Uni-Reportage. Nach drei Jahren Studiengebühren herrscht in der Universitäts-Hauptstadt Wien Resignation. Wer hier studiert, lernt mit dem Frust zu leben. Wer hier lehrt, sich auszubeuten. (für profil)
Es kam, wie es kommen musste. Weil es eigentlich immer so kommt. “Error” – viel mehr hatte der Computer Barbara Dolschak nicht zu sagen. Die 26-jährige Volksschullehrerin hatte sich den frühen Vormittag am Montag vergangener Woche freigehalten, um sich für vier Vorlesungen in ihrem nebenberuflichen Spanisch-Studium an der Uni Wien anzumelden. Via Internet, wie zu Semesterbeginn üblich.
Innerhalb von wenigen Minuten, nämlich dann, wenn die Anmeldeseiten freigeschalten werden und sich die Studenten für ihre Lehrveranstaltungen eintragen, entscheidet sich, ob, was und wie viel ein Student im kommenden Semester studieren darf. Wie zu Semesterbeginn dabei aber auch üblich, waren die Datenleitungen zur Uni Wien wieder völlig verstopft. Es folgte, was immer folgt: eine kurze Phase der Panik. Dolschak ging zum Notfallplan über. “Ich hab alle meine Freunde angerufen, dass die versuchen sollen, mich anzumelden.” Es klappte zum Teil. In drei Vorlesungen konnte sie Plätze ergattern, eine blieb ihr versagt. “Man soll ja nicht unzufrieden sein”, sagt sich die 26-Jährige. “Aber wenn nicht einmal die Anmeldung klappt, weiß ich nicht genau, wofür ich 378 Euro Studiengebühren zahle.”
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In der EDV-Administration weiß man das auch nicht, oder nicht genau. “Ich verstehe die Studenten schon”, sagt ein Techniker. “Die haben Angst, dass sie nicht in die Vorlesung kommen, wenn sie sich nicht um Punkt 8 Uhr anmelden, wenn die Anmeldung freigeschalten wird. Aber die sitzen dann ab 7.58 Uhr vorm PC, klicken x-mal auf die Buttons und prügeln damit unsere Server nieder. Die Hardware, die das aushält, ist noch nicht erfunden.” Klar, dass es dann auch zu Gesamtabstürzen kommen kann. Endgültig gelöst wäre das Problem nur, wenn die Institute mehr Lehrveranstaltungen einplanten. Dann wäre der Andrang nicht so groß.
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Planen kann Ibrahim Elmadfa aber schon lange nicht mehr. Die wenigen Lehrveranstaltungen, die er als Vorstand des Instituts für Ernährungswissenschaften ins Vorlesungsverzeichnis stellt, muss er unter “Maßgabe der vorhandenen Räume” anbieten. Heißt: kein Raum, keine Übungen. “Wir haben zwei Laborräume mit Platz für jeweils zehn Personen, in die aber 250 Studenten drängen”, sagt der Wissenschafter. “Ich würde ja gern mehr Lehrveranstaltungen anbieten, aber die Raum- und Personalkapazitäten reichen nicht aus. Sie sind ungerecht verteilt an der Uni.” Rektor Georg Winckler habe ihm versprochen, sich um mehr Platz zu bemühen, aber “da spießt es sich”. Und Elmadfa selbst ist der einzige Professor, den es am Institut für 2600 Studenten gibt – unterstützt nur durch sechs Assistenten. Auch dafür hat der Rektor nun Abhilfe versprochen: Immerhin soll jetzt ein weiterer Professor verpflichtet werden.
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Die Medizin-Uni hat das Platzproblem auf ihre eigene Art gelöst. Damit die Massen von Studenten nicht in den zweiten Abschnitt drängen, müssen sie die heftig umstrittene “Summative Integrierte Prüfung” (SIP) ablegen. Eine Knock-out-Prüfung, wie die Österreichische Hochschülerschaft kritisiert. Vergangenes Jahr fiel ihr auch Barbara F. (Name von der Redaktion geändert) zum Opfer. Beim zweiten Antritt war sie unter den Top 20 von 250 Studenten und trotzdem negativ. Das Mädchen lebte nur noch für die Uni, soziale Kontakte reduzierte sie auf null. Sie schaffte es – und muss nun dennoch ein Jahr warten! “Das ist eine Sauerei.” Sie darf keine Lehrveranstaltung besuchen, muss aber für das ganze Jahr Studiengebühren zahlen, damit sie auf der Warteliste bleibt. Das kostet sie Studien- und die Familienbeihilfe, auf die sie eigentlich Anspruch hätte. Würde ihr das Rektorat zumindest bestätigen, dass die 21-Jährige wegen “erschwerter Studienbedingungen” nicht weitermachen kann, würde sie Familienbeihilfe bekommen. Doch die Medizin-Uni weigert sich.
