„Córdoba ist mir zu banal“
Interview. Am 8. August feiert Herbert Prohaska seinen 50.
Geburtstag. Österreichs Fußball- legende über Frank Stronach, seine
Grammatikschwäche, eine Million Schmalzbrote – und warum sich der
Austrianer früher als Rapid-Fan ausgab. (für profil; mit Robert Treichler)
profil: Sie veranstalten gerade ein Trainingslager für Kinder.
Kennen die Kids den Fußballer Prohaska noch?
Prohaska: Sie kennen den Prohaska vom ORF, die Älteren den
Teamchef. Und die mich nicht kennen, fragen, wer ich bin.
profil: Und was sagen Sie dann?
Prohaska: Einem Kleinen in einer InterMailand-Dress hab ich
gesagt: Dort hab ich auch einmal gespielt. Darauf er: Jaja, da warst
aber sicher nur Ersatz, gell?
profil: Aber abgesehen von Trainingslagern und Ihren ORF-Einsätzen
sind Sie mit 50 eigentlich schon Pensionist.
Prohaska: Nein. Jeder glaubt, der ist ein paar Stunden beim ORF
und hin und wieder bei der Bundesliga. Aber ich hab zehnmal mehr
Termine als früher. Aber ich mache nur mehr das, was mir Spaß macht.
profil: Haben Sie sonst keine Ziele mehr?
Prohaska: Was ich mir noch vom Fußball erwarte, als Trainer oder
Sportdirektor, das gibt mir der Fußball nicht mehr. Die Spieler sind
hoch dotiert, und damit bist du darauf angewiesen, dass sie Charakter
haben. Denn was machst du mit einem Spieler, der sagt: Leck mich!
Früher hätte man gesagt: Danke, du brauchst nimmer kommen! Heute
kommt der Präsident und sagt: Das können wir uns nicht leisten!
profil: Machen Sie es sich nicht etwas bequem, wenn Sie sagen: Der
Fußball ist nicht mehr so, wie ich mir das vorstelle, also hab ich
damit nichts mehr zu tun?
Prohaska: Nein, ich sag nur: Deswegen mag ich derzeit nicht
Trainer sein. Ich will mich nicht so behandeln lassen, wie bei der
Austria leider viele behandelt wurden.
profil: Ihr Herz als Fan schlägt aber immer noch für die Austria?
Prohaska: Natürlich. Es ist mir egal, wer dort Chef ist. Die
Austria Wien, wo ich 18 Jahre war, ist mein Herzensklub. Es ärgert
mich halt zu Tode, dass nicht jedes Jahr das Beste rauskommt, obwohl
es möglich wär.
profil: Sie meinen, weil Frank Stronach keine Ahnung vom Fußball
hat?
Prohaska: Na, hat er ja auch nicht! Wie soll er s’ denn auch
haben: Er ist ja nie da! Der hat wahrscheinlich keine 20 Matches
gesehen. Aber das macht nix, er bräuchte auch keine Ahnung zu haben,
sondern sich nur nicht einzumischen.
profil: Solange Stronach da ist, kehren Sie also nicht zur Austria
zurück?
Prohaska: Nein, sicher nicht.
profil: Wie lange wird Ihr guter Freund Peter Stöger noch
Austria-Trainer sein?
Prohaska: Die Fachkompetenz hat er. Aber wenn er sich ein paar Mal
gegen Stronach stellt, muss er gehen.
profil: So wie der jetzt gefeuerte Generalmanager Toni Polster?
Prohaska: Das Lustige ist, dass mir der Polster vor zwei Jahren
gesagt hat, was ich alles falsch gemacht hab beim Stronach. Und ich
hab gesagt: Vielleicht kommst du einmal in meine Situation und lernst
ihn kennen. Und jetzt ist dem Toni seine Meinung über den Stronach
noch viel, viel schlimmer als meine. Man muss bei ihm Befehle
befolgen – oder gehen.
profil: Klingt nach einer einfachen Aufgabenstellung, um viel Geld
zu verdienen.
Prohaska: Wenn ich keinen Charakter hätte, hätte ich den Mund
gehalten, mir Stronachs Geld eingesteckt. Wir hätten vielleicht halt
nix gewonnen. Aber dazu bin ich vielleicht nicht zu anständig, aber
zu naiv und zu blöd. Das spielt’s bei mir nicht. Ich hab keine Lust,
mich dafür rausschmeißen zu lassen, dass ich das mache, was mir
andere sagen. Da mach ich lieber meine eigenen Fehler und will für
meinen eigenen Blödsinn gefeuert werden. Das war bisher so, und das
soll auch so bleiben.
profil: Aber Sie dürften beim ORF weniger verdienen als seinerzeit
bei der Austria.
