Mal ehrlich, Bleiburger…
Reportage. Josef Barth über das Kärntner Dorf, dem der skurrile Streit um zweisprachige Ortstafeln im vereinten Europa langsam peinlich zu werden scheint. (für profil)
“Ja, ich spreche auch Slowenisch”, sagt Lukas.
– “Ich eigentlich auch ein bissl”, sagt Manfred.
“Die zweisprachigen Schilder sollt’ man schon aufstellen”, sagt Lukas.
– “Find ich nicht”, sagt Manfred.
“Ist doch eh ganz normal, dass hier alles zweisprachig ist.
Warum also nicht auch die Ortstafeln?”, fragt Lukas.
– “Weil die nur die Slowenen wollen und wir nicht”, sagt Manfred.
“Warum nicht?”, fragt Lukas.
– “Hm, weil das zu viel kostet”, sagt Manfred.
“Glaubst?”, fragt Lukas.
– “Ja! Sicher 100 Euro pro Stück”, sagt Manfred.
“Findest das viel?”, fragt Lukas.
– “Na eigentlich nicht”, sagt Manfred und lacht,
“aber das für die Slowenen auszugeben wär zu viel.”
Lukas und Manfred* sind 13 Jahre alt
und besuchen die zweisprachige Hauptschule in Bleiburg.
Die Wiener würden das nicht verstehen. Nicht einmal, wenn sie aus Niederösterreich sind, die Wiener. Weil sie eben keine Kärntner sind. Kein Nicht-Kärntner könne das verstehen. Schon gar nicht die Kärntner Slowenen. Obwohl die auch Kärntner sind. Aber eben andere. Weil, wenn sich die Wiener und die anderen Niederösterreicher nicht eingemischt hätten mit dem komischen Urteil, dann hätten die Kärntner jetzt nicht so ein Problem – mit sich und den anderen Kärntnern.
Der Herr im Bleiburger Bahnhofsbeisl liegt nicht ganz falsch. Der immer skurriler werdende Streit um die aneinander gereihten Buchstaben P, l, i, b, e, r und k, die auf sieben sterilen Blechtaferln an den Ortsgrenzen angebracht sein sollten, erschließt sich dem Gros Restösterreichs nicht vollends. Mag sein, dass somit auch in diesem Fall eine Mehrheit das Problem einer Minderheit nicht verstehen will. Doch im Unterschied zum “komischen Urteil” sind im Staatsvertrag eben keine Minderheitenrechte für Kärntner aktenkundig.
Anders als dem Herrn im Bahnhofsbeisl ist vielen der 4000 Bleiburger die Diskussion mittlerweile einigermaßen peinlich. Just da die Augen Europas während der EU-Präsidentschaft auf Österreich gerichtet sind, wird ihr Bleiburg zum Synonym für den beschämenden Umgang des Landes mit seiner Minderheit.
“Wir machen uns ja in ganz Europa lächerlich”, sagt eine Kellnerin. Sie wohnt im angrenzenden Ortsteil, wo “80 Prozent eher Slowenisch sprechen”. Sie persönlich würde das ja anders handhaben: “Alles, was im Staatsvertrag steht, sollen s’ kriegen. Aber dann keinen Kindergarten, kein Kulturzentrum – keinen Cent drüber hinaus.” Auch so können Befürworter zweisprachiger Ortstafeln hier argumentieren. Die Entscheidung aber wird ohnehin vom Landeshauptmann getroffen, über ihren Kopf hinweg.
Ein alter Landwirt plagt sich am Hauptplatz aus seinem museumsreifen Puch 500. In Taferlfragen wirkt er eher konservativ. Der alte Puch hat noch immer schwarze Kennzeichen mit weißer Schrift. Der Schein trügt. “Jo, die sollen s’ endlich aufstellen”, schimpft er. Warum? “Damit a Ruh is!” Er kann die Diskussion schon nicht mehr hören. Wie viele andere hier.
Eine unsichtbare Demarkationslinie teilt den Ort – aber nicht nur zwischen Ja und Nein zu zweisprachigen Ortstafeln. Es sind vielmehr die Argumente, mit denen sie ihre Haltung vertreten, welche die verdeckten ideologischen Gräben offen legen.
Dafür: “Ist ja ein Urteil”, sagt der Schneepflugfahrer, “aber – obwohl ich auch Slowenisch red – die Slowenen wollen dann immer mehr, wett ma?” Haiders Heilandsvergleich kostet ihm nicht einmal mehr einen Lacher. “Dass der Glaube für die Politik herhalten muss, tut weh.”
Dagegen: “Und wenn ich meinen Garten zur Verfügung stell, damit wir das Schild ein paar Meter verrücken”, sagt die Angestellte, vor deren Fenster eine Ortstafel steht. “In Österreich spricht man Deutsch und aus. Wofür soll ich mich genieren? Ich ignorier das Urteil ja nicht, das macht zum Glück der Haider für mich.”
So reden die Bleiburger nur, wenn sie gefragt werden. Und meist fragen nur Leute von außerhalb. So war der Wiener Kunde eines Bleiburger Tischlers ganz perplex: “Sie sprechen Deutsch?!”, hat er zum Tischler gesagt. Die Wiener haben eben keine Ahnung.
Sogar der derzeit prominenteste Sohn des Dorfes schweigt sich aus. “Der Rainer Schönfelder hat schon seine Meinung zu dem Thema”, sagt SP-Bürgermeister Stefan Visotschnig, der die umstrittenen Tafeln lieber heute als morgen aufpflanzen will. Aber der ausgeflippte Slalom-Skistar will sich vorläufig nicht exponieren.
Im Dorf, im Verein, im Bekanntenkreis schummelt man sich um das Thema lieber herum. Die Tafelfrage soll keinen Schatten auf die guten Freundschaften werfen – und tut es genau deswegen. Es fehlt die Reflexion aus dem persönlichen Umfeld, Jörg Haider hält das Deutungsmonopol der heiklen Causa.
“Und weil das auf sehr fragwürdigem Niveau passiert, geniert man sich wirklich, Kärntner zu sein”, sagt der Filialleiter des Supermarkts Spar-Zadruga, einer Kooperation der österreichischen Handelskette mit der slowenischen Lagerhaus-Genossenschaft. Die Konkurrenz, der Billigladen “BLAÇZEJ CENTER”, wirbt schräg gegenüber bereits mit dem größten Plakat am Platz in Form einer Ortstafel.
“Die Politik sät jetzt einen Hass unter der Bevölkerung, der sich noch auf unsere Kinder übertragen wird”, sagt ein Vater, der seine Söhne zweisprachig erzieht. Eine Bleiburger Mutter, ebenfalls bilingual aufgewachsen, legt weniger Augenmerk auf den Erhalt dieser Kultur. “Meine Kinder werden später einmal nicht Slowenisch sprechen”, sagt sie. “Aber zumindest verstehen” – die Sprache ihrer Vorfahren, nicht deren skurrilen Streit.
–
* Namen geändert
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Tags: BZÖ, Ortstafeln, Reportagen, Slowenien
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