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Der Mann, den keiner will

Affäre. Wie Österreich versucht, sich eines schwer kranken, heimat- und mittellosen ehemaligen KZ-Wächters zu entledigen. (für profil; mit Martin Staudinger)

Der Mann liegt regungslos in seinem Krankenbett und starrt an die Decke, als sei er ganz weit weg. Aber dann neigt er seinen Kopf doch dem Besucher zu und mustert ihn angestrengt: „Setz dich irgendwohin, make yourself comfortable“, sagt er.

„Ich weiß, dass man mich hier nicht will“, murmelt Josias Kumpf, meint damit aber nicht das Wiener AKH, in das er am Donnerstag vergangener Woche eingeliefert wurde: Er meint Österreich. Er könnte aber auch Amerika meinen oder sogar die ganze Welt. „Man will mich nicht, weil ich damals dabei war. Ich war dort, in Trawniki. In jener Nacht. Aber als ich hinkam, hatte man sie schon erschossen. Hunderte. Tausende. Sie lagen in den Löchern, die sie vorher selbst hatten ausheben müssen.“

In den Nächten sei es schlimm mit ihm, sagt sein Bettnachbar. Da würde der Alte immer wieder um sich schreien: „In Deutsch, Englisch und allen möglichen anderen Sprachen.“ So lange, bis sich auch seine Zimmerkollegen wünschen, er wäre nicht hier.

Josias Kumpf, 84 Jahre alt, ist einer, den keiner haben will: ein ehemaliger KZ-Wächter, in die USA ausgewandert, ausgewiesen und der Republik Österreich aufgedrängt (und nicht Deutschland, wie “Der Spiegel” erratisch berichtete), die ihn am liebsten loswerden möchte – und den pflegebedürftigen, staaten- und mittellosen Greis nun einfach sich selbst überlässt.

Ein mutmaßlicher Nazi-Kriegsverbrecher, der nichts Besseres verdient hat? Nicht viel ist im Fall Kumpf so einfach, wie es scheint.

Wenn man es sich leicht machen will, kann man sich bei der Beschreibung von Josias Kumpf auf ein paar Schlagworte beschränken, die ein scheinbar eindeutiges Bild zeichnen: Mitglied der Waffen-SS, Aufseher im KZ Sachsenhausen, später bei der Bewachung des Lagers Trawniki in Polen eingesetzt – genau zu dem Zeitpunkt, als dort 1943 im Rahmen der „Aktion Erntefest“ 8000 Gefangene ermordet wurden.

Man kann aber auch Umstände anführen, die das Bild differenzieren: Mit 16 Jahren als volksdeutscher Landarbeiter am Balkan von den Nazis ausgehoben, in Uniform gesteckt, nach Deutschland dienstverpflichtet – und gerade einmal 17 Jahre, als er nach Trawniki geschickt wird.

Kumpf hat vor einem US-Gericht seine Tätigkeit als KZ-Wächter zugegeben. Er beharrte aber stets darauf, persönlich in keine Morde oder Hinrichtungen verwickelt gewesen zu sein. „Ich habe persönlich niemals irgendjemanden verletzt“, gab er sowohl in Interviews als auch vor Gericht zu Protokoll. Das kann man glauben oder auch nicht. Faktum ist: Bisher hat sich die Justiz nur am Rande mit der Frage seiner Schuld auseinandergesetzt.

1956 war Kumpf in die USA ausgewandert, 1964 hatte er die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen. Er lebte in Wisconsin und Chicago, ein unauffälliger Arbeiter mit Frau und Kindern. Er hatte ein Haus und einen Pensionsanspruch.

Doch dann, im Jahr 2003, geriet das geordnete Nachkriegsleben von Kumpf komplett aus den Fugen. Die USA leiteten ein Verfahren gegen ihn ein, weil er seinerzeit bei der Einreise seine SS-Mitgliedschaft verschwiegen hatte.

„Persönliche Beteiligung“. 2005 kamen die Richter zur Einschätzung, dass „Kumpfs Handlungen als bewaffneter Wächter eine persönliche Beteiligung an der Verfolgung begründen“ (Zitat aus dem Richterspruch). Das führte zur Aberkennung seiner Staatsbürgerschaft und damit seiner Pension.

