Die Abschiebung des Tigers

Asyl. Als “Black Pearls” führten sie die Eichgrabener Kicker zu neuen Höhen: wie eine Gemeinde gegen die Ausweisung ihrer Nigerianer kämpft und einem davon eine neue Existenz schenkte. (für profil)

Zumindest einen letzten Rest von Stolz und Würde versuchte er zu bewahren. Innig drückte er in der sterilen Abflughalle des Flughafens Wien-Schwechat all die Freunde, die ihm bis zuletzt mit all ihren Möglichkeiten beigestanden hatten und schließlich doch machtlos gewesen waren: die Teenager, die er trainiert hatte und die ihn zu ihrem Bruder machen wollten; deren Eltern, die bereits mit dem Gedanken gespielt hatten, ihn zu adoptieren. Immer hatte er es verstanden, sie alle mit einem Wort, einer Grimasse oder einer seiner seltsam-witzigen Bewegungen zum Lachen zu bringen. Nur dieses Mal waren die Tränen stärker. Zwei Dutzend Vertraute begleiteten die letzten geschmeidigen Schritte, die der “Tiger”, wie sie den immer fröhlichen Twen nannten, auf österreichischem Boden machen sollte. Als Emmanuel Antiga die Schleuse der Passkontrolle durchschritten hatte, drehte er sich noch einmal um, winkte und weinte. Er sei fix und fertig gewesen, sagt eine, die dabei war. Aber man habe bei ihm immer das Gefühl gehabt, dass er lächelt – auch, wenn er einmal nicht lächelte.

Emmanuel Antiga durfte nicht bleiben – Integration und Fürsprecher hin oder her. Der wendige Libero des SV Eichgraben mit der Rückennummer 4 bestieg an jenem Jännertag vor genau einem Jahr die sonntägliche Linienmaschine ins nigerianische Lagos. Mit seinem Asylantrag kam er bei den Behörden ebenso wenig durch wie mit seiner Geschichte: der einzige Sohn eines Voodoo-Priesters, der nach dem frühen Tod seiner Mutter beim christlich geprägten Onkel aufwächst und schließlich vor seinen Stammesbrüdern fliehen muss, weil diese ihn bei Todesdrohung zwingen wollen, als einziger Nachkomme des Schamanen die heidnisch-grausamen Stammesrituale fortzuführen – wer kauft einem das schon ab?!

Unbesiegbar. Tiger musste gehen, er war der Erste. Zurück bleiben drei afrikanische Burschen, die in ständiger Angst leben, Tiger nun auf seinem Weg zurück folgen zu müssen. Anthony, Victor und Junior, drei tolle junge Kicker, die aus nächster Nähe mitansahen, wie ihre Freunde, Fans und Förderer im kleinen Eichgraben trotz aller Versprechen und Interventionen nichts für sie tun können, wenn die Behörden die Möglichkeiten der Anfang 2006 verschärften Fremdengesetze ausschöpfen.

Dabei waren sie alle doch einmal unbesiegbar gewesen.

Als der SV Eichgraben im Sommer 2004 in der zweiten Klasse Traisental wie in den Jahren davor auf dem vorletzten Tabellenplatz der untersten Liga herumgrundelte, stößt das magische Quartett aus Nigeria zur Mannschaft. Ein eigenwilliger Manager hatte die vier Afrikaner bei Trainingsspielen im Flüchtlingslager Traiskirchen entdeckt und in das 3000-Seelen-Dorf am Rande des Wienerwalds vermittelt, wo sie gleichsam über Nacht zu Stars wurden. 20 Tore macht in jener Herbstsaison allein Anthony, der Jüngste der Vierertruppe. Allen Verteidigern zieht der spritzige Stürmer davon. Die Sportreporter der Lokalblätter loben die Spielfreude der “Black Pearls” über den grünen Klee. Statt der üblichen 20 bis 30 müde klatschenden Spielerverwandten bejubeln nun 200 bis 300 Zuschauer Woche für Woche das erfolgreiche Team. Und der SV Eichgraben katapultiert sich in jener Saison vom vorletzten auf den zweiten Tabellenplatz – punktegleich mit dem damaligen Herbstmeister.

