“Dreck und Lügen”
Affäre. Virgin Islands und Pannonien: Graf Alfons Mensdorff-Pouilly bezeichnet sich als “Bauer”. Und doch soll er als “Agent” in Ungarns Gripen-Deal involviert gewesen sein. Er dementiert heftig. (für profil)
Die Umgebung für das Küsschen hätte durchaus romantischer sein können. Mitten auf dem grau asphaltierten Rollfeld der Militärbasis von Kecskemet, rund 120 Kilometer südlich von Budapest, fiel Leni Bjorklund ihrem ungarischen Amtskollegen in die Arme. Ferenc Juhasz, ungarischer Verteidigungsminister des Jahres 2006, hatte ihr 14 Abfangjäger abgenommen, welche die schwedische Regierung zwar bestellt, dann aber doch nicht gebraucht hatte.
Für die Ungarn war es der Schlusspunkt nach einem langen Beschaffungsprozess: Entscheidung, Bestellung – und Nachverhandlungen. Für die Schweden war es der Erfolg, den mit 15.000 Arbeitsplätzen im Inland produzierten Kampfjet Saab Gripen in ein weiteres NATO-Land exportieren zu können.
Und für den Österreicher Alfons Mensdorff-Pouilly war es der Beginn eines großen Ärgernisses. Denn mit den Exporten der Gripen nach Ungarn und Tschechien begann das schwedische Fernsehen, die Auslandsgeschäfte von Saab zu recherchieren – und stieß dabei mehrmals auf den Namen des Ehemanns der Ex-ÖVP-Ministerin Maria Rauch-Kallat.
Was für Mensdorff “Dreck und Lügen” sind, werten die Journalisten des schwedischen Senders SVT als harte Fakten. Demnach soll Mensdorff beim Gripen-Geschäft mit Ungarn als so genannter Agent tätig gewesen sein. Und SVT zitiert aus geheimen internen Unterlagen, die es dem britischen Rüstungskonzern BAE Systems zuordnet: Demnach sollen im Zusammenhang mit dem Ungarn-Geschäft acht Millionen Dollar geflossen sein. BAE ist der viertgrößte Rüstungskonzern der Welt und an Saab wie an Eurofighter beteiligt.
Geflossen sei das Geld nicht zwischen BAE und Mensdorff (oder seiner Firma MPA) direkt, vielmehr habe der seltsame Finanzstrom zwischen zwei Offshore-Gesellschaften auf den britischen Virgin Islands seinen Lauf genommen: Red Diamond und Prefinor International. Die britischen Betrugsbekämpfer vom Serious Fraud Office (SFO), die fragwürdige Aktivitäten von BAE gerade in mehreren Staaten der Welt untersuchen, erachten Red Diamond als geheime Tochtergesellschaft von BAE, über die jene Zahlungen abgewickelt werden, von denen die Öffentlichkeit tunlichst nichts erfahren soll. Prefinor ordnet das schwedische Fernsehen unter Hinweis auf vertrauliche Dokumente Alfons Mensdorff-Pouilly zu.
“Pferde und Hunde”. Mensdorffs Büro dementierte gegenüber der Austria Presse Agentur schriftlich wie folgt: Eine geheime Vereinbarung vom März 2002, in welcher Provisionszahlungen in Höhe von acht Millionen Dollar angeführt werden, “existiert unseres Wissens nicht”. Und weiter: “Diese Zahlungen sind auch nicht an Alfons Mensdorff-Pouilly oder eine seiner Firmen geflossen.” Ob er dort überhaupt über Firmen verfügt, darauf geht Mensdorff im Gespräch mit profil nicht ein.
Dennoch: “Die haben ein Dokument zwischen BAE und Saab gefilmt, wo mein Name drinsteht. Das ist alles. Alles andere drumherum ist einfach nur konstruiert”, so Mensdorff äußerst aufgebracht gegenüber profil. Seither sieht sich der “einfache Bauer”, der lieber bei seinen “Pferden und Hunden” ist, einer Medienhatz ausgesetzt: “Ach, schreibts doch, was ihr wollts!”
