US-Wahl. Barack Obama liegt in den Umfragen weit vorne. Trotzdem streitet das Land über die Frage, ob ihn seine Hautfarbe doch noch den Sieg kosten kann. Ein Besuch in Neshoba County, Mississippi, wo die Rassenfrage nach einem brutalen Verbrechen vor 40 Jahren immer noch heftig diskutiert wird. (für profil; aus Mississippi/USA)
Wenige Wochen vor der Entscheidung am 4. November ist im US-Wahlkampf ein Thema in den Mittelpunkt gerückt, das zuvor peinlich gemieden worden war: die Rassenfrage. Dem republikanischen Team von John McCain wird vorgeworfen, mit mehr oder weniger subtilen Hinweisen auf die Hautfarbe von Barack Obama die rassistischen Vorurteile der weißen Wähler aktivieren zu wollen. Obama wiederum, der derzeit als haushoher Favorit geführt wird, fürchtet den so genannten “Bradley- Effekt”, der nach dem schwarzen US-Politiker Tom Bradley benannt ist: Er verlor 1982 bei einer Gouverneurswahl, obwohl er in den Umfragen weit vorn gelegen war: Viele Weiße hatten gegenüber Meinungsforschern nicht zugegeben, dass sie keinem Schwarzen ihre Stimme geben würden. Seither hat sich in den USA jedoch vieles geändert: So ist etwa die Akzeptanz von Partnerschaften zwischen Schwarzen und Weißen von nur 48 Prozent im Jahr 1987 auf 83 Prozent im Jahr 2007 gestiegen. Der Anteil der als Wähler registrierten Afroamerikaner lag im Jahr 2000 bei zehn Prozent, 2004 bereits bei zwölf Prozent, und er steigt weiter. Im Süden allerdings gehen die Uhren noch anders – zum Beispiel in Neshoba County im Bundesstaat Mississippi.
Es ist eine lange Liste, die Jerry Mitchell in der Redaktion des “Clarion Ledger” aus dem Drucker zieht: Mehr als drei Dutzend Namen stehen in der Spalte unter dem fett gedruckten Titel “Opfer”. Daneben grausige Todesursachen: “erschossen”, “erhängt”, “von der Brücke gestoßen” oder “bewusstlos geprügelt, in den Fluss geworfen und dort ertrunken”.
Die Liste, die Mitchell in den Händen hält, hat zwei Besonderheiten: Alle Morde wurden aus rassistischen Motiven an Schwarzen begangen. Und alle sind bislang ungeklärt. “Keine Verhaftungen”, lautet der trockene Vermerk bei den meisten.
Jackson im Bundesstaat Mississippi im Süden der USA. Hier, genauer gesagt im abgelegenen Neshoba County östlich der Hauptstadt, ereignete sich 1964 ein Verbrechen, das 24 Jahre später durch den Oscar-gekrönten Film “Mississippi Burning” (mit Gene Hackman und Willem Dafoe in den Hauptrollen) international zu trauriger Berühmtheit gelangte: Drei Bürgerrechtler – ein Schwarzer und zwei Weiße – wurden brutal umgebracht, ihre Mörder wochenlang von der Polizei gedeckt.
44 Jahre danach stehen auch hier, im Kernland des rechten Amerika, die Plakate des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama am Straßenrand.
Trotzdem: “Im Süden der USA war die Rassenfrage immer ein Thema”, sagt Mitchell und blickt auf seine Liste. “Mit dem Präsidentschaftswahlkampf wird sich zeigen, wie weit das Land die Frage der Hautfarbe schon überwunden hat.”
Der altgediente Journalist weiß, wovon er spricht. Er kämpft seit 1989 um die Wiederaufnahme von so genannten “Cold Cases”, ungeklärten Fällen, mit rassistischen Motiven – und hat dabei bereits mehrere ehemalige Ku-Klux-Klan-Leute vor Gericht gebracht. Spät, aber doch.
Auch mit der Tat, die im Zentrum von “Mississippi Burning” steht, hat sich Mitchell intensiv auseinandergesetzt. Und dabei hatte ebenfalls der Ku-Klux-Klan seine Hände im Spiel.
Mord. Im Sommer 1964 machten sich zwei weiße Studenten aus New York in den Süden der USA auf, nach Neshoba County, dem Herzen von Mississippi. Michael Schwerner, 25, und Andrew Goodman, 21, wollten gemeinsam mit dem aus Mississippi stammenden Afroamerikaner James Chaney, 21, dabei helfen, schwarze Bürger als Wähler zu registrieren – was zu dieser Zeit von den lokalen Behörden massiv behindert wurde.
Missing Civil Rights Workers: Schwerner, Cheney, Goodman
Sie kamen nicht weit: Am 21. Juni verschwanden die drei am Weg zu einer aus rassistischen Motiven niedergebrannten Kirche. Das Schicksal der jungen Bürgerrechtler wurde im Gefängnis von Philadelphia, der 17.000-Einwohner-Hauptstadt von Neshoba County (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Hauptstadt des Bundesstaates Pennsylvania), besiegelt. Der Vize-Sheriff von Neshoba, Cecil Price (selbst Klan-Mitglied), hatte die drei wegen angeblich überhöhter Geschwindigkeit gestoppt und eingesperrt. Danach alarmierte er seine Mitstreiter vom Ku-Klux-Klan, ließ das Trio frei und eskortierte es zur Stadtgrenze.
