistet, und jetzt macht man mir das alles kaputt!” Und trotzdem: Als Vorsitzender musst du auch in dieser Ausnahmesituation wissen, was du zum Thema machst.

profil: Vor einer Woche berieten die ÖGB-Spitzen über die Neuorganisation. Die Kernbotschaft danach hieß: “Wir wollen eh nur mehr maximal 11.000 Euro verdienen!” Sind das die richtigen Signale an die Mitglieder?

Voves: Das ist genauso unglücklich wie die Aussage Gusenbauers. Man sollte nun endlich nachdenken, bevor man spricht und handelt. Das gilt für SPÖ-und ÖGB-Spitzen gleichermaßen.

profil: Bisher hatte man eher den Eindruck, die SPÖ soll Rücksicht auf die Gewerkschaft nehmen, umgekehrt aber kaum.

Voves: Das Krisenmanagement müssen beide verbessern.

profil: Sind an der ÖGB-Spitze momentan die richtigen Leute am Werk?

Voves: Es steht mir nicht zu, das zu beurteilen. Das müssen die ÖGB-Gremien tun.

profil: Was sollen Gewerkschaftsgranden künftig maximal verdienen?

Voves: Das, was sie ihren Mitgliedern gegenüber für angemessen halten. Die werden ja selbst sehen, was sie mit dieser Begrenzungsdiskussion wieder ausgelöst haben. Ich kann mir jedenfalls vorstellen, was sich die Mitglieder denken, die nie mehr als 1500 Euro im Monat verdienen werden.

profil: Und was denken sich die?

Voves: Dass 11.000 Euro sehr viel Geld sind.

profil: Das drücken Sie jetzt aber sehr höflich aus.

Voves: Das ist meine Interpretation dessen, was ich an der Basis zu hören bekomme.

profil: Viele kleine Betriebsräte sind zugleich rote Gemeinderäte in ihrer Ortschaft. Welche Fahne halten sie nun höher: die des ÖGB oder die der SPÖ?

Voves: Jeder kleine Gewerkschafter – in der Steiermark jedenfalls – sagt jetzt, dass er sich genauso im Wahlkampf engagiert wie sonst auch.

profil: Und warum reagieren die Spitzengewerkschafter so stur?

Voves: Man kann mit ihnen immer verhandeln. Aber eines darf man bei den Gewerkschaftern nie machen: von oben herab sagen, das ist so. So was lassen sie sich weder vom Dienstgeber gefallen noch von jemand anderem. Das hat ja letztlich die Sozialpartnerschaft ausgemacht: reden, verhandeln und dann gemeinsam Kompromisse kommunizieren.

profil: Es ist also eine Trotzreaktion der FSG. Zählt Solidarität mit der Partei nichts mehr?

Voves: Die FSG-Führung weiß ja, was Gusenbauer bezweckte. Auch die Spitzengewerkschafter haben Fehler gemacht. Sie hätten das ihren Leuten an der Basis ausdeutschen müssen: dass das nämlich kein Affront gegen die kleinen Gewerkschafter ist. Denn die denken sich jetzt natürlich: “Da rennen wir für den Gusi, und jetzt will er uns nimmer.” Wenn bei den Gewerkschaftern im Herzen einmal etwas kaputt gegangen ist, ist es schwer zu reparieren.

profil: Aber das Herz der Gewerkschafter schlug ohnehin nie wirklich für Alfred Gusenbauer.

Voves: Das sehe ich nicht so. In der Steiermark wurde er auch von unseren Gewerkschaftern immer herzlichst empfangen.

profil: Als Kanzlerkandidat beschädigt ihn auch die aktuelle Debatte.

Voves: Die Menschen brauchen sich nur anzuschauen, was der Herr Schüssel in den vergangenen sechs Jahren so Hervorragendes für sie tat. Warum waren wir denn fünf Prozentpunkte vorn in den Umfragen? Die Wähler, die wir durch die Bawag-Geschichte verloren haben, gingen nicht zur ÖVP, sondern ins Nichtwählerlager.

profil: Was wünschen Sie sich nun von der ÖGB-Spitze?