Prohaska: Weniger als beim Stronach schon, ja.
profil: Trotz guten Einkommens haben Sie nie einen aufwändigen
Lebensstil gepflegt.
Prohaska: Nein, nicht übernatürlich. Ich leiste mir nur den Luxus,
beim Urlaub nicht darauf zu achten, was günstig ist. Da fahr ich
einfach dorthin, wo ich will. Und was es kostet, das kostet es. Mir
kann jeder gern sagen, dass ich mit meinem Talent zum Fußballer Glück
hatte. Aber: Ich hab meinen Beruf als Mechaniker ausgelernt, als ich
schon bei der Austria war – weil meine Eltern es so wollten.
profil: Was wäre Herbert Prohaska ohne sein Talent geworden?
Prohaska: Auch glücklich. Es wäre schwerer, ich müsste mehr
arbeiten, und das in einem Bereich, den ich nicht so mag wie den
Fußball – aber ich hätte kein Problem damit gehabt. Denn ich hab
meine Eltern gesehen, die nichts hatten.
profil: Verstehen Sie Menschen, die – wie auch Frank Stronach -
aus sehr kleinen Verhältnissen kommen und dann ganz oben als Player
mitmischen wollen?
Prohaska: Das kann ich natürlich nachvollziehen, denn ich genieße
das auch oft. Aber das darf man nicht vergleichen. Stronach braucht
Politiker aus geschäftlichen Gründen. Ich kenne auch Politiker, aber
ich muss sie nicht kennen – weil ich sie nicht brauche.
profil: Sie wollen also nie Sportstaatssekretär werden?
Prohaska: Um Gottes willen!
profil: Na ja, was weiß man …
Prohaska: Nein, sicher nicht!
profil: Als Kind haben Sie Ihr Talent auf der Straße entwickelt.
Prohaska: Ja, das war die perfekte Ausbildung, auch ohne Training
und Verein. Du hast als Siebenjähriger nicht sagen können: Ich spiel
nur mit Gleichaltrigen. Alles, was noch nicht arbeiten ging, war da -
bis zu den 15-Jährigen, die natürlich schneller, größer und robuster
waren.
profil: Die Jungprofis von heute müssen sich schon früh an den
Ernährungsplan halten. Damals war das noch nicht so professionell
geregelt.
Prohaska: Damals gab’s auch ein eigenes Sportleressen: Du hast
keine Schnitzel bekommen, aber …
profil: … das Bratwürstel, das Sie gerade gegessen haben, hätten
Sie damals auch verspeist?
Prohaska: Na klar! Ein Trainer hat mir mal gesagt: Schmalzbrote
sind das Schlechteste für einen Sportler. Da hab ich gesagt: Dann
hätt ich schon längst mit dem Fußball Schluss machen müssen, denn ich
hab als Kind Millionen von Schmalzbroten gegessen. Ich müsste
verseucht sein.
profil: Hinkt Österreich heute konditionell hinterher?
Prohaska: Nein, sicher nicht. Früher hieß es: Die Österreicher
sind technisch gut, aber Kraft haben sie keine. Heute sind wir
genauso fit wie die anderen, nur haben sich die technisch
weiterentwickelt.
profil: Technisch gut waren Sie immer. Aber hätte der Prohaska von
früher im heutigen Fußball noch ein Leiberl?
Prohaska: Jeder Fußballer, der irgendwann mal ein Guter war, wäre
heute auch ein Guter. Bei dem Tempo, mit dem gespielt wird, wär ich
mit meiner Spielanlage heute sogar noch besser als damals.
profil: Erinnern Sie sich an Ihr letztes Match als Kicker?
Prohaska: Ja, Austria gegen GAK: fünf zu null. Ich hab das bis
dahin immer verdrängt und dachte, Fußball dauert ewig. Schon beim
Rauslaufen auf den Platz musste ich heulen, weil die Fans immer
meinen Namen gerufen haben und mir bewusst wurde, dass ich mich grad
zum letzten Mal in meinem Leben professionell aufgewärmt habe. Und
dann war es aus.
profil: Sie feiern nun Ihren 50. Geburtstag. Wie kommen Sie mit
dem Altern zurecht?
