“Rassismus ist immer noch ein Teil der USA”
Elizabeth Eckford, 1957 eine der ersten schwarzen High-School-Schülerinnen der USA an einer bis dahin rein weißen High-School, über den damaligen Hass der weißen Mehrheit und die Hautfarbe als Faktor für die Präsidentenwahl. (für profil; aus Arkansas/USA)
Sie waren nicht die ersten Schwarzen, die eine bis dahin rein weiße Schule besuchten, aber als “Little Rock Nine” wurden sie zu den bekanntesten: Im September 1957 versuchten neun afro-amerikanische Schüler, die High School von Little Rock in Arkansas zu betreten. Ein Höchstgerichtsurteil hatte öffentlichen Schulen verboten, Schüler weiterhin aufgrund ihrer Hautfarbe abzulehnen. Doch der damalige Gouverneur von Arkansas, Orval Faubus, ließ die Nationalgarde des Bundesstaates ausrücken, um die neun Teenager am Schulbesuch zu hindern.
Um die Ausschreitungen des weißen Mobs im Zaum zu halten, sah sich Präsident Dwight D. Eisenhower genötigt, Armeesoldaten nach Little Rock zu beordern, welche die Nationalgarde ablösen sollten. Das ganze Schuljahr über wurden die schwarzen Schüler daraufhin von der Exekutive bewacht – während Gouverneur Faubus in einer US-weiten Gallup-Umfrage nur einen Platz hinter dem Papst zu einem der wichtigsten Menschen der Welt gewählt wurde.
Das Foto der damals 16-jährigen schwarzen Schülerin Elizabeth Eckford, die auf ihrem Schulweg von einer weißen Mitschülerin hasserfüllt angeschrien wird, gilt als Ikone der Ereignisse von Little Rock.
profil: Vor 50 Jahren mussten Ihnen Truppen aus Washington den Weg in die Schule ebnen. Heute kandidiert ein Schwarzer als Präsident. Hat Amerika die Rassenfrage überwunden?
Eckford: Das denke ich nicht. Aber darum sollte es bei einer Präsidentenwahl auch nicht gehen.
profil: Werden Sie Barack Obama wählen?
Eckford: Ja, aber weil er die besseren Ideen hat. Würde ich ihn nur wählen, weil er schwarz ist, wäre ich um nichts besser als jene, die für McCain stimmen, nur weil er weiß ist. Obama tut also gut daran, seine Hautfarbe nicht zu thematisieren, weder in die eine noch in die andere Richtung.
profil: Die Geschichte ist also immer noch nicht aufgearbeitet?
Eckford: Im Großteil der USA ist es immer noch schwer, über Rassismus auch nur zu diskutieren. Die Menschen werden ungern mit ihrer eigenen Geschichte konfrontiert. Gerade als lebendes Symbol der einstigen Rassentrennung ist man nicht überall willkommen. Ein Beispiel: Seit fast zehn Jahren spreche ich in der Little Rock High School vor Schülern, die aus den ganzen USA extra dafür hierherkommen. Erst vor drei Jahren fragte mich meine eigene ehemalige Schule, ob ich zu den hiesigen Schülern sprechen würde. Selbst ein früherer Bürgermeister hier sagte bei einer Gedenkveranstaltung, wir sollten nicht zu viel in die Vergangenheit blicken. Und weiße Jahrgangskollegen reden plötzlich die Vergangenheit schön. Sie meinten, es sei alles nicht so schlimm gewesen.
profil: Wie erlebten Sie als 16-Jährige diese Zeit?
Eckford: Es war ein Gefühl der Isolation. Ich saß immer am Ende der Reihe. Ich wurde beschimpft und geächtet. Nur zwei weiße Mitschüler sprachen mit mir. Erst 35 Jahre später erfuhr ich, welch hohen Preis sie zahlten: Der eine verlor all seine Freunde, der Vater der anderen musste bewaffnete Sicherheitsleute engagieren, um seine Farm vor Repressalien zu schützen. Wenn ein Schwarzer von weißen Mitschülern geschlagen wurde, weigerte sich der Direktor, etwas zu unternehmen, wenn der Vorfall nicht von zumindest zwei Lehrern bezeugt werde. Wir waren quasi vogelfrei.
profil: Jener Mitschülerin, die sie auf dem legendären Foto hasserfüllt anschreit, haben Sie vor einigen Jahren vergeben. Fiel Ihnen das schwer?
