“Man ist vollkommen machtlos”
Viktor Mayer-Schönberger, österreichischer Universitätsprofessor mit Lehrstuhl für Recht in Harvard, über Sexbilder im Internet, die Geilheit des Menschen auf gute Geschichten und die Rache des Archivs am Durchschnittsbürger. (für profil)
profil: Die gesamte Entwicklungsgeschichte über hat der Mensch gegen das Vergessen angekämpft: Er hat gemalt, geschrieben, Aufzeichnungen geführt. Nun plädieren Sie für ein automatisches Ablaufdatum von Informationen. Was ist am Vergessen so toll?
Mayer-Schönberger: Durch die technischen Möglichkeiten lässt sich heute über jeden Menschen viel aus seiner Vergangenheit abrufen. Das meiste davon trifft wahrscheinlich nicht mehr zu. Jeder entwickelt sich weiter. Doch sein ganzes Leben ist für uns gleichzeitig erlebbar. Und eine kleine Information steht plötzlich gleichberechtigt neben seinem ganzen Lebenswerk. Das zeichnet ein falsches Bild dieses Menschen.
profil: Wie kann der Einzelne sein so im Netz entstandenes Bild korrigieren?
Mayer-Schönberger: Derzeit gar nicht, man ist vollkommen machtlos – solange die Gesellschaft nicht akzeptiert, dass Information mit der Zeit schlecht wird wie Milch. Heutzutage werden viele Belanglosigkeiten dokumentiert, weil es einfacher ist zu speichern als zu überlegen und auszuwählen, ob oder was man speichern soll. Mein Vater wählte in meinem Alter noch aus, welche Erinnerung es wert ist, dokumentiert zu werden, und welche nicht. Mit seiner ersten Kodak machte er zehn Fotos im Jahr.
profil: Und wie viele machen Sie im Jahr?
Mayer-Schönberger: Ein paar tausend. Und ich kann gar nicht abschätzen, wie oft ich von Freunden, Bekannten, Kollegen oder auch auf der Straße fotografiert worden bin. Damit kann ich nicht ausschließen, dass es Fotos von mir gibt, auf denen ich in lächerlicher Haltung zu sehen bin.
profil: Benehmen Sie sich so schlecht?
Mayer-Schönberger: Ich hoffe nicht. Aber schon ein aus dem Kontext gerissener Schnappschuss kann kompromittierend wirken. Ich kann nicht einmal ausschließen, dass jemand meine Frau und mich nachts durchs Schlafzimmerfenster fotografiert, und auch nicht, ob das irgendwer ins Netz gestellt hat. In einer Zeit, in der fast jeder über eine Digitalkamera und einen Internetzugang verfügt, kann man gar nichts ausschließen.
profil: Nun würde man solchen Fotos ja ansehen, dass sie auf fragwürdigem Weg zustande gekommen sind. Ist der Mensch zivilisiert genug, solche Bilder bei seiner Bewertung eines anderen auszublenden?
Mayer-Schönberger: Nein. Auch wenn wir’s nicht wahrhaben wollen: Der Mensch ist geil; geil auf Geschichten, geil auf Information, ganz gleich, wie sie zustande kommen oder von wann sie stammen. Nehmen sie als Beispiel den deutschen Literaturnobelpreisträger Günther Grass. Sein Leben lang hat er gegen den Faschismus angeschrieben. Ob er als 17-Jähriger bei der SS war, müsste für die Bewertung seiner Person nahezu irrelevant sein. Doch seine Mitgliedschaft bei der SS ist als Faktum für die Masse leicht greifbar – wer dagegen hat schon die “Blechtrommel” gelesen?
profil: Das heißt, Robert Hochners Satz, die Rache des Journalisten am Politiker sei das Archiv, kann nun auch für jede Privatperson schmerzhafte Wirklichkeit werden?
Mayer-Schönberger: So ist es. Und ohne einen Heinz-Christian Strache für seine momentan thematisierten Jugendfotos verteidigen zu wollen – es wäre wesentlich verdienstvoller für die Medien, seine momentane Geisteshaltung zu entlarven als jene von vor 20 Jahren. Nun ist nicht anzunehmen, dass der Durchschnittsbürger sich in solchen Kreisen bewegt. Aber wer kann heute sagen, welches Foto mit wem ihm in 20 Jahren noch angenehm ist?
profil: Warum höhlen die Menschen ihr Recht auf Privatsphäre aus, indem sie sich und ihre Fotos im Netz veröffentlichen?
Mayer-Schönberger: Erstens, weil viele nicht wissen, dass sie dieses Recht haben. Zweitens, weil die Durchsetzung für Nichtprominente teuer und schwierig ist. Und drittens, weil uns nicht bewusst ist, wie breit die Verteilung durch Plattformen wie Flickr und MySpace bereits geht. Viele wissen nicht, dass Google oder Internet-archive von diesen Plattformen Kopien ziehen, die gespeichert bleiben, wenn der User seine Fotos längst gelöscht hat.
profil: Aber generell ist der Mensch doch vorsichtig, wenn er nicht weiß, worauf er sich einlässt.
Mayer-Schönberger: Das ist ja das Absurde am Netz. In unserer Gesellschaft leben wir seit Jahrzehnten nach dem Precautionary Principle: Ist man sich bei einer neuen Substanz nicht sicher, ob sie Krebs erregt oder andere Krankheiten hervorruft, geht man im Zweifel lieber vorsichtig damit um. Im Internet ist es umgekehrt: Hier veröffentlicht man Informationen über sich, obwohl kein Mensch weiß, wer sie später einmal wie verwenden wird.
profil: Sind Sie auf einer dieser Plattformen registriert?
Mayer-Schönberger: Auf mehreren.
profil: Haben Sie dort überall die Geschäftsbedingungen gelesen?
Mayer-Schönberger: Nein, weil ich ohnehin nur eine binäre Wahl habe – akzeptieren oder nicht, teilnehmen oder nicht. Und ich will teilnehmen, wie Millionen andere auch.
profil: Aber wissen Sie als Experte wenigstens, welche Rechte Sie im Netz haben?
Mayer-Schönberger: Nein, nicht einmal ansatzweise. Dazu ist an Nationalstaaten gebundes Recht zu fragmentiert im globalen Netz. In der Praxis spielt damit das Recht online eine sehr untergeordnete Rolle, eine wirtschaftlich sinnvolle Durchsetzbarkeit kann man sich oft abschminken. Und selbst wenn ich in der nationalen Rechtsordnung Recht bekomme: Ist ein Bild, eine Geschichte über mich nur spektakulär genug, verteilt sie sich über Staatsgrenzen hinweg und lässt sich nie mehr aus dem Netz löschen. Da kann man noch so viele Prozesse gewinnen.
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