Anklage wegen Kriegsverbrechen erhoben die Amerikaner jedoch nicht. Sie entledigten sich des lästigen Falls durch die simple Abschiebung.

Das Problem: Kumpf wurde 1925 als Staatsbürger des Königreichs Jugoslawien geboren, das längst nicht mehr existiert. Serbien, auf dessen heutigem Territorium seine Heimatgemeinde liegt, fühlt sich heute ebenso wenig für ihn verantwortlich wie Deutschland, das ihn 1956 noch eingebürgert hatte. Die dortige Staatsbürgerschaft verlor er allerdings, als er die amerikanische annahm.

Blieb aufgrund völkerrechtlicher Abkommen nur Österreich. Denn von hier aus war Kumpf in die USA eingereist.

Am 19. März 2009 wurde Kumpf von amerikanischen Sicherheitskräften am Flughafen Wien-Schwechat abgeliefert.

Damit war nicht nur er persönlich in eine prekäre Situation geraten, sondern auch die Republik Österreich. Strafrechtlich kann Kumpf hierzulande nicht verfolgt werden: Zum Zeitpunkt der möglicherweise begangenen Straftaten war er minderjährig. Sie sind inzwischen verjährt. Abschieben ist vorerst auch nicht möglich: Kein anderes Land hat sich bisher bereit erklärt, den ehemaligen KZ-Wächter aufzunehmen.

Seither reichen sich die damit befassten Ministerien und Behörden in Österreich die Causa gegenseitig weiter wie die sprichwörtliche heiße Kartoffel.

Zunächst wird die Caritas damit betraut. „Unser Auftrag ist die Würde des Menschen in Notsituation, unabhängig von Schuld oder Unschuld“, sagt Stefan Wallner, Generalsekretär der Caritas Österreich. „Wir haben im Auftrag und auf Bitte der öffentlichen Hand für Kumpf professionelle Betreuung organisiert.“

Nach seiner Rückkehr im März wird der kranke Greis in einem Spital in Vorarlberg untergebracht. Anfang Juni kommt er dann nach Wien, in eine kleine Mietwohnung. Ein selbstständiger Pfleger des Vereins „Rundum Zuhause betreut“, den die Caritas vermittelt hat, kümmert sich um ihn.

Eigentlich wäre Kumpf ein Fall für die so genannte Grundversorgung, das letzte soziale Auffangnetz für „hilfs- und schutzbedürftige Fremde“. Die Verantwortlichkeit dafür liegt zunächst beim Innenministerium.

„Nicht zuständig“. Dort will man vom Fall Kumpf allerdings nichts wissen. „Wir betrachten uns nicht als zuständig“, sagt Rudolf Gollia, Sprecher der Generaldirektion für die öffentliche Sicherheit. „Das hat uns nichts anzugehen.“ Ähnlich argumentieren das Außenamt und das Justizressort.

Immerhin geht es auch um die Pflegekosten und damit um viel Geld. Das will keiner zahlen – weder die Bundesministerien noch das Land Vorarlberg und auch nicht die Stadt Wien. Kurz nachdem Kumpf die Pflegewohnung in Wien bezogen hat, erreicht die Aufregung auch seine Vermieterin. Als sie von der Vergangenheit des Staatenlosen erfährt, kündigt sie den Vertrag. Wenig später geben diverse Behörden der Caritas zu verstehen, dass niemand für Josias Kumpf zu zahlen bereit ist.

Daraufhin wird der Pflegevertrag aufgelöst. „Er war unter der Bedingung geschlossen worden, dass die öffentliche Hand die vollen Kosten übernimmt. Nachdem die Finanzierungszusage weggefallen ist, war eine private Betreuung nicht mehr möglich“, sagt Caritas-Generalsekretär Wallner.

Bleibt nur noch die Notaufnahme: Ein Arzt diagnostiziert, dass Kumpf alleine nicht überlebensfähig ist. Am Donnerstag vergangener Woche wird der Staatenlose in die Rettung gepackt und im AKH abgeladen – offensichtlich ohne den Betreiber ausreichend über die problematischen Umstände seines Falls zu informieren. Als sie bekannt werden, erstattet der Fonds Soziales Wien, der unter anderem für Pflege und Betreuung in der Bundeshauptstadt zuständig ist, Anzeige bei der Polizei: Im AKH sei ein staatenloser mutmaßlicher Kriegsverbrecher aufgetaucht, man müsse klären, ob er Personenschutz benötige. Womit wieder das Innenministerium am Zug ist.

