Länderübergreifend
Heer. Bei einer internationalen Übung kam es zu Übergriffen von Schweizer Berufssoldaten auf österreichische Grundwehrdiener. (für profil)
Es war das Video, das den jungen Mann neuen Mut fassen ließ. Die Szenen einer Geiselübung aus der Kaserne Freistadt, die vor knapp fünf Wochen durch die Medien gingen, erinnerten ihn nur zu gut an eigene Erfahrungen. Mit einem Unterschied: Der Rekrut war weniger von eigenen Leuten als vielmehr von Soldaten der Schweizer Armee misshandelt worden. Schon im April des Vorjahres meldete er die Übergriffe, die Sache war von lokalen Kommandanten aber nicht weitergeleitet worden. Nun prüft das Ministerium die Causa.
Im März 2004 trainierten deutsche, Schweizer und österreichische Soldaten in Niederösterreich für den Kosovo-Einsatz als Militärpolizisten. Der Rekrut war dafür als Feinddarsteller abkommandiert. Ihm wurden mehrere Rollen eingetrichtert, die er im Laufe der Übung zu spielen hatte. Einmal sollte er einen friedlichen Einheimischen mimen, der die Campwache ausfragt, ein anderes Mal einen Hausbesitzer, bei dem eine Waffe gefunden wird.
Bei darauf folgenden Verhören musste er sich komplett entkleiden und nackt von den Berufssoldaten abtasten lassen. Stundenlang wurde er unter harten Bedingungen über Dinge verhört, die er nicht wissen konnte. Anderntags wurde der junge Rekrut von Schweizer Soldaten in einen Baucontainer gesperrt – ohne Strom und ohne Heizung, bei kompletter Dunkelheit. Dem Präsenzdiener, der mittlerweile keine Stimme mehr, dafür aber Fieber und Mandelentzündung hatte, wurden stundenlang Medikamente und Wasser verweigert. Durch Kälte, Stille und Dunkelheit verlor der junge Mann jegliches Zeitgefühl. “Ich dachte, die haben mich vergessen”, so der Rekrut gegenüber profil. Der Niederösterreicher versuchte sich mehrfach bemerkbar zu machen, schleuderte Sessel gegen die Wand des Containers. Durch einen Spalt konnte er schließlich einen Unteroffizier rufen, der ihn befreite.
Militärgericht. Verteidigungsminister Günther Platter lässt den Fall prüfen. “Es ist nicht vorgesehen, dass Rekruten für so eine Übung herangezogen werden”, sagt Brigadier Harald Leopold, Leiter der Disziplinarstelle im Ministerium. “Die Kommandanten werden in die Pflicht genommen.” Mit Konsequenzen sei zu rechnen.
In der Schweiz prüft ein Militärgericht den Fall. In einem Brief an den Rekruten bedauert das Schweizer Heer, dass “Unannehmlichkeiten entstanden”. Als Entschädigung lag ein Präsent bei: ein Buch über die Schweizer Armee, “in der Hoffnung, dass Sie eine positive Erinnerung an unsere Armee mit sich tragen können”.
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