“Die Palin-Blase ist geplatzt!”

Interview. Der ehemalige Clinton-Berater Stanley Greenberg über den Hype um die republikanische Vizepräsidentschaftskandidatin, die Krise an der Wall Street und das amerikanische Bekenntnis zur multikulturellen Kultur. (für profil; aus New York/USA)

profil: Diese Woche treffen Barack Obama und John McCain in der ersten großen TV-Debatte aufeinander. Sie haben Präsidentschaftskandidaten von Bill Clinton über Al Gore bis John Kerry beraten. Welches Wählerpotenzial lässt sich mit gutem Coaching bewegen?

Greenberg: Viele Amerikaner halten sich ihre Entscheidungen sehr bewusst bis zu den Debatten offen. Die Reden der beiden Kandidaten auf ihren jeweiligen Parteitagen haben mehr Amerikaner gesehen als die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in China. Ich bin sicher: Das steigert sich mit den Debatten sogar noch. Als Al Gore vor acht Jahren in die erste Debatte ging, lag er fünf Prozentpunkte voran. Als er nach der letzten herauskam, lag er fünf Prozentpunkte zurück. So eng wie das Rennen momentan ist, werden die TV-Duelle ausschlaggebend sein.

Stanley Greenberg (provided by gqrr)

profil: Derzeit überschattet die Wall-Street-Krise den Wahlkampf. John McCain versucht, die Frage der Wirtschaftskompetenz zu einer Führungsfrage zu machen. Hat er damit eine Chance?

Greenberg: Stichworte wie “Deregulierung” und die Gier von Unternehmen, die diese unfassbare Situation verursacht haben, werden ganz klar der Bush-Administration – und damit zum Teil McCain – zugerechnet. Für John McCain dürfte es nun ungemein schwer werden. Er versucht, auf die Populismuskarte zu setzen, und verspricht, die Wall Street zur Verantwortung zu ziehen. Das ist auch seine einzige Chance. Aber ich denke nicht, dass er das plausibel machen kann.

profil: In den vergangenen Wochen kamen die Demokraten kaum aus der Defensive, in die sie durch die Nominierung der Gouverneurin von Alaska, Sarah Palin, zur republikanischen Kandidatin für die Vizepräsidentschaft gedrängt wurden. Es gab einen regelrechten Sarah-Hype. Zynisch könnte man also sagen, der Bankrott eines Bankhauses war ein Segen für Obama?

Greenberg: Die Wirtschaftskompetenz wird nach acht mehr oder minder erfolglosen Bush-Jahren natürlich den Demokraten zugerechnet. Vor allem aber wurden die Menschen schlagartig zurück in die politische Realität geholt. Nun wurde ihnen klar, um welch ernsthafte Themen es jenseits von Sarah Palin tatsächlich geht. Das Kapitel Palin wurde damit vorerst einmal geschlossen, und die Menschen konzentrieren sich wieder auf ernsthafte Themen.

profil: Die Umfragen zeigen derzeit keine so klaren Verhältnisse. Obwohl fast 70 Prozent der Amerikaner glauben, das Land sei auf dem falschen Weg, liegen die Kandidaten Kopf an Kopf.

Greenberg: Es ist sehr gut möglich, dass McCain gewinnt. Es ist ein enges Rennen. Und das ist es nur, weil McCain sich von Bush und seiner polarisierenden Ideologie distanziert. Er ist ein Neo-Konservativer. Gleichzeitig aber aber steht er für eine Politik der internationalen Kooperation und des Multilateralismus – beispielsweise innerhalb der NATO. Und egal, ob Obama oder er gewinnt: Die Welt wird jedenfalls ein anderes Amerika erleben.

profil: Es ist aber auch gut möglich, dass wir – bedenken wir das Alter und die Krankengeschichte von McCain – bald eine Präsidentin Palin erleben.

Greenberg: Präsidentin Palin? Gott bewahre die Welt davor! Sie ist schon als Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten kaum vorstellbar. Aus McCains Sicht war die Entscheidung sicher sinnvoll, weil sie ihm im Wahlkampf weiterhalf. Letztlich ist es aber eine unfassbare und skrupellose Entscheidung. Und er wird auch die Verantwortung dafür übernehmen müssen.

profil: Zumindest die rechte Basis ist begeistert von dieser Wahl. Wird sich dieser Hype über die republikanischen Parteigrenzen ausbreiten, oder ebbt er bis zum Wahltag ab?