Dort warteten bereits die Mörder. Sie exekutierten Goodman, Schwerner und Chaney mit Schüssen in Kopf und Herz. Als Freunde begannen, nach ihnen zu suchen, wiegelten die Behörden ab. Lawrence Rainey, der Sheriff von Neshoba, erklärte, die drei würden sich wohl “nur verstecken, um dem Bundesstaat schlechte Publicity einzubringen”. Der Gouverneur des Bundesstaates Mississippi frotzelte, die Abgängigen “könnten auch in Kuba sein” – und punzierte sie damit als Kommunisten.
Inzwischen hatte der Fall jedoch US-weit Aufmerksamkeit erregt. Dies führte zu einer Premiere bei der Strafverfolgung: “Es war das erste Mal, dass sich FBI-Agenten in einen Fall wie diesen einschalteten und damit den zaghaften Versuch machten, dem Ku-Klux-Klan die Stirn zu bieten”, erinnert sich Stanley Dearman, ehemaliger Herausgeber der Zeitung “The Neshoba Democrat”. Er war 1964 als Lokalreporter von Anfang an dabei: “Allerdings: Die Angst der Menschen vor Repressalien des Klans war zu groß. Niemand kooperierte mit dem FBI.”
Ex-Journalist Stanley Dearman an der Stelle, an dem die Bürgerrechtler hingerichtet wurden
Erst sechs Wochen später wurden die Leichen der Ermordeten unter einem Erdwall gefunden. Sheriff Rainey hatte wenig unternommen, um den Fall zu klären. Ganz im Gegenteil: Er behinderte die Agenten der Bundespolizei FBI bei ihren Ermittlungen – und geriet nicht nur dadurch in den Verdacht, selbst in den Mord verwickelt zu sein.
Schließlich wurden 16 Ku-Klux-Klan-Leute als Täter angeklagt, vorerst aber nur sieben verurteilt. Keiner von ihnen saß länger als sechs Jahre in Haft.
Der heute amtierende Sheriff Donnie Adkins will nicht viel dazu sagen: “Das war lange vor meiner Zeit. Um die örtliche Polizei stand es damals nicht zum Besten.” Seine Polizeistation liegt am Rande des Schwarzenviertels. Eine Afroamerikanerin redet verzweifelt auf ihn ein und bittet um Hilfe in einem Familienstreit. “Dass auch die Schwarzen uns vertrauen, ist eine große Sache”, sagt Adkins. Drei seiner 18 Hilfssheriffs sind Afroamerikaner. “Können Sie sich vorstellen, was es für Menschen heißt, die noch vor 40 Jahren den örtlichen Sheriff fürchten mussten, wenn nun einer von ihnen Präsident würde?” Obamas “Hope”-Botschaft ist hier mehr als nur ein Schlagwort. Was er selbst wählt, lässt der Sheriff offen.
Sheriff Donnie Adkins in seinem Büro in Philadelphia, Neshoba County
Kill him. Doch rassistische Töne, die zuletzt im Wahlkampf hörbar wurden, klingen hier lauter als anderswo. Zeitungsherausgeber Dearman zuckt zusammen, wenn er im Präsidentschaftswahlkampf 2008 Schmähparolen gegen Barack Obama hört. “Kill him!”, brüllten Gegner des schwarzen Demokraten zuletzt bei einer Veranstaltung des konservativen Kandidaten John McCain. “Die Menschen haben ja keine Ahnung, welchen Geist sie damit heraufbeschwören”, sagt Dearman.
Er meint damit auch den Geist, der in den sechziger Jahren in Neshoba County herrschte – als sich nicht nur Schwarze selbst, sondern auch “Niggerfreunde” vor der lokalen Polizei in Acht nehmen mussten; als Afroamerikaner nicht nur Lokalverbote, sondern auch noch eine nächtliche Ausgangssperre zu gewärtigen hatten; und als sich Hilfssheriffs einen Spaß daraus machten, Schwarze vor ihren Polizeiautos herzujagen. Michael McDonald erinnert sich noch gut daran: “Einmal hat ein Deputy-Sheriff gedroht, dass er mir die Eier abschneiden wird”, erzählt der 65-jährige Afroamerikaner.
“Mississippi ist der grausamste und unzivilisierteste Bundesstaat in den USA”, schrieb der Bürgerrechtler Roy Wilkins einmal. “Es gibt keinen Staat, der in puncto Unmenschlichkeit, Mord, Brutalität und Rassenhass an ihn heranreicht.”
539 Lynchmorde zählte Mississippi zwischen 1882 und 1964. In den sechziger Jahren fanden sich im Wählerregister nur sechs Prozent Schwarze, obwohl fast die Hälfte der Bevölkerung Afroamerikaner waren. Heute vermeldet Mississippi mit seinen rund drei Millionen Einwohnern einen neuen Wählerrekord. Nach ersten Schätzungen dürften sich rund 30 Prozent mehr Wähler als bisher registriert haben. Die meisten davon rechnet man Barack Obama zu.
