“Hascherln oder Helden”
Behinderung. “Licht ins Dunkel”-Chef Jörg Ruminak und ÖVP-Politiker Franz-Joseph Huainigg im Streitgespräch: Darf man mit Mitleid um Spenden für den guten Zweck werben? (für profil)
profil: Herr Abgeordneter Huainigg, auf Ihrer Website “Nicht ins Dunkel” fragen Sie: “Was duftet hier so weihnachtlich nach Mitleid?” Soll man Sie aufgrund Ihrer körperlichen Behinderung in einem Streitgespräch lieber mit Samthandschuhen anfassen?
Huainigg: Nein. Behinderte Menschen wünschen sich einen normalen Umgang mit ihnen; so auch ich. Ich kann was einstecken.
Ruminak: Ich hab sehr viel Respekt davor, wie Herr Huainigg sein Leben lebt. Aber er kommt immer wieder mit unsachlicher Kritik, und nun ist der Punkt erreicht, an dem man das nicht nonchalant hinnehmen kann.
profil: Was stört Sie so an “Licht ins Dunkel”?
Huainigg: Den Paradigmenwechsel im Umgang mit Menschen mit Behinderung sollte “Licht ins Dunkel” endlich nachvollziehen: weg vom Mitleid, hin zu Selbstbestimmung. Viele behinderte Menschen fühlen sich durch die Darstellung von “Licht ins Dunkel” herabgesetzt. In der Darstellung von “Licht ins Dunkel” sind Menschen mit Behinderung entweder Hascherln oder Helden, der Normalzustand wird kaum gezeigt.
Ruminak: Ich glaube, Sie sollten mehr fernsehen, Herr Huainigg. Schauen Sie sich unsere Spots einmal an. Ihre Kritik ist oberflächlich und stereotyp. Sie glauben, Sie meinen – aber Sie wissen nicht. Dieser Paradigmenwechsel findet seit fünf Jahren statt. Wir versuchen über die Situation von Behinderten zu informieren, nur so kann man Verständnis erzeugen.
Huainigg: Aber das Mitleid ist schon dem Titel immanent. Behinderte Menschen sitzen im Dunkeln, die Nichtbehinderten stehen im Licht – und zu Weihnachten geben sie halt einmal ein bisschen von dem Licht ab, in dieses Dunkel.
Ruminak: Mitleid ist das einzige menschliche Gefühl, auf dem sich Moral aufbauen lässt, um den Philosophen Arthur Schopenhauer zu zitieren. Doch der Titel wird von Ihnen fehlinterpretiert. Er stand, weil es vor seiner Erfindung vor 35 Jahren auch Weihnachten war, für den biblischen Stern über Bethlehem. Jede Spendenaktion löst Emotionen aus – muss sie auch. Das gehört natürlich zum Geschäft. Auf rein sachlicher Ebene kämen kaum Spenden herein.
Huainigg: Bei einer Umfrage würden Ihnen 99 Prozent der Österreicher sagen, dass sie das Bild von “Licht ins Dunkel” anders verstehen. Aber um bei Sprüchen zu bleiben: Es gibt einen Spruch in der Behindertenbewegung, der lautet: Nichts für uns ohne uns. In Deutschland beispielsweise wird die dortige Hilfsaktion gemeinsam mit Behinderten gestaltet.
profil: Wie viele Menschen mit Behinderung sind im “Licht ins Dunkel”-Team?
Ruminak: Wir haben in unseren Reihen eine Person. Und in jedem Bereich des ORF sind behinderte Mitmenschen tätig, die ihre Arbeit zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigen. Aber unsere Mitarbeiter lassen sich nicht als Vorzeigebehinderte missbrauchen und zur Schau stellen.
Huainigg: Dafür hat der ORF vor einigen Jahren in der Vorweihnachtszeit behinderte Künstler auftreten lassen. Insofern gebe ich Ihnen Recht, dass sich hier langsam etwas ändert. Traurig war nur, dass der Moderator sie auf ein kindlich-lächerliches Niveau runtergezogen hat.
Ruminak: Das muss ich auf das Schärfste zurückweisen. Es gibt kaum einen Moderator, der sozialer eingestellt ist als Peter Rapp. Das ist bewusste Schlechtmacherei.
