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Reality Check

US-Wahl. Barack Obama wurde zum Popidol einer ganzen Generation stilisiert. Doch seine Anhänger wissen genau: Auch als Präsident wird er keine Wunder bewirken können. (für profil; aus Chicago / USA)

Auf den Straßen Chicagos begann es bereits zu dämmern, als bei der letzten Party der Stadt in einer noblen Suite im 35. Stock des altehrwürdigen Chicago Tribune Tower noch immer Samba getanzt wurde. Eine knappe Hundertschaft der engsten Mitarbeiter des Obama-Wahlkampfhauptquartiers füllte Becher aus Magnumflaschen mit Whiskey und holte sich Bier aus der eisgefüllten Badewanne. Sektkorken knallten, Gläser klirrten, und immer wieder wurde der Refrain der Pophymne “We Are the Champions” intoniert.

Es war jener über 21 Monate eingeschworene kleine Kreis, der in täglichen 18-Stunden-Schichten Barack Obama zu einem historischen Wahlsieg verholfen hatte und sich nun für die Knochenarbeit belohnte: für die teils frustrierenden Tage und Nächte, die verschleppten Verkühlungen und all die anderen Unannehmlichkeiten. An diesem Dienstag, dem 4. November, war das alles egal.

Bush out now. Nirgendwo auf der Welt war die Siegesparty ausgelassener als hier in Chicago, jener Stadt, in welcher der nächste US-Präsident, Barack Obama, studierte, seine Frau Michelle kennen lernte und die er zunächst als kleiner Community Organizer und später als Senator prägte. Noch Stunden nach Obamas Rede verwandelten zigtausende die breite Michigan Avenue entlang des Grant Park in einen riesigen Party-Boulevard, den die Polizei schließlich für den Verkehr sperren musste.

“Bush out now, nanana!”, sangen sie in Chören und rissen dabei die Arme in die Luft. George W. Bush war Geschichte. Im Partyjubel in der Suite der Obama-Mitarbeiter betonte die Mutter eines leitenden Obama-Mitarbeiters die historische Bedeutung des Moments: “1960 hatte ich das Glück, in einem der beiden Bundesstaaten zu leben, in denen man als 18-Jährige schon wählen durfte. Und ich bin seit damals stolz, meine erste Stimme John F. Kennedy gegeben zu haben”, sagte die 66-jährige Virginia Roeder. “Und als ich vor wenigen Jahren Barack Obama zum ersten Mal persönlich hörte, wusste ich, er kann – wie damals Kennedy – einer neuen Generation nun neue Hoffnung auf ein verändertes Amerika geben. Erfüllen müssen wir uns diese Hoffnungen aber gemeinsam. Allein kann er das nicht.” Wie Millionen andere trug sie an diesem Abend ein T-Shirt mit dem Abbild Obamas, ähnlich jenem von Che Guevara, dem kubanischen Revolutionär.

Ein US-Präsident als Popikone, als Heilsbringer einer ganzen Nation – das ist ein gefährliches Image für einen, der schon bald der mächtigste Mann der Welt sein wird und in diesem Amt Realpolitik betreiben muss. Obamas Wahlkampfteam rund um seinen genialen Chefstrategen David Axelrod hat längst verstanden, dass ihr Mann mit allzu hochfliegenden Botschaften von Hoffnung und Wandel zur Projektionsfläche vieler unrealistischer Erwartungen geworden ist. Gegen Ende seines Wahlkampfes wurde Obama zusehends realistischer und bodenständiger. Immer seltener schwang das anfängliche “Change”-Pathos mit. Immer öfter reduzierte er die Botschaft auf ein vageres “Hope” und schwor seine Landsleute auf harte Zeiten ein.

Und so fiel seine Rede vor 200.000 Anhängern im Grant Park von Chicago bei allem Freudentaumel auch nachdenklich, fast schaumgebremst aus. “Die Straße vor uns wird lang sein. Der Hang wird steil sein. Wir werden nicht alles in einem Jahr oder in einer Amtszeit erreichen. Es wird sicherlich viele Rückschläge und Fehlstarts geben. Auch wenn wir diese Nacht feiern, so wissen wir doch, dass die Herausforderungen, denen wir ab morgen gegenüberstehen, die größten unseres Lebens sind”, sagte Obama mit ernster Miene und forderte von den Amerikanern einen neuen Geist des Dienstes am Land, der Opferbereitschaft und härteren Arbeit ein.