Obwohl Mississippi bei der Wahl dennoch an die Republikaner gehen dürfte, hat der Staat in den vergangenen 40 Jahren enorme Fortschritte gemacht. Hier sind etwa weitaus mehr Afroamerikaner in hohen offiziellen Positionen tätig als anderswo in den USA.
Philadelphia's schwarze Westside, Neshoba County
Allein deshalb aber plötzlich für den schwarzen Demokraten zu stimmen, sehen die Bürger von Neshoba County nicht als Verpflichtung. Im Gegenteil: Der Umstand, dass Schwarze öffentlich gefördert werden, wird von manchen als Freibrief dafür genommen, sich ostentativ für die weißen Kandidaten auszusprechen. Der Truckfahrer mit der Camouflage-Kappe, die ältere Spielerin im nahen Kasino, der Ladenbesitzer an der Durchzugsstraße: Obama, so sagen viele hier, habe noch zu wenig vorzuweisen. Tradition und Erfahrung zählen im Süden eben viel.
Aber Neshoba County mit seinen knapp 30.000 Einwohnern sei an der durch die blutigen Ereignisse von 1964 erzwungenen Konfrontation mit sich selbst gewachsen, findet Leeroy Clemons, Präsident der örtlichen Niederlassung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung NAACP (National Association for the Advancement of Coloured People): “Philadelphia und Neshoba County wurden zum Inbegriff des Rassismus. Für viele im Ort war das inakzeptabel.”
Das Verbrechen führte etwa dazu, dass sich 30 schwarze und weiße Bewohner von Neshoba in der Philadelphia Coalition zusammenfanden, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Das war anfangs alles andere als leicht. Den Vorschlag der Schwarzen, einen Gedenkmarsch für die Opfer zu veranstalten, lehnten die Weißen ab. Sie fühlten sich dadurch zu sehr an die Märsche militanter Schwarzer in der Anfangszeit der Bürgerrechtsbewegung erinnert.
Die Idee der Weißen, eine Resolution zu verfassen, stieß wiederum bei den Schwarzen auf Skepsis: Zu viel war ihnen zu oft schon in zu vielen Papieren versprochen – und gebrochen – worden.
Urteil. Eines war ihnen aber klar: Trotz der Verurteilung von sieben Tätern war das Verbrechen noch nicht vollständig geklärt. Das nahm die Philadelphia Coalition nun gemeinsam mit Jerry Mitchell vom “Clarion Ledger” und einer Gruppe Studenten in Angriff. Sie befragten Zeugen, trugen Indizien zusammen und kamen so dem wahren Drahtzieher der Morde auf die Spur.
Am 21. Juni 2005, exakt 41 Jahre nach dem blutigen Verbrechen, wurde Edgar Ray Killen, Sägemühlenvorarbeiter und Teilzeitprediger, für den Mord an den drei jungen Bürgerrechtlern verurteilt. Er hatte den Tatort für das Verbrechen ausgewählt, die von Hilfssheriff Cecil Price alarmierten Klan-Leute dorthin dirigiert und sich selbst ein Alibi besorgt.
Auch heute noch marschiert der Ku-Klux-Klan alle zwei Jahre durch Philadelphia in Neshoba County. Allerdings sind es nur mehr acht alte Männer. Von den tattrigen Radikalen geht längst keine Gefahr mehr aus. In Jewel McDonald weckt ihre Präsenz dennoch unangenehme Gefühle. Wenige Stunden vor den Morden von Neshoba County hatten Klan-Leute auf der Suche nach den drei Bürgerrechtlern auch die Mutter und den Bruder von Jewel verprügelt. “Da draußen laufen irgendwo immer noch einige mutmaßliche Täter herum, die nicht belangt wurden. Und viele, die uns das ganze Leben lang erzählt haben, dass wir wegen unserer Hautfarbe nichts wert sind”, sagt sie. “Wie denen wohl zumute ist, wenn sie nun bald von einem Schwarzen regiert werden?”
Bürgerrechtler Leroy Clemons am Gedenkstein für die drei Toten
Leeroy Clemons von der NAACP ist nicht ganz so zuversichtlich, dass Obama gewinnen wird. “Wenn er zum Schluss nicht mit mindesten acht Punkten Vorsprung in den Umfragen führt, wird er die Wahl verlieren”, sagt er. “Sechs Punkte kostet ihn allein schon der Rassenfaktor, weil die Wähler in den Umfragen nicht ganz ehrlich sind.”
Inzwischen tippt Jerry Mitchell beim “Clarion Ledger” die letzten Zeilen seines jüngsten Artikels in den Computer. Ein Nachruf: Der Chef der FBI-Untersuchungen in Mississippi ist im Alter von 94 Jahren gestorben. “Wie knapp Mississippi in den sechziger Jahren davor stand, vom Gesetz des Dschungels regiert zu werden, ist immer noch ein beängstigender Gedanke”, schreibt Mitchell. “Damals gab es nur eine verlässliche Institution, die das Gesetz durchsetzte – und das war das FBI.”
Als Bildschirmhintergrund hat er ein Dokument ausgewählt, das ihn immer an die Bluttat von 1964 erinnert: Es ist die Vermisstenanzeige für die Bürgerrechtler Schwerner, Chaney und Goodman.
