Mehr als ein Spiel
Fußball. Mit einem sensationellen 2:2 gegen die Türkei
qualifizierten sich die Letten für die Europameisterschaft in
Portugal. Langsam begreift auch das bisher eishockeyfanatische
EU-Beitrittsland, dass Fußball die wichtigste Nebensache der Welt
ist. (für profil-extra)
Der lettische Geschäftsmann mit der geschmacklosen Krawatte hält
mit seiner Verachtung nicht hinter dem Berg. Mit einem abfälligen
Verdauungslaut quittiert er die Frage nach seinem Interesse am
lettischen Fußballgeschehen. „Football not good“, ist ihm noch zu
entlocken, während er sich seine dicke Hornbrille ins Gesicht
schiebt. Dann wendet er sich wieder dem kleinen Schwarzen und seinem
Glas Whisky an der Hotelbar zu. Nach Riga, in Lettlands Hauptstadt,
ist er gekommen, um Geschäfte zu machen, nicht um Fragen zu
beantworten. Eine Klarstellung hält er allerdings im Zusammenhang mit
dem Thema Fußball noch für angebracht. Er wendet sich von seinen
beiden Getränken ab und seinem Gesprächspartner zu. „Nationalteam is
okay“, hält er kategorisch fest.
Im November 2003 wurden die Kicker des lettischen Nationalteams zu
Helden. Seither zollen selbst Fußball-skeptiker dem Wunderteam
Respekt. Die Letten hatten unter Teamchef Alksandrs Starkovs in der
Türkei gegen den WM-Dritten ein sensationelles 2:2 geholt und sich
damit für die Teilnahme an der Fußball-Europameisterschaft
qualifiziert, die im Sommer dieses Jahres in Portugal stattfindet.
„Fantastisch“, titelte die Tageszeitung „Telegraf“ noch in derselben
Nacht. „Die türkische Festung wurde eingenommen.“ Einige hundert
Letten umjubelten ihre Spieler, als diese am darauf folgenden Morgen
gegen fünf Uhr Früh am Flughafen Riga aus dem Jet stiegen.
Die Begeisterung für das „Wunder von Istanbul“ lässt sich durchaus
mit jener für das österreichische „Wunder von Izmir“ 1977
vergleichen. Damals hatte Herbert Prohaska das entscheidende 0:1
erzielt und Österreich damit zur WM-Endrunde 1978 in Argentinien
befördert. Ein Goldtor, das den späteren Kult um Hans Krankls
Traumtore und Edi Fingers „I wear narrisch“-Schreie beim 3:2-Sieg
gegen den Erzrivalen Deutschland in Cordoba erst möglich machte. Die
Bilder des jubelnden Prohaska samt rot-weiß-rotem Pappzylinder auf
dem Kopf sind zu Ikonen der österreichischen Fußballgeschichte
geworden.
Im lettischen Team war es Dinamo-Kiev-Legionär Maris Verpakovskis,
der in Istanbul nach einem anfänglichen 0:2-Rückstand elf Minuten vor
Schluss den Ausgleich fixierte und damit zum Nationalhelden aufstieg.
„Auf einmal wollten alle etwas über die lettischen Fußballer
wissen“, sagt Valda Kalnina von der Fotoagentur afi. „Eine richtige
Hysterie ist ausgebrochen. Das Problem war, wir hatten nicht einmal
vernünftige Bilder der Spieler.“
Nationalstolz. Die lettischen Kicker hatten es im eigenen Land bis
dahin keineswegs leicht. Eishockey und Basketball waren angesagt,
Fußball eher Nebensache. Zur Angelegenheit nationaler Bedeutung und
kollektiven Stolzes mauserte sich der Fußball erst langsam. In den
kleinen verstreuten Dörfern des dünn besiedelten baltischen Landes
bekam man bisher erheblich leichter sechs Leute für ein Basketball-
oder Eishockeyteam zusammen als elf für ein Fußballmatch.
„Erst jetzt begreifen die Menschen hier in Lettland zusehends,
dass Fußball mehr ist als nur ein Spiel“, sagt Oleg Sokol,
Sportjournalist beim „Telegraf“. Zwar hätten die Letten die
Auswärts-partien vor dem Fernseher verfolgt und das Team bei den
Heimspielen brav beklatscht, eine wirkliche Euphorie wie in den
EU-Staaten England oder Italien habe sich aber früher nie entwickelt.
Wenn die heimischen Klubs in der nationalen Liga gegeneinander
spielen, ist die Begeisterung auch heute noch enden wollend. Zum
Meisterschaftsauftakt, am ersten sonnigen Sonntagnachmittag im April,
finden nur knapp 500 Zuschauer den Weg ins Stadion des FC Skonto, des
führenden lettischen Vereins. Die Halle nebenan wurde übrigens extra
für den Eurovisions-Songcontest 2003 errichtet, bei dem Österreich
durch den Kabarettisten Alf Poier vertreten wurde. Die Fußballarena
selbst zählt immerhin fast 9000 Plätze. Die Eintrittskarte für das
Stadtderby gegen den Lokalrivalen Auda kostet mit knapp 2,50 Euro
gerade einmal so viel wie zwei große Bier im Lokal gegenüber. Der
sportlich marode Wiener Sportklub zieht in der österreichischen
Regionalliga Ost Wochenende für Wochenende mehr Anhänger zu seinen
Heimspielen.
