“Lieber Rudi, hau den Hut drauf!”
Interview. Rupert Henning und Erwin Steinhauer, die Hauptdarsteller des Bühnenstücks “Freundschaft”, über die Folgen der Bawag-Affäre, die Entgewerkschaftung der SPÖ und den Machterhalt als Form des Klassenkampfs. (für profil)
profil: Sie drehen gerade einen Film, der auf dem Stück “Freundschaft” basiert, das Sie seit 2004 gespielt haben. Einer Ihrer Protagonisten fühlt sich auch durch seinen Job als Schalterbeamter in der damaligen Zentralsparkasse als “Teil der Bewegung”. Wird er jetzt zum Bawag-Kassier?
Henning: Nein, er bleibt bei der Zentralsparkasse, später dann Bank Austria. Dort liegen mehr als genug Leichen im Keller.
Steinhauer: Bawag-Kassier eignet sich als “Teil der Bewegung” schon gar nicht mehr! Das Kuriose ist nur: Die Wende, die der ÖVP-Oberfundi Andreas Khol sogar in Buchform strapaziert hat, ist eigentlich erst jetzt vollzogen, da die Gewerkschaft zusammengebrochen, sich die Bank Austria nach Italien und die SPÖ in die innere Emigration zurückgezogen hat. Und wohin die Bawag demnächst gehen wird, was weiß man? Traurig, aber wahr.
profil: Sie, Herr Steinhauer, unterstützen auch eine Initiative zur Reform des ÖGB. Warum?
Steinhauer: Weil eine Vertretung der Arbeitnehmer ein unverzichtbares Element einer kultivierten Gesellschaft ist. Es muss doch jemanden geben, der die Interessen jener armen Leute vertritt, die die anderen Leute immer reicher machen.
profil: Die Rettung des ÖGB heftet sich nun aber die Regierung auf ihre Fahnen.
Steinhauer: Das ist das Schlimme, dass das von Schüssels Gnaden passierte. Oder dass der Wirtschaftskammerchef Leitl sagt: Geh helfts doch den Armutschkerln, bitte! Das ist eine Demütigung sondergleichen. Ich reg mich da auf, das ist ganz schlecht …
Henning: Ich sag lieber nix, wenn er sich aufregt.
Steinhauer: Dir ist der ÖGB wurscht?
Henning: Nein, überhaupt nicht. Aber ich halte es mit Friedrich Dürrenmatt: “Ideologie ist Ordnung auf Kosten des Weiterdenkens.” In der Gewerkschaftsbewegung sind, wie anderswo übrigens auch, ideologische Dinge zeitweise so in den Vordergrund gerückt, dass kein Weiterdenken stattgefunden hat. Dementsprechend sieht es im ÖGB aus.
profil: “Eine windige Stiftungskonstruktion, die eigenen Risiken der öffentlichen Hand unterjubeln, Milliarden versemmeln, bei irgendwelchen dubiosen Geschäften: Der ist keine Ikone, der ist ein Basilisk!” – Das sagen Sie im Stück über Ex-BA-CA-Chef Gerhard Randa. Was lässt sich dann über Helmut Elsner sagen?
Steinhauer: Gehen Sie bei Randa in die Lehre! Abgesehen davon ist man leider sprachlos.
Henning: Na ja, der Herr Elsner, das ist schon eine neue Qualität von Schamlosigkeit. Mich erschüttert das aber moralisch nicht so sehr, dass mit Geldern des ÖGB schlechte Geschäfte gemacht wurden. Da haben eben welche Mist gebaut. Das tun viele Leute, die spekulieren. Nur ist es in unfassbar großem Stil passiert – und auf eine Weise, die zum Lachen wäre, wenn sie nicht so bittere Konsequenzen hätte.
Steinhauer: Man darf sich eben nicht erwischen lassen!
Henning: Und als Sozialdemokrat schon überhaupt nicht. Wenn die Konservativen zum Beispiel einen bekennenden homosexuellen Freidenker in ihren Reihen haben, können sie sagen: “Schaut her, wie offen wir sind!” Wenn bei den Sozialisten ein hedonistischer Penthouse-Bewohner und großkapitalistischer Abzocker zu finden ist, dann schaut das gleich weniger gut aus. Das ist aber natürlich nicht ausschließlich ein Problem der Sozialdemokratie, dass manche Wasser predigen und Wein trinken.
profil: Bei den Sozialdemokraten legt man aber besondere Maßstäbe an.
Henning: Weil sie einfach ein größeres Problem mit der Ehre haben. Die leiden am meisten unter der Individualisierung und der Mentalität des privaten Egoismus.
Steinhauer: Das ist die Frage der achtziger Jahre: Darf der linke Kabarettist nur 2CV fahren?
profil: Was fahren Sie?