Unterdessen verbüßt Edgar Ray Killen, der bislang letzte für das Verbrechen zur Rechenschaft gezogene Täter, immer noch eine Haftstrafe von dreimal 20 Jahren. Wenn Amerika am 4. November die Wahl zwischen einem weißen Kandidaten und einem Afroamerikaner hat, ist er als verurteilter Straftäter nicht stimmberechtigt.
US-Wahlen. Der Bundesstaat Missouri ist ein Spiegelbild der Vereinigten Staaten im Kleinen und ein verlässlicher Gradmesser für das politische Klima. Wer hier gewinnt, zieht erfahrungsgemäß auch ins Weiße Haus ein. Seit Kurzem liegt Barack Obama in den Umfragen voran.(für profil; aus Missouri/USA)
Auf den ersten Blick erscheint der 24. Bundesstaat der Vereinigten Staaten unbedeutend: Missouri liegt ziemlich genau im Zentrum der USA, hat eine Fläche von 180.533 Quadratkilometern bei knapp sechs Millionen Einwohnern und wird seit 2005 von einem republikanischen Gouverneur regiert. Eine Autofahrt quer durch den Bundesstaat bietet dem Besucher idyllische Kleinstädte, riesige Maiskornfelder, den prachtvollen Missouri River und unzählige Country-Music-Bars.
Eigentlich nichts Besonderes.
Doch dieser erste Eindruck täuscht: Kein anderer Bundesstaat vermittelt so präzise die politische Stimmung in den USA wie Missouri. Fast alle Präsidentschaftskandidaten, die hier in den vergangenen 100 Jahren siegten, zogen schließlich ins Weiße Haus ein.
Missouri ist geopolitisch ein Spiegelbild der USA. Amerika hat seine liberalen Großstädte an der Ostküste (New York) und an der Westküste (Los Angeles). Das Landesinnere besteht zum Großteil aus ländlichen Gebieten. Ähnlich in Missouri: Die größten Städte sind Kansas City im Westen und St. Louis im Osten, dazwischen: kleine Dörfer, landwirtschaftliche Betriebe. Missouri spiegelt auch die Bevölkerungsstruktur der USA wider: Ein Viertel der Wähler zählt zur klassischen Arbeiterschaft, die Arbeitslosenrate liegt bei 6,6 Prozent, und auch der Anteil der Afroamerikaner (13 Prozent) entspricht dem US-Schnitt.
In den vergangenen zwei Monaten schwächelte Barack Obama in den landesweiten Meinungsumfragen. Einige Institute sahen McCain und seine erzkonservative Vizekandidatin Sarah Palin klar in Führung. Doch die Finanzkrise brachte eine Wende. Von den so genannten Swing States, also jenen Bundesstaaten, die keine traditionelle Parteibindung haben und daher für das Wahlergebnis entscheidend sein werden, konnte Obama zuletzt einen nach dem anderen für sich gewinnen. Seit Kurzem führt der Senator aus Illinois auch in Missouri um fast drei Prozentpunkte.
Wetterkapriolen. Hillsboro ist eine 2000-Seelen-Stadt 200 Kilometer südlich von St. Louis. Hier leben die Brüder Arlon und Martin Held. Gemeinsam führen sie das kleine Unternehmen Held Brothers Constructions. Sie errichten Gebäude oder helfen bei Reparaturen an Holzhäusern in der Gegend. Seit jeher wählen die Helds republikanisch. “Unser Vater hat uns gepredigt, dass man nur behalten kann, was man besitzt, wenn man es auch verteidigt”, sagt Arlon Held, ein 60-jähriger muskulöser Mann im durchgeschwitzten T-Shirt. Sein Vater, ein Sohn deutscher Einwanderer, kämpfte im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis. Seine Rangabzeichen ließ die Familie in seinen Grabstein meißeln. “Erst hat er unter General Eisenhower gekämpft, dann hat er ihn zum Präsidenten gewählt”, sagt Held, während er sich auf die offene Tür seines Pick-up-Trucks stützt. “Wenn einer weiß, wie man den Irak-Krieg zu einem vernünftigen Ende bringt, dann ein Militär wie John McCain. Er hat die notwendige Erfahrung”, sagt er. Sein Bruder nickt. Beide sind eingeschriebene Mitglieder der Nationalen Waffenvereinigung NRA (National Rifle Association).
Auf Menschen wie die Gebrüder Held kann sich John McCain am 4. November verlassen. Aber genügt das? Mit sorgenvoller Miene deutet Arlon Held in die Ferne: “Im Rest von Missouri ist das politische Klima leider weniger beständig als bei uns daheim. Wenn Sie das Wetter hier in Missouri nicht mögen, dann warten Sie einfach zehn Minuten”, sagt er und blickt in den klaren Herbsthimmel. “Mit den Wahlergebnissen ist das ähnlich. Die ändern sich fast so schnell wie das Wetter hier.” Was Held Sorgen macht, sind Menschen wie Lindsey Barnes aus Neosho im Süden Missouris. Die junge Ärztin sitzt in einer Cafeteria, trinkt einen Becher Caffè Latte und schwärmt von Barack Obama. Sie wünscht sich eine allgemeine Krankenversicherung, auch wenn diese Reform ihr Einkommen schmälern könnte. “Die Krankenversicherung kann Obama im Wahlkampf natürlich nicht versprechen. Man würde ihn automatisch als Sozialisten abstempeln”, sagt die 27-jährige Medizinerin.