Am Morgen nach der Wahlparty kehrt in Chicago wie auch im Rest der USA der Alltag zurück. Es ist Mittwoch, ein ganz normaler Arbeitstag. Ein schwules Pärchen sitzt auf einer Parkbank und ärgert sich über das Homoehe-Verbot in Kalifornien, über das der westliche Bundesstaat am Tag der Präsidentenwahl abgestimmt hatte. Daneben stehen zwei ältere Damen, die über Hüftoperationen diskutieren, die man sich in den USA schlichtweg nicht leisten könne.

Tageszeitungen sind in Obamas Heimatstadt komplett vergriffen. Hunderte Menschen pilgern an seinem mittlerweile vom Secret Service streng bewachten Familienwohnsitz vorbei, einem roten Backsteinbau mit Basketballkorb vor der Garage – gegenüber einer Synagoge mitten in der Wohlstandsinsel Hyde Park an der ärmlichen schwarzen South Side Chicagos.

Schon in den frühen Morgenstunden melden sich in den Medien bereits zahlreiche Skeptiker zu Wort: “Dämpft euren Enthusiasmus, Demokraten!”, titelt etwa das “National Journal”. Obama stehe als 44. Präsident “vor einem unglaublichen Chaos”. – “Großer Sieg, noch größere Herausforderungen”, schreibt die “International Herald Tribune” und zählt eine ganze Liste von ungelösten Problemen auf: die Kriege in Afghanistan und dem Irak, die Finanzkrise, die Arbeitslosigkeit, der Konsumrückgang. Und Leon Paletta, der ehemalige Stabschef des Weißen Hauses, verzichtet ganz auf Glückwünsche: “Die schwierigen Dinge packen Sie lieber gleich an. Wenn Sie glauben, dass Sie die großen Reformen verschieben können, stecken Sie in ernsthaften Schwierigkeiten.”

Realismus. Doch muss Obama tatsächlich auf den Boden der Realität geholt werden? Schon am ersten Tag des Interregnums präsentiert sich der schwarze Noch-Senator keineswegs mehr in Partylaune. Fünf Stunden zieht er sich mit seinen engsten Beratern zurück, um Strategien gegen die Finanzkrise zu erarbeiten. Danach trifft er sich mit den Chefs von CIA und FBI. “Barack war immer ein Realist”, versichert Toni Preckwinkle. “Ein Realist mit Träumen, aber ein Realist. Und er weiß, dass es für ihn nicht leicht wird.” Die schwarze Stadträtin der South Side Chicagos war Obamas erste politische Mentorin und kennt ihn seit seinen Tagen als Community Organizer. In ihrem spartanischen Büro an der Cottage Grove Avenue debattierten sie oft über überwindbare und unüberwindbare Hürden. “Er arbeitete immer hart. Und er machte den Menschen aber auch immer klar, dass sich ohne ihr eigenes Engagement nichts verändern wird.” Auch wenn er sich vor allem für die bis heute benachteiligten Schwarzen eingesetzt habe: Wer sich nicht selbst bemühe, “bei dem lässt Obama auch die Hautfarbe nicht als Ausrede für mangelnden Erfolg gelten”.

Der Eindruck, die Obama-Wähler seien blind vor Euphorie, täuscht. Die meisten, die am Abend zuvor noch Tränen über Obamas Sieg vergossen, geben sich am Tag nach dem Sieg erstaunlich bodenständig. “Wir sind nicht unrealistisch”, sagt die College-Professorin Lisa Rosen, die in der Nachbarschaft Obamas wohnt und eine Kollegin des Uni-Professors Bill Ayers ist – jenes Obama-Bekannten und ehemaligen Linksradikalen und Vietnam-Gegners, den die Republikaner im Wahlkampf als “Terroristen-Freund” des demokratischen Kandidaten verunglimpften. “Auch wenn man Barack zur Ikone gemacht hat, ist er auch nur ein Mensch. Sicher einer, der zu viel fähig ist, aber eben auch nur ein Mensch.”