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Auch Brigitte Zumtobel kämpft mit der Uni-Organisation. Seit knapp eineinhalb Jahren wartet die Studentin der Vergleichenden Literaturwissenschaften auf drei Zeugnisse – sprich: auf den amtlichen Zettel, der ihr bestätigt, brav gelernt und drei Prüfungen bestanden zu haben. “Da hat sich seit Einführung der Studiengebühren nichts geändert. Das ist einfach typisch Uni”, sagt sie. An der Stipendienstelle machte man ihr wegen der fehlenden Leistungsnachweise bereits Schwierigkeiten, auch die Halbwaisenrente ist sie im Begriff zu verlieren. “Auf Dauer ist das kein Zustand”, ärgert sich die 25-jährige Studentin. “Das ist nicht nur eine Unannehmlichkeit. Wenn die Verantwortlichen auf der Uni so lange brauchen, um die Zeugnisse auszustellen, steht einfach meine ganze Existenz auf dem Spiel.”
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“Wir können nicht mehr als arbeiten”, sagt Klaus Lojka. “Einige Kollegen haben bis zu eintausend Prüfungs- und Übungsarbeiten im Semester zu korrigieren. Da ist es zwangsläufig so, dass Zeugnisse sehr spät kommen”, sagt der Assistenzprofessor an der Publizistik. Die Eckdaten des Instituts, dem sogar Ministerin Elisabeth Gehrer attestiert, überlaufen zu sein: 5300 Studenten, 3400 davon noch in der alten Studienordnung, die bis 2009 fertig werden müssen. Lojka: “Vorsichtig gerechnet sind das zumindest 500 bis 600 Diplomarbeiten, die wir pro Jahr betreuen sollen – das ist ein Irrsinn.” Dabei produziert die Publizistik, höchst effizient mit minimalem Personal, rund 300 Akademiker jährlich. Die Probleme pflanzen sich fort: Das neue Bakkalaureatsstudium war für 900 Studenten konzipiert und ist – nach nur einem Jahr – mit rund 1500 schon wieder übervoll. Lojka in Richtung Rektor Georg Winckler: “Ich frage mich nur, wo es mehr kracht: am Vermögen der Uni oder am Unvermögen der Uni-Leitung.” Ohnehin beuten sich viele Assistenten selbst aus: Je mehr Studenten sie betreuen, umso weniger können sie forschen. Und wer keine Ergebnisse zu publizieren hat, kriegt Probleme bei Beförderungen oder der Verlängerung seines Vertrags. Lojka: “Das ist ein leistungsfeindliches System.”
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Das sieht auch Alex Fleischmann so. Der Student der Internationalen Betriebswirtschaft an der Uni Wien studierte ein ganzes Jahr in Helsinki und belegte fremdsprachige Vorlesungen auf Englisch, Schwedisch und Französisch. Zurück in Wien, gibt es aber nichts als Schwierigkeiten mit der Anrechnung. Er habe, laut heimischen Vorschriften, zu wenige Vorlesungen auf Englisch im Inland abgelegt. Seine Alternativen: Entweder er verfasst seine Diplomarbeit nun auf Englisch, oder er wiederholt eine – schon in deutscher Sprache abgelegte – Prüfung noch einmal in englischer Sprache. “Das ist reine Schikane. Man wird bestraft, dass man ins Ausland geht und nicht in Wien bleibt.”