Homo-Ehe. Neosho ist der südliche Ausläufer des so genannten “Bible Belt” im Südosten der USA, in dem noch immer Gott und Glaube das tägliche Leben bestimmen. In der 10.000-Seelen-Gemeinde Neosho haben die lokalen Kirchen zum Beispiel alle Lizenzen für den öffentlichen Ausschank von Alkohol aufgekauft, um die Stadt alkoholfrei zu halten. Erst vor Kurzem konnte Sam’s Cellar eröffnen, die erste Bar von Neosho.
“Für Al Gore und John Kerry habe ich in unserer Gegend nie eine echte Chance gesehen”, sagt Ärztin Barnes. “Aber mit der Finanzkrise haben viele begriffen, dass Werte allein keinen guten Präsidenten ausmachen. Bei Obama habe ich aber erstmals das Gefühl, dass er es wirklich schaffen kann, weil er auch die Konservativen begeistert.”
Rolla, eine 16.000-Einwohner-Stadt, liegt zwei Autostunden südwestlich von St. Louis. Hier, am Fuße der Naturschönheiten der Ozark-Hügelkette, die das Land durchzieht, verschwimmen im Unterschied zum stramm konservativen Neosho modernes Leben und Traditionalismus. Die kleine Universität zieht weltoffene Geister an, in den Cafés zwei Ecken weiter kauen grobschlächtige Baseball-Kappenträger an ihren Zahnstochern. Vor ihren Haustüren stehen Schilder mit der Aufschrift “Vote for McCain 2008″.
In Rolla wohnt der homosexuelle Dylan McDonell. Dylan sitzt an diesem Mittwoch vor dem Haus seines Bruders und dreht an seinem goldenen Ehering. Gekauft hat er ihn in Kalifornien, wo er seinen Lebensgefährten Anthony staatlich anerkannt heiraten durfte. Wenn Dylan in Rolla mit seinem Ehemann Hand in Hand auf offener Straße geht, wird er immer noch schief angesehen. Auch Dylans Familie hat seine sexuelle Orientierung lange Zeit nicht akzeptiert. Heute unterstützen die Eltern ihren Sohn jedoch gegen die konservative Bockigkeit der Institutionen. “Meine Familie und auch viele ihrer Freunde werden am 4. November ein Zeichen setzen und Barack Obama wählen”, sagt Dylan stolz. In diesem Zusammenhang sieht er sogar einen gewissen Vorteil darin, dass Missouri gleichgeschlechtliche Ehen über lokale Gesetze unterbindet. Immerhin hilft der Bann über Umwege den Demokraten – weil die Republikaner mit dem Thema nicht mehr punkten können: “Das nimmt den Konservativen viel Wind aus den Segeln”, analysiert Dylan.
Diese Tatsache dürfte auch Jared Craighead Sorgen bereiten. Der stellvertretende republikanische Parteichef von Missouri sitzt in seinem Büro in der Hauptstadt Jefferson City und sieht sich stirnrunzelnd die letzten Umfragen aus Missouri im Internet an. “Die Wahlmotive in Missouri sind immer ein wenig gesellschaftskonservativer als in anderen Bundesstaaten”, sagt er. Craighead glaubt, dass die Mehrheit der Einwohner von Missouri noch immer gegen Abtreibung, für die Reduktion von Regeln und Steuern und – vor allem – das Recht auf freien Waffenbesitz ist: “Es ist immer noch wesentlich einfacher, einen Bundesstaat politisch zu behalten, als ihn umzudrehen.”
Wirtschaftskrise. Craighead vertraut auf Menschen wie den Immobilienmakler Doug McCain in der kleinen Ortschaft Clinton im Westen Missouris. Das dunkle Büro von Doug McCain ist mit vielen Jagdtrophäen an den Wänden geschmückt. “Das Geschäft läuft schlechter denn je”, klagt der stämmige Mann. Durchschnittliche Baugründe offeriert er um etwa 20.000 Dollar, teils in ausgesprochen schönen Flecken der Fluss- und Seenlandschaft rundum gelegen. Doch selbst die schönsten Immobilien sind nach dem Crash an der Wall Street nur schwer an den Mann zu bringen. “Wer hat schon so viel Eigenmittel? In Zeiten wie diesen gibt man keinen Cent zu viel aus”, murrt der Immobilienvermittler. Und die, die sich Teureres leisten können, kaufen lieber in weniger hinterwäldlerischen Gegenden. Doug McCain gibt allerdings nicht den Republikanern die Schuld an der Krise, im Gegenteil: “Gerade jetzt muss man doch einen starken, erfahrenen Mann wie McCain wählen”, sagt er über seinen Namensvetter.