Jobsuche. Die Afroamerikanerin Joanne Norwood bringt ihren Sohn gerade in eine Schule im Norden Chicagos. “Yes we can” steht in großen Buchstaben auf dem T-Shirt des Jungen. “Natürlich ist unser Traum wahr geworden”, sagt die 36-Jährige. “Über Jahre hinweg habe ich meinen Kindern immer erklärt, dass man alles erreichen kann. Mit Obama wurde diese abstrakte Möglichkeit erstmals tatsächlich auch personifiziert. Aber jedem von uns ist klar: Alle Probleme wird er von heute auf morgen nicht lösen können.”

Als am Mittwochmorgen draußen die Sonne aufgeht, weiß auch Obamas Wahlkampfteam, dass die Zeit der Träume vorbei ist. Tag eins der Realität hat sie eingeholt. Jene in hohen Positionen werden in Obamas Diensten bleiben, die vielen anderen müssen sich nach der langen Zeit im Wahlkampfhauptquartier nun neue Jobs suchen. Die miserable Wirtschaftslage macht das nicht einfacher. Und auch ein neuer Präsident Barack Obama kann ihnen auf ihrem Weg nicht helfen. “Für wie naiv hält uns die Welt eigentlich?”, sagt Jamie Hall, 25. Bis zum letzten Jahr hat Hall als Eventmanager in Las Vegas gearbeitet und dann seinen Job an den Nagel gehängt, um unentgeltlich Obama-Events zu koordinieren. “Auch unter einem Präsidenten Barack Obama ist immer noch jeder für sich selbst verantwortlich, ganz egal, wie sehr wir ihn lieben.”

Posted: November 10th, 2008
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Im Wartezimmer Gottes

US-Wahl. Vor acht Jahren verhalfen Floridas kaputte Wahlmaschinen George W. Bush zum Sieg. Vergangene Woche war der größte aller Swingstates einmal mehr politische Kampfzone. (für profil; aus Florida/USA)

Die Menschenschlange auf dem heißen Asphalt vor Miamis Rathaus windet sich in engen Kurven um den strahlend weißen Gebäudekomplex. 27 Grad Celsius, die Sonne steht fast im Zenit: Jeder Fußbreit Schatten, den die geduldigen Wähler in der Sonnenglut finden, gibt der Menschenkette einen neuen Schlenker. Eine kurze Mittagspause reicht für einen schnellen Sprung ins Wahllokal nicht aus. Lokale TV-Anstalten und selbst der Nachrichtensender CNN schalten dutzendfach live zu den Menschenmassen vor den Wahllokalen und lassen sich von einzelnen Wählern via Handy alle halben Stunden über die Fortschritte in der Schlange berichten.

Florida wählt. Und überall im “Sunshine State” wird der Wähler plötzlich zum Medienstar.

“So etwas habe ich noch nie erlebt”, keucht Marc Sarnoff, einer von Miamis obersten Wahlverantwortlichen. “Üblicherweise lag die Wahlbeteiligung in unserer Gegend gerade einmal bei 15 Prozent.” Die sonnige Dolce-Vita-Atmosphäre an Floridas Küsten und der einträgliche Tourismus hatten die Politik oft in den Hintergrund gedrängt. “Aber diesmal ließ sich schon nach den ersten Tagen ausrechnen, dass erstmals rund 80 Prozent der Wähler zur Urne kommen würden”, sagt Sarnoff. “Das ist einzigartig in unserer Geschichte.”

Hier in Florida, wo mit dem historischen Auszählungschaos des Jahres 2000 die Präsidentschaft George W. Bushs begann, entscheiden die Wähler seit dem Beginn des “early voting” Ende Oktober maßgeblich über seine Nachfolge. Nicht zuletzt das knappe Ergebnis der vergangenen Präsidentenwahlen rückt Floridas Wählern die historische Bedeutung ihrer Stimme mehr denn je ins Bewusstsein.