Voves: Die sind es gewohnt, nächtelang zu verhandeln – zum Wohle der Arbeitnehmer. Jetzt sollten sie nächtelang daran arbeiten, zu neuen Strukturen und glaubwürdigen Persönlichkeiten zu kommen – damit die Menschen sehen, dass da was passiert und dass sie an dieses Neue wieder glauben können.

profil: Sollte man Fritz Verzetnitsch aus der SPÖ ausschließen?

Voves: Derzeit nicht. Da bin ich voll auf Linie der Bundespartei.

profil: Die SPÖ beschwert sich gern darüber, im ORF nicht oft vorzukommen.

Voves: Derzeit kommen wir ja sehr oft vor.

profil: Glauben Sie, dass sich Schüssel, Lopatka und Co momentan lieber ein WM-Spiel anschauen oder die “Zeit im Bild” mit den letzten Meldungen von der Krisenfront SPÖ/ÖGB?

Voves: Ich glaube, dass die Herren sich in der ersten Reihe fußfrei schon sehr entspannt fühlen. Aber ich bin nicht so pessimistisch, wie die optimistisch sind.

profil: Wem gelten Ihre Hoffnungen bei der Fußball-WM?

Voves: Da Österreich nicht dabei ist, den südamerikanischen Mannschaften. Ich liebe den trickreichen, kreativen Fußball, wie ihn zum Beispiel die Brasilianer spielen.

profil: Die wählten einen Gewerkschaftschef sogar zum Präsidenten.

Voves: Wahrscheinlich mag ich sie deshalb so gern.

Interview: Josef Barth

Posted: Juli 3rd, 2006
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“Lieber Rudi, hau den Hut drauf!”

Interview. Rupert Henning und Erwin Steinhauer, die Hauptdarsteller des Bühnenstücks “Freundschaft”, über die Folgen der Bawag-Affäre, die Entgewerkschaftung der SPÖ und den Machterhalt als Form des Klassenkampfs. (für profil)

profil: Sie drehen gerade einen Film, der auf dem Stück “Freundschaft” basiert, das Sie seit 2004 gespielt haben. Einer Ihrer Protagonisten fühlt sich auch durch seinen Job als Schalterbeamter in der damaligen Zentralsparkasse als “Teil der Bewegung”. Wird er jetzt zum Bawag-Kassier?

Henning: Nein, er bleibt bei der Zentralsparkasse, später dann Bank Austria. Dort liegen mehr als genug Leichen im Keller.

Steinhauer: Bawag-Kassier eignet sich als “Teil der Bewegung” schon gar nicht mehr! Das Kuriose ist nur: Die Wende, die der ÖVP-Oberfundi Andreas Khol sogar in Buchform strapaziert hat, ist eigentlich erst jetzt vollzogen, da die Gewerkschaft zusammengebrochen, sich die Bank Austria nach Italien und die SPÖ in die innere Emigration zurückgezogen hat. Und wohin die Bawag demnächst gehen wird, was weiß man? Traurig, aber wahr.

profil: Sie, Herr Steinhauer, unterstützen auch eine Initiative zur Reform des ÖGB. Warum?

Steinhauer: Weil eine Vertretung der Arbeitnehmer ein unverzichtbares Element einer kultivierten Gesellschaft ist. Es muss doch jemanden geben, der die Interessen jener armen Leute vertritt, die die anderen Leute immer reicher machen.

profil: Die Rettung des ÖGB heftet sich nun aber die Regierung auf ihre Fahnen.

Steinhauer: Das ist das Schlimme, dass das von Schüssels Gnaden passierte. Oder dass der Wirtschaftskammerchef Leitl sagt: Geh helfts doch den Armutschkerln, bitte! Das ist eine Demütigung sondergleichen. Ich reg mich da auf, das ist ganz schlecht …

Henning: Ich sag lieber nix, wenn er sich aufregt.

