Geheimdienst. Wie Michael Schmitz, ZDF-Journalist in Wien, Buchautor und Stiefvater von Markus Rogan, als “Inoffizieller Mitarbeiter” in die Spitzelkartei der Stasi-Lieblingsabteilung des DDR-Oberspions Markus Wolf geriet. (für profil)
Sie war der ganze Stolz der Stasi: die Hauptverwaltung Aufklärung römisch zehn, HV/A/X. 66 durchtriebene Topleute, spezialisiert auf so genannte “aktive Maßnahmen”, das gezielte Lancieren von Falschinformationen. Eine Abteilung für Desinformation des politischen Gegners am Höhepunkt des Kalten Kriegs, eine Task-Force für die Einflussnahme auf den Feind. Die HV/A/X war es, die den damaligen BRD-Bundeskanzler Willy Brandt 1972 in der Steiner-Wienand-Affäre mit dem Kauf zweier Bundestagsstimmen vor der Abwahl bewahrte. Und sie war es auch, die Günter Guillaume als Kabinettsmitarbeiter im Kanzleramt einschleuste und somit für Brandts Sturz verantwortlich war. “Es war das Edelste vom Edelsten”, sagt der ZDF-Journalist und Stasi-Spezialist Christhard Läpple, “die Lieblingsabteilung des nun verstorbenen Markus Wolf, dem Ex-Chef des Auslandsgeheimdiensts der DDR.”
17 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer taucht nun in den Archiven der HV/A/X in kaum leserlichen Lettern ein Name auf, der so gar nicht zu den Machenschaften der Spionagebehörde passen will: Schmitz. Vorname: Michael. Geburtsdatum: 1.8.54. Berufliche Tätigkeit: Journalist.
Der Karteikarte zufolge soll der nunmehrige Wien-Korrespondent des ZDF, Buchautor und Rogan-Stiefvater als “Inoffizieller Mitarbeiter” des damaligen Ministeriums für Staatssicherheit der DDR tätig gewesen sein. Sie ist Teil der Sammelakte “Cousin”, in der die HV/A insgesamt 86 Personen auflistet: Redakteure, Verleger, Juristen. Mit Schmitz, so der Befund der HV/A, gäbe es eine gemeinsame “ideologische Basis”.
“Im ersten Moment war das für uns natürlich ein Hammer”, sagt ZDF-Mann Läpple. Zwei Jahre lang arbeitete er die Stasi-Vergangenheit des eigenen Hauses auf. Am Donnerstag wird die Dokumentation “Die Feindzentrale”, wie Stasi-Chef Erich Mielke das ZDF aufgrund seiner kritischen Beiträge gern nannte, ausgestrahlt. Läpple durchforstete 350.000 Aktenseiten, befragte hunderte Zeitzeugen. Und er stieß auf über 200 Inoffizielle Mitarbeiter, die Infos über das ZDF in die DDR lieferten – keine zehn davon waren indes Mitarbeiter des ZDF.
“Kennzeichen D”. Der Held des Westfernsehens im Osten ein Stasi-Spion? Immerhin gelten Schmitz’ Berichte aus der DDR als nachgerade legendär. Von 1985 bis 1990 war er mit der Sendung “Kennzeichen D” das Gesicht des ZDF in Ostdeutschland. Oft genug macht ihm die Stasi Schwierigkeiten, legt in einer anderen Abteilung einen eigenen Überwachungsakt an, der sich wenig freundlich liest. Schmitz hätte “nur kritische Beiträge” gesendet und “provokative Aufnahmen von Sicherungskräften gemacht”, vermerkten die DDR-Behörden verschnupft. Ihm werden Drehgenehmigungen verweigert – unter anderem zum Thema “Schönheitssalon für Männer”, da ihm “aufgrund seiner tendenziösen Berichterstattung in der Vergangenheit nicht die erforderliche Sachlichkeit zugebilligt werden kann”. Im Oktober 1988 wird Schmitz von den Behörden offiziell verwarnt und steht kurz vor seinem Rauswurf aus der DDR.
Doch wie gelangt der Name eines kritischen Westjournalisten in der damaligen DDR in die Mitarbeiterkartei der Staatssicherheit?
Eines Tages stellt sich Hans Eichhorn bei Schmitz vor, vorgeblich Vertreter des DDR-Journalistenverbandes. Man plaudert höflich, tauscht Freundlichkeiten aus. “Ich war ja nicht in die DDR gegangen, um sie abzuschaffen. Und daraus machte ich nie ein Hehl”, sagt Schmitz. “Ich wollte sie lediglich an ihren eigenen Maßstäben messen.” Rühmte Erich Honecker den sozialen Wohnbau, zeigte Schmitz Bilder von der katastrophalen Wohnsituation, lobte der Staatsvorsitzende die Industrie, filmte Schmitz die unterentwickelten Produktionsbetriebe. “Dieser Zugang dürfte viele Stasi-Leute verwundert haben”, erinnert sich Schmitz. “Die taten sich mit klaren Feindbildern immer leichter.” Eichhorn wird als “kluger Kopf” beschrieben. Er war es auch, der Schmitz als vorläufigen Informanten führte. Laut Läpple war er als “Offizier im besonderen Einsatz” einer jener besonders gut getarnten Stasi-Leute, die sich nach außen hin immer ein wenig systemkritisch gaben, um Westleute besser beobachten zu können.