„Ich habe wenig Sympathien für KZ-Wächter“, sagt einer seiner Betreuer. „Aber mit diesem Menschen geht man um, als ob er Atommüll wäre.“

Währenddessen liegt Josias Kumpf im Krankenbett und hadert mit seinem Schicksal. „Ich habe mein Leben lang gearbeitet. Aber man hat mir alles weggenommen“, sagt er zu profil (siehe Interview). „Ich übernachte in Unterkünften, die gratis sind. Ich geniere mich dafür. Aber was soll man machen, wenn man nichts hat.“

Derzeit ist völlig unklar, was weiter mit ihm geschieht. Die österreichischen Behörden dürften jedoch eine vage Hoffnung haben, Kumpf loszuwerden. In Madrid wird auf Betreiben von KZ-Überlebenden derzeit ein Verfahren gegen ehemalige Wächter vorbereitet. Verdacht: Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Richter Ismael Moreno vom Nationalen Gerichtshof hat Ende Mai internationale Haftbefehle gegen drei mutmaßliche Täter beantragt – darunter auch Josias Kumpf.

Wenn er nicht in Österreich auf der Straße endet, könnte seine nächste Bleibe also auch eine Zelle in einem Untersuchungsgefängnis in Spanien sein. Dann vielleicht aber auch seine letzte.

***

“Bis sie alle tot waren“

Josias Kumpf im profil-Gespräch über den Massenmord von Trawniki und sein Leben danach.

Der 84-Jährige formuliert langsam, oft nur in Stichworten und meist auf Englisch, wenn es um Details geht. Mit profil sprach er …

… über die Rekrutierung durch die SS

„Ich war 16 Jahre alt. Da kamen sie in unsere Stadt. Sie holten mich und auch andere. Sie haben nicht gefragt. Auch wenn man Nein sagte, man musste mit. Ich war einer der besten Schützen meiner Kompanie. Ich konnte quasi um die Ecke schießen. Heute seh ich kaum mehr was.“

… über die Erschießung von 8000 Menschen

„Ich war dort, in Trawniki. In jener Nacht. Ich war ein Wächter, am Zaun – Sie verstehen? Aber ich kam zu spät. Als ich hinkam, hatte man sie schon erschossen. Hunderte. Tausende. Mit dem Maschinengewehr. Sie lagen in den Löchern, die sie davor selbst hatten ausheben müssen. Manche von ihnen waren noch nicht tot, sie krabbelten wieder heraus. Dann schoss man nochmal auf sie, auf einen nach dem anderen. Bis sie alle tot waren.“

… über sein Gerichtsverfahren in den USA

„Sie fragten mich, ob ich dort war, ob ich es gesehen hätte. Ich sagte: Ja. Dann sind Sie schuldig, sagten sie. Darum bin ich heute hier. Dabei habe ich nichts getan. Ich habe es nur gesehen. Ich kam erst hin, als sie schon fertig waren. Und wenn: Damals dachten wir, es wäre richtig. Es war unser Befehl. Sie wissen, was Befehl bedeutet, ja? Die Offiziere waren die Bosse, nicht die kleinen Wächter – ein 17-Jähriger, so wie ich damals.“

… über sein Leben heute

„Ich habe in Wisconsin gelebt, davor in Chicago. Ich habe die ganze Zeit gearbeitet. Nicht ein Tag, an dem ich gefehlt hätte. Außer wenn ich krank war. 15 Jahre lang hab ich in der Wurstfabrik gearbeitet. Und ich hatte gutes Geld einbezahlt für meine Pension. Aber man hat mir alles genommen. Nicht mal einen Penny hab ich. Das ist nicht fair. Meine Verwandten sind weit weg. Wir haben nur manchmal Kontakt. Ich kümmere mich um mich selbst. Ich übernachte in Unterkünften, die gratis sind. Ich geniere mich dafür. Aber was soll man machen, wenn man nichts hat.“

Posted: Juni 21st, 2009
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“Rassismus ist immer noch ein Teil der USA”

