Die Volksstimmen

Medien. Dichand gegen Fellner: “Kronen Zeitung” und “Österreich” wollen bei der Regierungs-bildung mitmischen. Auch persönlich bleiben die beiden Blattmacher einander nichts schuldig. (für profil)

   Also schrieb Fellner: “Ich dachte immer, wir Wähler bestimmen, wer unser Land regiert. Ist aber nicht so. Vielleicht bin ich zu dumm, aber 

es kann doch nicht so schwer sein, dass die Politiker am Wahlergebnis sehen, was wir wollen. Die SPÖ und die ÖVP bekamen die meisten Stimmen. Ich finde, es ist nun die Pflicht der beiden Parteien, unsere Wünsche zu respektieren und uns Wähler gemeinsam zu vertreten.”
 
   Allzu oft stolpert man über den Namen Fellner in der “Kronen Zeitung” nicht.
 
   Fellner heißt vornamentlich Rosemarie, ist 57 Jahre alt, kommt aus Viehofen bei St. Pölten und – ja! – es gibt sie wirklich. “Das Temperament” sei mit ihr durchgegangen, sagt die ehemalige Hauskrankenpflegerin der Caritas. Da musste sie ihrem Unmut per Leserbrief Luft machen. Also schrieb Fellner: an die “Krone”.
 
   Scharmützel. Fellner und die “Krone”, Dichand und “Österreich” – das passt nicht zusammen. Die beiden Boulevardblätter überbieten einander darin, die Stimme des Volkes imitieren zu wollen. Beide beanspruchen das Interpretationsmonopol des Wählerwillens für sich. Und die beiden Herausgeber, die neuen Konkurrenten Wolfgang Fellner und Hans Dichand, liefern einander entsprechende publizistische Scharmützel mit teils persönlichen Untergriffen.
 
   Dafür ist jedes Mittel recht: Schlagzeilen, Kommentare, Leserbriefe. “Nicht verhandeln, aber weiter kassieren: Die Top-gagen von Schüssel & Co”, titelt die “Krone” am Allerheiligen-Feiertag, an dem sie durch die portemonnaiefreundliche Vertriebsart besonders weite Verbreitung findet. “Zorn über Gusi und Schüssel: Arbeitet endlich!”, versucht “Österreich” den Konkurrenten zu toppen. “Schüssel spürt, dass seine Uhr abläuft, will sich dies aber keinesfalls anmerken lassen”, schrieb Dichand als Cato kürzlich über den Bundeskanzler und untermauert dies mit eigener Wahrnehmung: “So war der Schreiber dieser Zeilen vor Kurzem zu einem eineinhalbstündigen Gespräch im Bundeskanzleramt eingeladen. Schüssel war so freundlich wie immer, aber während der Zeit unseres Gespräches konsumierte er vier Moccas …” Ein Freund Schüssels war Hans Dichand seit dem Jahr 2000 ohnehin nicht mehr. Dass der ÖVP-Obmann den Pakt mit den Freiheitlichen der großen Koalition vorzog, wird ihm der “Krone”-Hälfteeigentümer nie verzeihen. “Dichand wünscht sich beide Großparteien vor allem deshalb in der Regierung, weil die ,Krone’ dann die einzige ernst zu nehmende Opposition ist”, glaubt ein Vertrauter.
 
   Catos Kommentar. Auf Neuwahl-Rufe reagiert der “Krone”-Boss darum doppelt allergisch. Vor allem, wenn sie überdies von den neuen Gegnern kommen. “Warum will die Zeitung ,Österreich’ Neuwahlen?”, fragte Cato und missinterpretierte einen offenen Brief Fellners an Bundespräsident Heinz Fischer. Hinzu fügte er – wie schon oft auf der Leserbriefseite thematisiert – einen Seitenhieb auf den “umstrittenen Namen” des neuen Blattes, rückte den Chef mit historischen Parallelen in die Nähe kommunistischer Funktionäre und unterstellte ihm die Hoffnung auf gut bezahlte Wahlkampfinserate. Fellners Antwort kam noch am selben Tag: “Es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in irgendeinem ,Krone’-Artikel manipulativ die Unwahrheit über ,Österreich’ verbreitet wird. Heute behauptet der greise Herausgeber, ,Österreich’ hätte in seinem Brief an den Bundespräsidenten Neuwahlen statt Verhandlungen verlangt.” Das genaue Gegenteil sei der Fall. “Im Gegensatz zur ,Kronen Zeitung’ kampagnisieren wir nicht”, behauptet Fellner nun gegenüber profil. “Wir betreiben Agenda-Setting, treffen mit unseren Schlagzeilen schon in der Früh das Thema des Tages.”
 
   Gratiswerbung. Dabei ist ein Reibebaum “Krone” Gold wert. Rund eine Million Leser hat Fellner laut eigenen Angaben, dreimal so viel die “Krone” – objektiviert durch die Media-Analyse. Während es das Fellner-Blatt in abgespeckter Form gratis gibt, wird jede “Krone” werktags bezahlt. Fellner: “Wir werden von Tag zu Tag besser, und das macht Herrn Dichand scheinbar von Tag zu Tag nervöser. Das zeigt sich in Leitartikeln, wo er uns thematisiert. Was uns sehr ehrt: Denn ich habe Mega-Respekt vor Dichand.” Mit jedem Wort über den Mitbewerber macht Dichand Fellner zum Konkurrenten – und Werbung für ihn. Wie in jenem Leserbrief: “Wenn Herr Fellner in seiner Kolumne schreibt ,Was Österreich denkt’, dann ist das Präpotenz pur.” Und es macht neugierig.
 
   Das Volk hat aber nur eine Stimme. “Wir bestimmen, wer mit wem”, schreibt Fellner in der “Krone”. “Also muss es ein Miteinander der SPÖ und ÖVP geben. Wenn nicht, frage ich mich, wozu soll ich zur Wahl gehen, wenn nicht wichtig ist, was die Wähler wollen!” Die Frau Rosemarie spricht Hans Dichand sicher aus der Seele.

Posted: November 20th, 2006
Categories: for profil
Tags: ,
Comments: No Comments.