Steinhauer: Dir ist der ÖGB wurscht?

Henning: Nein, überhaupt nicht. Aber ich halte es mit Friedrich Dürrenmatt: “Ideologie ist Ordnung auf Kosten des Weiterdenkens.” In der Gewerkschaftsbewegung sind, wie anderswo übrigens auch, ideologische Dinge zeitweise so in den Vordergrund gerückt, dass kein Weiterdenken stattgefunden hat. Dementsprechend sieht es im ÖGB aus.

profil: “Eine windige Stiftungskonstruktion, die eigenen Risiken der öffentlichen Hand unterjubeln, Milliarden versemmeln, bei irgendwelchen dubiosen Geschäften: Der ist keine Ikone, der ist ein Basilisk!” – Das sagen Sie im Stück über Ex-BA-CA-Chef Gerhard Randa. Was lässt sich dann über Helmut Elsner sagen?

Steinhauer: Gehen Sie bei Randa in die Lehre! Abgesehen davon ist man leider sprachlos.

Henning: Na ja, der Herr Elsner, das ist schon eine neue Qualität von Schamlosigkeit. Mich erschüttert das aber moralisch nicht so sehr, dass mit Geldern des ÖGB schlechte Geschäfte gemacht wurden. Da haben eben welche Mist gebaut. Das tun viele Leute, die spekulieren. Nur ist es in unfassbar großem Stil passiert – und auf eine Weise, die zum Lachen wäre, wenn sie nicht so bittere Konsequenzen hätte.

Steinhauer: Man darf sich eben nicht erwischen lassen!

Henning: Und als Sozialdemokrat schon überhaupt nicht. Wenn die Konservativen zum Beispiel einen bekennenden homosexuellen Freidenker in ihren Reihen haben, können sie sagen: “Schaut her, wie offen wir sind!” Wenn bei den Sozialisten ein hedonistischer Penthouse-Bewohner und großkapitalistischer Abzocker zu finden ist, dann schaut das gleich weniger gut aus. Das ist aber natürlich nicht ausschließlich ein Problem der Sozialdemokratie, dass manche Wasser predigen und Wein trinken.

profil: Bei den Sozialdemokraten legt man aber besondere Maßstäbe an.

Henning: Weil sie einfach ein größeres Problem mit der Ehre haben. Die leiden am meisten unter der Individualisierung und der Mentalität des privaten Egoismus.

Steinhauer: Das ist die Frage der achtziger Jahre: Darf der linke Kabarettist nur 2CV fahren?

profil: Was fahren Sie?

Steinhauer: Ich fahre einen Audi A6.

profil: Und sehen sich als linken Kabarettisten?

Steinhauer: Wir haben ja nicht mehr die achtziger Jahre. Als linken Kabarettisten seh ich mich aber dennoch nicht.

profil: Dennoch hegen Sie Sympathien für die SPÖ. Wie sehen Sie die Rolle von Alfred Gusenbauer?

Steinhauer: Man muss schon sagen: Das hat sich der Mann nicht verdient. Als die Bawag-Affäre aufflog, hätte ich an seiner Stelle gesagt: Herrschaften, fünf Jahre hab ich mir für euch die Tage vermiesen lassen – jetzt machts euch den Dreck bitte allein!

Henning: Dazu sollte es ja jetzt auch fast kommen, wie man gehört hat.

profil: Zumindest hat Gusenbauer den Spitzengewerkschaftern im Parlament mehr als nur die Rute ins Fenster gestellt.

Henning: Schon, aber am Tag darauf hat er die Rute schnell wieder zurückgenommen. Verständlich, aus seiner Sicht. Was passiert aber, wenn die Kraftprobe nicht nach seinen Vorstellungen verläuft?

Steinhauer: Dann muss Gusenbauer die Vertrauensfrage stellen.

Henning: Ob das ein Druckmittel ist, das wirkt?

