Der verschmähte Mäzen

Fußball. Frank Stronach kehrt Austria Wien und der Bundesliga den
Rücken. Der Milliardär, der mit den Violetten Europacupsieger und mit
Österreich Weltmeister werden wollte, scheiterte ausschließlich an
sich selbst.
(für profil)

Der Sicherheitsmann am Eingang bewies Mut. „Es tut mir leid, aber
ich kann Sie nur mit einer Stimmkarte in den Saal lassen.“ Gerade
hatte Michael Häupl als Vorsitzender des violetten Kuratoriums die
drohende Revolte einiger Funktionäre niedergeschlagen, nun musste
sich der Wiener Bürgermeister wie jedes andere Vereinsmitglied der
Registrierungsprozedur unterziehen. Die Generalversammlung des FK
Austria Magna, die Donnerstag vergangener Woche im Wiener
Rathauskeller stattfand, brachte unter enormem Medienrummel ein
denkbar kurioses Ergebnis. Sie schaffte Gewissheit, ohne
Spekulationen zu beenden. Und leitete das Ende der Ära eines Mannes
ein, der den Verein durch einen langfristigen Vertrag noch bis zum
Juli 2007 in der Hand hat.

Der drohende Umsturz durch eine kleine Gruppe von
Austria-Mitgliedern unter Führung des Geschäftsmannes Helmut Denk
(siehe Kasten) blieb aus. Präsident Peter Langer blieb
trotz 7000 Protestunterschriften von Fans ebenso im Amt wie seine
beiden Stellvertreter: Magna-Mann Andreas Rudas und
„News“-Chefredakteur Peter Pelinka.

Frank Stronach selbst, der sich als Zielscheibe der Attacken sah,
blieb der Krisensitzung fern. Er hatte seine Entscheidung schon in
den Tagen zuvor gefällt. Montag vergangener Woche kündigte er via
Presseaussendung seinen Abschied von der Wiener Austria an, drei Tage
darauf trat er als Bundesligapräsident ab. Er scheide nicht im Zorn,
versichern Vertraute, sei der Austria immer noch – nach all den
Anfeindungen – wohl gesonnen, wolle nur ihr Bestes.

Kein Groll. Es entzieht sich der Vorstellungskraft des
Durchschnittsbürgers, dass ein Mann, der bis zu 100 Millionen Euro in
einen Verein investierte und nun von diesem verstoßen wird, keinerlei
Emotionen hegen soll. Kein Hauch von Groll gegenüber den einfachen
Fans nach dutzenden „Magna raus!“-Transparenten, die sie auf der
Westtribüne im Wiener Horr-Stadion affichierten? Kein Unmut gegenüber
kleinen Funktionären, die sein finanzielles Engagement für den Verein
nicht zu schätzen wussten? „Weil mir die Zukunft der Austria wichtig
ist, möchte ich den Betriebsführungsvertrag mit dem FK Austria Wien
auflösen“, ließ er Montag vergangener Woche schriftlich und
auffallend gelassen wissen. „Es gibt zurzeit inner- und außerhalb des
Vereins große Unruhe und viele verschiedene Meinungen darüber, wie
und von wem der FK Austria geführt werden soll. Eine solche Situation
ist für die Zukunft eines Vereins nicht gut.“

Im Fußball wollte sich der großzügige Gönner Stronach jene Freunde
machen, die sich der knallharte Geschäftsmann Stronach nie leisten
konnte. Bei Gala-Abenden der Sportprominenz wurde der rote Teppich
ausgerollt, mit dem einzigen Meisterteller seiner Ära in Händen wurde
er sogar einmal von den Fans bejubelt.

Im VIP-Sektor der Austria-Tribüne haderte man weniger mit Stronach
selbst als mit seinen falschen Einflüsterern. Wer ihm zustimmte,
genoss bei ihm Ansehen, wer ihm widersprach, machte sich in seinen
Augen der Arbeitsverweigerung schuldig. Streckte Stronach seine Hand
aus, gab er Geld oder entschied mit gesenktem Daumen über das
Schicksal von Trainer oder Sportdirektor. Er selbst sah das
differenzierter. „Ich brauche keine Einflüsterer“, sagte er. „Ich
hole mir Fakten, dann entscheide ich. Schnell und allein.“ Und leider
zu oft falsch.