Elizabeth Eckford, 1957 eine der ersten schwarzen High-School-Schülerinnen der USA an einer bis dahin rein weißen High-School, über den damaligen Hass der weißen Mehrheit und die Hautfarbe als Faktor für die Präsidentenwahl. (für profil; aus Arkansas/USA)

Sie waren nicht die ersten Schwarzen, die eine bis dahin rein weiße Schule besuchten, aber als “Little Rock Nine” wurden sie zu den bekanntesten: Im September 1957 versuchten neun afro-amerikanische Schüler, die High School von Little Rock in Arkansas zu betreten. Ein Höchstgerichtsurteil hatte öffentlichen Schulen verboten, Schüler weiterhin aufgrund ihrer Hautfarbe abzulehnen. Doch der damalige Gouverneur von Arkansas, Orval Faubus, ließ die Nationalgarde des Bundesstaates ausrücken, um die neun Teenager am Schulbesuch zu hindern.

Um die Ausschreitungen des weißen Mobs im Zaum zu halten, sah sich Präsident Dwight D. Eisenhower genötigt, Armeesoldaten nach Little Rock zu beordern, welche die Nationalgarde ablösen sollten. Das ganze Schuljahr über wurden die schwarzen Schüler daraufhin von der Exekutive bewacht – während Gouverneur Faubus in einer US-weiten Gallup-Umfrage nur einen Platz hinter dem Papst zu einem der wichtigsten Menschen der Welt gewählt wurde.

Das Foto der damals 16-jährigen schwarzen Schülerin Elizabeth Eckford, die auf ihrem Schulweg von einer weißen Mitschülerin hasserfüllt angeschrien wird, gilt als Ikone der Ereignisse von Little Rock.

Elizabeth Eckford, Little Rock Central High 1957

Elizabeth Eckford, Little Rock Central High 1957

profil: Vor 50 Jahren mussten Ihnen Truppen aus Washington den Weg in die Schule ebnen. Heute kandidiert ein Schwarzer als Präsident. Hat Amerika die Rassenfrage überwunden?

Eckford: Das denke ich nicht. Aber darum sollte es bei einer Präsidentenwahl auch nicht gehen.

profil: Werden Sie Barack Obama wählen?

Eckford: Ja, aber weil er die besseren Ideen hat. Würde ich ihn nur wählen, weil er schwarz ist, wäre ich um nichts besser als jene, die für McCain stimmen, nur weil er weiß ist. Obama tut also gut daran, seine Hautfarbe nicht zu thematisieren, weder in die eine noch in die andere Richtung.

profil: Die Geschichte ist also immer noch nicht aufgearbeitet?

Eckford: Im Großteil der USA ist es immer noch schwer, über Rassismus auch nur zu diskutieren. Die Menschen werden ungern mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert. Gerade als lebendes Symbol der einstigen Rassentrennung ist man nicht überall willkommen. Ein Beispiel: Seit fast zehn Jahren spreche ich in der Little Rock High School vor Schülern, die aus den ganzen USA extra dafür hierherkommen. Erst vor drei Jahren fragte mich meine eigene ehemalige Schule, ob ich zu den hiesigen Schülern sprechen würde. Selbst ein früherer Bürgermeister hier sagte bei einer Gedenkveranstaltung, wir sollten nicht zu viel in die Vergangenheit blicken. Und weiße Jahrgangskollegen reden plötzlich die Vergangenheit schön. Sie meinten, es sei alles nicht so schlimm gewesen.

profil: Wie erlebten Sie als 16-Jährige diese Zeit?

Elizabeth Eckford, at Little Rock Court House 2008 (c) Josef Barth

Elizabeth Eckford, at Little Rock Court House 2008 (c) Josef Barth

Eckford: Es war ein Gefühl der Isolation. Ich saß immer am Ende der Reihe. Ich wurde beschimpft und geächtet. Nur zwei weiße Mitschüler sprachen mit mir. Erst 35 Jahre später erfuhr ich, welch hohen Preis sie zahlten: Der eine verlor all seine Freunde, der Vater der anderen musste bewaffnete Sicherheitsleute engagieren, um seine Farm vor Repressalien zu schützen. Wenn ein Schwarzer von weißen Mitschülern geschlagen wurde, weigerte sich der Direktor, etwas zu unternehmen, wenn der Vorfall nicht von zumindest zwei Lehrern bezeugt werde. Wir waren quasi vogelfrei.

profil: Jener Mitschülerin, die sie auf dem legendären Foto hasserfüllt anschreit, haben Sie vor einigen Jahren vergeben. Fiel Ihnen das schwer?