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Wien ist einfach anders. An der Chemischen Fakultät der TU Wien wurde mit einer brillanten österreichischen Forscherin verhandelt, die lange Zeit in den USA unterrichtet hatte. Das Problem: Der Chemie fehlt ein ganzes Haus. Ein alter Trakt wurde wegen Baufälligkeit abgerissen, für den neuen gibt es kein Geld. “In dem Haus, in dem wir jetzt untergebracht sind, schrammen wir ständig an den Sicherheitsauflagen entlang – an der Grenze der Legalität”, sagt Johannes Fröhlich, Dekan der Technischen Chemie. Als die vermeintliche neue Kollegin die Zustände sah, machte sie kehrt. Back to the USA. “Es ist leicht zu sagen, wir sollen die heimischen Forscher aus dem Ausland zurückholen. Aber uns in der ersten Reihe nur die Daumen zu drücken und dabei zusehen, wie im Circus maximus die Gladiatoren mit untauglichen Mitteln ihre missliche Situation zu bewältigen versuchen, ist zu wenig.”
Posted: Oktober 4th, 2004
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Interview. Bildungsministerin Elisabeth Gehrer über die Aufbruchsstimmung an Österreichs Hochschulen und eine Task Force für Eliteuniversitäten. (für profil, mit Alexander Dunst)
profil: Frau Ministerin, wann waren Sie das letzte Mal an Österreichs größter Universität, der Uni Wien?
Gehrer: Heute war ich an der Uni Linz. An die Uni Wien komme ich gelegentlich, wenn es eine Veranstaltung gibt.
profil: Sind das die von Ihnen propagierten Weltklasse-Unis?
Gehrer: Österreichs Universitäten werden nie als Ganzes Weltklasse sein. Es wird einzelne Exzellenzbereiche geben.
profil: Wie würden Sie die Bedingungen für die Studenten bezeichnen?
Gehrer: In den Bereichen mit weniger Studierenden sind die Bedingungen sehr gut. Wo es überlaufen ist – wie an der Publizistik -, nicht so gut. Wie überall auf der Welt.
profil: Wenn es Bereiche gibt, in denen gute Bedingungen herrschen, wozu dann “Centers of Excellence”?
Gehrer: Es geht nicht darum, den Universitäten etwas hineinzusetzen, sondern darum, dass sich dort diese “Centers of Excellence” entwickeln. Die Universität Innsbruck hat im Bereich der neuen Informationstechnologien vom Land Tirol vier Lehrstühle gekriegt. Wir sollten uns nicht kleiner machen, als wir sind.
profil: Das heißt, die Unis dürfen – wenn sie es sich leisten können -, müssen aber nicht.
Gehrer: Die Universitäten können es sich leisten und werden ihre Schwerpunkte weiterentwickeln, um wettbewerbsfähig zu sein.
profil: Kommt es durch die Schwerpunktsetzung nicht zur universitären Zweiklassengesellschaft?
Gehrer: Der Wettbewerb ist das Allerwichtigste. Wenn wir da bestehen wollen, brauchen wir Breite und Spitze. Es wird vielleicht nicht mehr jedes Studium überall geben. Also die Architektur nicht siebenmal, sondern künstlerische Architektur irgendwo als Schwerpunkt. Und das ist gut so, Österreich ist klein.
profil: Der Physiker Anton Zeilinger hat diese Woche seine Idee einer “University of Excellence” vorgestellt. Was sagen Sie dazu?
Gehrer: Die Idee einer Eliteuniversität wird von einer Task Force, bestehend aus Vertretern von Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung, geprüft. In einem halben Jahr sollen Ergebnisse vorliegen. Auch Zeilinger wird eingebunden sein.
profil: Wie soll eine Eliteuni finanziert werden: aus dem bestehenden Uni-Budget oder durch zusätzliche Mittel?
Gehrer: Das werden wir entscheiden, wenn die Ergebnisse auf dem Tisch liegen.
profil: Alfred Gusenbauer hat sich ebenfalls für Eliteuniversitäten ausgesprochen.
Gehrer: Wir werden sehen, ob die SPÖ tatsächlich bei dieser Meinung bleibt.
profil: Schließen Sie aus, dass es in den öffentlichen Universitäten in Ihrer Zeit als Ministerin Zugangsbeschränkungen geben wird?
Gehrer: An der Musikuniversität muss das sein: Wer den Ton a nicht vom Ton e unterscheiden kann, kann nicht Musiker werden, wer farbenblind ist, nicht Maler. So einfach ist die Welt. An den anderen Universitäten gibt es keine, und das wird so bleiben. Punkt.
profil: Die Uni Wien sagt, sie verfüge heute inklusive Studiengebühren real über weniger Geld als 1999.