Das Haushaltseinkommen in Missouri liegt mit einem Mittelwert von knapp 42.000 Dollar deutlich unter dem US-Durchschnitt. Übers Jahr gerechnet bekommen die Bürger dort um zwei bis drei Monatsgehälter weniger als der statistische Amerikaner. “Wir wären froh, wenn wir hier zumindest eine wirtschaftliche Situation hätten, wie sie der Rest des Landes beklagt”, sagt Demokraten-Sprecher Jack Cardetti.
Doch gerade in der wirtschaftlichen Misere wittert Cardetti Obamas Chance in den Schlusswochen des Wahlkampfs. Der Landessprecher der Missouri-Demokraten hat hier schon einige Wahlen geschlagen – und verloren. 2004 wurde er leidvoll Zeuge, als John Kerry den Bundesstaat einen Monat vor der Wahl aufgab und Geld und Personal in den umkämpften Swing State Ohio verlegte. Diesmal macht das Obama-Lager mit landesweit 40 Wahlkampfbüros den Republikanern auch drei Wochen vor der Wahl das Leben noch schwer.
Der Bauunternehmer Arlon Held aus Hillboro muss in die Arbeit fahren. “Ich zweifle, dass es die Republikaner dieses Jahr schaffen”, meint er – und murmelt, kurz bevor er losfährt, noch: “Unser dritter Bruder, der bisher immer die Republikaner gewählt hat, will diesmal Obama wählen. Das ist eine absolute Revolution in unserer Familie.”
Mitten in Amerika
Die erste europäische Siedlung war das 1735 von den Franzosen gegründete Sainte Genevieve, das dem französischen Staat Louisiana unterstellt war. Zu dieser Zeit lebten in Missouri überwiegend Indianerstämme der Algonkin und der Sioux. 1803 kaufte der damalige US-Präsident Thomas Jefferson das Gebiet den Franzosen ab. 1812 wurde die Region zum Territorium Missouri, neun Jahre später zum 24. Mitgliedsstaat der Vereinigten Staaten.
US-Wahlen. Hypothekenkrise, Jobnot, Benzinpreise – in den sterbenden Industrieregionen von Ohio und Pennsylvania entscheiden Globalisierungsverlierer die Präsidentschaftswahl. (für profil; aus Ohio & Pennsylvania / USA)
Von seinem Fenster aus blickt Mark Glyptis auf ein monumentales Wahlversprechen aus amerikanischem Qualitätsstahl: Die Steel Mill von Weirton erhebt sich am Ende eines Spaliers aus weiß getünchten Bretterhäuschen wie eine schutzspendende Festung. In ihren besten Zeiten war die Steel Mill der Arbeitsplatz von 14.000 Leuten, die hier gutes Geld verdienten. Mittlerweile sind die Häuser in Weirton heruntergekommen, viele stehen leer. Nur noch knapp mehr als 1000 Stahlarbeiter beschäftigt der wankende Riese heute. Mark Glyptis’ Stimme verrät Verbitterung: “Bill Clinton hat uns damals schwer betrogen, als er uns Zölle auf südostasiatische Importe versprach. Der Billigstahl, der seither unseren Markt überschwemmt, wird bald unser Untergang sein.”
Der demokratische US-Präsident konnte die Stahlindustrie von Weirton nicht mehr retten. Und was soll aus Weirton ohne Stahl werden? Nicht zufällig ist die Stadt nach Ernest T. Weir benannt, der 1909 die Weirton Steel Corporation gründete. Der erste Bürgermeister nach der offiziellen Gründung der Stadt 1950 war ein Vorstand des Stahlwerks. Das wenige Meilen breite Nordspitzchen West Virginias, das entlang dem Ohio River die stimmenstarken Bundesstaaten Pennsylvania und Ohio verbindet, war einst das Kernland einer blühenden Metallindustrie, aber seit mehr als zwei Jahrzehnten oxidiert das Herzstück des “Iron Belt” zum “Rust Belt”. Aus Stahl wurde Rost, und aus stolzen Arbeitern verzweifelte Modernisierungsverlierer.
Um ihre Stimmen müssen die US-Präsidentschaftskandidaten John McCain und Barack Obama werben, denn Ohio und Pennsylvania werden in der bevorstehenden Wahl möglicherweise die entscheidenden “Swing States” sein – also Staaten, in denen beide Kontrahenten Siegeschancen haben. 2004 sicherte sich George W. Bush mit nur 0,8 Prozent Vorsprung auf seinen demokratischen Gegner John Kerry die zwanzig Wahlmänner Ohios – und gewann die Wahl.
Misstrauen. Aber die Leute im “Rust Belt” sind gegenüber der Politik misstrauisch geworden. Sie wissen um ihre heikle Situation. Wie die Globalisierung der Wirtschaft auf eine ehemals erfolgreiche amerikanische Industrieregion durchschlagen kann, muss man hier niemandem im Bildungsfernsehen erklären; Nafta, GATT und WTO sind Kürzel, die keiner nachschlagen muss. Sie ziehen längst den hilflosen Zorn einer ganzen Generation von Industriearbeitern auf sich. China, Indonesien, Indien und Brasilien liefern bei geringeren Lohnkosten und weniger Umweltauflagen wesentlich billigeren Stahl, und die amerikanischen Stahlarbeiter haben das Nachsehen.
