Pepi Caps Erben

SPÖ. Sie protestieren gegen die Mutterpartei und den Kanzlerkurs in der Causa FPÖ. Dabei sind die Jungroten einander auch nicht grün. Quertreiber oder Jubeltruppe – was sind die neuen Jusos? (für profil)

Das Image des revoltierenden Jungtalents wird er wohl bis zu seiner Pension nicht mehr los. Vielleicht liegt es am nonchalanten Lächeln, wie er die Widersprüchlichkeiten seines Sagens und Tuns achselzuckend hinwegfegt, vielleicht am spitzbübisch-verschlagenen Sarkasmus. An einem Tag schiebt er die alleinige Schuld an noch existenten Studiengebühren der ÖVP in die Schuhe, am anderen exkulpiert er den FPÖ-Boss in dessen peinlicher Fotocausa.

Drei kritische Fragen waren es, die den jungen Pepi Cap einst berühmt machten. 62.457 Vorzugsstimmen brachten sie ihm ein. 24 Jahre ist das her. Eines, was ihn angeblich damals auszeichnete, nimmt man Josef Cap heute aber nicht mehr ab: wirkliche Empörung.

Caps Erben hingegen proben den Aufstand.

Ihr Unmut ist echt, ihre Empörung ehrlich, ihr Zorn auf die Mutterpartei ein radikaler. Wenn es nun gegen die SPÖ geht, marschieren – fast! – alle roten Nachwuchsorganisationen im Gleichschritt.

Rote Studenten protestieren gegen angeblich unsoziale – jedenfalls aber unsozialistische – Studiengebühren, die Sozialistische Jugend geißelt die gebrochenen Wahlversprechen ihrer Obersten. Die Kommunikationswege zwischen den Jusovereinen werden kürzer, die Kooperationen enger, das Feilschen um Detailpositionen wird hintangestellt. Demos werden handstreichartig organisiert: kollektives Straßenkehren am Ring, Löwelstraßenbesetzung, Neujahrskonferenzboykott, Ballhausplatzdemo. Dass ihr Bundeskanzler sie als “gewaltbereite Demonstranten” stigmatisierte, während er Straches “Jugendtorheiten” abtat, schmerzt sie doppelt. Nach den jüngsten Verbalattacken blieb die SJ auffallend höflich: Gusenbauer sende ein “falsches politisches Signal”.

Doch wie stark und geschlossen sind die Jungsozis überhaupt noch?

Rund 2000 Mitglieder zählt der Verband Sozialistischer Studenten (VSStÖ) bundesweit, auf 500 wirklich aktive davon können die roten Studenten nach eigenen Angaben tatsächlich bauen. Die Sozialistische Jugend (SJ) führt dagegen bei starkem Ost-West-Gefälle rund 60.000 Beitragszahler an – inklusive unterstützender Mitglieder wie Alfred Gusenbauer, Renate Brauner oder eben Josef Cap.

Kein Volkstribun. Doch die Zeiten haben sich auch in der SJ geändert. Ende der neunziger Jahre war die Jugendbewegung tief in die Krise geschlittert. Das Mitgliederprinzip wurde infrage gestellt, Projektgruppen – ähnlich der offenen Organisationsstruktur von Greenpeace – wurden diskutiert. Man kiefelte noch an den tradierten Konflikten der achtziger Jahre, als ein neuer gemeinsamer Feind die SJ wieder endgültig einte: Die schwarz-blaue Regierung überschattete nun die unterschiedlichen Auffassungen linker Theorien. Antifaschismus, Antisexismus und Antiglobalisierung sind die neuen Schlagworte junglinken Engagements. Dennoch sind die Protagonisten von damals und jetzt nicht vergleichbar: SJ-Chef Thorsten Engelage ist kein Volkstribun, nicht einmal einer seiner Altersklasse. Der Mittzwanziger trampte zwar durch Lateinamerika, trinkt sein Pago Guave aber lieber in Wiener Cafés, als im Herkunftsland der gleichnamigen Früchte, in Nicaragua, bei der Ernte zu helfen, wie das sein früher Vorgänger Alfred Gusenbauer noch tat, um die dortigen revolutionären Sandinisten zu unterstützen. Konkurrenz und Konflikte mit der seit Kreiskys Zeiten angepassteren Jungen Generation (JG) halten sich in Grenzen. Nur jüngst ein Aufflackern: “Seien wir realistisch, fordern wir das Unmögliche” – getreu dem Che-Guevara-Spruch plädierte die SJ für eine Minderheitsregierung der SPÖ. Die JG lehnte die Forderung als “zu unrealistisch” ab.

Unbequeme gegen Angepasste: Was Alfred Gusenbauer einst Karl Schlögl in der SJ-Zeit vorwarf, schleudern die VSStÖ-Chefin Sylvia Kuba und Engelage heute der neuen Abgeordneten Laura Rudas und Freunden entgegen.

“Wir beißen eben die Hand, die uns füttert – und fest auch noch, wenn es sein muss”, sagt Kuba. “Das ist zwar nicht höflich, aber notwendig.” Sowohl VSStÖ wie auch SJ werden finanziell von der SPÖ unterstützt. Über die Höhe der Förderung herrscht Stillschweigen. Gemeinsam mit der ÖH-Vorsitzenden Barbara Blaha trat Kuba vor zwei Wochen aus der SPÖ aus. Kuba: “Wir sind nicht käuflich, ich glaube, das haben wir bewiesen. Wir stellen trotzdem unsere kritischen Fragen.”

