“Alle kennen mich hier”

Er betete in der Kapelle von Christkindl und wurde vom Bundesliga-Klub LASK beobachtet. Nun sollte er weg. Dennis Maklele, 18 Jahre alt, rammte sich am Stadtplatz von Steyr ein Messer in den Bauch. (für profil)

Der Wirt vom Café Postmann kämpft mit einem doppelten Schock: Er kann es immer noch nicht fassen, dass ein junger Schwarzafrikaner vor seinen Augen blutend zusammenbrach, nur wenige Meter vor seinem Lokal. Und es schockiert ihn immer noch, dass er auf dem mittags so belebten Steyrer Stadtplatz der einzige Helfer war. Erst Minuten später blieben die ersten Schaulustigen stehen.

Montag, 8. Oktober, 10.00 Uhr: Diesem Tag hatte Dennis Maklele über einen Woche lang entgegengezittert. Die Fremdenpolizei hatte ihn für jenen Montag vorgeladen. “Er hatte panische Angst vor diesem Tag”, sagt eine gute Freundin. Mit einem halben Dutzend anderer begleitet sie ihn zur Behörde, um ihm Mut zu machen.

Der Fremdenpolizist ist so freundlich, wie er kann. Doch das Juristendeutsch der Botschaft, die er zu überbringen hat, lässt sich nicht verblümen: Dennis Maklele, Ihr Asylantrag wurde in zweiter Instanz abgewiesen, Sie sind illegal im Land und können jeden Moment abgeschoben werden.

Dass dies nicht sofort erfolge, nahm Maklele dabei nicht mehr wahr. Benommen, geistig abwesend, taumelt der Schwarzafrikaner aus dem Wachzimmer im geschichtsträchtigen Schloss Lammberg.

“Ich habe keine einzige Person in Nigeria”, stammelte er immer wieder. “Ich verstehe nicht, warum sie mich zurückschicken.” Mit Freunden sprach er nie über seine Erlebnisse dort, blockte stets ab. Dem Asylamt verriet er mehr: dass sein Vater, ein Mediziner, ermordet wurde, nachdem jemand nach seiner Behandlung gestorben war. Dass er die Mutter nie kennen gelernt hatte. Dass er im Alter von elf Jahren allein aus Nigeria flüchtete – ausgerechnet in den Sudan, wo er in die Darfur-Krise geriet, die ihn schließlich im Alter von 15 Jahren nach Europa schwemmte.

Maklele wird immer aufgeregter, wie normalerweise nur, wenn er vom Fußball erzählt; von einem Tor, das er für Vorwärts Steyr geschossen hatte, und die Steyrer ihm zujubelten; von einem Pass, den er beim Probetraining für den LASK gegeben hatte, dem sein Talent aufgefallen war. Der Bundesliga-Klub erwog, den flinken Mittelfeld-Motor zu verpflichten. Doch eine Verletzung hemmte ihn beim Testspiel, der Deal platzte.

“Schreib bitte auf, was ich sage. Machst du das?”, bat er die Freundin, die ihn begleitete. Sie tat ihm den Gefallen: Es wird ein vermeintliches Vermächtnis, ein Zeugnis der Verzweiflung eines jungen Menschen ohne Perspektive (siehe Faksimile).

Maklele steht mit dem Rücken zur Wand. Seine Perspektiven haben sich auf null reduziert. “Ich will ein normales Leben wie ein Mensch führen. Aber die österreichische Regierung sagt, es gibt keine Möglichkeit für schwarze Menschen hier in Österreich.”

Er kopiert den Zettel seinem Wohnheim zigmal, schnappt sich ein Messer, macht sich auf ins Ortszentrum. Dann verteilt der Junge, der Fremden gegenüber als zurückhaltend, fast schüchtern-introvertiert gilt, seine persönlichsten Gedanken in der Steyrer Innenstadt. “Wie Österreich Ausländer behandelt, ist nicht gut. Österreich hasst schwarze Menschen. Ich weiß nicht, warum”, steht auf dem Flugblatt (siehe Faksimile). Seine Heimatstadt nimmt er davon aus: “In Steyr kennen mich so viele Leute. Alle wissen, dass ich nichts Böses tue.” Nie war er mit dem Gesetz in Konflikt gekommen. Im Gegenteil: Maklele wollte arbeiten. Von Bauer zu Bauer war er anfangs marschiert, um sich als Erntehelfer anzubieten. Doch: “Keine Arbeitserlaubnis.” Dazwischen betete der christlich geprägte Afrikaner in der Kapelle von Christkindl mit Freunden für Job und Aufenthaltsrecht.

“Sie wollen mich in Schubhaft nehmen. Ist das normal?”, stammelt Maklele. Sein Zimmer im Jugendheim hatte er sich so wohnlich eingerichtet, als fühlte er sich zum ersten Mal irgendwo wirklich zu Hause, sagt der Heimleiter. Nach seiner langen Flucht, auf der er nur mit der Härte eines Erwachsenen überleben konnte, habe er hier gelernt, wieder Kind zu sein.

Bis ihn die Botschaft jenes Montags wieder um Jahre altern ließ: “Von Afrika hierherzukommen und im Gefängnis zu enden. Das ist zu viel für mich”, schreibt Maklele. “Das ist der Grund, warum ich nicht mehr leben will. Heute wurde entschieden, dass ich zurück nach Nigeria muss. Ich weiß nicht, wo ich anfangen und enden soll.”

Wo er enden will, ist ihm in diesem Moment klar. Er bittet nichts mehr, fordert nichts. Er sticht sich das Messer durch die Bauchdecke. Dann fällt er um, bleibt regungslos liegen.

Der psychische Druck wurde ihm zu viel, sagen Freunde. Er wusste einfach keinen Ausweg mehr.

An jenem Montag rettete der Wirt vom Café Postmann ihm das Leben. Wenig später billigt der Verwaltungsgerichtshof seinem Einspruch aufschiebende Wirkung zu. Für den Moment kann er durchatmen. Es ist nur eine Hoffnung, noch immer keine Perspektive. profil lässt er ausrichten: “Tell the people that the boy needs freedom. Tell the people that the boy needs a normal life. Please.”

Posted: Oktober 15th, 2007
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