Huainigg: Es tut mir leid, dass Sie das als Schlechtmacherei empfinden. Mir geht es um Veränderung durch konstruktive Kritik. Und ich zitiere nochmal Deutschland. Wirtschaftsprofis haben der dortigen “Aktion Sorgenkind” abgeraten, ihre eingeführte Marke abzuändern. Dennoch wurde die Initiative in “Aktion Mensch” umbenannt. Durch diesen unkonventionellen Schritt erkannten viele, dass man behinderten Menschen auf Augenhöhe begegnen sollte.
Ruminak: Die “Aktion Sorgenkind” hat mit “Licht ins Dunkel” überhaupt nichts zu tun. Dort appelliert man an den Glückswunsch der Menschen – oder sogar ihre Gier -, indem man eine Lotterie organisiert, bei der sogar Autos und Häuser zu gewinnen sind. Da sind mir die fünf Euro Solidarbeitrag, die jeder einzelne Kleinspender in Österreich leistet, wesentlich lieber.
profil: Also heiligt der gute Zweck selbst zu Weihnachten nicht die Mittel: weder Mitleid hie noch Glücksspiel da?
Huainigg: Ganz so anders ist “Licht ins Dunkel” auch nicht. Ein Gutteil der Spenden kommt über Aktionen herein, von denen die Spender sehr wohl einen Nutzen haben. Denken Sie nur ans klassische Punschtrinken für den guten Zweck.
Ruminak: Das unter “Saufen für Licht ins Dunkel” zu subsumieren ist eine Beleidigung der Spender. Wenn sich Menschen zusammentun, um für andere was zu organisieren, sei es ein Winter-Marathon oder ein Punsch-stand, dann sind das Zeichen für gesellschaftliche Veränderung. Was soll daran schlecht sein, wenn die Menschen zumindest einmal im Jahr näher zusammenrücken?
profil: Rücken da nicht eigentlich nur die Spender zusammen? Und kaum Spender mit Beschenkten?
Ruminak: Natürlich sind wir noch weit entfernt vom Ideal. Aber “Licht ins Dunkel” hat einen wesentlichen Beitrag geleistet, dass Behinderung nicht mehr als Stigma gesehen wird. Früher traute man sich mit einem behinderten Kind nicht mal auf die Straße, weil man dessen Anblick anderen nicht zumuten wollte. Angesichts solcher Zustände früher halte ich Ihre Kritik für kleinlich – und sie wird auch nicht von allen geteilt. Ich möchte einmal festhalten, dass Herr Huainigg nicht für alle Behinderten spricht.
Huainigg: Das tue ich auch nicht. Aber ich bin auch nicht ganz allein: Meine Internet-Kampagne “Nicht ins Dunkel” für einen würdevollen Umgang mit behinderten Menschen haben immerhin rund 7000 Menschen unterstützt.
Ruminak: Ihre Kampagne ist nur leider kein solidarischer Beitrag, sondern purer Aktionismus. Und seltsamerweise finden sich dort sogar Vertreter von Organisationen, die Geld von “Licht ins Dunkel” bekommen haben.
Huainigg: Das sollte Ihnen doch zu denken geben. Oder darf man nur noch dankbar sein und schweigen, wenn man auf Geld von “Licht ins Dunkel” angewiesen ist?
Ruminak: Nein, natürlich nicht. Aber Ihre Aktion ist unfair: den Spendern gegenüber – und jenen Menschen, die Sie nicht vertreten, Herr Huainigg. Sie vertreten nur eine privilegierte Behindertenschicht, die nicht auf “Licht ins Dunkel” angewiesen ist. Sie treiben bewusst einen Keil in die Solidarität der Menschen. Dadurch können Projekte gefährdet werden.
profil: Mit diesem Argument kann man aber jegliche öffentliche Kritik unterbinden, da jede Kritik möglicherweise etwaige Spender verunsichert.
Ruminak: Nicht, wenn sie konstruktiv ist. Als solche sehe ich die stereotypen Wiederholungen von Herrn Huainigg nicht.
profil: Dann diskutieren wir doch einen konstruktiven Vorschlag. Herr Huainigg?
Huainigg: Ein Beispiel: Ein Gutteil der “Licht ins Dunkel”-Spenden kommt aus der Wirtschaft. Die Unternehmen sollten Menschen mit Behinderung lieber Lehrstellen und Jobs anbieten.
profil: Aber darauf hinzuwirken ist doch weniger eine Aufgabe von “Licht ins Dunkel” als die Ihre als Politiker.
