“Mit einem Fuß im Kriminal”

Affäre. Fahrlässige Tötung oder Systemfehler: Die Justiz stellt zwei Ärzte des Otto-Wagner-Spitals wegen eines Todesfalls vor Gericht. Dabei sind diese möglicherweise mehr Opfer als Täter. (für profil)

Auf einmal stand er da und fragte nach dem Chefredakteur. Er hätte eine Anzeige zu machen und müsse unbedingt vorgelassen werden. Schließlich kenne er den Sohn eines ehemaligen Bundeskanzlers und sei imstande, innerhalb von 30 Minuten jemandem das Hüftgelenk zu operieren. Er zuckte. Immer wieder. Ruderte rastlos mit den Armen, wirkte manisch, aufgewühlt und ruhelos. Dann beschimpfte er den Portier in dessen Loge als “Schwuchtel”, zündete sich trotz Verbots eine Zigarette an und warf seine Schuhe nach den Autos am Wiener Gürtel, bevor er selbst auf die Straße stürmte und versuchte, wahllos Autos anzuhalten. Das Hupkonzert beeindruckte ihn nicht.

Nun ist der Mann tot.

Dienstag vergangener Woche war der 61-Jährige in der Redaktion der “Wiener Zeitung” vorstellig geworden: geistig verwirrt, teilweise tobend. Polizei und Rettung verfrachteten ihn ins Otto-Wagner-Spital (OWS), wo man den Tobenden in einem der mittlerweile berüchtigten Netzbetten fixierte – und wo er wenige Stunden darauf verstarb. Es ist die tragische Ironie dieses Falles, dass es just die “Wiener Zeitung” gewesen war, die mit ihrer Kritik an diesen Netzbetten die Affäre um die Wiener Psychiatrie ins Rollen gebracht hatte.

Seither werfen immer neue Details ein schiefes Licht auf die Pavillons der Baumgartner Höhe bzw. deren Verwaltung.

Nachdem profil vor wenigen Wochen interne Dokumente der Psychiatrie veröffentlichte, in denen Ärzte und Pfleger die katastrophalen Bedingungen im Otto-Wagner-Spital anprangerten, wurden Mitarbeiter eingeschüchtert, Kündigungsdrohungen ausgesprochen und selbst die Schließung der gesamten Einrichtung angedeutet. Die Rathausopposition beruft nun eine Untersuchungskommission ein, mit der die Causa genau unter die Lupe genommen werden soll. Im Visier steht die zuständige SPÖ-Stadträtin Sonja Wehsely, die bislang meist den – ihr unterstellten – Krankenanstaltenverbund (KAV) als Spitalsverwalter vorschickte.

profil liegen nun die Fakten eines weiteren tragischen Todesfalls im Netzbett vor, der selbst die Justiz zu umfangreichen Erhebungen gegen zwei Ärzte des Otto-Wagner-Spitals veranlasst hat. Diese werden sich demnächst vor Gericht verantworten müssen.

Unter der Aktenzahl 14 U 590/07 hat die Staatsanwaltschaft Wien die Umstände des plötzlichen Todes eines Patienten ermittelt. Über Jahre hinweg hatte der Wiener wiederkehrende psychotische Schübe und war durch dutzende Besuche auf der Baumgartner Höhe bereits bestens bekannt. Ebenso dürfte bekannt gewesen sein, dass er in diesem Zustand zu Aggression und Gewalttätigkeit neigte und mit der üblichen Dosis Sedativa kaum ruhigzustellen war. Zwei Tage war der leicht verwahrloste Patient schon in Behandlung, als er in der Nacht neuerlich im Netzbett fixiert und sediert werden musste.

Kurz darauf war er tot.