“Über mich selbst habe ich immer sehr offen gesprochen”, sagt Schmitz. “Aber ich habe nie etwas weitergegeben, was jemanden gefährden konnte.” Am Höhepunkt des Kalten Krieges, Mitte der achtziger Jahre, musste man in der DDR gewärtig sein, überall von der Staatssicherheit abgehört oder überwacht zu werden. Die Wohnung, die Schmitz als West-Korrespondent zugeteilt erhalten hatte, war vollständig verwanzt, seine Telefongespräche wurden mitgeschnitten. Selbst der heutige Links-Politiker und frühere SED-Funktionär Gregor Gysi fertigte über ein Mittagessen mit Schmitz einen dreiseitigen Bericht an: Man habe über die imperialistischen Kräfte im Westen und die Wichtigkeit des Engagements für den Frieden gesprochen, soll Gysi den Genossen eher lustlos reportiert haben. “Ich hatte das Gefühl, da schreibt einer im DDR-Jargon etwas nieder, wovon er glaubt, dass der Apparat es so lesen will”, sagt Schmitz. Vertrauen konnte man kaum jemandem. So lieh sich Schmitz von einer Bekannten einst einen Trabi, um unauffälliger einen Freund im Spreewald zu besuchen. Sein roter Alfa Romeo mit West-Korrespondenten-Kennzeichen war ihm für diesen vertraulichen Besuch zu auffällig. Beide, der Freund und die Bekannte, entpuppten sich nach Öffnung der DDR-Archive als Stasi-Leute.
“Die Firma”. Eichhorn hingegen verriet sich laut Schmitz irgendwann selbst. In einer ihrer Unterhaltungen deponierte er ein allzu unbotmäßiges Anliegen: Als Westjournalist wüsste Schmitz doch vorab, wo unangemeldete Demonstrationen stattfänden, um darüber zu berichten. Wüssten auch die Behörden Bescheid, könnten sich diese doch besser drauf einstellen und so vielleicht unnötige Gewalteskalation vermeiden, argumentierte Eichhorn. “Da war mir klar, dass der was mit ,der Firma’ zu tun hat”, sagt Schmitz. Bei einer dieser Zusammenrottungen, der Demonstration einer evangelischen Gemeinde, die gegen Zensur ihrer Kirchenzeitung protestierte, war Schmitz einst selbst von einem Stasi-Mitarbeiter verprügelt worden. “Man darf die DDR nicht verharmlosen: Das war nicht die nette sozialistische Puppenstube, sondern eine Diktatur mit der ihr eigenen Brutalität”, sagt Schmitz. Die Bilder gingen über den Sender, und Schmitz kommentiert unverblümt: “Als ich ihn ersuche, sich auszuweisen, schlägt er mich und tritt mir in die Geschlechtsteile. Diese Staatsorgane sind in der DDR omnipräsent – vor allem, wenn es jemandem einfällt, für Meinungsfreiheit zu demonstrieren.”
Der Kontakt mit Eichhorn brach ab, die Karteikarte blieb. Die darauf vermerkten Gesprächsthemen sind mager: “Kennzeichen D” und der “40. Jahrestag” der DDR. Noch dazu wohnte Schmitz nie an der angeführten Adresse.
“Die Leute wurden gar nicht gefragt, ob sie registriert werden wollen”, sagt ein ehemaliger Oberstleutnant der Staatssicherheit in der ZDF-Doku. “Sie wurden auch nicht über ihre Decknamen informiert, so sie einen hatten.” Im Gegenteil: “Das konnte v
öllig parallel laufen: Die konnten artig herkommen, ohne zu ahnen, dass sie schon einen Stempel hatten.”
Schon einmal war Schmitz in Stasi-Zusammenhang gebracht worden. Sein Name fand sich in der legendären Mobilmachungsdatei der Staatssicherheit für den Ernstfall, der Rosenholz-Datei, die die CIA nach dem Mauerfall kassierte. Die Bundesanwaltschaft stellte die Ermittlungen aber bald ein. “Wir gehen davon aus, dass Herr Schmitz kein Mitarbeiter der Staatssicherheit war”, sagt ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender. “Er wurde von der DDR vor allem als ,Feind des Systems’ eingestuft.”
Zur Person
Michael Schmitz, 52
Der ehemalige Korrespondent des Zweiten Deutschen Fernsehens in der Deutschen Demokratischen Republik und promovierte Psychologe studierte unter anderem in den Vereinigten Staaten. Zum ZDF stieß Schmitz 1983 als Reporter des Magazins “Kennzeichen D”, für das er ab 1985 unregelmäßig, ab 1988 dann ständig aus der DDR berichtete.
Seit den neunziger Jahren ist Michael Schmitz mit Österreich verbunden: Er leitet die ZDF-Redaktion in Wien und wurde auch als Stiefvater und Manager des Olympia-Silbermedaillengewinners Markus Rogan bekannt. Der Deutsche schrieb mehrere Bücher, zuletzt gemeinsam mit seiner Frau, der Psychiaterin Margot Schmitz, die Ratgeber-Bestseller “Seelenfraß – Wie Sie den inneren Terror der Angst besiegen” und “Seelennahrung – Sich aufmachen zum Glück”.
Posted: November 13th, 2006
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