„Das sind doch keine Fußballfans!“
Der designierte Teamchef und Noch-Rapid-Trainer Josef
Hickersberger über die Extremisten im Hanappi-Stadion, das Verhältnis
zu seinem Vorgänger Hans Krankl und den Erfolg der Strache-FPÖ. (für profil)
profil: Wie haben Sie nach dem Wiener Derby Ihrer Frau erklärt,
was sich dort abgespielt hat?
Hickersberger: Sie wollte eigentlich nur wissen, wann ich endlich
heimkomme, nachdem das Spiel erst mit Verzögerung begonnen hat.
profil: Sie und Kapitän Steffen Hofmann haben den Ordnern
geholfen, die Feuerzeuge und Schlüsselanhänger, die von den
Rapid-Fans aufs Spielfeld geworfen wurden, aufzusammeln – ein
symbolischer Akt?
Hickersberger: Ich bin zum Fansektor, um die Anhänger zu
beruhigen. Aber das war chancenlos. Dann hab ich halt aufräumen
geholfen, bis es mir zu blöd war. Bei den Fans konnte ich nichts mehr
erreichen. Also bin ich zurück zu meiner Mannschaft, um sie auf die
Situation einzustellen. Es war absehbar, dass der Schiedsrichter
jedes Foul hart ahnden würde, damit nicht der kleinste Funke
Aggressivität vom Spielfeld wieder auf die Fans überspringen kann.
profil: Würden Sie als Trainer sagen: „Danke, aber solche Fans
brauchen wir nicht!“
Hickersberger: Selbstverständlich. Das sind doch keine
Fußballfans! Das sind Extremisten. Und ich bezweifle, dass das
wirkliche Rapid-Fans sind.
profil: Sind Stadionverbote eine Möglichkeit, so etwas in den
Griff zu bekommen?
Hickersberger: Ich bin davon überzeugt. Die Rädelsführer müssen
alle registriert und mit Stadionverboten bestraft werden. Bei den
Engländern hat’s auch gewirkt. Das ist der einzige Weg, um Sicherheit
in unsere Stadien zu bringen.
profil: Ein Plädoyer für den gläsernen Fußballfan?
Hickersberger: Wir sind heutzutage doch ohnehin alle schon
durchsichtig, ob Fußballfan oder nicht.
profil: Warum ist Fußball der einzige Sport, wo es regelmäßig zu
solchen Ausschreitungen kommt?
Hickersberger: Das hängt auch mit der Fanszene zusammen. Beim
Fußball geht es durch die Emotionalität des Spieles schon anders her
als beim Basket- oder Baseball – oder beim Golfen. Aber dennoch, ich
finde schwer Erklärungen dafür. Ich habe als Trainer in Düsseldorf
einmal mit den Fans diskutiert, die sich nach einem Spiel wüste
Schlägereien lieferten. Und die haben mir klipp und klar gesagt:
Trainer, halten Sie sich da raus. Der Platz ist Ihre Spielwiese, was
nachher abgeht, ist unser Match. Das verstehen Sie nicht. Und es geht
Sie nichts an!
profil: Und an diesen Tipp haben Sie sich gehalten?
Hickersberger: Ja, denn den Ehrenkodex, nach dem das abläuft, hab
ich nie durchschaut.
profil: Warum jubeln eigentlich Frauen bei Europa- und
Weltmeisterschaften begeistert im Stadion, aber selten im
Klubfußball?
Hickersberger: Es sind jetzt schon mehr als vor 20 oder 30 Jahren.
Aber es sind eben solche Vorfälle wie jene beim Derby, die viele
Frauen dann wieder davon abhalten zu kommen. Wobei ich sagen muss,
ich kenn mich mit weiblichen Fans nicht so aus.
profil: Haben Sie keine?
Hickersberger: Nicht, dass ich wüsste. Ich bin ja kein David
Beckham – kein so genannter Metrosexueller, wie man jetzt sagt, der
das Interesse der Frauen auf sich und damit auf den Fußball zieht.
profil: Die Fankurven sind in Österreich nicht sonderlich dicht
besiedelt. Wird das Nationalteam bei der EM 2008 einen Heimvorteil
haben?