Gehrer: Die Rektoren haben mit dem Finanzminister ein Globalbudget ausverhandelt und mir erklärt, dass das ein gutes Budget ist. Ich habe mich da gar nicht eingemischt. Dieses Budget ist einzuhalten. Wenn das so ein schlechtes Budget sein soll, warum hat man das so ausverhandelt?
profil: Hat sich die Situation an den Unis verbessert, seitdem Studiengebühren eingeführt wurden?
Gehrer: Es ist ein neues Denken eingekehrt. Wir sehen, dass die Studienzeiten kürzer werden, dass die Beliebigkeit abgenommen hat. Ich war jetzt an einigen Universitäten und fühle eine Aufbruchsstimmung.
profil: Wissen die Studenten, wofür sie 378 Euro pro Semester zahlen?
Gehrer: Nicht in allen Studienrichtungen, denn nicht in allen strengt man sich gleich an.
profil: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts SORA unter den Studenten hat sich die Situation eher verschlechtert.
Gehrer: Ich denke nicht, dass man das so pauschal sagen kann. Das muss man sich pro Universität ansehen.
profil: Das ist eine österreichweite Umfrage.
Gehrer: Ich kenne die Umfrage nicht, also kann ich nichts dazu sagen.
profil: Glauben Sie, dass Sie bei den Studenten beliebt sind?
Gehrer: Politiker sind überhaupt nicht besonders beliebt. Darüber muss man sich nicht den Kopf zerbrechen.
profil: Wollen Sie nach 2006 noch Bildungsministerin bleiben?
Gehrer: Ich bin bis 2006 gewählt und werde so lange arbeiten.
profil: Viele Menschen beginnen im Ruhestand zu studieren. Eine Option für Sie?
Gehrer: Was ich im Ruhestand mache, überlege ich mir, wenn es so weit ist.
Posted: Oktober 4th, 2004
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Interview. Österreichs neue ÖH-Vorsitzende Barbara Wittinger über den Trend zu Knock-out-Prüfungen, sexuelle Belästigung am Uni-Klo und ihr Mitleid mit arbeitslosen Lateinern. (für profil)
profil: Viele Politiker haben ihre Karriere als Funktionäre der Österreichischen Hochschülerschaft begonnen. Glauben Sie, dass die ÖH für Sie ein Sprungbrett ist?
Wittinger: Total verneinen kann ich das nicht. Es gibt viele Leute, die diesen Weg gegangen sind. Auch für mich wird es nach meiner ÖH-Tätigkeit noch wichtig sein, mich politisch zu engagieren. Welchen Job ich in einer Partei machen will, weiß ich jetzt noch nicht.
profil: Die ÖH hat die Neustrukturierung der Uni Wien vehement bekämpft. Was ist so schlimm am Organisationsplan?
Wittinger: Was uns am meisten stört, ist, dass die Mitbestimmung der Studierenden gestrichen wurde. Organe, die es früher gab, wurden abgeschafft oder so weit zurückgestutzt, dass sie nichts mehr zu sagen haben. Oder sie sind mit einer absoluten Mehrheit von Professoren besetzt.
profil: Auch an den Entwicklungsplänen der Unis gab es Kritik von der ÖH.
Wittinger: Es wird nur noch drauf geschaut: Was bringt uns was? Wegen des knappen Budgets tendiert man in die Richtung: Was ist wirtschaftlich wichtig? Da sehen wir die Gefahr, dass einzelne Studienrichtungen aussterben.
profil: Aber braucht man Numismatik noch?
Wittinger: Die Frage zielt auf den falschen Punkt ab. Studien müssen nicht wirtschaftlich verwertbar sein. Es geht um Allgemeinbildung und die Weiterentwicklung des Wissens. Und da kann man nicht sagen, dass man eine Studienrichtung nicht mehr braucht.
profil: Haben Sie mit jemandem, der Latein und Byzantinistik studiert hat und jetzt keinen Job findet, Mitleid?
Wittinger: Schwer zu sagen. Ich glaube, dass Studierende vor dem Studium ausreichend informiert sein müssen, welche Chancen, aber auch Risiken ein bestimmtes Studium birgt. Das versuchen wir mit unserer Maturantenberatung. Für eine flächendeckende Beratung fehlen uns aber die Mittel.
profil: Warum geht nur knapp ein Viertel der Studenten zu ÖH-Wahlen?
