Sieghartskirchen & Virgin Islands

Abfangjäger. Sie firmieren in aufgelassenen Fabriken oder schlichten Reihenhäusern, kassierten stolze Summen für seltsame Leistungen: Briefkastenfirmen und Einmannunternehmen rücken ins Zentrum der Eurofighter-Affäre. Recherche an den Schauplätzen des Geldes. (für profil)

Die dunkle Holztür mit dem Messinggriff ist gut gesichert: massive Struktur, neues Sicherheitsschloss und eine Kamera an der Klingel. Wer hier wohnt, will wissen, wer ihn sprechen will. Die Angst vor höflich läutenden Menschen scheint größer als der Respekt vor anonymen Kriminellen: Wer klingelt, wird gefilmt, wer ums Haus schleicht, nicht. Die Vorhänge zugezogen, Einblicke unerwünscht.

Es ist einer jener Schauplätze, die in der Eurofighter-Affäre eine zentrale Rolle spielen: Die Gelder, die hierher flossen und die von hier aus bezahlt wurden, könnten den Jet-Deal mit einem Mal platzen lassen. Doch all die Gesellschaften, die unter seltsamen Titeln abertausende Euros für Consulting, Konzepte oder Beratungsleistungen rund ums größte Waffengeschäft der Republik einstreiften oder auszahlten, sind anders, als man sich derartige Unternehmen vorstellen würde. Sie residieren nicht in glasverkleideten Stahlbetontürmen, beschäftigen kein Heer von hoch qualifizierten Mitarbeitern, verlangen keine elektronischen Sicherheitschecks beim Betreten der Büroräumlichkeiten.

Es sind Häuser wie das orange mit der dunklen Holztür, in denen die Geschäfte abgewickelt werden: in Sieghartskirchen in Niederösterreich, im Haus an der Abzweigung nach Tullnerbach, gleich gegenüber dem Friedhof mit der darüber thronenden Kirche.

“Der Fredy ist auf einer Auslandsreise”, sagt sein Nachbar, ein rührig-freundlicher älterer Herr, gleichzeitig “so was wie ein Onkel”. Der “Fredy” heißt eigentlich Alfred Plattner, Eigentümer der P&P Consulting GmbH mit einer Lizenz für Waffenhandel, Kooperationspartner des EADS-Lobbyisten Erhard Steininger und geladener Zeuge im parlamentarischen Untersuchungsausschuss. Rund 190.000 Euro soll er von Steininger erhalten haben, weitere rund 25.000 direkt von EADS: für “Beratungsleistungen” beim “Projekt Eurofighter”. Fakturiert über seine P&P Consulting (ohne Homepage), am offiziellen Firmensitz (ohne Festnetz), dem noblen Parkring 10 (ohne Türschild) in der Wiener Innenstadt. Die im Telefonbuch angegebene Handynummer ist nicht aktiv. Die Bilanzsumme für 2004 und 2005 bewegt sich in der Größenordnung der zitierten Gelder. Andere Geschäfte scheint er nicht zu machen. Der Kontakt mit Steininger dürfte sich für Plattner aber ausgezahlt haben. Immerhin residierte die P&P Consulting, als sie noch eine schnöde Einzelunternehmung war, im 22. Bezirk: und teilte sich Adresse und Telefonnummer (!) mit einer nicht sonderlich noblen Pizzeria.

***

Auch die Wolf’schen Unternehmensgesellschaften haben residenziellen Fall und Wiederaufstieg durchlebt: Gegründet von Erich Wolf als Creativ Promotion GmbH an einer Reihenhausadresse in einem Wohnviertel von Wiener Neustadt, übersiedelte das in Accutronic GmbH umbenannte Unternehmen in den Hinterhof einer verlassenen Fabrik im südlichen Niederöstereich. Plötzlich wurde nicht mehr kreativ geworben, sondern flugs – dank als Geschäftsführer eingesetztem Techniker – mit “Akkumulatoren und Stromversorgungseinrichtungen” für Gabelstapler gehandelt. Was Generalmajor Erich Wolf als Prokurist dieser Art Gesellschaft beitrug, ist unklar. Er selbst schweigt. Nach Angaben des Geschäftsführers werkte außer diesem selbst, einer Halbtagssekretärin und einem Kurzzeit-Außendienstmitarbeiter ohnehin niemand sonst in dem Einzimmerbüro des heruntergekommenen Gewerbeparks.

Die parallel von Frau Wolf gegründete Creativ Promotion GmbH & Co KG bediente sich dafür der Accutronic und ihres blauäugigen Techniker-Chefs als haftendem Gesellschafter. Was nicht unklug war: Schließlich weisen die Unternehmensbilanzen der gelernten Steuerberaterin Anna Maria Frühstück-Wolf seit Gründung negative Zahlen aus. Der Ingenieur haftete für rund 15.000 Euro und überlegt nun eine Klage. Die Finanznöte der Reihenhausfirma brachten schließlich Erhard Steininger dazu, bei Frau Wolf 2002 ein Marketingkonzept mit 87.600 Euro (inklusive Umsatzsteuer) zu bevorschussen, das er sich bis heute nicht liefern ließ. Ob die Nachbarn der Wolfs dabei Tipps gaben, ist nicht bekannt. Am Nebenhaus glänzt ein güldenes Schild: “Vermögensberatung – nach telefonischer Vereinbarung”.

