Arbeitsverhinderung
Integration. Einmal in einer geschützten Werkstätte, schaffen behinderte Menschen nur selten den Sprung in die Privatwirtschaft. Dafür entwickeln sich die Werkstätten zu stattlichen Betrieben. (für profil)
Es war ein erfolgreicher Tag für Wolfgang Sperl. Einer seiner besten Mitarbeiter hatte gekündigt und einen Job bei einem anderen Unternehmen angenommen. “Auftrag erfüllt”, dachte sich der Geschäftsführer. “Wieder einer weniger.” Der Elektromechaniker, der das Unternehmen verließ, war unter Kollegen sehr angesehen und Vorarbeiter einer kleinen Abteilung des Betriebs gewesen. Und eigentlich ließ ihn sein Chef nur ungern ziehen. Adäquaten Ersatz zu finden war schwer. “Doch wir sind eben dazu da, unsere Leute loszuwerden”, sagt Wienwork-Chef Sperl. “Eine schizophrene Situation.”
Wienwork ist einer von insgesamt acht integrativen Betrieben, die sich in Österreich aus den so genannten geschützten Werkstätten entwickelt haben. Sie beschäftigen insgesamt rund 1500 Menschen mit Behinderung. Den Mitarbeitern zu ermöglichen, berufliche Qualifikationen zu erwerben und solcherart deren späteren Übertritt in privatwirtschaftlich geführte Unternehmen zu ermöglichen, waren primäre Ziele der integrativen Betriebe.
Doch die Durchlässigkeit zwischen so genanntem zweitem Arbeitsmarkt, den geschützten Werkstätten, und erstem Arbeitsmarkt, der Privatwirtschaft, gestaltet sich zunehmend schwieriger. Nur wenige Mitarbeiter schaffen den Absprung aus der Sicherheit der integrativen Betriebe, hinein in die raue Welt des freien Arbeitsmarkts. Im vergangenen Jahr 2002 verließen lediglich vier der insgesamt 88 behinderten Mitarbeiter ihren Arbeitgeber Wienwork, um auf dem freien Markt anzuheuern. Auch die meisten anderen geschützten Werkstätten können keine deutlich höheren Erfolgsquoten vorweisen.
Wienwork-Chef Wolfgang Sperl, gleichzeitig auch Sprecher aller integrativen Betriebe Österreichs, will diese Zahlen allerdings nicht als Indiz für einen generellen Fehlschlag des Integrationsprojekts interpretieren. Schon lange betrieben die geschützten Werkstätten nicht mehr bloß Beschäftigungstherapie für Menschen mit Behinderungen, sondern hätten sich längst zu teilweise respektablen Wirtschaftsbetrieben gemausert. “Jeder Betrieb hat da seine ganz eigene Entwicklung durchgemacht”, so Sperl. Zwar seien viele weiterhin in traditionellen Branchen wie der Holz- oder Metallverarbeitung tätig – so auch Wienwork -, einige sind mittlerweile aber auch in technologisch anspruchsvollere Geschäftsfelder wie den Elektronikbereich eingestiegen. So versteht sich die Geschützte Werkstätte St. Pölten mit seinen 358 Mitarbeitern als Industriezulieferer für Konzerne wie Siemens oder VA Tech. “Wir unterscheiden uns kaum von einem herkömmlichen Industriebetrieb”, sagt Geschäftsführer Johannes Pfleger. “Nur werden die Mitarbeiter bei uns sozial besser betreut als draußen.” Außerhalb der geschützten Werkstätten herrsche ein erheblich rauerer Wind, das geförderte Tempo sei höher und Fehler würden Behinderten im Ernstfall nicht so verständnisvoll nachgesehen wie im geschützten Bereich.
Baldige Rückkehr. Das sei jedoch keineswegs ein neues Phänomen, sondern auch in der Vergangenheit so gewesen. “Viele unserer Mitarbeiter haben den Wechsel versucht und ein paar Wochen in privatwirtschaftliche Betriebe reingeschnuppert”, so Pfleger. Doch viele seien bald wieder zurückgekommen. Die Arbeitswelt draußen sei für viele doch zu viel Belastung. “Hier haben sie einen Arbeitsplatz schon über mehrere Jahre hinweg.” Das biete Sicherheit. “Viele wollen nicht weg.”