Huainigg: Die Bundesregierung investiert jährlich 70 Millionen Euro in Beschäftigungsoffensiven. Aber es muss sich auch in den Köpfen der Menschen etwas ändern. Und hier wäre der ORF gefragt, bei “Licht ins Dunkel” Unternehmen zu würdigen, die Behinderte beschäftigen.
Ruminak: Ich glaube nicht, dass die Politik so viel tut, wie Sie behaupten. Außerdem haben wir Ihnen schon Wünsche erfüllt: Wir haben die Kampagne “Lehre ohne Barriere” mitgetragen und für Behinderte in Lehrberufen geworben, wir haben die Kindernachrichten in Gebärdensprache übersetzt. Aber den Wunsch karitativer Organisationen nach steuerlicher Absetzbarkeit von Spenden haben Sie noch nicht erhört.
Huainigg: Das würde ich mir ja auch wünschen. Es motiviert Menschen zu spenden.
profil: Warum ist das noch nicht passiert? Schließlich sind Sie seit fünf Jahren Abgeordneter einer Regierungspartei.
Huainigg: Manche Dinge gehen auch mir zu langsam. Und nicht nur bei “Licht ins Dunkel”.
Ruminak: Sie und Ihre Kollegen betonen gern, dass das soziale Netz so engmaschig gestrickt ist, aber trotzdem fallen Menschen durch. Fast eine halbe Million Menschen, die unter der Armutsgrenze leben, eine Pflegedebatte, die schon beschämend ist – dort würde ich mir Ihr Engagement wünschen. Dagegen ist “Licht ins Dunkel” ein Randthema.
Huainigg: Der Staat gibt jährlich 70 Milliarden Euro zur Sicherung des Sozialsystems aus. Ich möchte ziviles Engagement auch gar nicht schlechtreden, es wird auch in Form von Spenden immer notwendig sein. Ich finde es toll, wenn Menschen spenden. Es geht nur darum, dabei die Würde des Beschenkten zu wahren.
Ruminak: Spenden zeigen auch immer soziale Missstände auf – schon allein dadurch, dass sie leider noch nötig sind.
Moderation: Josef Barth
Licht ins DunkelJörg Ruminak, 59Als Leiter der ORF-Aktivitäten zu “Licht ins Dunkel” zeichnet Ruminak für Vorjahres-einnahmen von rund 9,3 Millionen Euro mitverantwortlich. Die sieben Mitglieder des heuer 35 Jahre alten “Licht ins Dunkel”-Vereins: Lebenshilfe, Kinderdörfer, Kinderfreunde, Caritas, Diakonie, das “Österreich-Komitee für Unicef” und “Rettet das Kind”. Offizieller Vereinszweck ist die “Unterstützung von behinderten Kindern und deren Familien, von seit Geburt an geistig und körperlich behinderten Menschen in Österreich”. Zuletzt wurden auch rund 5000 sozial bedürftige Familien gefördert (Slogan: “Jeder Euro zählt”). Jörg Ruminak ist Leiter der Abteilung “Humanitarian Broadcasting” im ORF, die auch für die Kampagne “Licht ins Dunkel” verantwortlich ist. Er ist hörbehindert und spendet heuer “für einen Immigranten, auf den in seinem Heimatland ein Kopfgeld ausgesetzt wurde”.
Nicht ins DunkelFranz-Joseph Huainigg, 41Mit seiner Internet-Kampagne “Nicht ins Dunkel” kritisiert der promovierte Germanist die Darstellung behinderter Menschen in der ORF-Spendenaktion. Demnach gehe es dort nur um Mitleid, nicht um Rechte von Menschen mit Behinderung. Er fordert die verstärkte Einbeziehung von behinderten Menschen in die Organisation und Redaktion von “Licht ins Dunkel” sowie vermehrte Imagekampagnen zur Gleichstellung von Menschen mit geistigem oder physischem Handicap. Seit einer Impfung im Babyalter ist Huainigg an Beinen und mittlerweile auch Armen gelähmt. Der Familienvater atmet maschinell unterstützt. Seit 2002 sitzt der Medienpädagoge und Kinderbuchautor für die ÖVP als Behindertensprecher im Nationalrat. Heuer spendet er für “Licht für die Welt”, eine Initiative gegen armutsbedingte Blindheit in Entwicklungsländern.www.franzhuainigg.at/nichtinsdunkel.shtml
Posted: Dezember 24th, 2007
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Tags: Behinderung, Interviews, Medien
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