“Früher waren das hier alles Top-Jobs”, sagt Mark Glyptis. “Bestens bezahlt, ausreichend abgesichert, medizinische Versorgung und Betriebsrente inklusive.” In der Blütezeit produzierte das knappe Dutzend Fabriken der Region gut ein Viertel aller amerikanischen Konservendosen – und davon gibt es in den USA mehr als irgendwo sonst auf der Welt. Heute haben die letzten verbliebenen Schichtarbeiter nicht einmal mehr die Garantie auf eine vernünftige Rente. Wer hier noch einen Job hat, versucht den Pensionsantritt so lang wie möglich rauszuzögern. Das Durchschnittsalter der Arbeiter: 52 Jahre.
Betriebsrat Glyptis und die anderen Gewerkschaftsfunktionäre mussten ihre politischen Sympathien notgedrungen mehrmals wechseln. Nach der Enttäuschung über Clinton liefen sie für George W. Bush, der gerade mal ein paar Jahre lang durch Einfuhrzölle für Entlastung sorgte. Dann ging es wieder steil bergab.
Es ist kein einfaches Terrain, das die Präsidentschaftskandidaten hier erwartet. Vergangene Woche gab sich Barack Obama in der Fitcher High School von Austintown, einem Vorort von Youngstown, alle Mühe, seinen Zuhörern Hoffnung zu machen, auch wenn alle Daten dagegen sprechen: Youngstown findet sich in einer Liste des “Forbes Magazine”, gemessen an Arbeitslosigkeit, Kriminalität und wirtschaftlichen Problemen, unter den Top Ten der am schnellsten sterbenden Städte der Vereinigten Staaten – ebenso wie drei weitere Städte in Ohio.
Obama sagt, er wisse um die Probleme der Familien, die mit steigenden Preisen und sinkender Beschäftigung kämpfen. Von den Müttern, die ihren täglichen Einkauf reduzieren müssen, weil der Benzinpreis steigt. Er erzählt von einem Mann, den er angeblich im benachbarten Pennsylvania traf. Der habe seinen Job verloren und könne es sich nicht einmal mehr leisten, mit dem Auto zu einem Vorstellungsgespräch zu fahren.
Dann kommen die Versprechen: “Wenn ich zum Präsidenten gewählt werde, gewähre ich allen Arbeiterfamilien sofort einen Energiezuschuss von 1000 Dollar, bezahlt aus Steuern auf die Gewinne der Ölindustrie!” Das kommt beim Publikum gut an, und Obama verheißt einen neuen Aufbruch: “Ich weiß, dass in Ohio in den vergangenen acht Jahren 236.000 Industriejobs verloren gegangen sind. Aber Ohio hat US-weit auch das zweitgrößte Potenzial, neue, grüne und sichere Jobs in der Windenergie-Gewinnung zu schaffen!” Von der qualmenden Stahlregion zum Öko-Dorado? McCains Ankündigung, 45 neue Atomkraftwerke zu bauen und vor der Küste nach Öl zu bohren, klingt da kurzfristig wohl vielversprechender.
Dennoch stehen Obamas Chancen nicht schlecht. Jüngste Umfragen bescheinigen ihm solide 51 Prozent Zustimmung bei unterdurchschnittlich verdienenden Arbeitern. John McCain liegt mit 27 Prozent weit im Rückstand.
Abwanderung. Roy Surles liefert dafür eine einleuchtende Erklärung: “Die Republikaner hatten acht Jahre lang Zeit, etwas für uns zu tun. Jetzt sollten wir einem anderen die Chance geben, uns anzulügen”, sagt der Afroamerikaner frustriert. Der hagere 50-Jährige verschwindet fast in der weichen Polsterung seiner Couch und starrt immer wieder teilnahmslos auf seinen überdimensionalen Fernseher. Darüber hängt ein Porträt, das ihn in Militäruniform zeigt. Das strahlende Lächeln auf dem Bild ist ihm längst abhandengekommen. Vor 17 Jahren wurde Surles unter der Präsidentschaft von George Bush senior als Soldat nach Kuwait geschickt. Während des Golfkriegs verpasste er die Geburt seines jüngsten Sohnes. Gegen die posttraumatischen Folgen der damaligen Operation “Desert Storm” schluckt er bis heute täglich Psychopharmaka.
Surles wird Barack Obama wählen, auch wenn er dessen Versprechen nicht traut. “Beide behaupten, sie würden die wirtschaftlichen Probleme lösen. Aber wie? Es dauerte Jahrzehnte, diese abertausenden Jobs hier aufzubauen – und das in wesentlich besseren Zeiten. Kein Politiker kann sie mit einem Schlag zurückbringen.”
Vor eineinhalb Jahren verlor der Vater dreier Kinder seinen Arbeitsplatz an der Computersteuerung in einer der größten Fabriken von Youngstown. Sie sperrte zu. Auch Roys Frau sucht einen Job – wie bis zu 20 Prozent der Schwarzen in dieser Gegend. Jetzt mäht er den Rasen vor den vielen unbewohnten Häusern der Nachbarschaft, die nacheinander abgerissen werden, um Drogenkriminellen keine Zufluchtsstätte zu bieten. Außerdem: Wer will hier ein Haus kaufen?
