535 Euro, Porto inklusive
Gegengeschäfte. Da Österreich Eurofighter kauft, darf ein Tiroler Copyshop ein paar Poster drucken: Die Gegengeschäfte werden immer unglaubwürdiger. Das Wifo will deren Gehalt nicht beurteilen. (für profil)
Viermal im Jahr wird geprüft. Dann kommt die “Plattform Gegengeschäfte” zusammen und blättert im Auftrag des Wirtschaftsministeriums die eingereichten Auftragsunterlagen durch. Einen “technologiepolitischen Schwerpunkt” sollen sie haben, in der Luft- und Raumfahrtindustrie, der Autoerzeugung angesiedelt sein und in der Forschung für Aufträge sorgen – “zusätzliche” wohlgemerkt. Nur wer die gestrenge Prüfung dieser Plattform übersteht, wird auf die offizielle Gegengeschäftsliste des Wirtschaftsministeriums aufgenommen. 522 Transaktionen von 306 österreichischen Unternehmen wurden zwischen 2003 und 2005 bereits angerechnet. Offizieller Gesamtwert: 887 Millionen Euro.
Angeblich.
Denn auf der Liste von Wirtschaftsminister Martin Bartenstein finden sich immer mehr Geschäfte, die an der redlichen Praxis der Offset-Deals zweifeln lassen. Mittlerweile hat sich das Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) von der “Plattform Gegengeschäfte” zurückgezogen. Man könne den volkswirtschaftlichen Nutzen nicht einschätzen. Auf Unterlagen des Wirtschaftsministeriums wird es jedoch immer noch geführt.
Die jüngste Skurrilität: Mitten zwischen Unternehmen wie der Austrian Aerospace und VA Tech, dem Forschungszentrum Seibers-dorf und Steyr-Daimler-Spezialfahrzeugen findet sich auf der Gegengeschäftsliste des Wirtschaftsministeriums das Druckcenter Kufstein. Das Gegengeschäft des kleinen Tiroler Copyshops für den milliardenschweren Eurofighter-Deal der Republik: Man druckte Poster. Eine deutsche Agentur bestellte bei der Grafikerin und Kleinunternehmerin Petra Brünker 500 Stück davon, vierfärbig, Hochglanz, Größe DIN A2, mit dem Aufdruck: “20 Jahre Tornado auf dem Lechfeld”. Die Plakate, die den Militärjet aus dem Hause EADS zeigen, wurden angeblich bei einer Jubiläumsfeier an Mitarbeiter der Deutschen Luftwaffe als Büroaufputz verteilt. Investitionsvolumen des Deals: 535 Euro, 21 Euro Porto bereits inklusive. “Das Ausfüllen der Gegengeschäftsformulare dauerte fast länger als das Drucken der Poster”, sagt Petra Brünker gegenüber profil. Doch der Auftraggeber bat darum, also unterzeichnete sie. Besonders amüsierte sie damals ein Punkt auf dem Formular, mit dem die besondere wirtschaftliche Wichtigkeit des Geschäfts für den Gesamterfolg des Unternehmens attestiert werden konnte.
Weitere sieben Millionen solcher Deals – und das Gegengeschäftsvolumen wäre erreicht.
Die Seltsamkeiten bei den Offset-Geschäften häufen sich. Die Kärntner Schlosserei Harald Hafner, ein familiärer Vier-Mann-Betrieb in Klagenfurt, schweißte für EADS zwei Flugzeugmodelle zusammen. Der Konzern ersuchte um Gegengeschäftsbestätigung. Man fügte sich eben. Wobei die Firmenchefin gegenüber profil versichert: “Wir waren einfach billiger als die deutsche Konkurrenz.” Aber wer legt sich schon wegen eines Formulars für einen Paar-Tausend-Euro-Auftrag mit einem Rüstungskonzern an? Zumindest der Software-Unternehmer Christoph Prinz tat dies: Wie er auch vor dem Untersuchungsausschuss bestätigte, sei er 2005 wiederholt von EADS gedrängt worden, eine Gegengeschäftsbestätigung zu unterzeichnen. Prinz weigerte sich, da sein Unternehmen das Geschäft mit der EADS-Tochter Airbus 2003 selbst angebahnt hatte.
Der burgenländische Flachkabelerzeuger Harald Reisner sah sich sogar genötigt, im Namen seiner Innovation & Technologie AG dem Ministerium einen Brief zu schreiben: Er habe den Aufrag für die Dachverkabelung der Mercedes M-Klasse im Jahr 2002 über rund 40 bis 50 Millionen Euro redlich gewonnen. Sein Unternehmen habe damals als Einziges über das notwendige Know-how verfügt. Ihm sei daher schleierhaft, warum er auf der Gegengeschäftsliste geführt werde. Antwort aus dem Ressort: keine. Mehrfach war er vorher – wie der Software-Unternehmer Prinz – höflich, aber bestimmt ersucht worden, einen Offset-Deal zu bestätigen. Daimler-Chrysler selbst hatte ihn unter Mitwirkung der Eurofighter-Lobbyistin Karin Keglevich lange nach Auftragsvergabe darum ersucht. Denn das Geschäft war nämlich noch vor Vertragsabschluss zwischen Österreich und Eurofighter unter Dach und Fach gewesen.
Zu fragwürdiger Bekanntheit kamen in diesem Zusammenhang mittlerweile auch Großunternehmen wie die Stahlschmiede Pankl Racing Systems AG im steirischen Kapfenberg. “Unsere Geschäftsbeziehungen mit der Flugzeugindustrie bestehen seit Jahren”, meint Generaldirektor Wolfgang Plasser: “Neu sind Aufträge für Triebwerkswellen. Doch es ist schwierig zu sagen, ob wir diese nicht auch so erhalten hätten.” Ähnlich mager fielen die Geschäfte für die Stahl Judenburg GmbH aus. “Man hat uns gebeten, Geschäfte, die wir schon immer gemacht haben, als Gegengeschäfte für Eurofighter zu bestätigen”, heißt es dort: “Gesteigert haben sie sich nicht.” Und selbst der Industrielle Hannes Androsch, der mit Unternehmen wie FACC in der Luftfahrtindustrie im Geschäft ist, meinte bereits, die Aufträge auch sonst bekommen zu haben.
Völlig überrascht war Androsch jedoch, als er von profil erfuhr, dass auch sein steirisches Werk AT&S auf Bartensteins Liste steht. Androsch zu profil: “Schon möglich, dass wir da einige Leiterplatten geliefert haben. Sehr viel wird es aber nicht gewesen sein.”
Zumindest aber mehr als der 535-Euro-Auftrag für den Copyshop in Kufstein: Die 500 Poster dürften jedenfalls nicht in den Hochtechnologie-Bereich eingerechnet worden sein. Vielleicht wurden sie unter dem Schwerpunkt “Kommunikation und Information” verbucht.
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Tags: Abfangjäger, Eurofighter, Gegengeschäfte
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