Keine Kämpferin. Laura Rudas brauchte keine kritischen Fragen, um Gehör bei der Parteispitze zu finden. Die Granden der Wiener SPÖ hatten immer ein offenes Ohr für sie. Sie brauchte keine Vorzugsstimmen, um nun im Nationalrat angelobt zu werden. Die Wiener SPÖ schickte sie anstelle der zur Ministerin aufgestiegenen Doris Bures. Und obwohl die Politik-Studentin just die Sozialistische Jugend im 15. Bezirk als ihre politische Heimat nennt, jubeln weder rote Studenten noch SJ über den Aufstieg einer der ihren. Im Gegenteil: Engelage ist “mit dem Fall Rudas nicht besonders glücklich”, für Kuba ist sie “keine widerständige Kämpferin”. Selbst die konservative “Presse”, sonst kein großes Kampfblatt linken Revoluzzertums, nennt sie unverhohlen “Michael Häupls braves Mädchen”.

Für Rudas zeugt das nur vom “sexistischen Ressentiment älterer Herren gegenüber jungen Frauen”. Der inhaltlichen Kritik ihrer Geschlechts-oder zumindest Altersgenossen hat sie aber nur wenig entgegenzusetzen. Kuba: “Es ist aus Sicht der SPÖ nicht überraschend, dass man sich nicht die schärfsten Kritiker ins Boot holt.” Und Engelage setzt noch eins drauf: “Sie ist das Jugendfeigenblatt. Dabei läuft sie Gefahr, eine Silvia Fuhrmann der SPÖ zu werden. Hinter ihr steht keine Struktur, sie ist voll von ihren Förderern abhängig. Das sollte man in der Politik nicht sein.”

Keine Mehrheit. Dass Rudas aus dem noblen 19. Bezirk kommt, ist nicht ihre Schuld. Freilich lassen sich Arbeiterkinder-Biografien wie jene von ÖH-Chefin Blaha leichter glorifizieren. Aber just am schicken Schwedenplatz der Wiener Innenstadt zu residieren, kreiden ihr die Kollegen sehr wohl an. Auch dass sie vom Wording der Parteispitze kein Jota abweicht, irritiert die Altersgenossen. Parteiräson geht ihr über alles, was Rudas auch bestätigt: In der Studiengebührenfrage habe sich die SPÖ “in den Verhandlungen einfach nicht durchgesetzt”. Oder: Wer “keine absolute Mehrheit hat, muss eben Kompromisse machen”.

Im Gegensatz zu SJ und VSStÖ hat Rudas selbst weder demonstriert noch sich von Gusenbauer verraten gefühlt. Auch in der Debatte um den Umgang mit der FPÖ blieb sie stumm. Ihr Stoßtrupp, die “Jungen Roten”, ist keine traditionelle Jungorganisation. Deren Homepage ist Programm: Alfred Gusenbauer, Parteiprogramm in Slogans sowie jede Menge “Pics, Games & Downloads”. Ein besonderes Service: Durch Kooperationen mit dutzenden Discos und Bars können Tanzwütige Gratiskarten für Clubbings, Konzerte und andere Events gewinnen. Mit dem gleichen Mittel lockte schon Rudas’ Onkel, der ehemalige SP-Bundesgeschäftsführer Andreas Rudas, in seiner Zeit als Döblinger SJ-Vorsitzender die bürgerliche Jugend in den “Club SJ”.

Keine Mitglieder. Anders als bei der SJ gibt es bei den Jungen Roten weder Mitgliedschaften noch Wahlen. “Wer kommt, ist da”, sagt Peko Baxant. Der 29-Jährige firmiert als Jugendkoordinator der SPÖ und ist Rudas’ engster Vertrauter. Die Jungen Roten sind immer dort, wo die Altvorderen sie brauchen: Sie bejubeln den jeweiligen Spitzenkandidaten bei Fernsehduellen vor dem ORF-Zentrum, ziehen im Auftrag der Partei durch Szenelokale und verteilen Wahlkampfflyer. “Wir sind eine Abteilung der SPÖ Wien”, sagt Baxant. Ihr Boss ist Harry Kopietz, Wiener Landesparteisekretär und Michael Häupls rechte Hand. “Street Credibility” nennt SJ-Chef Engelage süffisant das, was sich “die Wiener SPÖ mit den Jungen Roten einkauft”.

Laura Rudas versteht die Kritik an ihrer Person nicht: “Ich finde es toll, wenn andere auf die Straße gehen und versuchen von draußen was zu ändern.” Sie selbst habe auch keine leichte Aufgabe. Rudas will das System von innen heraus verändern – wie es ja auch Josef Cap versuchte.

Dass der junge Pepi Cap einst irgendwann, irgendwo, irgendwem drei Fragen stellte, ist übrigens im Bewusstsein aller drei Jungsozialisten fest verankert. Was er jedoch von wem wissen wollte, ist den Nachwuchs-Roten nicht erinnerlich: Darauf hat keiner der drei – weder Kuba noch Engelage, noch Rudas – eine Antwort. Zumindest ist es eine Antwort auf die Frage, ob er ihr Vorbild ist …

Posted: Februar 5th, 2007
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