Eckford: Nein. Ich denke, sie brauchte die Vergebung. Ihrer jüngeren Tochter hatte sie den Vorfall nie gebeichtet. Als sie in der Schule eines Tages das Geschichtsbuch aufschlug, sagte sie entsetzt: Das ist meine Mutter! Danach rief sie mich an und bat um Vergebung.

profil: Meinte sie es ehrlich?

Eckford: Ich hoffe es zumindest. Wie viele war sie geprägt von einem extrem rassistischen Elternhaus. Der Hass wird den Kindern seit jeher dort eingeimpft. Er wird im Schulsystem weitergetragen, auf dem Arbeitsmarkt bekommt man ihn als Bewerber zu spüren. Rassismus ist damit immer noch ein Teil der USA, wenn auch die Ausdrucksweise vornehmer und vorsichtiger wurde.

profil: John McCain warnt vor einer Schwächung der Bundesstaaten durch Barack Obama. Das scheint vor allem in den Südstaaten zu ziehen. Sind das noch Nachwehen der damaligen Ereignisse?

Eckford: Zeitungen hier im Süden verglichen das Einschreiten der Bundestruppen damals mit einer neuerlichen Invasion des Südens, wie seinerzeit im Bürgerkrieg. Es war eine Entmachtung des lokalen Gouverneurs. Und bis heute sind die Menschen im Süden von einer starken Regierung in Washington nicht begeistert.

profil: Glauben Sie, dass Ihr Sieg von damals den Schwarzen half?

Eckford: Kurfristig war es ein Pyrrhussieg. Die lokale Regierung schloss die Schulen lieber, als schwarze Schüler zu dulden. Die Weißen wichen auf teure Privatschulen aus. Für viele Schwarze, die dort nicht aufgenommen wurden, war es das Ende ihres Bildungswegs.

Little Rock Central High School (c) Josef Barth

Little Rock Central High School (c) Josef Barth

profil: Würden Sie Ihren Kindern heute Ähnliches erlauben, was Sie damals taten?

Eckford: Nein. Jeder von uns trug tiefe seelische Narben davon. Wir dachten damals zwar nicht, dass uns der Mob töten würde. Aber ich muss zugeben, wir waren auch sehr naiv. Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, wäre ich das Risiko nicht eingegangen. Bis heute kämpfe ich mit schweren Albträumen.

profil: Ist Amerika schon reif für einen schwarzen Präsidenten?

Eckford: Die Menschen werden Ihnen viele Ausreden geben, warum sie Obama nicht wählen: weil er ein verkappter Terrorist sei oder ein versteckter Moslem oder – was hier im Süden immer zieht – einfach zu liberal. Der wahre Grund ist immer derselbe: seine Hautfarbe.

profil: Wird er daran scheitern?

Eckford: Ich weiß nicht, ob er scheitern wird. Aber wenn, dann nur daran.

Elizabeth Eckford, 65,
war die erste Schwarze, die nach ihrem College-Abschluss in St. Louis (Missouri) einen Bürojob in einer Bank ausübte. Bis dahin waren Schwarze dort nur als Reinigungskräfte geduldet. Die Tochter eines Eisenbahners und einer Dienstbotin wuchs als zweites von sechs Kindern in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach Jahren als Bürokraft in Diensten der U.S. Army in verschiedenen Gegenden der USA lebt sie heute wieder in Little Rock und ist in der Administration am dortigen Gericht tätig.

Posted: Oktober 20th, 2008
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“Die Palin-Blase ist geplatzt!”

Interview. Der ehemalige Clinton-Berater Stanley Greenberg über den Hype um die republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin, die Krise an der Wall Street und das amerikanische Bekenntnis zur multikulturellen Kultur. (für profil; aus New York/USA)

profil: Diese Woche treffen Barack Obama und John McCain in der ersten großen TV-Debatte aufeinander. Sie haben Präsidentschaftskandidaten von Bill Clinton über Al Gore bis John Kerry beraten. Welches Wählerpotenzial lässt sich mit gutem Coaching bewegen?

