“Jung, innovativ, stylish”

Promi-Events, Szene-Partys, Diskussionen in hippen Bars: Zwei Wiener Aufsteiger promoten mit ihrer “Jungen Generation Josefstadt” und der Plattform “Change 06″ salonfähigen Sozialismus mit schnöselig-adrettem Chic. (für profil)

“Du bist jung, innovativ, stylish und dennoch ein kritischer Mensch. Dann bist du bei uns genau richtig!” Die Junge Generation Josefstadt, kurz: JG8, hat sich ein Ziel gesetzt: “Die Welt zu verbessern.” Und das nicht nur ein bisschen. “Wir wissen, das klingt ambitioniert, aber genau das ist unser Anspruch.” Keine Rede von Bezirkspolitik und Ortsbildverschönerung, kein Wort von Straßenfesten und Beserlparkmentalität. Mit Kleinigkeiten hält sich die JG8 nicht auf. “Soziale Symmetrie” wird gepredigt, “reaktionärer Mief” bekämpft. Das Leitbild laut Website: “Kleinmut und Provinzialismus sind uns fern. Wir wollen die Gesellschaft mit progressiven und avantgardistischen Ideen durchfluten.”

Die beiden Hauptprotagonisten der JG8 haben in den Monaten des Wahlkampfs kaum eine Auftrittsmöglichkeit auf den Bühnen der Wiener Gesellschaft ausgelassen, um linke Politik mit eigenwilligem Chic zu promoten: Raphael Sternfeld, 28, seit Kurzem Assistent des Häupl-Pressesprechers Christoph Ronge, und sein JG8-Stellvertreter Niko Pelinka, 22, seit Kurzem Pressereferent der neuen Unterrichtsministerin Claudia Schmied. Modisch gekleidet, top gestylt, stets zuvorkommend, adrett und verbindlich, sind sie sich bewusst, ebenso gut für schnöselige Jung-Funktionäre der mittlerweile entschlafenen konservativ-monarchistischen Studentenorganisation JES oder der Jungen ÖVP gelten zu können.

Sternfeld, aus “dem links-liberalen intellektuellen Bürgertum des 19. Bezirks” stammend, unterstützte Laura Rudas und ihre “Jungen Roten” (siehe Lauftext). Niko Pelinka, Sohn des “Format”-Chefredakteurs Peter Pelinka, engagierte sich bei der Plattform “Change 06″, einer Fundraising und Eventinitiative, die – angelehnt an Bill Clintons erfolgreichen Wahlslogan 1992 “It’s time for a change” – auch in weniger politischen Kreisen eine Wechselstimmung erzeugen wollte.

Taubenkobel & Eselböck. Die entsprechenden Events hatten mit klassischem SPÖ-Wahlkampf mitunter nur wenig gemein. Im Roten Salon des Wiener Volkstheaters kaperte man durch gute Beziehungen kurzerhand ein Szene-Clubbing und posterte es mit Change-Plakaten aus. Über Pelinkas mahnende Worte für einen politischen Wechsel sollten die Tanzwütigen noch am Morgen danach grübeln. Als Alfred Gusenbauer bei den ORF-Sommergesprächen am Küniglberg schwitzte, wurde beim coolen “Indian Summer”, der Party for Change 06, auf der Summerstage des Wiener Szenewirts Ossi Schellmann Erlesenes verkostet. Das “Gastro Line-up” (laut Einladung): Kulinarisches von der Greißlerei Taubenkobel, Weine von Wieninger, Edelmoser und der Selektion Eselböck. Da verliert sich Niko Pelinka schon gern einmal mit Caspar Einem in Betrachtungen über die “momentan fehlende große Erzählung der europäischen Sozialdemokratie”. Gusenbauers Antworten, live per Bildschirm ins Partyzelt übertragen, werden währenddessen vom Small Talk der Promis und den Turntables der DJs überdröhnt. In der noblen Kreisky-Villa hingegen wurden zum Schluss der Kampagne alle jene bedient, die biedermeierlichen Hausmusikabenden zugetan sind. Von Exkanzler Franz Vranitzky bis Rechtsanwalt Gabriel Lansky lauschte ein handverlesenes Auditorium dem Geigensolo der russischen Nachwuchshoffnung Lidia Baich. Nur ab und zu klackte die eine oder andere Schuhsohle metallen auf dem Fischgrätparkett, als stereotype Schicksalstestimonials ihr Leid mit Schwarz-Blau klagten.

Intellektuelle Brutalität. “Die SPÖ ist eine Partei, die ein breites Spektrum vertritt – vom Arbeiter bis zum Künstler”, sagt Sternfeld. “Will man über das eigene Lager hinauswirken, muss man die Leute dort abholen, wo sie stehen.” Politische Diskussionen hält der JG8-Erfinder darum lieber in Szenelokalen am Wiener Gürtel ab als in drögen Sektionsheimen der Sozialdemokratie: Josef Broukal gegen Gertrude Brinek, Alfred Gusenbauer gegen Christian Rainer – das verspricht intellektuelle Brutalität.

Dass seine Altersgenossen der klassischen Jugendverbände von VSStÖ bis SJ diese Politrunden skeptisch beäugen, stört Sternfeld nicht. “Ich fände es lächerlich, wenn ich mir lange Haare wachsen lassen und ein T-Shirt einer Heavy-Metal-Band anziehen würde, nur um besser ins Klischee eines Junglinken zu passen. Ich bin eben authentisch – und trotzdem links.”

Posted: Februar 5th, 2007
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