Maulkorberlass. Nach über zweijähriger Ermittlungsarbeit und gerichtsmedizinischen und -psychiatrischen Gutachten stellte die Justiz nun Strafanträge gegen die betroffenen beiden Mediziner wegen fahrlässiger Tötung. Die betroffenen Ärzte wollten gegenüber profil nicht Stellung nehmen. Ihnen sei es von der Spitalsführung aus nicht erlaubt, mit den Medien zu sprechen – nicht einmal zu ihrem eigenen Fall. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Doch der Fall wirft die Frage auf, ob nicht die Rahmenbedingungen in der Psychiatrie derlei Fälle provozieren – und letztendlich die Ärzte als Letzte in der Kette den schwarzen Peter erben.

Die zuständigen Ärzte kontrollierten damals jede Stunde den Zustand des Mannes – so oft das einem Arzt während einer Nachtschicht scheinbar möglich ist. Ein Facharzt und zwei Zweitärzte sind in diesen Stunden für etwa 120 (meist volle) Betten verantwortlich. Allein der Fußweg zwischen den Pavillons kann sich von und zu einem Patienten schon auf eine gute Viertelstunde summieren.

Nach profil vorliegenden internen Papieren haben Ärzte am OWS das Risiko einer “Übernahmefahrlässigkeit” und sogar eines “Organisations(mit)verschuldens” schon thematisiert (siehe Faksimile). Das Personal vor Ort ist gezwungen, permanent gegen Vorschriften zu verstoßen, die gemacht wurden, ohne auf tatsächliche Gegebenheiten Rücksicht zu nehmen – oder diese zu ändern. Und die Gratwanderung entlang dieser Kluft zwischen Theorie und Praxis bringt die Helfer immer wieder gefährlich nahe an den Rand der Kriminalität.

Wird jemand eingeliefert, muss man ihn aufnehmen, auch wenn nur noch, wie schon vorgekommen, im Wintergarten Platz ist – sagt das Gesetz. Tobt er und könnte sich oder andere verletzen, muss man ihn fixieren oder sedieren – sagt die Logik. Ist er fixiert oder sediert, muss man ihn permanent überwachen – sagt die Dienstvorschrift. Das ist aber bei einem nächtlichen Arzt-Patienten-Verhältnis von bis zu 3:120 schlicht unmöglich.

Intensivbetten zur permanenten Kontrolle der Lebensfunktionen fehlen. Bei einem akuten Notfall, so ein internes Mail der KAV-Führung, möge man sich durch die anderen Krankenhäuser Wiens telefonieren, um irgendwo ein Bett zu finden. Einen Organisationsplan gibt es nicht. Erst vor wenigen Monaten, so klagt eine Pflegerin in einem Mail an die Führung, sei ein Patient um ein Haar verstorben, weil kein Intensivmediziner erreichbar war. Nur Glück bewahrte Patienten und Pfleger vor dem Schlimmsten.

“Wir wissen, dass wir oft mit einem Bein im Kriminal stehen. Und das es gefährlich sein kann”, sagt ein Mitarbeiter gegen Zusicherung von Anonymität gegenüber profil. “Wir lassen uns aber fahrlässigerweise darauf ein, weil die Alternative hieße, die Behandlungen ganz zu unterlassen – was für den Patienten noch gefährlicher sein könnte.”

Sollte sich im konkreten Fall herausstellen, dass dem Spitalsbetreiber bewusst war, in welch aussichtslosen Kampf er seine Mitarbeiter täglich schickte, könnte ein derartiges “Organisationsversagen” nicht nur politische Probleme für Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely, sondern auch juristische Konsequenzen für die Spitalsbetreiber nach sich ziehen.

Dementsprechend ist der Krankenanstaltenverbund bemüht, jeden weiteren Fall herunterzuspielen. Im Fall jenes 61-Jährigen, der bei der “Wiener Zeitung” randalierte, ließ der KAV wissen: Der Tod sei aufgrund einer akuten Herzschwäche “unvorhersehbar und unvermeidlich” gewesen.

Allein: Hundertprozentige Sicherheit kann nur eine chemische Analyse bringen, sagen führende Experten. Und diese nimmt üblicherweise einige Zeit in Anspruch. Im Fall des 61-Jährigen diagnostizierte der KAV bereits tags darauf die “unvermeidliche” Todesursache. Obduktionen werden in Wien seit dem Politstreit um das Gerichtsmedizinische Institut nur noch in den Spitälern durchgeführt. So auch diese. Der Patient wurde im OWS selbst obduziert. Und das untersteht bekanntlich dem KAV – und damit der Stadt Wien.