Wittinger: Zunächst ist zu sagen, dass die Wahlbeteiligung bei Studierendenwahlen bei uns weltweit am höchsten ist. Wir können auch nur Vermutungen darüber anstellen, warum sie prozentuell gesehen trotzdem niedrig ist. Wahrscheinlich, weil sie so häufig stattfinden, alle zwei Jahre. Laut einer Studie, die wir machen ließen, ist das Interesse der Studenten an der ÖH sehr groß. Warum sie dann nicht zur Wahl gehen, kann ich auch nicht sagen.
profil: Vielleicht, weil das System kaum jemand überblickt. Wie viele Funktionäre hat die ÖH?
Wittinger: Die ÖH hat über 2000 Mitarbeiter, beginnend bei den Studienrichtungsvertretern bis zur ÖH-Vorsitzenden, die vor allem unentgeltlich tätig sind. Wie viele Leute genau, kann ich auch nicht sagen.
profil: Durch die ständigen Wechsel im Vorsitz weiß man nie, wer gerade für die ÖH spricht. Damit nimmt sie sich viel von ihrer öffentlichen Schlagkraft.
Wittinger: Es ist wichtiger, die ÖH als Team zu sehen. Den Auftritt nach außen an einer Person festzumachen, halte ich nicht für wichtig. Wichtiger ist, dass die Lösung für uns passt und es uns selbst damit gut geht.
profil: Was, glauben Sie, erwarten sich die Studenten von der ÖH?
Wittinger: Einerseits eine kompetente Interessenvertretung, die Service und Beratung bietet. Zum anderen werden die Erwartungen an das gesellschaftspolitische Engagement höher, vor allem im frauenspezifischen Bereich.
profil: Sind freie Linux-Software und Transgender-Initiativen wirklich das, was Studierende wollen?
Wittinger: Es ist ja nicht so, dass wir den Servicebereich vernachlässigen. Es gibt mehr Infobroschüren, die Homepage wird ständig erweitert. Außerdem wurde erst kürzlich eine Studentin auf dem WC der Uni Wien von einem Mann belästigt. Man kann also nicht behaupten, dass unser frauenspezifischer Bereich nicht notwendig ist.
profil: Ist das nicht eher ein Fall für die Polizei?
Wittinger: Wenn wir den Anspruch erheben, darauf zu achten, dass es den Studierenden an der Uni gut geht, gehört das genauso dazu.
profil: Einerseits haben Sie gesagt, dass der Servicebereich nicht vernachlässigt werde, auf der anderen Seite sagen Sie, dass für eine flächendeckende Maturantenberatung nicht genug Geld da ist. Was stimmt denn jetzt?
Wittinger: Wir haben ein ausgewogenes Budget zwischen Service und Gesellschaftspolitik. Aber das Ministerium stiehlt sich aus der Verantwortung und überlässt uns quasi die Studienberatung allein. Wir erwarten da mehr Unterstützung vom Ministerium.
profil: Unterstützung heißt Geld.
Wittinger: Moment. Wir beraten Schülerinnen und Schüler, die vor der Matura stehen. Aber sie sollten schon im Alter von 14 Jahren besser informiert werden. Da braucht es mehr Beratungslehrer an den Schulen. Weil ja auch schon entscheidend ist, welchen Schulzweig die Schüler wählen.
profil: Also soll ein 14-Jähriger wissen, ob und was er studieren will?
Wittinger: Die Möglichkeiten sollen besser aufgezeigt werden. Bisher weiß ein 14-Jähriger nur, welche Wege es zur Matura gibt. Dann ist Schluss. Er sollte zumindest Einblicke in die Uni erhalten.
profil: Haben Sie mit 14 gewusst, was Sie studieren wollen?
Wittinger: Nein.
profil: Die neuen Multiple-Choice-Tests am Beginn des Medizinstudiums in Wien, die nur zehn bis 20 Prozent der Studenten bestehen, werden von der ÖH als Knockout-Prüfungen verurteilt. Was ist so schlecht daran, die Zahl der Studenten zu begrenzen?
Wittinger: Den Universitäten bleiben wenig Möglichkeiten. Doch so ein System ist unfair und verschleiert das Problem: nämlich dass zu wenig Geld da ist. Die Unis verwalten sich zwar selbst, haben aber zu wenig Budget vom Ministerium.
profil: Bei den Studienrichtungen Jus oder Veterinärmedizin gibt es seit Jahren schwierige Prüfungen als Einstiegshürden.