Steinhauer: Ich fahre einen Audi A6.
profil: Und sehen sich als linken Kabarettisten?
Steinhauer: Wir haben ja nicht mehr die achtziger Jahre. Als linken Kabarettisten seh ich mich aber dennoch nicht.
profil: Dennoch hegen Sie Sympathien für die SPÖ. Wie sehen Sie die Rolle von Alfred Gusenbauer?
Steinhauer: Man muss schon sagen: Das hat sich der Mann nicht verdient. Als die Bawag-Affäre aufflog, hätte ich an seiner Stelle gesagt: Herrschaften, fünf Jahre hab ich mir für euch die Tage vermiesen lassen – jetzt machts euch den Dreck bitte allein!
Henning: Dazu sollte es ja jetzt auch fast kommen, wie man gehört hat.
profil: Zumindest hat Gusenbauer den Spitzengewerkschaftern im Parlament mehr als nur die Rute ins Fenster gestellt.
Henning: Schon, aber am Tag darauf hat er die Rute schnell wieder zurückgenommen. Verständlich, aus seiner Sicht. Was passiert aber, wenn die Kraftprobe nicht nach seinen Vorstellungen verläuft?
Steinhauer: Dann muss Gusenbauer die Vertrauensfrage stellen.
Henning: Ob das ein Druckmittel ist, das wirkt?
Steinhauer: Wenn nicht, dann geht er eben in seinen angestammten Beruf zurück …
Henning: Was war er nochmal von Beruf?
profil: Sollen Sozialdemokratie und Gewerkschaft sich überhaupt trennen?
Steinhauer: Die müssen sich trennen! Der ÖGB muss überparteilich sein. Denn die Arbeitnehmer sind ja nicht alle ausschließlich sozialdemokratisch oder ausschließlich christlich-sozial.
profil: Aber die Arbeiterbewegung ist eine Wurzel der SPÖ.
Steinhauer: Diese Idee hat Schiffbruch erlitten. So wie man den ORF entpolitisieren muss, sollten Gewerkschaftsfunktionäre in der SPÖ keine Spitzenpositionen übernehmen dürfen. Der ORF gehört nicht den Parteien, die SPÖ gehört nicht den Gewerkschaften. Es wäre nicht schlecht, wenn sich die ÖVP mit ihren Bauern-, Wirtschafts-und Angestelltenbünden Ähnliches überlegen würde.
Henning: Der Ich-AG-Haltung wird weit mehr Wert beigemessen als der Zugehörigkeit zu irgendeiner ideologischen Gruppierung. Das war vor 30 Jahren anders. Wir drehen momentan unter anderem im Karl-Marx-Hof. Das tolle Wohnungsprogramm des so genannten Roten Wien in der Zwischenkriegszeit entstand aus der simplen Notwendigkeit heraus, etwas gegen die schreckliche Wohnungsnot zu tun. Es gab das Ringstraßen-Wien auf der einen Seite und die schamlose Ausbeutung des Proletariats durch die Hausherren auf der anderen. Wer Notwendigkeiten erkennt, dem werden die Leute auch folgen. Hätten die Schwarzen das damals überrissen, dass Menschen menschenwürdig wohnen sollten, dann hätte es vielleicht das so genannte Schwarze Wien gegeben. Aus den Hetzschriften der Konservativen gegen die von ihnen gefürchteten Arbeiterhorden in den roten Wohnsilos spricht auch der Neid: Scheiße, warum ist das uns nicht eingefallen?
profil: Das klingt, als wäre die Ideologie, die den Errungenschaften der Sozialdemokratie zugrunde liegt, austauschbar.
Henning: Nein, aber die Dinge haben manchmal mehr mit dem oft zitierten gesunden Hausverstand und weniger mit irgendwelchen hochkomplexen Ideologiekonstrukten zu tun. Sozialdemokratische Politiker haben viele Jahre großartige Arbeit geleistet. Aber man kann sich nicht ewig auf diesen Lorbeeren ausruhen. Den ebenso oft zitierten Zug der Zeit darf man halt nicht verpassen.
profil: Hat die SPÖ ihn verpasst?
Henning: Ja, insofern, als sie immer noch den Eiertanz zwischen restideologischer Bewegung und zeitgemäßer politischer Kraft versucht. Und das geht sich halt nicht immer aus. Als Vranitzky an seinem ersten Tag als Bundeskanzler sagte, dass es zwischen betriebswirtschaftlichen und volkswirtschaftlichen Interessen langfristig keinen Unterschied gäbe, ging noch ein Raunen durch die sozialdemokratischen Reihen …
Steinhauer: Heutzutage raunt kein Mensch mehr!