Gouverneur Charlie Crist hat die Öffnungszeiten der Wahllokale von acht auf zwölf Stunden täglich ausweiten lassen, um dem unglaublichen Andrang gerecht zu werden. An den Urnen kontrollieren die Beamten besonders penibel jedes Detail der Stimmabgabe, um etwaige Probleme diesmal von vornherein auszuschließen.

Die 88-jährige Charlotte Duvall kämpft mit dem plakatgroßen dreisprachigen Stimmzettel. In Englisch, Spanisch und Kreolisch sind die Erläuterungen zur Stimmabgabe aufgedruckt. “Nach acht Jahren Bush ist das die wichtigste Richtungsentscheidung für das Land seit Langem”, sagt sie. Sie und ihr 90-jähriger Ehemann George leben seit zwanzig Jahren im Süden – wie hunderttausende andere amerikanische Pensionisten auch, die Florida wegen seines milden Klimas zum Alterssitz erkoren haben. Auf den enormen Prozentsatz über 65-Jähriger im “Wartezimmer Gottes”, wie Florida scherzhaft genannt wird, setzte auch der 72-jährige John McCain mit seiner Wahlkampfstrategie. Der republikanische Präsidentschaftskandidat umwarb die Rentnerresidenzen entlang der Küste intensiv mit vielen persönlichen Auftritten. Und bei den Duvalls hatte er auch Erfolg damit. “Die christlichen Werte werden ja leider viel zu wenig respektiert”, sagt Charlotte Duvall. Dem müsse man entgegenwirken.

In den letzten Tagen vor der historischen Entscheidung war der größte aller amerikanischen Swingstates heiß umkämpft. Zehn Prozent der für den Einzug ins Weiße Haus nötigen Wahlmännerstimmen lassen sich hier einfahren. Im Ost-West-Streifen zwischen Orlando und Tampa konnten sich die Wähler vor Anrufen aus den Wahlkampfquartieren kaum mehr erwehren. Fast täglich klingelten in der Schlussphase die Telefone daheim: “Wir wollten sie nur daran erinnern, zur Wahl zu gehen, und ihnen noch einmal unseren Kandidaten empfehlen.”

Mobilisierung. Eine einzigartige Mobilisierungswelle rollte über Florida hinweg. Freiwillige Wahlkampfhelfer fischten die Strände von Miami Beach nach Sympathisanten ab und kutschierten sie im Fall des Falles auch gleich im Privat-Pkw zum Wahllokal. Hollywood-Stars wie Matt Damon hielten eigene Mobilisierungs-Partys unter Palmen ab. TV-Serien-Stars, deren Eltern ihren Alterssitz in Florida haben, warben für Obamas Gesundheitsplan. Selbst das beliebteste aller ehemaligen First Couples wählte Florida für den ersten gemeinsamen Auftritt mit dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten: Zum ersten möglichen Wahltag zog Hillary Clinton gemeinsam mit Barack Obama in Orlando rund 50.000 Fans an. Nicht einmal eine Woche vor dem offiziellen Wahltag am 4. November bestritt Ex-Präsident Bill Clinton, der den Bundesstaat 1992 und 1996 gewinnen konnte, seinen ersten gemeinsamen öffentlichen Wahlkampfauftritt mit Obama.

Floridas Urnengang 2008 wird auch durch den demografischen Umbruch so einzigartig: Der Bundesstaat wird zusehends jünger, und die Spanisch sprechende Community wächst. Die Latinos haben sich mehrheitlich auf die Seite Obamas geschlagen. “Hier hat John McCain eine historische Chance vergeben”, sagte David Gergen, Ex-Berater mehrerer Präsidenten beider Couleurs, vor wenigen Tagen in einem Interview. “Obwohl eigentlich konservativ eingestellt, wählen zwei Drittel aufgrund der republikanischen Einwanderungspolitik demokratisch.”

Und mit großer Anstrengung versuchten die Demokraten auch den Verjüngungseffekt auszunützen.