Skonto ist der Fußballriese im Zwergenland. Dreizehnmal in Serie
holte der Verein den heimischen Titel und hält damit den Weltrekord.
Noch nie – seit Lettlands Unabhängigkeit im Jahr 1991 – wurde ein
anderer Klub Meister, auch in anderen Staaten konnte keine Mannschaft
so viele Titel hintereinander einheimsen. Einzig Rosenborg Trondheim
bleibt den Letten auf den Fersen: Nach derzeit zwölf Titeln en suite
schielen die Norweger immer mit einem Auge nach Riga und hoffen, dass
Skonto endlich einmal strauchelt.
„Ein Spieler von Skonto kostet etwa so viel wie die komplette
Mannschaft eines anderen Klubs in der Liga“, erklärt Madars
Lapcenoks. Der HTL-Maturant ist Auda-Fan – einer der wenigen hier.
„Aber so ist eben der Markt. Wer den besseren Sponsor hat, kann sich
die besseren Spieler leisten.“
Dementsprechend verläuft auch das Spiel. Skonto macht von Beginn
an Druck, der Gegner kommt kaum aus dem eigenen Strafraum. Als Auda
elf Minuten vor Schluss endlich zu einer echten Torchance im
Strafraum kommt, zeigen die Zuseher heftigere Reaktionen als bei den
drei Treffern von Skonto davor. „Der darf da nie durchkommen!“,
schreit ein Skonto-Fan und deutet mit ausgestreckter Hand verärgert
in Richtung Verteidigung. In diesem Moment hätte der Auda-Stürmer mit
der Nummer 7 berühmt werden können; ein Tor gegen Skonto schießt ein
lettischer Kicker nur an ganz besonderen Tagen – an diesem Sonntag
war es kein solcher. Die Abwehr von Skonto war schneller. Der Name
des Stürmers bleibt damit ungenannt – auch auf der Anzeigetafel.
Obwohl das Spiel ohnehin auf schiefer Ebene verläuft, wird der
harte Kern der Fans auf der Westtribüne bis zum Schluss nicht müde,
„Skonto, Skonto!“ zu skandieren und seine überlegene Mannschaft
anzufeuern. Doch wo in anderen Ländern tausende Fans mit ihren Schals
und Fahnen ganze Sektoren in die Farben ihres jeweiligen Klubs
tauchen und mit ihren Schlachtgesängen das jeweilige Stadion in einen
wahren Hexenkessel verwandeln, wirken die zwölf Skonto-Ultras auf
ihrer eigenen Tribüne völlig verloren. Skonto siegt erwartungs- und
pflichtgemäß 3:0, trotz zahlenmäßig recht überschaubarer
Fanunterstützung.
„Bei den Spielen der Nationalmannschaft ist das mittlerweile
besser“, sagt der Generalsekretär des lettischen Fußballverbandes
Janis Mezeckis. Die Stadien würden bei Heimspielen zusehends voller,
Fußball sei auch am nächsten Tag noch nationales Gesprächsthema am
Arbeitsplatz oder in Lokalen. „Es ist momentan sehr modern, sich für
Fußball zu interessieren.“ Das sei wie mit dem EU-Beitritt Lettlands,
jeder wolle mitreden können. Obwohl die EU-Mitgliedschaft Mezeckis’
Ansicht nach für den Sport kaum etwas ändern wird. „Europäer sind wir
schon mit dem Beitritt zur UEFA geworden. Aber es ist besser,
Mitglied der EU zu sein als ein Teil der Sowjetunion.“
Neue Idole. Mit der EM-Teilnahme sind nun – wenn auch vorerst noch
in bescheidenem Ausmaß – die ersten Fanartikel in den Sportgeschäften
zu finden. Dressen des Nationalteams werden feilgeboten, Tücher mit
Fußballsujets in den Nationalfarben Rot-Weiß-Rot bedruckt. Der
Verkäufer eines mittleren Sportgeschäfts im Zentrum Rigas bestätigt
die steigende Nachfrage. „Bälle und Dressen werden jetzt öfter
gekauft“, sagt Aivars Kikucs. „Vor allem als Geschenk für die eigenen
Kinder.“
Mit dem steigenden Fußballinteresse erfreut sich auch Lettlands
Nachwuchsfußball größeren Zustroms. Die Kids haben neue Idole
gefunden. Neben den brasilianischen und englischen Real-Madrid-Stars
Ronaldo und David Beckham ist nun Verpakovskis der Held des
Kicker-Nachwuchses. Der Name des lettischen Rekordinternationalen
Vitalijs Astafjevs erzeugt aber nur Ratlosigkeit in den Gesichtern
der 13-Jährigen vor dem Stadion in Riga. Wofür der Arbeitgeber des
Profifußballers und 100-fachen lettischen Teamspielers
mitverantwortlich sein mag. Seit 1997 kickt Astafjevs bei Admira
Wacker in der österreichischen Bundesliga. Mit Real Madrid oder
Dinamo Kiev lässt sich das freilich nicht vergleichen.
Categories: for profil
Tags: Europa, Fußball, Lettland
Comments: No Comments.
You need to login to post comments!