„Wer zahlt, schafft an“, wurde zur Klubphilosophie am
Verteilerkreis Favoriten, wo sich das Horr-Stadion, die Heimstätte
der Austria, befindet. Dabei hatte Stronach nie verstanden, dass ein
Fußballverein nicht wie ein Unternehmen zu führen ist. „Er hat es
nicht geschafft, einen Vertrauensmann für die sportlichen Belange bei
der Austria zu installieren, der ihm all das zurückgeben hätte
können, was er sich verdient hätte“, sagt Austria-Legende Herbert
Prohaska. „Aber er ließ es einfach selbst nie zu.“

Identifikationsprobleme. Mit Ikonen wie Prohaska hat die Austria
unter Stronach gebrochen. Die Fans konnten sich immer weniger mit dem
Klub identifizieren. Prohaska, der im Jahr 2000, als Stronach gerade
bei der Austria eingestiegen war, als Trainer fungierte, hatte nie
einen Zugang zum Austrokanadier gefunden. Schon im April 2000 kam es
zum Eklat. „Ehrlich gesagt, liegt mir viel daran, dass es nie mehr zu
einem Treffen mit Stronach kommt“, schrieb Prohaska in seiner
kürzlich erschienen Biografie. „Es wird immer einen Bogen geben, den
ich um ihn machen kann.“ Denselben Bogen macht auch Toni Polster. „So
viel Macht wie der Toni hat noch nie einer gehabt bei Austria, er
wird für alles zuständig sein. Ein Superbursch“, verkündete Stronach
vollmundig bei Polsters Engagement als Generalmanager im Herbst 2004.
Mittlerweile treffen die beiden einander bestenfalls noch vor Gericht
- im Arbeitsrechtsprozess, den Polster wegen seiner fristlosen
Entlassung gegen die Austria führt.

Den Nimbus des reichen und darob von allen vergötterten Gönners
konnte er nie genießen. Auch in der Bundesliga, die er durchaus
sinnvoll reformierte, musste er sich wegen seiner Doppelfunktion und
dem Verkauf der TV-Rechte an den Abo-Sender Premiere immer Kritik
gefallen lassen. Einzig sein Herz für den Nachwuchs stellte nie
jemand infrage. Die Fußballakademie in Hollabrunn lässt sich Stronach
bis heute zwei Millionen Euro pro Jahr kosten.

Vielleicht mag der Neidgedanke eine Rolle spielen, dem sich
potente Sponsoren ausgesetzt sehen. Auch in Salzburg revoltierten die
Fans nach dem Einsteig von Dietrich Mateschitz. Doch der
Red-Bull-Boss begab sich zwar organisatorisch, nicht aber sportlich
derart in die Schusslinie wie der Magna-Chef. Mateschitz
verpflichtete die über Grenzen hinweg anerkannte Bayern-Legende Franz
Beckenbauer als Berater, Stronach holte sich mit dem langjährigen
Rapid-Trainer Otto Baric kurzzeitig ein deklariertes Feindbild der
Violetten an seine Seite. Während Mateschitz seinen Trainer trotz
desaströsem Meisterschaftsstart der Salzburger Millionentruppe
unbehelligt weiterwerken ließ, feuerte Stronach den Trainer trotz
Erreichen des UEFA-Cup-Viertelfinales. Der Red-Bull-Boss hält einen
einmal eingeschlagenen Kurs trotz zwischenzeitiger Rückschläge,
Stronach griff immer ins Lenkrad, wenn er nur den Verdacht hegte, es
laufe nicht alles wie geplant.

Doch bei aller Kritik an Stronachs Entscheidungen: Durch seinen
überraschenden Einstieg bewahrte er den Klub vor dem drohenden
Kollaps. Beim Rückflug von einem Geschäftstermin in Russland im April
1998 – Stronach hatte eben erst Steyr-Daimler-Puch übernommen -
philosophiert im Sitz neben ihm einer, der in beiden Welten zu Hause
war, über potenzielle Vorteile von Sportsponsoring für einen Konzern
wie Magna. Freilich nicht ganz ohne Hintergedanken. Rudolf Streicher,
noch Steyr-Generaldirektor und Präsident der Violetten, hatte gerade
die Mühsal der Sponsorsuche für den Fußballklub erlebt. Dem Verein
stand durch das von der EU verfügte Werbeverbot für Tabakwaren der
Abgang des Hauptsponsors Austria Tabak bevor. Die Austria war schon
darangegangen, einzelne Spieler zu verpfänden, und stand dennoch mit
mehr als 40 Millionen Schilling (2,9 Millionen Euro) in der Kreide.
Die Bundesliga drohte mit dem Lizenzentzug. Verbindlichkeiten, die
Stronach mit einer einzigen Überweisung tilgte, und darüber hinaus
garantierte er anfangs 2,9 Millionen Euro pro Jahr. Mittlerweile
verfügt die Austria über ein Jahresbudget von 25 Millionen Euro.