College-Studenten wie Monique Phillips und Natasha Rucker hatte Obama mit seinem Popstar-Image ohnehin in der Tasche. Die beiden 19-jährigen Afroamerikanerinnen haben erstmals gewählt – und natürlich Obama: “Das war die Chance für uns, Geschichte zu schreiben! Wenn sich die Möglichkeit bietet, für einen derartigen Generationenwechsel zu stimmen, muss man einfach dabei sein!”

Vor allem aber wurden junge Obama-Fans in unzähligen E-Mails und SMS-Nachrichten quer durch die Vereinigten Staaten ersucht, ihre Großeltern am Alterssitz in Florida vom schwarzen Präsidentschaftskandidaten zu überzeugen. In satirischen TV-Spots strich Comedy-Star Sarah Silverman die Gemeinsamkeiten von jüngeren Schwarzen wie Obama und älteren jüdischen Wählern wie jenen im südlichen Florida heraus. Zitat: “Beide mögen Jogging-Anzüge.”

Der 22-jährige Student Jared Goldman war einer dieser innerfamiliären Wahlwerber. Er kam aus New York nach Fort Lauderdale an der Südostküste Floridas. “Viel war jedoch nicht nötig”, sagt Jared. Anders als bei der evangelikalen Rentnerin Charlotte Duvall kam der christliche Fundamentalismus einer Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin bei den vielen jüdischen Pensionisten in Florida weniger gut an. “Palin hat ihnen Angst gemacht”, sagt Jared. Seine Großeltern, George und Shirley Goldman, stimmten für Obama. Auch wenn sie in ihrer Altersgruppe damit trotz allem in der Minderheit blieben.

Diesmal wählten sie übrigens nach eigenen Angaben korrekt. Vor acht Jahren waren sie noch unter jenen älteren Herrschaften Floridas, die mit den Stimmzetteln nicht zurechtkamen und damit die Grundlage für den Neuauszählungskrimi lieferten.

Für ein neuerliches Wahlchaos, wie einst im Jahr 2000, sind die Demokraten übrigens gerüstet. Bereits Wochen vor der Wahl hatten sie mehr als 5000 Anwälte allein im Bundesstaat Florida in Stellung gebracht, um den ordnungsgemäßen Ablauf in den Wahllokalen zu kontrollieren und bei etwaigen Unregelmäßigkeiten an den Urnen sofort zu reagieren. “Wir haben aus den Fehlern der Wahl im Jahr 2000 gelernt. Damals haben wir noch gezögert”, sagt einer der Chefanwälte der Demokraten, der mit Bill Clinton angereist ist. “Doch diesmal waren wir von Anfang an bereit, jeden zu klagen, den wir klagen müssen, um uns die Wahl nicht noch einmal stehlen zu lassen.” Der Wille des Wählers sei zu akzeptieren, sagt er. Ob er nun so oder so ausfalle. Die Geschichtsschreibung aber wie damals dem Zufall – oder gar den Raffinessen eines republikanischen Gouverneurs – zu überlassen, dazu sei die Richtungsentscheidung für dieses Land diesmal zu wichtig gewesen.

Schließlich ist Barack Obama laut Sarah Silverman “unsere letzte Chance, unseren Ruf als Arschlöcher des Universums zu beseitigen”.

“Help America Vote”

Chaos, Manipulation, Betrugsverdacht: Die US-Wahlen vergangener Jahre verliefen nur selten reibungslos. Auch diesmal offenbaren sich Probleme.

Die Panne von Florida im Jahr 2000 bei der Kandidatur von George W. Bush (gegen Al Gore) ist in der amerikanischen Geschichte einzigartig. Seit dem wochenlangen Re-Count-Chaos sind die problematischen Lochkarten-Stimmzettel jedoch verboten, und die USA versuchten 2002 mittels neuem Wahlgesetz, dem “Help America Vote Act”, sichere Wahlsysteme einzuführen.