Schon im Frühjahr dieses Jahres hatte ihn das schwedische Fernsehen mit einer Schmiergeldaffäre rund um den Abfangjägerdeal in Tschechien in Verbindung gebracht. Der ehemalige tschechische Außenminister wurde mit versteckter Kamera dabei gefilmt, wie er Zahlungen an Parteien einräumte. Seither ermittelt der schwedische Antikorruptions-Staatsanwalt Christer van der Kwast in der Causa. Für ihn ist Mensdorff “eine Art Mittelsmann” (siehe Interview Seite 30). Mensdorff dementierte von Beginn an, in die Causa verwickelt zu sein.
Doch Ungarn betreffend scheint Mensdorff nicht alle Dokumente zu kennen: Ein mit “Strictly confidential – Gripen Europe” gekennzeichnetes Papier, das die Schweden zitieren, soll weiters eine Liste mit so genannten “Agents” in einzelnen Staaten enthalten. In der Spalte Ungarn heiße es da: “Ali M” und “3 %”, woraus SVT eine Provisionszusage von rund 65 Millionen Euro ableitet für den Fall, dass Ungarn die Gripen direkt bei Saab kauft. Schlagend wurde dies aber schon deshalb nicht, da Ungarn die Flieger ja bei der schwedischen Regierung leaste.
“,Ali M’ – kenne ich nicht”, sagt Mensdorff, der im erweiterten Freundeskreis als Ali bekannt ist. Bei BAE würde ihn aber niemand so nennen: “Dort bin ich mit niemandem per, Ali’.” Das entsprechende Papier sei ihm nicht bekannt. Wie BAE zu so einer Formulierung komme? Mensdorff: “Das müssen Sie die fragen.”
Mensdorff dementiert jedenfalls, je in Ungarn für den Gripen lobbyiert zu haben. Schützenhilfe bekam er dabei zuletzt vom ehemaligen ungarischen Geheimdienstchef Ervin Demeter. In seiner Amtszeit (1998 bis 2002) sei er Mensdorff nie begegnet, ließ Demeter ausrichten.
Politische Schiffsfahrt. Ein anderer ungarischer Spitzenpolitiker, der eingangs erwähnte Ex-Verteidigungsminister Ferenc Juhasz, mittlerweile Vizeobmann der ungarischen MSZP und einer der wichtigs-ten innerparteilichen Verbündeten von Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany, kann sich jedoch sehr konkret an den Lobbyisten Mensdorff-Pouilly erinnern. Er habe ihn “so um 1995 persönlich getroffen, als er (Mensdorff, Anm.) die damaligen Mitglieder des parlamentarischen Verteidigungsausschusses zu einer Kennenlern-Schiffsfahrt eingeladen hat”, sagte Juhasz am Freitag vergangener Woche der MSZP-nahen Budapester Tageszeitung “Nepszava”. Der gut Ungarisch sprechende Mensdorff machte auf den jungen Juhasz, damals Abgeordneter, den Eindruck eines “richtigen Lobbyisten”, so der heute 47-jährige Politiker weiter. Er habe seine internationalen Verbindungen reichlich ausgenutzt und damit “in unserer Region viele, Abnehmer’ gefunden”. Seit der Schiffsfahrt will Juhasz ihn aber nicht mehr getroffen haben, obwohl er “seinen Namen in der ungarischen Geschäftssphäre sehr häufig genannt gehört” habe.
Die Geschäfte von Alfons Mensdorff-Pouilly und seiner MPA Budapest dürften zu jener Zeit jedenfalls nicht schlecht gelaufen sein. Die Gesellschaft erwarb ein Schloss in den schottischen Highlands. Mensdorff: “Dalnaglar gehört nicht mir, sondern der MPA Budapest, die in Ungarn verdientes Geld dort investiert hat.” Bei besagtem Geld, mutmaßte die englische Zeitung “The Guardian” im Februar, handle es sich um “angeblich Millionen aus geheimen Zahlungen von BAE”, die Mensdorff “für die Unterstützung eines Waffengeschäfts erhalten” haben soll, was Mensdorff dementiert.