Nachwuchsarbeit. Der breiten Öffentlichkeit war das Gesicht des
Wirtschaftsmagnaten bis dahin nicht übermäßig geläufig. Streicher
hatte alle Mühe, ihn nach der Landung, in der Pause des Länderspiels
gegen die USA, in den VIP-Klub des Wiener Happel-Stadions zu
schleusen. Österreich ging 0:3 unter. Stronachs Analyse: Der
Nachwuchs werde in Amerika besser gefördert. Dafür werde er nun in
Österreich sorgen. Streicher brauchte die Geldquelle, die im Begriff
war zu sprudeln, nur zu kanalisieren. Bei einem Telefonat am nächsten
Morgen legte er nach: „Frank, wenn du dich im Fußball engagieren
willst, dann denk bitte an die Austria.“

Damit legte er den Grundstein der Zweckehe. Und indirekt für jenen
Betriebsführungsvertrag mit dem Magna-Unternehmen Sport Management
International (SMI), dessen Inhalt vergangene Woche bekannt wurde und
ein Mitgrund für die Aufruhr im violetten Lager war. Der Kontrakt
verpflichtet Stronach beim Abgang nur, der Austria 26 Hobbykicker
ohne jegliche Qualifikation zu hinterlassen. Bis Juli 2007 bleibt er
in Kraft, sollte die Austria bis dahin keine Ersatzsponsoren haben.
Stronach sah in dieser Allmacht die Notwendigkeit für seine Pläne.

„Wir wollen bis 2002 die Austria an die Europaspitze führen“,
hatte der Austrokanadier angekündigt. Mit den Großen im
internationalen Klubfußball wie Real Madrid oder Liverpool wollte er
mitmischen, mit Chelsea-Mäzen Roman Abramowitsch auf Augenhöhe
kommunizieren. Für seine schrullig-charmante Utopie rüstete Stronach
entsprechend auf. Insgesamt 78 Kicker transferierte er innerhalb von
sechs Jahren zur Austria. Ein Trainer wie Walter Schachner, der mit
der Austria nach der Herbstsaison 14 Punkte voranlag und mit dem GAK
Meister wurde, war für seine Pläne eine Nummer zu klein. Unter der
Regie von Sportdirektor Peter Svetits musste der Deutsche Christoph
Daum her.

Teure Topstars. Doch vor den wirklich großen Namen zuckte selbst
Stronach zurück. Svetits und Daum wollten klotzen, nicht kleckern.
Den Kroaten Robert Kovac von Bayern München hatte Daum ganz oben auf
seinem Wunschzettel. Dazu wollte Svetits den argentinischen
Mittelfeld-Nationalspieler Gustavo Lopez von Celta de Vigo sowie den
Engländer Steve McManaman und den Spanier Albert Celades (beide Real
Madrid) verpflichten. Auch bei Andrei Schewtschenko klopfte Svetits
an, als dieser beim AC Mailand die Ersatzbank drückte. Erst am
Mittwoch vergangener Woche schoss der Ukrainer mit vier Treffern
Daums jetziges Team, Fenerbahce Istanbul, im Alleingang k. o.

So trägt sich Stronach lediglich mit einem Meistertitel, zwei
Cupsiegen und einem Viertelfinale im UEFA-Cup in die Annalen des bald
95-jährigen Traditionsvereins ein. „Das neue Stadion in Rothneusiedl
will Stronach trotzdem bauen“, versichert Andreas Rudas. Auch an
Akademie und Amateurmannschaft hält er fest. Sollte er nun von Zeit
zu Zeit ein Heimspiel der violetten Profis in seiner verglasten Loge
des Horr-Stadions verfolgen, werden ihn mitleidige Blicke treffen.
Vielleicht wird ihm in der Pause mancher aufmunternd auf die Schulter
klopfen. Irgendwann wird ihn möglicherweise der Hauch eines
tragischen Helden umwehen und er von den Austrianern respektiert
werden. Doch lieben werden sie ihn nie.

Posted: November 28th, 2005
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