Greenberg: Vor wenigen Tagen führte McCain noch mit geringem Vorsprung, nun liegt wieder Obama vorn. Und Sarah Palin wird zunehmend negativ wahrgenommen. Unter den vier Präsidentschaftsrespektive Vizepräsidentschaftskandidaten ist sie die Unbeliebteste. Ich denke, diese Blase ist geplatzt.

profil: Man könnte aber auch einfach sagen, sie polarisiert mehr als Joe Biden, Obamas Kandidat für den Vizepräsidenten.

Greenberg: Ihre Kür hatte zweifellos enorme Auswirkungen auf McCains Kampagne. Die Republikaner waren demoralisiert und gespalten. Durch ihre Wahl konnten die Wirtschaftskonservativen mit den religiösen Gesellschaftskonservativen geeint werden. Die Basis ist nun ungleich begeisterter als zuvor, ihre Stimme für John McCain abzugeben. In Anbetracht der Alternativen war sie auf jeden Fall eine gute Wahl – zumindest für ihn. McCain war aber fast gezwungen, einen religiös-konservativen Kandidaten zu wählen. Andernfalls wäre die Inszenierung seiner Nominierung auf dem Parteitag wohl ein Desaster geworden. Viele hatten schon erwartet, dass die Leute auf ihren Händen sitzen würden, wenn er einen moderaten Kandidaten kürt. Das sagt schon einiges über die Republikaner aus.

profil: Anlässlich der Wahlen vor vier Jahren haben Sie ein Buch geschrieben: “Die beiden Amerikas”. Gibt es diese nach wie vor?

Greenberg: Nein, seit dem politischen Erdrutsch der Kongresswahlen 2006, mit dem die Demokraten die politische Landkarte der USA umkrempelten, gibt es die beiden Amerikas nicht mehr. Mittlerweile ist das Buch also leider eher ein Geschichtswerk. Man könnte aber auch sagen: zum Glück! 2006 signalisierte das Ende für George Bushs ideologische und korrupte Strategie, das Land zu spalten.

profil: Die so genannten Swing States, auf die sich Obama konzentriert, sind untypisch für einen Demokraten. Er macht verstärkt Kampagne in Colorado, Nevada und New Mexico. Diesmal könnte gerade der Westen entscheiden: Kollegen von Ihnen sagten kürzlich, wer diese Bundesstaaten gewinne, gewinne die Wahl.

Greenberg: Das ist gut möglich, und da hat Obama gute Chancen. In New Mexico liegt er bequem voran, in Colorado hat er einen leichten Vorsprung, und in Nevada liegen Obama und McCain Kopf an Kopf. Darum ist diese Wahl so anders. Bei Clintons Sieg 1992 oder den Wahlen 2000 oder 2004, bei denen Bush gewann, waren Michigan und Ohio entscheidend.

profil: Aber in Michigan hat Obama gute Chancen.

Greenberg: Sehr gute Chancen sogar. Und wenn er tatsächlich Ohio gewinnt, dann ist die Wahl gelaufen. Das ist die Stärke Obamas: Er hat mehr als nur eine Möglichkeit offen. McCain dagegen muss all diese westlichen Bergstaaten gewinnen, sonst hat er die Wahl verloren.

profil: In vielen dieser Swing States spielt die Hautfarbe noch immer eine starke Rolle. Werden ältere weiße Wähler für einen jungen Afroamerikaner stimmen?

Greenberg: Obama liegt bei den weißen unter 40-Jährigen voran und hat sogar doppelt so viele der unter 30-jährigen Weißen als McCain auf seiner Seite. Aber Obama repräsentiert ein multikulturelles Amerika, mit dem sich ältere Wähler nicht so wohl fühlen. Für sie ist die Hautfarbe sicher noch immer ein Thema. Und McCain ist zudem einfach alt. Allein das macht ihn für ältere Wähler schon zum attraktiveren Kandidaten. Und er ist ein großer Patriot und bewunderter Kriegsheld. Das ist etwas, dem sich ältere Wähler verbunden fühlen. Obama ist hingegen der Kandidat einer ihnen unverständlichen Aufbruchs- und Jugendkultur.

profil: Der ehemalige New Yorker Bürgermeister Rudi Giuliani meinte in einer Rede auf dem republikanischen Parteitag, ein Aufstieg wie jener von Barack Obama sei nur in diesem Land möglich. Giuliani meinte es ironisch. Aber hat er vielleicht Recht?

Greenberg: Wenn Barack Obama gewinnt, würde das die Vielfalt dieses Landes repräsentieren. Die USA hatten zuletzt keinen guten Ruf in der Welt. Es wäre ein Statement. Ein Signal für ein neues Amerika, mit grundlegend veränderter Beziehung zur Welt. Ein solches Statement wäre dringend nötig.

Posted: September 22nd, 2008
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