Steinhauer: Wenn nicht, dann geht er eben in seinen angestammten Beruf zurück …

Henning: Was war er nochmal von Beruf?

profil: Sollen Sozialdemokratie und Gewerkschaft sich überhaupt trennen?

Steinhauer: Die müssen sich trennen! Der ÖGB muss überparteilich sein. Denn die Arbeitnehmer sind ja nicht alle ausschließlich sozialdemokratisch oder ausschließlich christlich-sozial.

profil: Aber die Arbeiterbewegung ist eine Wurzel der SPÖ.

Steinhauer: Diese Idee hat Schiffbruch erlitten. So wie man den ORF entpolitisieren muss, sollten Gewerkschaftsfunktionäre in der SPÖ keine Spitzenpositionen übernehmen dürfen. Der ORF gehört nicht den Parteien, die SPÖ gehört nicht den Gewerkschaften. Es wäre nicht schlecht, wenn sich die ÖVP mit ihren Bauern-, Wirtschafts-und Angestelltenbünden Ähnliches überlegen würde.

Henning: Der Ich-AG-Haltung wird weit mehr Wert beigemessen als der Zugehörigkeit zu irgendeiner ideologischen Gruppierung. Das war vor 30 Jahren anders. Wir drehen momentan unter anderem im Karl-Marx-Hof. Das tolle Wohnungsprogramm des so genannten Roten Wien in der Zwischenkriegszeit entstand aus der simplen Notwendigkeit heraus, etwas gegen die schreckliche Wohnungsnot zu tun. Es gab das Ringstraßen-Wien auf der einen Seite und die schamlose Ausbeutung des Proletariats durch die Hausherren auf der anderen. Wer Notwendigkeiten erkennt, dem werden die Leute auch folgen. Hätten die Schwarzen das damals überrissen, dass Menschen menschenwürdig wohnen sollten, dann hätte es vielleicht das so genannte Schwarze Wien gegeben. Aus den Hetzschriften der Konservativen gegen die von ihnen gefürchteten Arbeiterhorden in den roten Wohnsilos spricht auch der Neid: Scheiße, warum ist das uns nicht eingefallen?

profil: Das klingt, als wäre die Ideologie, die den Errungenschaften der Sozialdemokratie zugrunde liegt, austauschbar.

Henning: Nein, aber die Dinge haben manchmal mehr mit dem oft zitierten gesunden Hausverstand und weniger mit irgendwelchen hochkomplexen Ideologiekonstrukten zu tun. Sozialdemokratische Politiker haben viele Jahre großartige Arbeit geleistet. Aber man kann sich nicht ewig auf diesen Lorbeeren ausruhen. Den ebenso oft zitierten Zug der Zeit darf man halt nicht verpassen.

profil: Hat die SPÖ ihn verpasst?

Henning: Ja, insofern, als sie immer noch den Eiertanz zwischen restideologischer Bewegung und zeitgemäßer politischer Kraft versucht. Und das geht sich halt nicht immer aus. Als Vranitzky an seinem ersten Tag als Bundeskanzler sagte, dass es zwischen betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Interessen langfristig keinen Unterschied gäbe, ging noch ein Raunen durch die sozialdemokratischen Reihen …

Steinhauer: Heutzutage raunt kein Mensch mehr!

Henning: Und es ist ja auch egal. Wenn die Roten ein gutes wirtschaftspolitisches Programm hätten, dann sollen sie es bitte schön auch durchziehen können – ob es jetzt ihren traditionellen Themen entspricht oder nicht. Ideologie spielt bei den Menschen nur noch eine nachgeordnete Rolle.

Steinhauer: Sowohl die SPÖ als auch der ÖGB haben das Kerngeschäft leider absolut vernachlässigt. Zu Zeiten der großen Koalition bekamen Betriebsräte noch Prämien, wenn es ihnen gelang, einen Teil der Belegschaft von den Vorteilen der Frühpension zu überzeugen. Da war teilweise ein unglaublich korruptes Gesindel am Werk. Was denkt sich da das einfache ÖGB-Mitglied?

profil: In Ihrem Programm fällt der Satz: “Machterhalt ist auch eine Form von Klassenkampf.”

