Spitz auf Kopf

Mon-Chérie-Affäre. Die Polizei präsentiert der Öffentlichkeit den Verdächtigen auf einem Silbertablett. Der Indizienbeweis einer DNA-Spur reichte ihr zwar zur Aushöhlung des Identitätsschutzes, für eine Verurteilung dürfte es aber zu wenig sein. (für profil)

“Es dürfte sich um einen 50-jährigen Verdächtigen handeln, der via DNA-Spur hier verdächtigt wird. Er hat noch kein Geständnis abgelegt. Sein Name ist mittlerweile auch bekannt: Er heißt […].” Donnerstag, 28. Februar, 11.47 Uhr: Der ORF-Reporter spricht den vollen Namen des Verdächtigen aus. Als Erster veröffentlicht er via Live-Schaltung die Identität des Inhaftierten – kurz vor der Pressekonferenz der Ermittler. “Noch kein Geständnis”: Als stünde der Verdächtige als Täter schon fest und es wäre nur noch eine Frage der Zeit, bis er gestehen würde.

Selbst die Austria Presse Agentur (APA) verstand die nachfolgenden Ausführungen der Exekutive so, als sei der Verdächtige bereits überführt: “Der im Fall Hirtzberger festgenommene Verdächtige ist nach Angaben der Polizei durch eine DNA-Probe überführt worden”, schreibt die APA um 12.04 Uhr in ihrer “Eilt”-Meldung.

Tags darauf kennt ganz Österreich das Gesicht von Helmut O. Denn die Polizei bittet sogar explizit darum, sein Konterfei zu veröffentlichen – womit sie selbst noch fehlende Beweise eingesteht. Höchst fraglich ist allerdings die Qualität von Tipps, die nach einer öffentlichen Vorverurteilung eingehen. So ersucht die Polizei um Hinweise, “ob jemand Herrn O[…] beim Kauf dieser Grußkarte gesehen hat” (woran sich nicht einmal mehr die Verkäuferin erinnert), “ob jemand Herrn O[…] dabei beobachten konnte, wie er, Mon Chéri’ kaufte” (was ihn wohl nicht als Einzigen verdächtig machen würde), oder jemand am fraglichen Tag “beobachten konnte, dass er ein weißes Kuvert auf dem Mercedes von Dr. Hirtzberger deponiert hat”. (Wer sich wochenlang nicht erinnerte, irgendjemanden dies tun gesehen zu haben, wird sich nun kaum daran erinnern, just Herrn O. dabei beobachtet zu haben.)

Die DNA-Spur auf der dem “Mon Chéri” beigelegten Glückwunschkarte könnte für eine etwaige Verurteilung aber zu wenig sein. Vor allem ist fraglich, warum sich ausschließlich die DNA von O. auf dem Billett befand, wie der Staatsanwalt gegenüber profil bestätigt. Jedoch findet sich nicht einmal die DNA-Spur des immer noch im Koma liegenden Bürgermeisters. Und dieser hatte die Karte nachweislich in der Hand.

Die Geschichte des O.

Ein Wünschelrutengänger, ein Vizekanzler außer Dienst, ein tyrannischer Übervater: Der Wachauer Giftanschlag fördert die abgründige Seite einer weinseligen Idyllgesellschaft zutage.

Für einen Weißen hat sich der Tropfen ungewöhnlich gut gehalten. “Rotgolden, verhaltener Trockenobstduft”, attestieren die Kenner des Fachmagazins “Alles über Wein” dem Grünen Veltliner Kabinett, Jahrgang 1957. “Schmalzig, kompakt, herbe Art.” Ihre Empfehlung: “Für Sammler des Jahrgangs unbedingt kaufenswert!” Bei einem Preis von 109 Euro und 30 Cent nachgerade ein Schnäppchen. Die kleine Vinothek in der Wiener Innenstadt bietet noch mehr “dieser österreichischen Raritäten”. Sauvignon blanc aus dem Jahr 1955 um 126 Euro beispielsweise oder Neuburger Spätlese, Jahrgang 1958, zu haben um 155 Euro. Das Weingut, dem die Bouteillen entstammen, war das “meistausgezeichnete Weingut Österreichs mit Spitzenqualität” der dreißiger, vierziger und fünfziger Jahre. Älteste erhaltene Flasche: eine Auslese, Jahrgang 1938. Preis: 280 Euro. Dieser längstgediente Zeuge der glorreichen Vergangenheit einer Wachauer Winzerei überdauerte die Kriegsjahre in einem Archiv, in das ihn der Altbauer selbst, so die Mär, zum Schutz vor Plünderungen einmauerte.

Die einstigen Auszeichnungen des Weinguts O. sind heute nur noch Insidern geläufig. Die Flaschen entstammen der Konkursmasse, das Gut existiert nicht mehr. Den Nachfahren des damaligen Winzers, Helmut O., einen Heurigenwirt aus Spitz an der Donau, kennt nun ein ganzes Land als Verdächtigen eines Mordversuchs. Er soll den Bürgermeister von Spitz an der Donau, Hannes Hirtzberger, durch eine mit Strychnin versetzte Praline zu vergiften versucht haben. Auf der beiliegenden anonymen Glückwunschkarte mit dem Aufdruck “Du bist etwas ganz Besonderes für mich” fand die Polizei angeblich seine DNA (siehe Kasten).