Prohaska: Das spielt noch keine Rolle für mich. Ich bin kein
Fitnessfanatiker, der auf seinen Körper schaut. Als Profi musste ich
das, heute sind mir Essen und Trinken wichtiger. Rauchen tu ich immer
noch – aber nie mehr als ein Packerl am Tag.
profil: Als Profi damals auch?
Prohaska: Immer. Damals waren’s halt nur zehn oder zwölf
Zigaretten am Tag.
profil: Ungewöhnlich für einen Profi.
Prohaska: Es gibt viele Fußballer, die rauchen. Damals waren es
pro Team halt sieben oder acht, heute nur zwei oder drei.
profil: Sie sagten einmal, es war der schönste Moment Ihrer
Karriere, als Sie mit der Austria zum Europacupfinale einliefen …
Prohaska: … und der schlimmste, als wir 90 Minuten später mit
vier zu null untergingen. Das Erste, was ich im Kopf hab, wenn ich
heute ein Europacupfinale sehe und der Pokal übergeben wird: Da oben
wär ich auch gern gestanden.
profil: Hier waren Sie ganz oben. Das bekannteste Bild Ihrer
Fußball-Historie stammt vom Match in Izmir 1977, als Sie Österreich
mit dem legendären Spitz zur WM in Argentinien schossen. Damit haben
Sie Hans Krankls Ruhm als Helden von Cúrdoba erst ermöglicht. Ärgert
es Sie, dass Krankls Ruhm den Ihren immer ein wenig in den Schatten
stellte?
Prohaska: Wenn ich überhaupt an so was gedacht hätte, wär das seit
vergangenem Jahr erledigt. Denn zum Fußballer des Jahrhunderts haben
die Fans mich gewählt. Das ist eine schöne Auszeichnung.
profil: Für ganz Österreich wurde Cúrdoba zum Mythos. Sie sagten
einmal, es sei eine „schöne Erinnerung, aber nicht mehr“. War das für
Sie wirklich nichts Besonderes?
Prohaska: Nein, das ist ein Blödsinn. Aber es nützt sich ab.
Alles, was wir sonst nicht zusammenbringen, entschuldigen wir damit.
Cúrdoba ist mir da zu banal. Kaum zieht uns irgendein Deutscher mit
irgendwas auf, sagen wir Österreicher: Jaja, aber damals, in Cúrdoba
…! Cúrdoba werden wir alle nie vergessen. Aber leben können wir
heute nicht mehr davon.
profil: Freunde waren Sie und Krankl jedenfalls nie.
Prohaska: Die Leute glauben immer, dass da weiß ich was
vorgefallen ist zwischen uns. Wir kamen halt einfach nimmer so
zusammen. Krankl und Prohaska waren immer zwei verschiedene
Charaktere. Ob ich fünf Tore schieße oder 20, war mir immer wurscht.
Es ist ein Mannschaftssport. Wer das nicht kapiert, soll golfen
gehen.
profil: Ein solidarischer Ansatz. Sind Sie Ihrer Herkunft
politisch treu geblieben?
Prohaska: Immer.
profil: Sie sind Sozialdemokrat.
Prohaska: Immer gewesen.
profil: Marschieren Sie noch am 1. Mai?
Prohaska: Na, heut nimmer.
profil: Und früher?
Prohaska: Schon, und es war ein Horror! Weil wir immer zu Fuß
gegangen sind von Simmering zum Parlament. Das ist ein
Halbtagswandertag! Aber Politik sollte Privatsphäre sein. Wobei ich
feststelle, dass es kaum Politiker gibt, in die man Vertrauen setzen
kann.
profil: Halten Sie es für gut, dass sich so viele Politiker im
Fußball engagieren? Rudolf Edlinger bei Rapid, Jörg Haider bei
Kärnten, Andreas Rudas bei der Austria.
Prohaska: Du brauchst im Sport einfluss-reiche Politiker. Rapid
hätte es gut getan, den Finanzminister Edlinger zum Präsidenten zu
haben, nicht den pensionierten. Als Finanzminister hättest du die
Macht, große Sponsoren an Land zu ziehen.
profil: Das riecht nach Unvereinbarkeit.