Arbeiterethos. Früher zog Youngstown Arbeiter aus allen Landesteilen an, mittlerweile halbierte sich die Einwohnerzahl der Stadt von 160.000 auf 80.000 Menschen. Der Ruf als “Mord-Hauptstadt der USA” blieb. In Youngstown wird in drei von vier Wochen mindestens ein Mord begangen. Der amerikanische Rock-Star Bruce Springsteen setzte dem ausgeprägten Stolz der Bewohner und dem tragischen Sterben der Stadt in seinem Song “Youngstown” ein musikalisches Denkmal. Zitat: “Jetzt sagen Sie mir, die Welt hat sich verändert, Sir, nachdem ich Sie reich genug gemacht habe – reich genug, dass Sie es sich leisten können, meinen Namen zu vergessen.”
Nirgendwo ist das klassenbewusste Arbeiterethos mehr mit tiefem Patriotismus verknüpft als hier, wo Stahl und Eisen für die Kriege Amerikas geschmiedet wurden. Aber nun sind Wille und Stolz der Menschen gebrochen.
“Monat für Monat werden wir wieder ein Stückchen mehr filetiert”, sagt Gewerkschafter Mark Glyptis. Obwohl auch er nicht überzeugt klingt, wirbt er für Obama: “Was medizinische Versorgung und Pensionen angeht, ist er die beste Alternative, die wir haben.”
Er sieht aus dem Fenster. Das Stahlwerk, das die Arbeiter nach einem Workers-Buy-out zwanzig Jahre lang als größtes selbst verwaltetes Unternehmen des Landes geführt hatten, wurde 2004 nach dem Bankrott vom indischen Metall-Milliardär Lakshmi Mittal übernommen. Ein anderes, wenige Kilometer entfernt, kam vergangene Woche unter den Hammer. Käufer: der russische Severstal-Konzern.
Wie zum Trotz steht an der Stadteinfahrt immer noch ein Begrüßungsschild mit der Aufschrift: “Weirton – aus Stahl geschmiedet”.
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Interview
“Auf Gehässigkeiten spezialisiert”
Gouverneur Ted Strickland und Senator Sherrod Brown über Paris Hilton und Obamas Chancen im Swing State Ohio.
profil: 1992 und 1996 siegte der demokratische Präsidentschaftskandidat Bill Clinton in Ohio, 2000 und 2004 hingegen der Republikaner George W. Bush. Wer wird diesmal das Rennen machen?
Strickland: Ohio ist, wie es ist. Bei einer Präsidentschaftswahl wird es hier immer ein knappes Rennen – egal, wer kandidiert, auch diesmal. Das ist das Naturell dieses Landes.
Brown: John McCain hat leider eine Negativkampagne gestartet. Doch die Men- schen haben derlei satt. Obama gewinnt Ohio!
profil: Genau im August vor vier Jahren sah sich der damalige Präsidentschaftskandidat John Kerry ähnlich untergriffigen Anwürfen ausgesetzt …
Strickland: Sie kamen aus derselben Ecke – von den Leuten von Ex-Bush-Be- rater Karl Rove. Die haben schon John Kerry eine fragwürdige Militärkarriere unterstellt, obwohl er ein Kriegsheld war.
profil: Und sie waren effektiv.
Strickland: Ja, waren sie.
profil: Warum sollten sie diesmal nicht auch wirken?
Brown: Natürlich bin ich besorgt, dass sie wirken könnten. McCain hat kein einziges Thema, bei dem die Wähler hier zustimmen. Keines. Null. Energiepolitik, Arbeitsplätze, Außenhandel, Irak – bei allem ist Barack näher an den Menschen. Darum greifen sie ihn mit Gehässigkeiten persönlich an, darauf sind sie spezialisiert.
profil: Reagiert Obama auf die Videos, die ihn mit dem Society-Sternchen Paris Hilton in Verbindung bringen, zu milde?
Strickland: Aus meiner Sicht ist es eine Verpflichtung, seine Stimme zu erheben, wenn man verhöhnt wird. Aber er wird die richtige Entscheidung treffen.
Brown: Die Medien haben viel dazugelernt. Anders als vor vier Jahren werden die Aussagen der Kandidaten nun mehr hinterfragt und nicht mehr nur gesendet.
profil: In dem Spot wird versucht, ihn wegen seiner Rede vor der Siegessäule in Berlin als elitär zu brandmarken. Wirkt er auf die einfachen Menschen abgehoben?
Strickland: McCains Leute tun, was sie immer tun: Sie versuchen, die Stärken ihres Gegners in Schwächen umzudeuten.
Brown: Ich verstehe nicht, wie man ihm unterstellen kann, elitär zu sein! Er spricht bei der Convention in Denver vor einem Stadion voller einfacher Menschen, während McCain in Minneapolis nur Bonzen bedient, die das Geld und den Einfluss haben, sich Eintrittskarten zu sichern. Jemanden, der nach der Uni hoch bezahlte Jobs in Anwaltskanzleien und an der Wallstreet ausgeschlagen hat, als elitären Typen darzustellen … Also ich komm da nicht mit. Und die damit hoffentlich nicht durch.