***

“HCM Kft”, ein Glockenschild wie bei einer Studenten-WG. Doch die ungarische GmbH von Dr. János Szabó macht keine schlechten Geschäfte. 220.000 Euro streifte die Hortobágy Consulting & Management Kft im Jahr 2003 vom Lobbyisten Steininger ein. “Choreografie, Training etc.”, die die Budapester Firma für diverse “Piloten” in Rechnung stellte, dürften aber kaum in dem Gründerzeitbau des elften Bezirks “Ujbuda” abgehalten worden sein. Das Unternehmen, das neben der HCM Geschäfte tätigt, ist ein Krämerladen für Haushaltsartikel mit der sinngemäßen Aufschrift “Billige Waren”.

Das “Honorar Air Power Zeltweg”, das Steininger beglich, ist aber auch aus einem anderen Grund interessant. Der eigentliche Firmenzweck liegt in der Beratung von Unternehmen, die nach Osten expandieren wollen. Der Werbetext auf der kargen Homepage: “Da wir wissen, was wir können und was nicht, konzentrieren wir uns auf folgende Beratungsgebiete: Vertrieb, Marketing, Personal, Technische Beratung, Finanzen, Transaktionsberatung.” Die Besucher der steirischen Airshow können sich im Nachhinein ihrer körperlichen Unversehrtheit glücklich schätzen …

Vielleicht wechselte der Firmenzweck aber auch erst mit dem neuen Eigentümer: Denn bis kurz vor dem Geldfluss gehörte das seltsame Mini-Unternehmen noch einer Fiscon Marketing Co Consulting Ltd. auf den britischen Virgin Islands und der Lirespa Holdings Limited im iri-schen Dublin. Kurioserweise wechselte der Besitzer an einem für den U-Ausschuss denkwürdigen Tag: Einen Tag bevor Anna Maria Frühstück-Wolf ihrem Freund Erhard Steininger die bekannten 87.600 Euro in Rechnung stellte, verkauften Insulaner und Iren die Ungarn an die Schweizer Rainbow Holding AG. Letztere existiert aber leider nicht mehr. Die Globalisierung macht scheinbar auch vor Einmannunternehmen in Privatwohnungen nicht halt.

***

Erhard Steininger selbst war – soviel überliefert ist – bislang immer sein eigener Herr. Sein Bofors Verbindungsbüro für Österreich ist als Einzelfirma jedoch nicht im Firmenbuch registriert. Trotz Millionen-umsatzes reichte dem nun bald 70-Jährigen immer eine Einnahmen-Ausgaben-Rechnung. Eine doppelte Buchhaltung war bei seinem von seiner Villa aus geführten Einmannbetrieb nicht nötig. Allein 2002 setzte Steininger nach den bisher bekannten Fakten rund acht Millionen Euro um, im Jahr darauf waren es immer noch rund zwei Millionen.

Als Zwischenfinancier wickelte er für EADS den Werbeauftrag des Ehepaars Rumpold und ihrer 100% Communications ab. Jede Rechnung, die ihm die Rumpolds schickten, leitete er von daheim aus an die Eurofighter-Hersteller weiter. Die beglichen diese Spesen ihrerseits wieder in voller Höhe. Allerdings: Zwar beglich EADS die von Steininger eingereichten Rumpold-Rechnungen in Millionendimension, nicht aber, ohne sich jeweils fünf Euro Überweisungsgebühr abzuziehen. Steininger verrechnete diese freundlicherweise nie an die Rumpolds weiter.

Dass er sich diesen Luxus leisten konnte, demonstriert seine mondäne Villa im niederösterreichischen Maria Gugging mit Swimmingpool im weitläufigen Garten. In seiner Villa auf der Hohen Warte und dem Haus am Attersee hebt übrigens mittlerweile seine – ebenfalls wenig auskunftsfreudige – Exfrau das Telefon ab …

Vor dem Ausschuss dürfte Steininger wieder schweigen. Ein U-Ausschuss sei “weder ein Strafgericht noch eine Zivilinstanz”, sagt sein Anwalt Andreas Nödl und lässt durchblicken, dass das Gesetz das Schweigerecht seines Mandanten schützt.

***

Die 6,6 Euro-Millionen von EADS, die via Steininger an die 100% Communications des Ehepaars Rumpold in der noblen Wiener Ringstraßen-Galerie flossen, konnten diese übrigens keineswegs brutto für netto als Gewinn verbuchen. Abgesehen von den Werbeeinschaltungen und Pressekonferenzen hatte das Unternehmen der BZÖ-Werber am Höhepunkt ihrer Tätigkeit immerhin noch einen weiteren Kostenfaktor zu berücksichtigen: einen Angestellten.

Ob es sich dabei um den nunmehrigen BZÖ-Chef Peter Westenthaler handelte, der in einem Interview einst angab, in der Rumpold’schen Agentur kurzfristig geringfügig beschäftigt gewesen zu sein, ist nicht überliefert…

Posted: Mai 7th, 2007
Categories: for profil
Tags: , , , ,
Comments: No Comments.

You need to login to post comments!