“Es gibt dort keine Gnade”

Interview. Die Menschenrechtsaktivistin Sandra Bakutz über ihre Haft in der Türkei, Selbstverbrennungen im Gefängnis und das Desinteresse der Europäer. (für profil)

profil: Sie wollten nach Ihrer Enthaftung in der Türkei bleiben. Warum wurde Ihnen das verwehrt?

Bakutz: Ich wurde am Mittwoch vergangener Woche entlassen und von der Fremdenpolizei gleich wieder festgenommen – fast so, als würde man mich verschleppen. Die Nacht, bevor sie mich ins Flugzeug setzten, verbrachte ich wieder hinter Gittern. Es war eine Abschiebung gegen meinen Willen.

profil: Sie sind angeklagt, Mitglied der Terrororganisation DHKP/C zu sein (siehe Kasten).

Bakutz: Das war ein Willkürakt, ein politisches Tribunal. Es war klar, dass man mir keine Mitgliedschaft in einer terroristischen Organisation nachweisen kann, da ich kein Mitglied bin. Es gibt nur ein Foto von einer türkeikritischen Demonstration in Brüssel aus dem Jahr 2000. Aber das bin nicht ich auf dem Foto. Ich war gar nicht dort.

profil: Haben Sie Kontakte zur DHKP/C?

Bakutz: Nein. Ich habe Kontakt mit vielen Menschen. Aber ich wüsste nichts davon, dass einer von denen sich dort engagiert.

profil: Wie kamen die türkischen Behörden dann auf Sie?

Bakutz: Mein Name ist dort bekannt und nicht sehr beliebt, da ich mich schon früher für Menschenrechte engagierte. 1997 wurde ich in Ankara kurz festgenommen und mir von der Polizei die Kamera weggenommen. Ich habe damals eine Demonstration fotografiert.

profil: Wussten Sie, dass ein Haftbefehl gegen Sie besteht?

Bakutz: Nein, ich hätte das nie erwartet. Für Menschenrechtsaktivisten ist eine Ausweisung nicht ungewöhnlich. Aber dass man mir den Prozess machte, hat mich schockiert. Ich wurde verhaftet und zu jenem Gericht gebracht, wo ich einen anderen Prozess beobachten wollte. Plötzlich war es mein eigener. Dort erfuhr ich erst, was sie mir vorwerfen. Jedoch nicht, warum.

profil: Sie saßen daraufhin zwei Monate in Untersuchungshaft …

Bakutz: Die Zustände dort waren schlimm. Die Wachen wussten, was mir vorgeworfen wurde, und dementsprechend behandelten sie mich. Wärterinnen wollten mich nackt ausziehen und, ich sage einmal, nicht nur oberflächlich untersuchen. Das konnte ich abwenden, einige Mitgefangene jedoch nicht, einige wurden verprügelt.

profil: Sie haben oft die Haftbedingungen in der Türkei kritisiert. Mit welchen Bedingungen waren Sie selbst konfrontiert?

Bakutz: Wir waren in einem drei mal vier Meter großen Raum inhaftiert, mit zu wenigen Betten. Einige mussten zu zweit schlafen, andere auf dem Steinboden. Nur einmal am Tag gab es heißes Wasser, nur einmal pro Woche durfte man seinen Anwalt sprechen und enge Angehörige – keine Freunde. Dem österreichischen Botschafter wurde der Besuch im Gefängnis von Gebze verboten.

profil: Wie werden die Häftlinge behandelt?

Bakutz: Ein Hungerstreik reicht, um zwei Monate Brief- und Besuchsverbot zu bekommen. Es gibt dort keine Menschlichkeit.

profil: Gab es Folterungen?

Bakutz: Dass jemand verprügelt wurde, habe ich persönlich nicht gesehen: Ich war immer in der Zelle. Aber Handschellen werden eng gezogen, bei Beschwerden noch enger. Eine Mitgefangene hatte Hautprobleme wegen der schlechten Ernährung dort. Als sie sich vor dem Arzt ausziehen musste, schauten fünf Wächter zu.

profil: Ist die Verpflegung so dürftig?

Bakutz: Sehr schlecht. Nur Kartoffeln, Reis oder Nudeln. Pro Woche gibt es maximal ein Stück Obst, das man selbst kaufen muss. In der Zelle neben mir verbrannte sich ein halbes Jahr zuvor eine junge Frau aus Protest und Verzweiflung über die Isolationshaft. Die Medien verschweigen so etwas.

profil: Hatten Sie Angst, nicht wieder rauszukommen?

Bakutz: Ich wusste, dass zehn bis fünfzehn Jahre Haft auf mich zukommen könnten. Ich dachte: Wenn sie mich schon ohne Grund verhaften, was blüht mir erst im Prozess? Die Staatssicherheitsgerichte heißen jetzt zwar anders, aber agieren so wie früher, mit denselben Richtern und Staatsanwälten. Wenn sie mich im Prozess freisprechen, verlieren sie ihr Gesicht. Es gibt dort keine Gnade. Aber die große Öffentlichkeit, die mein Fall hatte, hat mir geholfen.

profil: Wäre eine Türkin genauso behandelt worden?

Bakutz: Nein, niemand hätte hingeschaut.

profil: Mit Ihrer Verhaftung erreichten Sie mehr Menschen als durch bisherige Aktivitäten …

Bakutz: Ich bin nicht froh, dass mir das passiert ist. Aber anscheinend muss es erst eine Europäerin treffen, bis Europa auf diese Ungerechtigkeiten aufmerksam wird.

profil: Werden Sie an Ihrem Prozess in Ankara teilnehmen?

Bakutz: Ich würde gern. Ich weiß nur nicht, ob es ratsam ist.

Interview: Josef Barth

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Sandra Bakutz, 30

Die gelernte Bürokauffrau und Trafikantin im Schloss Schönbrunn engagiert sich seit Jahren für die Einhaltung der Menschenrechte in der Türkei und arbeitet als Journalistin für den nichtkommerziellen Sender Radio Orange. Als sie einen Prozess gegen Gefangene in der Türkei beobachten wollte, wurde sie am 10. Februar am Flughafen Istanbul verhaftet (Bild unten). Sie unterhalte Kontakt zur verbotenen “Revolutionären Volksbefreiungspartei/-front” (DHKP/C), so die Anklage. Die DHKP/C soll in der Türkei mehrere Anschläge verübt haben. Die türkischen Ankläger berufen sich auf ein Foto aus dem Jahr 2000, das Bakutz mit angeblichen Aktivisten der DHKP/C bei einer türkeikritischen Demonstration vor dem Europäischen Parlament in Brüssel zeigen soll. Bakutz bestreitet, dort gewesen zu sein. Die Niederösterreicherin wurde enthaftet, der Prozess auf 1. Juni vertagt. Bei einem Schuldspruch drohen zehn bis fünfzehn Jahre Haft.

Posted: April 4th, 2005
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