Prohaska: Karl Sekanina war Ende der siebziger und Anfang der
achtziger Jahre auch Bautenminister, ÖFB-Präsident und mächtiger
Gewerkschaftsboss. Der konnte damals schon hin und wieder einen
Sponsor – sagen wir – höflich verpflichten.
profil: An Ihrem Halsketterl tragen Sie ein Heiligenbild und ein
Hufeisen. Sind Sie gläubig oder abergläubisch?
Prohaska: Beides. Als Sportler eher abergläubisch. Ich hab immer
am selben Platz in der Kabine sitzen müssen oder mir Glücksbringer in
den Schuh getan. Bis hin zum Beten vor einem wichtigen Spiel.
profil: Als Kind haben Sie sich als Rapid-Fan ausgegeben. Warum
eigentlich?
Prohaska: Weil ich wie mein Vater Vienna-Fan war. Aber die haben
immer gegen den Abstieg gespielt, und da willst dich von den anderen
Kindern nicht häkerln lassen.
profil: Auch Rapid wollte Sie anfangs haben.
Prohaska: Rapid hat mich aber wie einen kleinen Buben behandelt
und gesagt: Wennst bei uns spielen willst, kommst auf die
Pfarrwiesen, den damaligen Heimplatz von Rapid, und sagst uns
Bescheid. Da hab ich mir gedacht: Sind die deppert? So viel Stolz
hatte ich schon. Die Austria hat mir geschmeichelt. Und nach Salzburg
und Tirol hab ich mich nicht getraut, weil ich meine Freundin
hierlassen hätte müssen.
profil: Ihre jetzige Frau?
Prohaska: Ja.
profil: Was haben Ihre Eltern zu den lukrativen Angeboten der
Top-Klubs gesagt?
Prohaska: Die haben nie gewusst, um wie viel es da geht. Das war
auch besser so. Ich hab später mal eine goldene Rolex gehabt. Da hat
meine Mutter gesagt: Die Leut werden immer blöder! Die sagen, du hast
eine Uhr um 100.000 Schilling, die san scho ganz deppert, des gibt’s
ja gar nicht.
profil: Und was haben Sie gesagt?
Prohaska: Ich hab gesagt: Na, lass sie halt reden. Das ist eh ja
alles ein Blödsinn.
profil: Waren Ihre Eltern streng?
Prohaska: Sie haben nie gesagt, dass ich ein gutes Zeugnis haben
muss. Die haben nur gesagt: Hier kennt uns jeder. Wenn du sitzen
bleibst, richtet uns der ganze Bezirk aus, dass wir so an blöden
Buben haben. Du brauchst nicht lauter Einser haben, aber schaff die
nächste Klass. Ich wollte ihnen nie Probleme machen.
profil: Haben Sie welche gemacht?
Prohaska: Ich hab versucht, es nicht zu tun. Ich hab schon
gearbeitet, da haben meine Eltern noch gesagt, ich muss um elf Uhr zu
Hause sein. Normalerweise begleitet der Freund seine Freundin nach
Hause. Bei mir war’s immer umgekehrt – und sie ist dann noch
ausgegangen.
profil: Bei den heimischen Bundesligamannschaften spielen heute
oft mehr Legionäre als Österreicher. Hat der heimische Nachwuchs noch
eine Chance?
Prohaska: Das Geschäft war immer hart. Ob Ausländer oder älterer
Österreicher – wenn du nicht gut genug bist, verstellen dir auch die
Einheimischen den Platz. Trotz allem ist es ein Problem, auch für die
Fans, weil die Identifikation verloren geht.
profil: Durch Ihre Tätigkeit im ORF werden Sie oft wegen Ihrer
Grammatikschwächen auf die Schaufel genommen. Können Sie darüber
lachen?
Prohaska: Natürlich. Ich hab andere auch gern am Schmäh. Es kommt
halt drauf an, von wem es kommt und auf welche Art. Ich hab mal über
einen Spieler gesagt, dem fehlt der linke Fuß. Darauf hat einer in
der Zeitung geschrieben: Wir wussten gar nicht, dass man mit nur
einem Fuß Kicker werden kann. Wenn einer so extralustig sein will,
ist der der Depperte, nicht ich.
profil: Prohaska-Briefmarken gibt es schon, das Silberne
Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik haben Sie bereits. Welche
Ehrung kommt nun auf Sie zu?
Prohaska: Ich glaub irgendeine in Gold.
profil: Vielleicht auch mal ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof
in Simmering?
Prohaska: Na, des brauch ich am allerwenigsten, das krieg ich ja
eh nicht mehr mit.
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