Notwehr mit Fragezeichen
Affäre. Ein Mann wird bei seiner Verhaftung von einem Polizisten erschossen. Die Waffe des Toten: eine grüne Flasche. (für profil)
Jesus! Maria! Warum?”, stieß Binalis Mutter Dienstagabend hervor, die Hände zum Himmel erhoben. Ihre Worte waren kaum zu verstehen, ihre Stimme überschlug sich. Sie weinte, heulte, kreischte verzweifelt – dann fiel sie in Ohnmacht. Genau an jener Stelle Ecke Stubenbastei und Zedlitzgasse im ersten Wiener Gemeindebezirk, an der ihr Sohn 75 Stunden zuvor, am Samstagnachmittag, von zwei Kugeln aus einer Dienstpistole der Wiener Polizei getroffen worden war. Schüsse, an denen der Getroffene wenig später verstarb.
An jenem Samstagnachmittag hatte Thomas S. innerhalb von Zehntelsekunden eine Entscheidung zu treffen gehabt: schießen oder nicht schießen? Binali I. machte schreiend ein oder zwei schnelle Schritte auf ihn zu – Sekunden später verstummte er. Thomas S. hatte entschieden.
Am Montag vergangener Woche war der Fall nach Informationen der Polizei relativ klar. Der 28-jährige Kurde mit türkischer Staatsbürgerschaft, Binali I., habe ein Kindermodengeschäft im ersten Bezirk überfallen, einer älteren Dame versucht die Handtasche zu rauben und sei auf der Flucht – nachdem er beim Versuch, ihn zu verhaften, die Windschutzscheibe eines Streifenwagens mit einer Mineralwasserflasche eingeschmissen habe und mit einer zweiten Flasche auf einen Polizisten losgegangen sei – vom 30-jährigen Sicherheitswachebeamten Thomas S. erschossen worden. Drei weitere anwesende Beamte hätten zuvor versucht, I. durch Zurufe, den Einsatz von Pfefferspray und einen Warnschuss zur Aufgabe zu bewegen.
Ein von profil interviewter Augenzeuge schildert die letzten Minuten im Leben von Binali freilich ein wenig anders: Nach dem Warnschuss sei der Kurde ganz langsam, mit einer kleinen grünen Flasche (etwa 0,3 Liter) in der Hand, über die für Autos gesperrte Stubenbastei in Richtung Zedlitzgasse gegangen. Der Polizeiwagen habe sich einige Meter hinter ihm befunden. Links und rechts von Binali hätten zwei Polizisten ihre Waffen bereits aus dem Halfter gezückt gehabt und ihn angeschrien, stehen zu bleiben.
Tödliches Spiel. Einige Male, so der Zeuge, habe Binali auch kurz gestoppt, einen der Beamten kurz angeschaut und dann Oberkörper und Kopf ruckartig nach vorn gebeugt, als ob er den Polizisten foppen wollte. “Es schien, als spielte er mit ihnen.” Dann sei er wieder weiter in Richtung Zedlitzgasse gegangen. Der Kurde habe gewirkt, als ob er “betrunken oder sehr verwirrt” gewesen sei. Er sei barfuß gewesen und “ganz langsam, ein wenig torkelnd” gegangen. Die Beamten seien parallel zu ihm den Platz hinunter gelaufen, hätten ihn beidseitig von schräg vorne mit ihren Waffen bedroht und abermals angeschrien, stehen zu bleiben. In diesem Moment hätte der Streifenwagen Binali überholt und dem Kurden den Weg abgeschnitten, indem das Fahrzeug den Schutzweg über die Zedlitzgasse blockierte.
Vor dem Polizeiwagen stehend, habe sich der 28-Jährige zu Thomas S. umgedreht. “Er machte ein, zwei schnelle Schritte auf ihn zu und schrie”, so der Zeuge. Da drückte der Polizist ab. Zweimal, kurz hintereinander. Es habe sich um zwei “ungezielte” Schüsse gehandelt, sagt der mittlerweile mit dem Fall betraute Untersuchungsrichter Rainer Engelberger. Binali wurde aus geringer Entfernung in Schulter und Bauch getroffen. Die beiden Projektile verletzten jeweils Arterien und traten am Rücken wieder aus. Jeder einzelne der beiden Durchschüsse wäre tödlich gewesen.