Henning: Man sieht eh, wohin das führt.

Steinhauer: Man könnte auch sagen: Die Schwarzen sind also die besseren Klassenkämpfer.

Henning: Das ist ein bissl ein grauslicher Satz. Da schaudert’s mich schon.

profil: Ist der frühere Gemeindebediensteten-Chef Rudolf Hundstorfer der richtige Mann, um den ÖGB zu retten?

Steinhauer: Der Rudi Hundstorfer ist wie ich am 19. September 1951 geboren. Und wir haben einmal gemeinsam Geburtstag gefeiert. Ich möchte ihm nur sagen: Lieber Rudi, hau den Hut drauf, du hast was Besseres verdient! Denk an deine Familie, und lass dich nicht verheizen!

profil: Sie selbst haben seinerzeit Wahlkampf für die SPÖ betrieben.

Steinhauer: Ich hatte in den siebziger Jahren, im Bundespräsidentschaftswahlkampf von Rudolf Kirchschläger, einen Studentenjob als Chauffeur des damaligen niederösterreichischen Parteisekretärs und bin im Zuge einer Recherche für die Uni, wo ich Zutritt zu verschiedenen Archiven brauchte, der Partei beigetreten. Als 1983 die Koalition mit der FPÖ kam, habe ich mein Parteibuch einmal auf dem Weg ins Burgtheater beim Portier abgegeben. Nach sechs Jahren hat mir Leopold Gratz zurückgeschrieben, ich möge mir meinen Austritt doch nochmal überlegen. Und nach weiteren sechs Jahren hab ich gesagt: Das zahlt sich nicht mehr aus …

profil: Die Funktionäre sind im Wahlkampf das Kapital der SPÖ. Viele davon sind gewerkschaftlich engagiert. Werden die jetzt noch für die Roten laufen?

Steinhauer: Seit wir 2004 mit “Freundschaft” auf Tournee in den Bundesländern waren, haben wir von den Menschen oft gehört: Jo, wir werd’n schon gehen für Gusi – aber rennen werma net! Und das war vor der Bawag-Geschichte. Es sind sehr viele Menschen irrsinnig enttäuscht, für die ist eine Welt zusammengebrochen. Man kann das heute noch gar nicht abschätzen.

profil: Hat die ganze Affäre die SPÖ die Wahl gekostet?

Steinhauer: Hundertprozentig.

Henning: Ich würde es so sagen: Schüssel, Khol und Konsorten träumen vermutlich von einer feinen, kleinen Absoluten. Und die Träume sind möglicherweise nicht so fernab der Realität.

profil: Hat sich die SPÖ das verdient?

Steinhauer: Mitgefangen, mitgehangen.

Freundschaft, der Film

Das mit zahlreichen Preisen (Nestroy, Österreichischer Kleinkunstpreis) ausgezeichnete 2-Personen-Theaterstück “Freundschaft” (Autoren: Rupert Henning und Florian Scheuba) wurde im Herbst 2004 uraufgeführt und seither rund hundertmal in Wien und den Bundesländern gespielt.

Protagonisten des Stücks sind ein tiefroter Vater (Erwin Steinhauer) und sein ideologiefreier Sohn (Rupert Henning), die anlässlich des Begräbnisses des Onkel Peppi, eines roten Urgesteins, über Vergangenheit, Zukunft und Daseinsberechtigung der Sozialdemokratie im Allgemeinen räsonieren. “Freundschaft” feierte bei Publikum und Kritik große Erfolge. Rund 50.000 Zuschauer haben die sentimental-brutale Abrechnung mit der Sozialdemokratie gesehen.

Seit Juni laufen die Dreharbeiten zur Leinwandadaption des Theaterstücks. Im Herbst soll der Film “Freundschaft” in die heimischen Kinos kommen.

Posted: Juni 26th, 2006
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