Für Helmut O. gilt die Unschuldsvermutung. Er bestreitet die Tat. Das angebliche Motiv: Unzufriedenheit mit einer Entscheidung des Bürgermeisters. Seinen mittelgroßen Heurigen im so genannten Klosterhof wollte O. zum 5-Sterne-Thermalhotel umbauen. Oder das Areal zumindest an entsprechende Investoren verkaufen, wie sein Anwalt und Geschäftspartner, Kurt Wolfmair, sagt, “um für die Region ein nachhaltiges Tourismusprojekt zu schaffen”. Doch der Bürgermeister forderte Probebohrungen und wirtschaftliche Konzepte, bevor er das Weinland zu Bauland erklären wollte.

Hinter der Fassade der idyllischen Weingegend Wachau scheint sich die tragische Geschichte des wirtschaftlichen Niedergangs einer Winzerdynastie zu wiederholen.

Der Heurige, den Helmut O. im so genannten Klosterhof betrieb, galt nicht gerade als Geheimtipp für Feinspitze. “Wenn die Einheimischen nimmer in ein Lokal gehen wollen, weißt eh, was los ist”, sagt ein Nachbar. Nur manchmal verirrte sich Prominenz dorthin: Altbischof Kurt Krenn besuchte 1994 die Eröffnung. Und der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider soll in der kleinen angeschlossenen Kapelle zum Weinritter geschlagen worden sein.

Die nicht gerade als Goldgrube bekannte Gastwirtschaft für Millionen von Euro plötzlich zu einem luxuriösen Wellnesstempel umzubauen galt vielen Spitzern bestenfalls als Flucht nach vorn – schlimmstenfalls als Flucht in eine Traumwelt. Selbst ein Wünschelrutengänger pendelte angebliche Wasseradern unter dem Anwesen aus.

Langer Schatten. Dabei hatte die Familie schon lang zuvor mit einem ähnlichen Projekt einen Gutteil ihrer Existenz ruiniert. Nur wenige Kilometer von Spitz entfernt zeugt ein kleines Schlösschen vom wirtschaftlichen Niedergang des Vaters von Helmut O. Auf tausenden Quadratmetern war hier einst ein Nobelhotel geplant. Das Projekt versandete halbfertig.

Es war schwer, sich dem langen Schatten dieses Übervaters zu entziehen. Der Senior hinterließ bei jedem, der mit ihm zu tun hatte, bleibenden Eindruck. Und das, höflich gesagt, nicht im besten Sinn. Kaum jemand, mit dem er sich nicht in den Haaren lag. “Handwerker, Winzer, Lieferanten – irgendwann machte er jedem Schwierigkeiten”, sagt ein ehemaliger Bekannter. Aktenordner voll mit Schriftverkehr musste man sich zur Sicherheit aufbewahren, hatte man mit dem Senior zu tun. Auch ein tragischer Fenstersturz seiner Frau wird nun in den Medien wieder hochgekocht. Viele Geschichten gibt es über “den Alten”. Auch heißt es in der Region, er habe ganz gute Kontakte zur damaligen Politik, genauer zu Norbert Steger, gehabt. Tatsächlich wurde der Senior unzählige Male im Büro des damaligen FPÖ-Vizekanzlers vorstellig. “Er wollte mehrfach das neue Weingesetz verhindern, weil es ihn viel Geld kostete. Aber nach dem Glykolskandal musste einfach der ganze Dreck vom Markt. Und sein Wein hat eben dazugehört”, sagt Steger heute. Eine nähere Bekanntschaft dementiert Steger aber. Dennoch, nach mehr als 20 Jahren kann sich Steger noch immer an O. senior als einen Getriebenen, einen aufbrausenden Querulanten erinnern. Steger: “Sein stechender Blick, der mir körperlich unangenehm war, hat sich in meiner Erinnerung eingebrannt – und ein Auftreten, wie bei der SS.”

Mit der politischen Verortung des Seniors dürfte Steger nicht ganz falsch liegen. Die Schaftstiefel, die der ruppige Jagdgeselle mit dem ausgestopften polnischen Bären im Büro gern zum Waidmannsanzug trug, waren nicht der einzige Hinweis auf sein Weltbild. Von den glorreichen Kriegstagen habe er öfter geschwärmt, sagen Bekannte. Noch bei seiner Beerdigung vor vier Jahren sollen “Heil”-Rufe an seinem Grab ertönt sein.

Beruflich soll dem Weinhändler der Glykolskandal das Genick gebrochen haben. Hunderte Liter Wein habe er damals schlussendlich in die umliegenden Gewässer geschüttet. Ein Konkurs mit mehr als 20 Millionen Euro Außenständen besiegelte das Ende einer Weindynastie. Der väterliche Fall soll den Bruder von Helmut O. in den Freitod getrieben haben.

Helmut O. blieb nur der Heurige in Spitz an der Donau. Darüber hinaus blieb ihm der Ruf, immer versucht zu haben, seinen Vater wirtschaftlich zu übertrumpfen, ohne ihm menschlich in irgendetwas nachzustehen. Seine Idee eines 5-Sterne-Thermalhotels hatte bei der Gemeinde offenbar nie Chance auf Realisierung. In einem Brief an O. verklausuliert Bürgermeister Hannes Hirtzberger höflich, dass er keine Sekunde an ein Gelingen des angeblichen Millionenprojekts glaubt: “In jedem Fall wird von der Marktgemeinde Spitz nur ein Straßenanschluss sowie ein Kanal-, Wasser- und Lichtanschluss zur Verfügung gestellt.” Unterzeichnet: Dr. Hannes Hirtzberger, Bürgermeister.

Posted: März 2nd, 2008
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