Doch ähnliche Unregelmäßigkeiten, wie sie von den darauf folgenden Präsidentschaftswahlen 2004 (Bush gegen John Kerry) aus Ohio berichtet wurden, sind auch diesmal wieder aktenkundig. Im Bundesstaat West Virginia meldeten Wähler bereits Wahlmaschinen mit eigenem Willen. Bei einem Klick auf Barack Obama zeigte der Touchscreen eine Stimme für John McCain. Auch im umkämpften Bundesstaat Pennsylvania lässt sich ein Versagen der Wahlmaschinen nicht ausschließen. Ein Bundesrichter verpflichtete dort die Wahlbehörden, Papierstimmzettel bereitzustellen, sollte mehr als die Hälfte der Maschinen inadäquat arbeiten. Und selbst Opfer der Hypothekenkrise hatten an den Urnen in Florida Probleme: Für die vielen plötzlichen Adressänderungen durch Zwangsräumungen mussten die Behörden mitten im Urnengang erst ein eigenes Prozedere erarbeiten.

Legendär wurde mittlerweile jener Druckfehler auf dem Stimmzettel eines Bezirks des Bundesstaats New York, mit dem man ausschließlich für “Barack Osama” (sic!) votieren kann, wenn man für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten stimmen will. Der Stimmzettel ist gültig und in Verwendung.

Wie man eine Wahl schon im Vorfeld ein wenig frisieren kann, zeigte der Republikaner Allen Raymond bei den Wahlen 2002 im Bundesstaat New Hampshire vor. Im Auftrag des regionalen Parteibüros blockierte er die Telefonleitungen der Demokraten, womit diese ihre Wähler am Wahltag nicht zum Urnengang motivieren konnten. Gleichzeitig ließ man Afroamerikaner im Ghetto-Slang bei weißen Wählern um eine Stimme für die Demokraten bitten, um rassistische Ressentiments zu wecken. Für seine eigenwilligen Ideen saß Raymond eine mehrmonatige Haftstrafe ab. Das gedruckte Geständnis seiner kleinen semilegalen Tricks (“Wie man eine Wahl manipuliert”) brachte er rechtzeitig zum jüngsten Wahlkampf-Finish auf den Büchermarkt. Buchhändler melden passable Verkaufszahlen.

Posted: November 3rd, 2008
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Gegen den Strom

US-Wahlen. Verkehrte Welt: In der Endphase des Wahlkampfs werben waffenvernarrte Rednecks plötzlich für Barack Obama und Latino-Rapper für John McCain. (für profil; aus Missouri, Alabama & Georgia/USA)

Der demokratische Wahlkampf-Tourbus war bereits angerollt und auf dem Weg zum nächsten Termin, als Barack Obama den Wagen noch einmal stoppen ließ. Er stapfte durch den Regen in der Kleinstadt Union im Bundesstaat Missouri, um den beiden Männern am Straßenrand die Hand zu schütteln. “Das ist unglaublich”, schüttelte der Präsidentschaftskandidat lachend den Kopf. “Rednecks for Obama” stand auf dem großen Transparent, das ihm die beiden Herren unter dem Budweiser-Schirm am Straßenrand entgegenhielten: Eine Bewegung wie diese hatte es im US-Wahlkampf noch nicht gegeben.

Dem typischen amerikanischen Redneck aus dem Süden der USA wurden schon viele Klischees zugeordnet: die Liebe zu Waffen, Bier und Barbecues; ein Faible für schnelle Boote und frisierte Motoren; ein schlichtes Arbeitergemüt und eine Tendenz zu rassistischen Vorurteilen.

Eines waren Rednecks bisher aber nie: Demokraten. Ein Kuriosum im bisherigen US-Wahlkampf.

Aber auch John McCain ist für Überraschung gut. Die Schüler seines Heimatbundesstaates Arizona kreischten vor Begeisterung, als der Republikaner während einer Rede plötzlich einen “speziellen Freund” willkommen hieß: Den coolen Latino-Rapper Daddy Yankee hätte bis dahin niemand als Gefolgsmann des 72-Jährigen vermutet. Als der gebürtige Puerto-Ricaner dann auch noch verkündete, dass er McCains Einwanderungspolitik bedingungslos unterstütze, war die Stimmung kaum noch zu überbieten.