Angriffswaffe. Die Mineralwasserflasche, mit der er, wie die Polizei in einer Aussendung mitteilte, “zum Schlag auf den Kopf” des Polizisten angesetzt hätte, habe Binali nach Erinnerung des Zeugen zu diesem Zeitpunkt etwa in Brusthöhe am Flaschenhals gehalten. Der Körper der Flasche habe nach unten gezeigt – nicht nach oben, wie man sie halten würde, wollte man sie als Angriffswaffe verwenden. Diese Darstellung sollte, so der Zeuge, auch dadurch nachvollziehbar sein, dass Binali nach den tödlichen Schüssen auf den Rücken und mit dem Unterarm auf die Flasche gefallen sei, die zerbarst. Die Splitter der Glasflasche hätten sich in den Unterarm des Sterbenden gebohrt, was bei einer Obduktion feststellbar sein müsste. Hätte Binali die Flasche hingegen drohend, mit dem Flaschenkörper nach oben gehalten, hätte er nicht darauf stürzen können.
Eine zweite Flasche – oder andere Waffe – habe der Zeuge vor den Schüssen nicht gesehen. Auch nicht, dass die Scheibe des Wagens zersplittert gewesen sei. Interessantes Detail dazu: Bislang wurde angeblich erst eines der beiden Projektile gefunden. Die Polizei hüllt sich zum Fall I. derzeit in Schweigen, da er gerichtsanhängig sei und Vorerhebungen wegen fahrlässiger Tötung laufen.
Noch am Tag nach dem Vorfall hatte die Polizei in einer eigenen Presseaussendung ihre Version des Vorfalls publik gemacht und das “äußerst aggressive Verhalten” des Erschossenen hervorgehoben. Die Austria Presseagentur berichtete am selben Tag, dass der Mann nach Einschätzung der Polizei offenbar “geistig nicht gesund” gewesen sei und sich trotz Fluchtmöglichkeit “bewusst gegen die Beamten gestellt” habe.
Schübe. Dass Binali I. geistig nicht gesund war, bestätigt auch Hemma Unterlugauer, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, vom Otto-Wagner-Spital. Der Kurde war bei ihr wegen schizomanischer Störungen über Jahre hinweg immer wieder in Behandlung gewesen. “Bewusst” sei ihm aber während dieser Anfälle gar nichts gewesen.
Binali I. hatte vor Jahren die Droge LSD genommen und litt seither unter diesen schizophrenen Schüben. Meist sei er ein völlig normaler Bursche gewesen, gelernter Barkeeper, manchmal auch als Discjockey ein Liebling der Mädchen. “Ein großes Kind”, wie Peter Herritsch, sein ehemaliger Chef im Wiener In-Lokal “Planter’s Club” und dem Veldener “Monkey Circus”, sagt. Seine Arbeitszeiten hätte er “zwar zu locker genommen”, aber menschlich sei er “voll in Ordnung” gewesen. “Witzig, nicht gewalttätig.” Nur wenn er seine Schübe hatte, war er “nicht mehr er selbst”, so sein Bruder Ismail, ein erfolgreicher Unternehmer. “Dann nahm er wieder Drogen, was wieder zu Schüben führte – ein Teufelskreis.”
Während der Psychosenschübe verfiel er in “zeitweise manische Zustände”, sagt Unterlugauer. Dann sei er antriebsgesteigert gewesen, auch aggressiv und hätte unter totalem Realitätsverlust gelitten, so die Ärztin. Einmal habe Binali seine Ex-Freundin weggestoßen, die daraufhin Anzeige erstattete, sagt sein Bruder. Die Folge: Geldstrafe und Bewährung. Sonst habe er während dieser Schübe nur sich selbst verletzt, nie andere. Im April sei er zuletzt “in sehr gutem Zustand” aus dem Krankenhaus entlassen worden, sagt die Ärztin.
Faktum ist, dass Binalis Mutter am frühen Nachmittag des vergangenen Samstags das Wachzimmer des Bezirkspolizeikommissariats Simmering aufsuchte. Die Beamten mögen ihren Sohn bitte aus der gemeinsamen Wohnung abholen und ins Krankenhaus bringen, bat die Mutter. Er hätte wieder einen Schub. Als die Beamten mit ihr zur Wohnung kamen, stand die Tür offen, und Binali war schon weg.
Gegen 14.45 Uhr befand sich dieser bereits vor einem Kindermodengeschäft in der Himmelpfortgasse im ersten Bezirk, ging zehn bis 15 Minuten auf und ab, betrat das Geschäft und fragte die anwesende Eigentümerin Andrea D. “in sehr gutem Deutsch, nahezu akzentfrei” nach ihrem Autoschlüssel. Dass die Geschäftsfrau ihre Fahrzeugschlüssel nicht aushändigte, veranlasste Binali zur trockenen Bemerkung “Du bist tot”. Auf die 36-Jährige machte der junge Mann “einen sehr verwirrten und gereizten Eindruck”. Ihrer Aufforderung “Vertschüss dich!” leistete er jedoch Folge und verließ das Geschäft.