Ringen um Sicherheit

Nach einem profil-Bericht über die Zustände am OWS wurde jetzt private Security abgestellt. Ärzte und Pfleger atmen vorerst auf.

Die Uniformen imitieren das Blau der Polizei, der Schriftzug am Rücken macht aber deutlich, dass hier Private am Werk sind: “Security” steht da in fetten weißen Lettern zu lesen. Und die Bewaffnung der Zweierteams, die sogar mittels eigenem Wagen zwischen den Pavillons pendeln, unterscheidet sich klar von jener eines Polizisten. Keinen Schlagstock, keinen Pfefferspray, keinen Elektroschocker – oder gar noch Gefährlicheres – setzen die privaten Sicherheitsleute ein. Ihr Job ist mit Körperkraft zu erledigen. Und musste bisher dennoch von Ärzten und Pflegern gemacht werden.

Randalierende Patienten brauchen nun nicht mehr von schmächtigen Schwestern niedergerungen werden, sondern können in den Armen der Sicherheitsleute sediert werden, bis sich ihr psychotischer Ausnahmezustand gelegt hat. Und erst seit die Sicherheitsleute Buch über ihr Eingreifen führen, ist verbrieft, wie oft sich derartige Fälle in der Psychiatrie zutragen. Ein- bis zweimal pro Schicht etwa müssen die Securities Ärzten oder Pflegern beistehen.

Die Sicherheitsleute wurden erst nach einer profil-Geschichte über die dramatischen Zustände am Wiener Otto-Wagner-Spital eingestellt. Ärzte und Pfleger waren bis dahin unzählige Male von Patienten attackiert und teils schwer verletzt worden. Die Zahl der Übergriffe war in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Vor allem seit sich Drogenkranke immer öfter ganze Cocktails verschiedener Substanzen verabreichen, ist das Aggressionspotenzial generell gestiegen.

“Jedem Mitarbeiter hier ist klar, dass die Arbeit auf der Psychiatrie kein Honiglecken ist”, sagt Personalvertreter Werner Binder. “Aber wir arbeiten hier, um zu heilen, nicht um zu raufen. Das wurde jetzt wieder ein wenig leichter.”

Die Chronologie der Psychiatrie-Affäre

15./16. Dezember: Die “Wiener Zeitung” berichtet, Patienten lägen in so genannten Netzbetten teils Stunden in ihren eigenen Exkrementen. Wenig später prangert die Familie eines Patienten in der “Presse” ähnliche Zustände an.

19./20. Dezember: Dokumente belegen, dass schon Sonja Wehselys Vorgängerin als Gesundheitsstadträtin, Renate Brauner, von Zwischenfällen informiert war. Erstmals räumt der KAV “Probleme bei der Verfügbarkeit von Ärzten zur Stoßzeit” ein.

14. Jänner: profil veröffentlicht interne Unterlagen aus dem OWS: Ärzte und Pfleger wurden von Patienten angegriffen, fehlendes Personal und mangelnde Ausstattung führen zu Risiken für fixierte Patienten. Der KAV erhöht daraufhin die Zahl der Ärzte (plus zwölf), Pfleger (plus 18) und engagiert einen 24-Stunden-Security-Service.

30. Jänner: Der “Kurier” berichtet über eine Patientin, die nach ihrer Fixierung so schlecht beaufsichtigt wurde, dass sie sich selbst in Brand stecken konnte.

7. Februar: Die Rathaus-Opposition will eine Untersuchungskommission einrichten.

12. Februar: Ein geistig verwirrter Ex-Arzt wird bei der “Wiener Zeitung” vorstellig. Er wird eingewiesen und in einem Netzbett fixiert. Wenige Stunden später ist er tot.

Posted: Februar 17th, 2008
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