Der außergewöhnliche US-Präsidentschaftswahlkampf zwischen Barack Obama und John McCain bringt wenige Tage vor dem Wahltermin am 4. November Kuriositäten hervor, welche die eingefahrenen Klischees auf den Kopf stellen. Doch warum sollten Rednecks nicht für Obama votieren oder Hispanics für McCain?

“Ein richtiger Redneck arbeitet sich die Woche über den Arsch ab, hat am Wochenende eine gute Zeit mit seiner Waffe und ein paar Bieren und macht sich am Montag etwas verkatert, aber brav zurück an die Arbeit”, sagt Tony Viessman. Der 72-jährige pensionierte Autobahnpolizist aus Rolla im US-Bundesstaat Missouri rief die “Rednecks for Obama” gemeinsam mit seinem Freund Les Spencer ins Leben. Seither begleiten die beiden mit ihrem aufsehenerregenden Transparent als heimliche Co-Stars die großen Wahlkampf-Events im Süden der USA. Bei den Präsidentschaftsdebatten in Mississippi und Tennessee ließen sich hunderte Menschen mit ihnen fotografieren, US-Fernsehanstalten stellten sich um Interviews mit den beiden Pensionisten an.

“Die große Angst eines Rednecks vor jeder Wahl ist die Angst um die eigenen Waffen”, sagt Les Spencer. Der einarmige Ex-Bauarbeiter ist selbst stolzer Besitzer von drei Dutzend Revolvern und Gewehren. “Die Schusswaffen-Lobby streut gezielte Falschinformationen, ein Präsident Obama würde private Gewehre und Pistolen verbieten.” Viessman stimmt zu. Er hat schon viele demokratische Präsidenten erlebt, schlägt jedes Jahr zur Jagdsaison seine Zelte mit Freunden in den Wäldern auf – und noch kein Staatsoberhaupt hat ihm jemals eine seiner 23 Feuerwaffen verboten. Allein aufgrund der Waffenfrage für McCains schrille Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin – selbst eine passionierte Jägerin und ausgewiesene Verfechterin des Rechts auf Schusswaffen – zu stimmen kommt für die beiden Obama-Rednecks keinesfalls infrage.

Dabei appelliert die republikanische Vizepräsidentschafts-Kandidatin gerade an echte Kerle wie sie, wenn sie von den “hart arbeitenden, überaus patriotischen” Wählern in den “sehr proamerikanischen Gegenden dieser großen Nation” spricht. Die demokratischen Rednecks zeigen sich von solchen Sprüchen unbeeindruckt. “Wenn die Leute einen Blick in ihre Geldbörse werfen und nachdenken würden, wüssten sie, wen sie nicht wählen dürfen”, sagt Viessman. Nach acht Jahren Bush und Cheney gebe es für Menschen wie ihn, die unter 25.000 Dollar im Jahr verdienen, nur eine Option. “Wie oft muss man noch eine auf den Deckel kriegen, bevor man mitbekommt, wer einen wirklich schlägt?” Das Zitat, mit dem einst Ex-Präsident Harry Truman bodenständige Farmer zu überzeugen versuchte, nicht republikanisch zu wählen, hat er zu seinem Mantra gemacht.

Aus dem Radio in Viessmans Wohnzimmer tönt die Stimme des erzkonservativen Radio-Talkmasters Rush Limbaugh. “Dem Idioten glaubt ein Redneck leider immer noch mehr als einem klugen Kopf wie Obama”, schimpft Viessman. In hetzerischen Phrasen bedient Limbaugh rassistische Ressentiments. Die Unterstützung durch den Ex-Bush-Außenminister Colin Powell für Obama pervertiert Limbaugh sogar zu einem “umgekehrten Rassismus”: Powell, selbst schwarz, würde klarerweise seinen afroamerikanischen Freund Obama unterstützen.

Mit derlei kruden Theorien kommen selbst die konservativsten Republikaner um Rapper Daddy Yankee nicht mehr mit. Der Latino-Rapper, der John McCain als “Freund der Hispanics” lobt, ist nicht der einzige Vertreter einer ethnischen Minderheit, den McCain für sich gewinnen konnte. Neben dem schwarzen Rapper Uncle Murda hat sich vor allem der als “HipHop Republican” verehrte afroamerikanische Blogger Richard Ivory um den weißen Präsidentschaftskandidaten bemüht.