Hickersberger: Davon geh ich aus. Entscheidend wird sein, dass wir
eine Mannschaft haben, die guten Fußball spielt und die es im Vorfeld
der EM schafft, die Hoffnung zu wecken: Da ist was möglich. Dann
können sich die Österreicher mit ihr identifizieren.
profil: Das bedarf aber einer gewaltigen PR-Offensive.
Hickersberger: Natürlich, ein paar Vorbereitungsspiele sind dafür
zu wenig. Wir müssen unsere Protagonisten richtiggehend inszenieren -
auch außerhalb des Spielfelds. Das muss der ÖFB schaffen.
profil: Mit ihrem Outing als Sticklers Wunschkandidat unmittelbar
vor dem Champions-League-Spiel gegen Juventus Turin hat der ÖFB-Chef
seine Managementqualitäten ja nicht gerade unter Beweis gestellt.
Hickersberger: Ich war vom Datum, höflich gesagt, nicht besonders
begeistert. Aber er hat mir erklärt, dass er so handeln musste. Ich
kann das nicht beurteilen, ich war in der Sitzung nicht dabei.
profil: Hatten Sie mit Hans Krankl seither Kontakt? Hat er Ihnen
Glück gewünscht?
Hickersberger: Nein. Ich weiß, wie schwer ihn seine Ablöse
getroffen hat – vor allem die Art und Weise. Da hab ich auch genug
Mitgefühl, um nicht um jeden Preis ein Gespräch zu suchen, zu dem er
keine Lust hätte.
profil: Sie wollen für 2008 ein junges Team aufbauen. Wenn man in
Wien über den Gürtel fährt, sieht man sehr viele …
Hickersberger: Prostituierte.
profil: Auch, aber sehr viele junge Talente, oft Migrantenkinder,
die dort in den Sportkäfigen kicken. Finden die auch den Weg in die
Vereine?
Hickersberger: Ich glaube schon, dass die meisten Vereinsspieler
sind. Wir haben auch schon einige im Team: Muhammet Akagündüz zum
Beispiel oder zuletzt gegen England Yüksel Sariyar.
profil: Können Sie es dann verstehen, wenn die Österreicher einem
Akagündüz oder Sariyar zujubeln, dass die Strache-FPÖ mit einem
Ausländer-Wahlkampf in Wien 15 Prozent einfährt?
Hickersberger: Na ja, das ist für mich befremdlich. Dass man mit
ausländerfeindlichen Parolen so viele Stimmen bekommt, ist ein
österreichisches Phänomen. Es muss hier wirklich viele
ausländerfeindliche Menschen geben, sonst wäre der Prozentsatz bei
der Wahl nicht so hoch gewesen. Viele davon glauben sicher auch, sie
seien es gar nicht. Aber wenn sie sich an der Urne so entscheiden,
spricht das für sich. Es wäre schön, wenn der Einsatz von Spielern
nicht österreichischer Abstammung dazu führen würde, dass solche
rechtsextremen Positionen weniger Unterstützung finden.
profil: Bei welchem Spiel aus Ihrer ersten Ära als Teamchef werden
Sie Ihren Spielern sagen: So sollten wir es wieder machen, um bei der
EM 2008 Erfolg zu haben!
Hickersberger: Das 3:2 gegen Holland vor der Weltmeisterschaft
1990, wo wir schon 3:0 geführt haben. Damals habe ich gehofft, dass
die Holländer noch Tore schießen, damit wir nicht als Co-Favorit zur
WM fahren. Aber es kam dann ohnehin anders. Bei der EM wollen wir
diesmal die Gruppenphase überstehen und das Achtelfinale erreichen.
Das ist ein ehrgeiziges Ziel. Aber wenn man sich seine Ziele nicht
hoch steckt, kann man auch nicht scheitern.
Interview: Josef Barth
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