Was vielen Mitarbeitern anscheinend recht ist, hat auch für deren integrative Chefs Vorteile. Verliert ein Behindertenunternehmen einen seiner besseren Mitarbeiter, müssen oft Produktionsabläufe umgestellt oder gewisse Aufträge abgelehnt werden. Geht ein leistungskräftiger Mitarbeiter, sind als Folge möglicherweise mehrere schwächere unterbeschäftigt – eine Kettenreaktion. “Klar, dass sich die geschützten Werkstätten sprichwörtlich keinen Haxen ausreißen, um die besser qualifizierten Leute auf dem freien Markt unterzubringen”, kritisiert Manfred Srb, der ehemalige Behindertensprecher der Grünen, der mittlerweile für die Behindertenorganisation Bizeps tätig ist. “Das Problem ist systemimmanent.”
Die 1500 Arbeitsplätze in den integrativen Betrieben sind vom Sozialministerium mittlerweile garantiert. Mitarbeiter, die dort tätig sind, brauchen auch nicht mehr weitervermittelt zu werden. Darum wurden nun Berufsvorbereitungskurse geschaffen, in denen Menschen mit Handicap ganz konkret für die privatwirtschaftliche Arbeitswelt trainiert werden sollen.
Mit dem Wechsel von einer Beschäftigungstherapieeinrichtung in die freie Wirtschaft verlieren Behinderte jedoch einen Teil ihrer zusätzlichen Sozialleistungen. Verlieren sie den Job wieder, gibt es kein Zurück ins soziale Netz. Sie werden wie gewöhnliche Arbeitslose behandelt, weil sie schon einmal arbeitsfähig waren.
“Eine Katastrophe für die Betroffenen”, sagt Wienwork-Chef Sperl. “Darum sind die tausenden Beschäftigungsplätze in Österreich für behinderte Menschen ja so wichtig.”
Wettbewerbsverzerrung? Die geschützten Werkstätten sind aber auch einigen Wirtschaftstreibenden ein Dorn im Auge. Durch den mittlerweile teils sehr hohen Professionalisierungsgrad stehen sie oft in direkter Konkurrenz zu privatwirtschaftlichen Anbietern. Während sich Letztere aber keine Verluste erlauben können, werden die Defizite der Integrationsbetriebe oft aus Mitteln der öffentlichen Hand gedeckt. Wie hoch die Zuschüsse sind, hängt jedoch wieder vom unternehmerischen Geschick der jeweiligen Geschäftsleitung ab. So konnten die Wiener Geschützten Werkstätten zuletzt nur mehr 34 Prozent ihrer Kosten aus erwirtschafteten Umsätzen decken. Wienwork hingegen kam auf einen Deckungsgrad von rund 70 Prozent. “Wettbewerbsverzerrung” orten hier einige Wirtschaftstreibende. Freilich nur inoffiziell – direkte öffentliche Attacken auf Betriebe, die großteils behinderte Mitarbeiter beschäftigen, wären dem eigenen Unternehmensimage nicht gerade zuträglich. Zudem wurde die Wettbewerbssituation für integrative Betriebe mit Anfang dieses Jahres deutlich verschärft, indem jene 15-prozentige Bundesförderung gestrichen wurde, die sich Unternehmen bei der Beauftragung von integrativen Betrieben vom Bundessozialamt zurückholen konnten. Sperl: “Wenn die paar Betriebe, denen wir angeblich das Geschäft wegnehmen, unsere Leute anstellen, sperren wir gerne zu. Aber bei uns sind eben auch Menschen tätig, die in der Privatwirtschaft nie einen Arbeitsplatz finden würden.”
Die Privatwirtschaft selbst bleibt in Integrationsfragen großteils säumig. Per Gesetz sind Österreichs Betriebe verpflichtet, pro 25 Mitarbeiter zumindest einen Behinderten anzustellen. Von den 14.500 betroffenen Unternehmen erfüllen jedoch nur rund 3200 die vorgeschriebene Einstellungspflicht von Menschen mit Behinderung. “Der Rest kauft sich lieber von seiner Verpflichtung frei”, kritisiert die Grünen-Behindertensprecherin Theresia Haidlmayer. Rund 66 Millionen Euro häufen sich jährlich im Ausgleichstaxfonds.