Wittinger: Aber es wird schlimmer. Der Trend geht zu bewussten Knock-out-Prüfungen. Man kann am Anfang ruhig schwierige Prüfungen machen, aber sich nicht eine Quote festlegen, wie viele man durchfallen lässt. Es sollen faire Prüfungen sein.
profil: An den meisten Unis gibt es zu wenige Lehrveranstaltungen für die Studenten. Was halten Sie von Zugangsbeschränkungen, um das System vor dem Kollaps zu retten?
Wittinger: Davon halte ich gar nichts. Egal, ob in finanzieller Form oder in Form von Knock-out-Prüfungen. Es sollen alle die Chance haben zu studieren.
profil: Was gibt es gegen Privatunis wie die medizinische in Salzburg einzuwenden? Wenn jemand 8000 Euro Studiengebühren pro Jahr zahlen will, warum nicht?
Wittinger: Das ist gefährlich. Durch Privatunis wird eine Elitenbildung gefördert. Es ist sicher eine super Ausbildung, aber unfair, wenn nur ein kleiner Teil die Chance dazu hat.
profil: Aber warum soll man es dem kleineren Teil verwehren, die tolle Ausbildung zu absolvieren?
Wittinger: Gegenfrage, wieso soll dieser kleine Teil immer aus jenen Menschen bestehen, die viel Geld haben? Wieso soll Bildung käuflich sein? Das ist das, was wir ablehnen. Man muss schauen, dass genug Geld da ist, um diese Qualität an öffentlichen Unis anzubieten.
profil: Laut Ministerin Gehrer soll das unter anderem mit den Studiengebühren erreicht werden, gegen welche die ÖH auftritt. Glauben Sie wirklich, dass die wieder abgeschafft werden?
Wittinger: Unter einer schwarz-blauen Regierung auf keinen Fall. Im Gegenteil: Ich befürchte eine Erhöhung der Studiengebühren. Zum Beispiel, dass sie bis zum Bakkalaureat gleich bleiben, aber für Magister- oder Doktortitel dann mehr kassiert wird.
profil: Interessiert die Menschen außerhalb der Uni die Diskussion um die Studiengebühren überhaupt noch?
Wittinger: Nein, das kann kein Mensch mehr hören. Vor allem weil ein einseitiges Bild des Studierenden vermittelt wird, der herumhängt und Geld zugeschoben bekommt. Da verstehe ich die Leute schon. Aber so ist es nicht. Wer die Mindestzahl an Prüfungen nicht macht, muss Familienbeihilfe und Stipendium zurückzahlen. Wenn wir auf der faulen Haut liegen, kriegen wir also kein Geld und kosten auch niemandem was.
profil: Was verdient eine ÖH-Vorsitzende im Monat?
Wittinger: Rund 400 Euro.
profil: Und kann man da nebenbei noch studieren?
Wittinger: Kaum. Das ist ein Full-Time-Job.
profil: Per Internet konnten die Studenten abstimmen, wofür ihr Studienbeitrag verwendet werden soll. Die ÖH hat die Abstimmung boykottiert, nur knapp sechs Prozent der Studenten haben mitgemacht. Ist das sinnvoll?
Wittinger: Wir wollen aufdecken, was die Zweckwidmung bedeutet. Wenn sich die Studierenden beispielsweise mehrheitlich dafür ausgesprochen hätten, dass ihr Geld in den Bereich Infrastruktur gesteckt wird, hätte der Rektor dem Infrastrukturbudget einfach das Mascherl “aus Studiengebühren finanziert” verpasst. Aber mehr Geld wäre trotzdem nicht investiert worden, weil das Gesamtbudget ja gleich bleibt. Und geändert hätte sich wieder nichts.
profil: Aber die ÖH hat eine Chance verpasst, kontruktive Vorschläge für die Mittelverwendung zu machen.
Wittinger: Wir haben den Vorschlag gemacht, das als Lehrmittelbeitrag an die Studierenden rückzuvergüten.
profil: Das heißt aber wieder nur Abschaffung der Studiengebühren.
Wittinger: Ja, genau.
profil: Sie sagen aber selbst, dass an den Studiengebühren ohnehin nicht zu rütteln ist. Konstruktiv ist das dann wieder nicht.