Eckford: Nein. Ich denke, sie brauchte die Vergebung. Ihrer jüngeren Tochter hatte sie den Vorfall nie gebeichtet. Als sie in der Schule eines Tages das Geschichtsbuch aufschlug, sagte sie entsetzt: Das ist meine Mutter! Danach rief sie mich an und bat um Vergebung.
profil: Meinte sie es ehrlich?
Eckford: Ich hoffe es zumindest. Wie viele war sie geprägt von einem extrem rassistischen Elternhaus. Der Hass wird den Kindern seit jeher dort eingeimpft. Er wird im Schulsystem weitergetragen, auf dem Arbeitsmarkt bekommt man ihn als Bewerber zu spüren. Rassismus ist damit immer noch ein Teil der USA, wenn auch die Ausdrucksweise vornehmer und vorsichtiger wurde.
profil: John McCain warnt vor einer Schwächung der Bundesstaaten durch Barack Obama. Das scheint vor allem in den Südstaaten zu ziehen. Sind das noch Nachwehen der damaligen Ereignisse?
Eckford: Zeitungen hier im Süden verglichen das Einschreiten der Bundestruppen damals mit einer neuerlichen Invasion des Südens, wie seinerzeit im Bürgerkrieg. Es war eine Entmachtung des lokalen Gouverneurs. Und bis heute sind die Menschen im Süden von einer starken Regierung in Washington nicht begeistert.
profil: Glauben Sie, dass Ihr Sieg von damals den Schwarzen half?
Eckford: Kurfristig war es ein Pyrrhussieg. Die lokale Regierung schloss die Schulen lieber, als schwarze Schüler zu dulden. Die Weißen wichen auf teure Privatschulen aus. Für viele Schwarze, die dort nicht aufgenommen wurden, war es das Ende ihres Bildungswegs.
profil: Würden Sie Ihren Kindern heute Ähnliches erlauben, was Sie damals taten?
Eckford: Nein. Jeder von uns trug tiefe seelische Narben davon. Wir dachten damals zwar nicht, dass uns der Mob töten würde. Aber ich muss zugeben, wir waren auch sehr naiv. Wenn ich gewusst hätte, was auf mich zukommt, wäre ich das Risiko nicht eingegangen. Bis heute kämpfe ich mit schweren Albträumen.
profil: Ist Amerika schon reif für einen schwarzen Präsidenten?
Eckford: Die Menschen werden Ihnen viele Ausreden geben, warum sie Obama nicht wählen: weil er ein verkappter Terrorist sei oder ein versteckter Moslem oder – was hier im Süden immer zieht – einfach zu liberal. Der wahre Grund ist immer derselbe: seine Hautfarbe.
profil: Wird er daran scheitern?
Eckford: Ich weiß nicht, ob er scheitern wird. Aber wenn, dann nur daran.
Elizabeth Eckford, 65,
war die erste Schwarze, die nach ihrem College-Abschluss in St. Louis (Missouri) einen Bürojob in einer Bank ausübte. Bis dahin waren Schwarze dort nur als Reinigungskräfte geduldet. Die Tochter eines Eisenbahners und einer Dienstbotin wuchs als zweites von sechs Kindern in ärmlichen Verhältnissen auf. Nach Jahren als Bürokraft in Diensten der U.S. Army in verschiedenen Gegenden der USA lebt sie heute wieder in Little Rock und ist in der Administration am dortigen Gericht tätig.
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Tags: Interviews, Obama, Rassismus, USA
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Ich konnte den RSS Feed nicht in Opera anschauen. Interessanter Blog!
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