Greenberg: Viele Amerikaner halten sich ihre Entscheidungen sehr bewusst bis zu den Debatten offen. Die Reden der beiden Kandidaten auf ihren jeweiligen Parteitagen haben mehr Amerikaner gesehen als die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in China. Ich bin sicher: Das steigert sich mit den Debatten sogar noch. Als Al Gore vor acht Jahren in die erste Debatte ging, lag er fünf Prozentpunkte voran. Als er nach der letzten herauskam, lag er fünf Prozentpunkte zurück. So eng wie das Rennen momentan ist, werden die TV-Duelle ausschlaggebend sein.

Stanley Greenberg (provided by gqrr)

profil: Derzeit überschattet die Wall-Street-Krise den Wahlkampf. John McCain versucht, die Frage der Wirtschaftskompetenz zu einer Führungsfrage zu machen. Hat er damit eine Chance?

Greenberg: Stichworte wie “Deregulierung” und die Gier von Unternehmen, die diese unfassbare Situation verursacht haben, werden ganz klar der Bush-Administration – und damit zum Teil McCain – zugerechnet. Für John McCain dürfte es nun ungemein schwer werden. Er versucht, auf die Populismuskarte zu setzen, und verspricht, die Wall Street zur Verantwortung zu ziehen. Das ist auch seine einzige Chance. Aber ich denke nicht, dass er das plausibel machen kann.

profil: In den vergangenen Wochen kamen die Demokraten kaum aus der Defensive, in die sie durch die Nominierung der Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, zur republikanischen Kandidatin für die Vizepräsidentschaft gedrängt wurden. Es gab einen regelrechten Sarah-Hype. Zynisch könnte man also sagen, der Bankrott eines Bankhauses war ein Segen für Obama?

Greenberg: Die Wirtschaftskompetenz wird nach acht mehr oder minder erfolglosen Bush-Jahren natürlich den Demokraten zugerechnet. Vor allem aber wurden die Menschen schlagartig zurück in die politische Realität geholt. Nun wurde ihnen klar, um welch ernsthafte Themen es jenseits von Sarah Palin tatsächlich geht. Das Kapitel Palin wurde damit vorerst einmal geschlossen, und die Menschen konzentrieren sich wieder auf ernsthafte Themen.

profil: Die Umfragen zeigen derzeit keine so klaren Verhältnisse. Obwohl fast 70 Prozent der Amerikaner glauben, das Land sei auf dem falschen Weg, liegen die Kandidaten Kopf an Kopf.

Greenberg: Es ist sehr gut möglich, dass McCain gewinnt. Es ist ein enges Rennen. Und das ist es nur, weil McCain sich von Bush und seiner polarisierenden Ideologie distanziert. Er ist ein Neo-Konservativer. Gleichzeitig aber aber steht er für eine Politik der internationalen Kooperation und des Multilateralismus – beispielsweise innerhalb der NATO. Und egal, ob Obama oder er gewinnt: Die Welt wird jedenfalls ein anderes Amerika erleben.

profil: Es ist aber auch gut möglich, dass wir – bedenken wir das Alter und die Krankengeschichte von McCain – bald eine Präsidentin Palin erleben.

Greenberg: Präsidentin Palin? Gott bewahre die Welt davor! Sie ist schon als Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten kaum vorstellbar. Aus McCains Sicht war die Entscheidung sicher sinnvoll, weil sie ihm im Wahlkampf weiterhalf. Letztlich ist es aber eine unfassbare und skrupellose Entscheidung. Und er wird auch die Verantwortung dafür übernehmen müssen.

profil: Zumindest die rechte Basis ist begeistert von dieser Wahl. Wird sich dieser Hype über die republikanischen Parteigrenzen ausbreiten, oder ebbt er bis zum Wahltag ab?

Greenberg: Vor wenigen Tagen führte McCain noch mit geringem Vorsprung, nun liegt wieder Obama vorn. Und Sarah Palin wird zunehmend negativ wahrgenommen. Unter den vier Präsidentschaftsrespektive Vizepräsidentschaftskandidaten ist sie die Unbeliebteste. Ich denke, diese Blase ist geplatzt.

profil: Man könnte aber auch einfach sagen, sie polarisiert mehr als Joe Biden, Obamas Kandidat für den Vizepräsidenten.