Wittinger: Absolute Professorenmehrheiten sind auch nicht konstruktiv. Hätte man uns einbeziehen wollen, hätte man nicht solche Strukturen geschaffen. Wir akzeptieren die Studiengebühren nach wie vor nicht. Und in dem System mitspielen hieße, sie zu akzeptieren.
profil: Also verbrannte Erde zwischen ÖH und Rektorat?
Wittinger: Das kann man so sagen.
profil: Bei den Protesten gegen die Sparmaßnahmen Mitte der neunziger Jahre marschierten Studenten, Assistenten und Professoren gemeinsam. Was wurde aus der Solidarität?
Wittinger: Ich glaube, es gibt sie noch, sehr vereinzelt. Aber sicher nicht in dieser Gesamtheit. Die Professoren haben keinen Anlass mehr, den anderen zuzuhören. Und der Mittelbau hat seine eigenen Probleme.
profil: Wird es jemals wieder so eine große Protest- und Streikwelle geben wie damals?
Wittinger: Keine Ahnung. Ich war damals noch nicht an der Uni und weiß nicht, wie das entstanden ist. Ich glaube, es müsste ziemlich crashen, damit so was wieder entsteht.
profil: Wenn man den Schilderungen der ÖH glaubt, hat man aber den Eindruck, dass es gerade ziemlich crasht.
Wittinger: Das schon. Aber anscheinend braucht es mehr Gemeinsamkeiten, um wieder gemeinsam vorzugehen. Derzeit kämpft jeder für sich allein.
profil: Als der neue Organisationsplan der Uni in Diskussion stand, hat die ÖH die Studienberatung eingestellt und nur noch über die Tücken der neuen Uni-Struktur informiert. Ist das die richtige Unterstützung für die Studenten?
Wittinger: Das war nur bei einzelnen Studienrichtungsvertretungen so. Wobei alle wichtigen Studieninfos in Form von Broschüren aufgelegt waren.
profil: Ist Tortenwerfen auf Rektoren das adäquate Mittel, um die Neuorganisation der Uni zu kritisieren?
Wittinger: Ich glaube, man sollte Verständnis fürs Tortenwerfen haben und das eigentliche Problem darüber nicht vergessen. Ich würde das Ganze nicht überbewerten. Natürlich liegt es im Auge des Betrachters, ob man das gut findet.
profil: Finden Sie es gut?
Wittinger: Strategisch find ich es nicht unbedingt toll. Insgesamt betrachtet verstehe ich aber Studierende, die zu solchen Mittlen greifen, um Aufmerksamkeit für ihre Probleme zu schaffen.
profil: Und die Besetzung des Rektorats durch Studenten, war das im Nachhinein gesehen richtig?
Wittinger: Ich glaube, es war wichtig, Aufmerksamkeit zu bekommen. Durch böse Briefe bekommt man die nicht mehr. Und wenn Gespräche nicht mehr fruchten, muss man zu anderer Symbolik greifen.
profil: Haben Sie mit Elisabeth Gehrer schon einmal persönlich Kontakt gehabt?
Wittinger: Nein.
profil: Wird es unter der Vorsitzenden Barbara Wittinger im kommenden Jahr noch Streiks oder Protestdemos geben?
Wittinger: Das weiß ich nicht. Bundesweit wird das schwierig. Wenn es so was gibt, dann bei einzelnen Uni-Vertretungen, koordiniert von uns. Ob die unabhängig von uns etwas planen, weiß ich nicht.
Barbara Wittinger 25,
ÖH-Vorsitzende
Mit 1. Juli übernahm die Aktivistin der Grünen und Alternativen StudentInnen (GRAS) für ein Jahr den Vorsitz in der rot-grünen Koalition der ÖH-Bundesvertretung. Die gebürtige Oberösterreicherin folgt damit als oberste Studentenvertreterin Patrice Fuchs vom Verband Sozialistischer StudentInnen (VSStÖ) nach. Nach der Matura an einem katholischen Privatgymnasium 1998 inskribierte Wittinger Biologie und engagierte sich in der Studienrichtungsvertretung. 2001 wurde sie Frauenreferentin der ÖH an der Uni Wien, 2002 wechselte sie das Studium (seither Pädagogik) und ins bildungspolitische Referat der ÖH-Bundesvertretung. Im vergangenen Jahr fungierte die 25-Jährige als zweite Vorsitzenden-Stell-vertreterin hinter Ralph Schallmeiner (ebenfalls GRAS).
Posted: August 30th, 2004
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