“Wenn ein Konservativer wie Colin Powell nun einen liberalen wie Barack Obama unterstützt, sollte das den Republikanern aufzeigen, auf welch falschem Kurs sie segeln”, sagt Ivory. Leider hätte es die Partei unter George W. Bush jahrelang verabsäumt, sich um wertkonservative Schwarze und Latinos vor allem in den städtischen Gebieten zu kümmern und sie rechtzeitig an Bord zu holen. “Wenn die Republikaner weiter so rückwärtsgewandt Politik machen, finden sie sich bald in den Zeiten von Franklin D. Roosevelt rund um den Zweiten Weltkrieg wieder.”

Vor vier Jahren gründete Ivory, im Zivilberuf Berater von psychisch kranken Menschen, das Blogger-Forum HipHop Republicans, in dem großteils junge Schwarze und Latinos ihre Stimme erheben. Auf den Widerspruch, dass er als gerade einmal 30-jähriger urbaner schwarzer New Yorker die Republikaner unterstützt, wird er immer wieder angesprochen. “Ich sage immer, mein Herz ist bei Barack Obama, aber mein Hirn bei John McCain.”

Rund um Aushängeschilder wie Rapper Daddy Yankee und die HipHop Republicans hat sich eine ganze Gruppe Gleichgesinnter geschart. Sie sind der Meinung, dass Schwarzen und Latinos mit einem leistungsbezogenen harten Wettbewerb, für den die Republikaner stehen, viel mehr Chancen offenstünden, ganz nach oben zu kommen, als mit einer Wohlfahrts- und Unterstützungspolitik, die als rein demokratische Werte gelten.

Und noch ein Punkt eint den begeisterten hispanischen Militärfan Daddy Yankee mit dem Schwarzen aus der Stadt, in der das World Trade Center von islamistischen Terroristen vor mehr als sieben Jahren zerstört wurde: Beide unterstützen den Irak-Krieg, den George W. Bush begann und den John McCain mit einer massiven Aufstockung der Truppen weiterfechten will. “Auch wenn ich oft der einzige Schwarze auf den Pro-Kriegs-Demos bin”, sagt Ivory. “Dass es richtig war, Saddam Hussein zu stürzen, davon steig ich nicht runter.”

Diesbezüglich sind der Latino und der Afroamerikaner den typischen Rednecks näher als die Redneck-Dissidenten Viessman und Spencer. Mit ihrer Bewegung sorgten die beiden älteren Herren aus dem Süden zwar bereits für breites Aufsehen. Zu einer flächendeckenden Bewegung ließ sich ihr schrulliger Aktionismus aber noch nicht ausbauen.

Wenn sie auf Waffenmessen mit ihren “Rednecks for Obama”-Aufklebern auftreten, werden die beiden von den meisten Besuchern als Freaks abgestempelt und belächelt. Sticker mit Anti-Obama-Sprüchen gehen noch immer wesentlich leichter über den Ladentisch. “Obama will deine Brieftasche und deine Waffe”, steht auf einem. “Demokraten-Jagd-Erlaubnis”, auf einem anderen: “Für die legale Jagd rund um Schwulenparaden, Gewerkschaftsveranstaltungen und Handfeuerwaffen-Verbots-Treffen”, besagt ein dritter. Ein selbstironischer Witz über die beiden engagierten Demokraten macht in Missouri schon länger die Runde: Solange die Obama-Rednecks keinen einzigen Rechtschreibfehler auf ihrem Transparent hätten, seien sie gar keine richtigen Rednecks. Und so lange könne man sich mit ihnen auch nicht identifizieren.

Für Viessman und Spencer kein Problem: “Wenn zwei Typen wie wir zu einem Gesprächsthema in einer Präsidentenwahl werden, dann haben wir im Bewusstsein der Menschen schon viel erreicht.”

Posted: Oktober 27th, 2008
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