Gute Geschäfte. Dennoch erscheint die Gewinnentwicklung der MPA Budapest in den Jahren des ungarischen Gripen-Deals beachtlich. Innerhalb von nur zwei Jahren verbuchte die kleine Gesellschaft eine geradezu astronomische Gewinnsteigerung: von knapp zwei Millionen Forint im Jahr 2002 auf 537 Millionen (rund 2,3 Millionen Euro) im Jahr 2005 – letzteren Betrag übrigens bei einem Umsatz von 950 Millionen Forint, was einer stolzen Rendite von rund 56 Prozent entspricht. Laut einem Bericht des ungarischen Magazins “HVG” entnahm Mensdorff übrigens im Jahr 2005 rund 632 Millionen Forint (was nach heutigem Wechselkurs fast exakt 2,5 Millionen Euro entspricht) und führte sie angeblich der Wiener MPA zu.
Die Umsatzsteigerungen rühren laut Mensdorff von weiteren Großkunden her, die er an Land zog und die er, wie BAE, auf Basis eines jährlichen Fixums berät.
Bekannt ist dagegen, wer den Sessel des Geschäftsführers bei der MPA Budapest 1999 bestieg: Agnes Gyuricza, Studentin, damals 20 Jahre alt. Es war jenes Jahr, in dem Ungarn der NATO beitrat. Die alten russischen MiG mussten durch westliche Flieger ersetzt werden. Was Agnes Gyuricza zur Geschäftsführerin qualifizierte, ist unklar. Mensdorff sagt, dass man sich in seiner Firma “nicht mal mehr an sie erinnert”. Was überrascht – handelt es sich bei Agnes Gyuricza doch um die Tochter des 1999 verstorbenen Bela Gyuricza, einst hochdekorierter Kommandant der ungarischen Landstreitkräfte, Abgeordneter und Vizechef des Verteidigungsausschusses und nationaler Sicherheitsberater der damaligen Regierungspartei Fidesz. In einem Interview mit dem Sender Klubradio erinnerte sich Ex-Verteidigungsminister Juhasz übrigens, woher er Mensdorff ursprünglich kennt: Bela Gyuricza habe ihn mit dem Österreicher auf einer Wehrtechnikausstellung bekannt gemacht.
Mensdorffs Kommentar zum seinerzeitigen Engagement von Agnes Gyuricza: “Peanuts.”
Mitarbeit: Gregor Mayer
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Mensdorffs Ungarn-Connections
Bei dem oft zitierten Konkurs seiner einstigen Straußenzucht im Burgenland gab es keine Gläubiger. Darauf legt Alfons Mensdorff-Pouilly Wert. Er habe niemanden geschädigt. Ohnehin kann man Alfons Mensdorff-Pouilly nicht vorwerfen, ein schlechter Geschäftsmann zu sein. Neben seinem Gut im burgenländischen Luising und seiner Gesellschaft in Wien, der MPA-Handels GmbH, scheint sein Name im ungarischen Firmenbuch insgesamt zehnmal auf. Einige seiner ungarischen Firmen dürfte Mensdorff nach Informationen der ungarischen Zeitschrift “HVG” vor allem gegründet haben, um seine Güter in Ungarn zu verwalten. Nach dem Fall des kommunistischen Regimes hatte seine Mutter 1991 wieder die ungarische Staatsbürgerschaft angenommen. Ihrer Familie wurden daraufhin dutzende einst verstaatlichte Äcker und Wälder nördlich von Szentgotthard restituiert. Über seine MPA Budapest ist Mensdorff darüber hinaus Teileigentümer der Pannonia Szel Ipari es Szolgatato GmbH, die in Ungarn nun einen Windpark baut.
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Tags: Abfangjäger, Die Akte Mensdorff, International, Netzwerke, The BAE-Files, Ungarn, Waffenhandel
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