Greenberg: Ihre Kür hatte zweifellos enorme Auswirkungen auf McCains Kampagne. Die Republikaner waren demoralisiert und gespalten. Durch ihre Wahl konnten die Wirtschaftskonservativen mit den religiösen Gesellschaftskonservativen geeint werden. Die Basis ist nun ungleich begeisterter als zuvor, ihre Stimme für John McCain abzugeben. In Anbetracht der Alternativen war sie auf jeden Fall eine gute Wahl – zumindest für ihn. McCain war aber fast gezwungen, einen religiös-konservativen Kandidaten zu wählen. Andernfalls wäre die Inszenierung seiner Nominierung auf dem Parteitag wohl ein Desaster geworden. Viele hatten schon erwartet, dass die Leute auf ihren Händen sitzen würden, wenn er einen moderaten Kandidaten kürt. Das sagt schon einiges über die Republikaner aus.

profil: Anlässlich der Wahlen vor vier Jahren haben Sie ein Buch geschrieben: “Die beiden Amerikas”. Gibt es diese nach wie vor?

Greenberg: Nein, seit dem politischen Erdrutsch der Kongresswahlen 2006, mit dem die Demokraten die politische Landkarte der USA umkrempelten, gibt es die beiden Amerikas nicht mehr. Mittlerweile ist das Buch also leider eher ein Geschichtswerk. Man könnte aber auch sagen: zum Glück! 2006 signalisierte das Ende für George Bushs ideologische und korrupte Strategie, das Land zu spalten.

profil: Die so genannten Swing States, auf die sich Obama konzentriert, sind untypisch für einen Demokraten. Er macht verstärkt Kampagne in Colorado, Nevada und New Mexico. Diesmal könnte gerade der Westen entscheiden: Kollegen von Ihnen sagten kürzlich, wer diese Bundesstaaten gewinne, gewinne die Wahl.

Greenberg: Das ist gut möglich, und da hat Obama gute Chancen. In New Mexico liegt er bequem voran, in Colorado hat er einen leichten Vorsprung, und in Nevada liegen Obama und McCain Kopf an Kopf. Darum ist diese Wahl so anders. Bei Clintons Sieg 1992 oder den Wahlen 2000 oder 2004, bei denen Bush gewann, waren Michigan und Ohio entscheidend.

profil: Aber in Michigan hat Obama gute Chancen.

Greenberg: Sehr gute Chancen sogar. Und wenn er tatsächlich Ohio gewinnt, dann ist die Wahl gelaufen. Das ist die Stärke Obamas: Er hat mehr als nur eine Möglichkeit offen. McCain dagegen muss all diese westlichen Bergstaaten gewinnen, sonst hat er die Wahl verloren.

profil: In vielen dieser Swing States spielt die Hautfarbe noch immer eine starke Rolle. Werden ältere weiße Wähler für einen jungen Afroamerikaner stimmen?

Greenberg: Obama liegt bei den weißen unter 40-Jährigen voran und hat sogar doppelt so viele der unter 30-jährigen Weißen als McCain auf seiner Seite. Aber Obama repräsentiert ein multikulturelles Amerika, mit dem sich ältere Wähler nicht so wohl fühlen. Für sie ist die Hautfarbe sicher noch immer ein Thema. Und McCain ist zudem einfach alt. Allein das macht ihn für ältere Wähler schon zum attraktiveren Kandidaten. Und er ist ein großer Patriot und bewunderter Kriegsheld. Das ist etwas, dem sich ältere Wähler verbunden fühlen. Obama ist hingegen der Kandidat einer ihnen unverständlichen Aufbruchs- und Jugendkultur.

profil: Der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudi Giuliani meinte in einer Rede auf dem republikanischen Parteitag, ein Aufstieg wie jener von Barack Obama sei nur in diesem Land möglich. Giuliani meinte es ironisch. Aber hat er vielleicht Recht?

Greenberg: Wenn Barack Obama gewinnt, würde das die Vielfalt dieses Landes repräsentieren. Die USA hatten zuletzt keinen guten Ruf in der Welt. Es wäre ein Statement. Ein Signal für ein neues Amerika, mit grundlegend veränderter Beziehung zur Welt. Ein solches Statement wäre dringend nötig.

Posted: September 22nd, 2008
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