Henning: Und es ist ja auch egal. Wenn die Roten ein gutes wirtschaftspolitisches Programm hätten, dann sollen sie es bitte schön auch durchziehen können – ob es jetzt ihren traditionellen Themen entspricht oder nicht. Ideologie spielt bei den Menschen nur noch eine nachgeordnete Rolle.
Steinhauer: Sowohl die SPÖ als auch der ÖGB haben das Kerngeschäft leider absolut vernachlässigt. Zu Zeiten der großen Koalition bekamen Betriebsräte noch Prämien, wenn es ihnen gelang, einen Teil der Belegschaft von den Vorteilen der Frühpension zu überzeugen. Da war teilweise ein unglaublich korruptes Gesindel am Werk. Was denkt sich da das einfache ÖGB-Mitglied?
profil: In Ihrem Programm fällt der Satz: “Machterhalt ist auch eine Form von Klassenkampf.”
Henning: Man sieht eh, wohin das führt.
Steinhauer: Man könnte auch sagen: Die Schwarzen sind also die besseren Klassenkämpfer.
Henning: Das ist ein bissl ein grauslicher Satz. Da schaudert’s mich schon.
profil: Ist der frühere Gemeindebediensteten-Chef Rudolf Hundstorfer der richtige Mann, um den ÖGB zu retten?
Steinhauer: Der Rudi Hundstorfer ist wie ich am 19. September 1951 geboren. Und wir haben einmal gemeinsam Geburtstag gefeiert. Ich möchte ihm nur sagen: Lieber Rudi, hau den Hut drauf, du hast was Besseres verdient! Denk an deine Familie, und lass dich nicht verheizen!
profil: Sie selbst haben seinerzeit Wahlkampf für die SPÖ betrieben.
Steinhauer: Ich hatte in den siebziger Jahren, im Bundespräsidentschaftswahlkampf von Rudolf Kirchschläger, einen Studentenjob als Chauffeur des damaligen niederösterreichischen Parteisekretärs und bin im Zuge einer Recherche für die Uni, wo ich Zutritt zu verschiedenen Archiven brauchte, der Partei beigetreten. Als 1983 die Koalition mit der FPÖ kam, habe ich mein Parteibuch einmal auf dem Weg ins Burgtheater beim Portier abgegeben. Nach sechs Jahren hat mir Leopold Gratz zurückgeschrieben, ich möge mir meinen Austritt doch nochmal überlegen. Und nach weiteren sechs Jahren hab ich gesagt: Das zahlt sich nicht mehr aus …
profil: Die Funktionäre sind im Wahlkampf das Kapital der SPÖ. Viele davon sind gewerkschaftlich engagiert. Werden die jetzt noch für die Roten laufen?
Steinhauer: Seit wir 2004 mit “Freundschaft” auf Tournee in den Bundesländern waren, haben wir von den Menschen oft gehört: Jo, wir werd’n schon gehen für Gusi – aber rennen werma net! Und das war vor der Bawag-Geschichte. Es sind sehr viele Menschen irrsinnig enttäuscht, für die ist eine Welt zusammengebrochen. Man kann das heute noch gar nicht abschätzen.
profil: Hat die ganze Affäre die SPÖ die Wahl gekostet?
Steinhauer: Hundertprozentig.
Henning: Ich würde es so sagen: Schüssel, Khol und Konsorten träumen vermutlich von einer feinen, kleinen Absoluten. Und die Träume sind möglicherweise nicht so fernab der Realität.
profil: Hat sich die SPÖ das verdient?
Steinhauer: Mitgefangen, mitgehangen.
Freundschaft, der Film
Das mit zahlreichen Preisen (Nestroy, Österreichischer Kleinkunstpreis) ausgezeichnete 2-Personen-Theaterstück “Freundschaft” (Autoren: Rupert Henning und Florian Scheuba) wurde im Herbst 2004 uraufgeführt und seither rund hundertmal in Wien und den Bundesländern gespielt.
Protagonisten des Stücks sind ein tiefroter Vater (Erwin Steinhauer) und sein ideologiefreier Sohn (Rupert Henning), die anlässlich des Begräbnisses des Onkel Peppi, eines roten Urgesteins, über Vergangenheit, Zukunft und Daseinsberechtigung der Sozialdemokratie im Allgemeinen räsonieren. “Freundschaft” feierte bei Publikum und Kritik große Erfolge. Rund 50.000 Zuschauer haben die sentimental-brutale Abrechnung mit der Sozialdemokratie gesehen.
Seit Juni laufen die Dreharbeiten zur Leinwandadaption des Theaterstücks. Im Herbst soll der Film “Freundschaft” in die heimischen Kinos kommen.
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