Der Verein richtet seinen neuen Stars eine kleine Wohnung über dem Klubhaus ein, sie trainieren die Nachwuchsmannschaften, helfen ab und an in den umliegenden Gärten mit, und “Der Eichgrabener”, die gemeindeeigene Zeitung, sucht jegliche Drogendealer-Vorurteile der letzten skeptischen Einheimischen mit zu entkräften: Die jungen Afrikaner würden brav in der Bibel lesen. Was zumindest in Tigers Fall sogar stimmte. Bei der Mette, am Nachmittag des Heiligen Abends, sangen Victor und er gar ein Duett.

Die Schilderungen von Vereinsfunktionären, Mitspielern und deren Familien zeichnen das Bild einer perfekten Integrationsidylle. “Wenn irgendwo so was funktioniert hat, dann hier bei uns in Eichgraben”, sagt die Lehrerin Elisabeth Hammerl. Sie war es schließlich, die sich gemeinsam mit der Familie von Ursula Leutgöb für Tigers Verbleib in Eichgraben starkmachte. Hunderte Unterschriften wurden gesammelt, bei den Sachbearbeitern der Behörden vorgesprochen, selbst der örtliche ÖVP-Landtagsabgeordnete eingespannt, um bei der Innenministerin zu intervenieren. Das ganze Netz an Kontakten wurde ausgenützt, um im menschlichen Einzelfall die scharfen Gesetze so wohlwollend wie möglich auszulegen. “Alles zwecklos”, sagt Hammerl. “In diesen Momenten merkt man erst, wie machtlos man im eigenen Land ist.”

Schnell & kitschig. So wollten die Eichgrabener zumindest in Tigers Heimatland etwas ausrichten. Den Ausschlag gab ein Beitrag der ORF-Sendung “Thema” über Youth Care International: Barbara Rupp, eine pensionierte steirische Ärztin, hatte in Graz einen nigerianischen Megafonverkäufer kennen gelernt, der sich als gelernter Mathematiklehrer entpuppte. Gemeinsam sammelten sie Spenden, um schließlich das “Holy Trinity”-Schulzentrum im nigerianischen Uromi aufzubauen, wo inzwischen mehrere hundert Kinder unterrichtet werden. “Als ich den Beitrag gesehen habe, wusste ich, das wäre was für Tiger”, sagt Hammerl. Sie kontaktierte Barbara Rupp und erzählte ihr Emmanuel Antigas Geschichte. Danach lief alles ebenso schnell wie beinahe kitschig ab: Via Eichgraben und Graz wurde der 22-Jährige als Sportlehrer von Lagos nach Uromi vermittelt, sein Gehalt monatlich von den Spenden der Eichgrabener bezahlt. Fußballklub, Verschönerungsverein, Pfarrgemeinderat – selbst bei der Weihnachtsfeier der Pensionisten wird gesammelt. Oft lagen Geldkuverts im Briefkasten der Leutgöbs, Menschen steckten ihnen im Ort zehn Euro zu. Für den Tiger. In Nigeria.

Tigers Rückkehr nach Nigeria war nicht mehr zu verhindern. Doch Emmanuel Antiga durchschritt die Schleuse der Passkontrolle mit Stolz und Würde, vielleicht nur ein wenig beschämt von der Großzügigkeit seiner Freunde. Um ihm Schubhaft und Abschiebung mit Polizeigewalt zu ersparen, legten die Dorfbewohner schon damals zusammen: für ein Flugticket zurück nach Hause. Mit Kappen, T-Shirts, Schuhen und Schokolade als Geschenke im Gepäck, die ihn nicht als Gescheiterten auswiesen, sondern als stolzen Sieger – ein Gefühl, das Tiger mit seinen Leistungen als Kicker den Eichgrabenern oft genug geschenkt hatte.

Für den Job und alles andere ist er mehr als dankbar. “Mein Traum ist es, sie alle wiederzusehen”, sagt Tiger am Telefon zu profil. “Sie haben mir ein neues Leben ermöglicht, und das werde ich ihnen nie vergessen.” Dass er nicht hier bleiben konnte, schmerzt ihn.

Sein Rückflugticket nach Österreich, das er immer noch in der Tasche hat, läuft nächste Woche ab.

Er wird es nicht mehr brauchen.

Über den anderen drei der “Black Pearls” aus Eichgraben hängt weiter das Damoklesschwert der Abschiebung. Integration hin oder her.

Posted: Januar 2nd, 2007
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