Schwierige Zeiten. Ein Vorzeigebetrieb für die Integration von Behinderten ist die Wiener Konditorei von Alfred Neunteufl. Der Unternehmer bildet seit Jahrzehnten gehörlose Menschen zu Zuckerbäckern aus. “Meine Tochter ist selbst gehörlos”, sagt Neunteufl. “Ich weiß, wie schwierig es für Menschen mit einer Behinderung ist, irgendwo genommen zu werden.” 24 Mitarbeiter beschäftigt der Familienbetrieb, vier davon sind gehörlos.
Insgesamt suchen derzeit rund 30.000 Menschen mit Behinderung einen Job. Offene Stellen sind rar. “In wirtschaftlich schlechten Zeiten ist es für Menschen mit Handicap doppelt schwer, einen Arbeitsplatz zu finden”, sagt Beate Sprenger vom Arbeitsmarktservice. Wenn aufgrund gestiegener Arbeitslosenzahlen viele qualifizierte Arbeitskräfte zu haben sind, wird die Bereitschaft der Unternehmen, ausgerechnet einen Bewerber mit einer Behinderung einzustellen, der noch dazu erhöhten Kündigungsschutz genießt, tendenziell eher geringer. “Das erzeugt bei Unternehmen schon gewisse Ängste”, sagt Pia-Maria Rosner von der Wirtschaftskammer.
Der Kündigungsschutz wird gemäß einer Novelle des Behinderteneinstellungsgesetzes zwar erst nach sechs und nicht schon nach drei Monaten wirksam, auch die Möglichkeit von befristeten Dienstverhältnissen wurde geschaffen. Doch Befürchtungen der Unternehmen, dass die Beschäftigung von behinderten Mitarbeitern zu Problemen führen kann, sind nach wie vor verbreitet. “Bei einem nichtbehinderten Bewerber”, so formulierte ein blinder Polizeijurist im ORF-”Report”, “fragt man sich, was er kann. Bei einem behinderten Bewerber, was er nicht kann.”
Mit Arbeitsassistenzen oder Job-Coachings soll derartiger Zurückhaltung entgegengewirkt werden. Einerseits versuchen die bundesfinanzierten Vereine, adäquate Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung zu vermitteln, andererseits die Dienstgeber im Umgang mit behinderten Mitarbeitern zu beraten und bei auftretenden Problemen vermittelnd einzugreifen. “Das Wichtigste wäre der Ausbau der persönlichen Assistenz”, moniert Maria Brandl von der Behindertenorganisation Integration Österreich. Dann könnten wesentlich mehr Menschen mit Behinderung ins Arbeitsleben integriert werden. Konkretes Beispiel: Ein hoch qualifizierter Buchprüfer, der halsabwärts bewegungsunfähig ist, beschäftigt jemanden, der ihm auf Anweisung Unterlagen vorlegt, Akten umblättert oder für ihn den Computer bedient, und bezahlt diesen Assistenten über einen Zuschuss der öffentlichen Hand selbst. “Die staatlichen Unterstützungen reichen aber derzeit noch nicht aus, um eine derartige Assistenz rund um die Uhr anstellen zu können”, so Brandl. Obwohl solche Modelle, auch volkswirtschaftlich gesehen, vorteilhaft wären, so Brandl.
Jene drei Millionen Euro, welche die Bundesregierung nun für derartige Zwecke lockermachen will, beurteilt Maria Brandl von Integration Österreich vorerst jedoch noch ein wenig skeptisch. Im Konjunkturpaket verankert, sollte die Assistenz damit für ganz Österreich ausgebaut werden. “Wie das aber genau gehandhabt wird, ist noch nicht klar”, so Brandl. ÖVP-Behindertensprecher Franz-Joseph Huainigg sieht die Finanzspritze positiv: “Damit wird es Menschen ermöglicht, einen Beruf auszuüben, dem sie auch tatsächlich nachgehen wollen.” Und das sollte das langfristige Ziel für jeden Einzelnen sein. “Auch wenn es nur Schritt für Schritt geht.”
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