Wieder ging er vor der Tür auf und ab, um nach Minuten abermals ins Lokal zu kommen. “Jetzt reicht’s mir”, schrie er, und: “Gib mir das Geld aus der Kassa.” Binali versetzte der Frau einen Faustschlag, die rief ihren Partner aus dem Lager zu Hilfe, was genügte, um den Angreifer zu vertreiben. “Er lief aber nicht weg, sondern ging zwischen den parkenden Autos in der Himmelpfortgasse umher.”
Irrtum. Gegen 15.30 Uhr ersuchte Binali in der nahe gelegenen Jakobergasse die Passantin Friederike U. um drei Euro. “Ich hab sie ihm aber nicht gegeben”, sagt die 55-jährige Dame. Daraufhin habe Binali die Hand an ihre Tasche gelegt, sie sei aber sofort einen Schritt zurückgegangen. Binali I., der junge Mann mit muskulösem Körperbau, ging daraufhin ruhig weiter. “Überfall wäre der falsche Ausdruck”, meint die Frau. “Er machte nicht den Eindruck, etwas rauben zu wollen, er schien verwirrt.” Zu diesem Zeitpunkt war ihm die Polizei schon auf den Fersen.
Binali – der Einzige seiner Familie, dem die österreichische Staatsbürgerschaft verweigert worden war – wird in Istanbul im Grab seines Vaters beigesetzt. Der endgültige Obduktionsbericht wird aber noch einige Wochen auf sich warten lassen. Binalis Bruder, Ismail, stellt sich inzwischen einige Fragen: “Wenn Binali von zwei Damen und auch von Zeugen als verwirrt eingestuft wurde, wieso erkannte dann der geschulte Beamte seinen Zustand nicht und drückte ab? Wieso können vier Polizisten einen barfüßigen Mann nicht überwältigen?” Und wenn sich der Beamte schon bedroht gefühlt habe, “wieso hat er nicht auf Binalis Beine geschossen?” Fragen, die die Justiz zu klären haben wird.
Am Sonntagabend erhielt Binalis Mutter noch Besuch von Wega-Beamten. Im Zuge einer angezeigten Messerstecherei fiel der Verdacht auf Binali. Die Beamten wussten noch nicht, dass er zum Einsatzzeitpunkt schon 27 Stunden tot war.
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Schießausbildung: Ohne denken zu müssenDie Schießausbildung der Polizei wird reformiert. Zu spät – wie die Grünen meinen.
Die Grün-Abgeordnete Therezija Stoisits übt nach dem tödlichen Vorfall Kritik an der Schießausbildung: “Ein Streifenpolizist ist auf den Waffengebrauch zu wenig vorbereitet.” Hätte der Beamte mehr Schießschulungen gehabt, hätte er vielleicht so viel Praxis gehabt, auf die Beine zu zielen. Durch Einsparungen sei zu wenig Geld für Fortbildung da.
Viermal pro Jahr muss ein Polizei-, Gendarmerie- oder Kriminalbeamter auf den Schießstand und jeweils mindestens 50 Schuss auf einfache Ring- oder so genannte Mann-Scheiben abfeuern. Mehr verlangen die Vorschriften nicht. Den Waffengebrauch auch in stressbedingten Extremsituationen zu trainieren war nur in der Grundausbildung vorgesehen. Nicht zuletzt, da ein Beamter vor zwei Jahren einen Mann irrtümlich erschossen hatte, wurde ein neues Weiterbildungskonzept entwickelt. Ab 2003 soll das statische Scheibenschießen der beruflichen Fortbildung durch ein 24-stündiges dynamisches Einsatztraining abgelöst werden: In Rollenspielen werden realitätsnahe Szenarien wie die Flucht eines Bankräubers kreiert und damit nicht nur die Treffsicherheit trainiert, sondern auch – das ist das Wesentliche – wann der Beamte erst zur Schusswaffe greifen sollte.
Denn ist die Waffe in einer bedrohlichen Situation einmal gezogen und entsichert, “kann der Beamte nicht durch deduktives Denken aus dem Waffengebrauchsgesetz ableiten, was zu tun ist”, sagt Major Wolfgang Steinbach, der Exekutivbeamte betreut, die von der Schusswaffe Gebrauch machten. “Dann muss alles so verinnerlicht sein, dass er nicht mehr denken muss – weil er in so einer Situation nicht mehr denken kann.”